| Englische Kunst |
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| Freitag, 31. Juli 2009 um 20:04 Uhr | ||
Englische Kunst. Die vorgeschichtliche Kunst Europas besitzt in den britischen Inseln eine der wichtigsten Landschaften der Megalithkultur. Nicht minder bedeutsam ist die Stellung Britanniens innerhalb der frühmittelalterlich-nordischen Kunst, die sich nach dem Ende der römischen Herrschaft entwickelt. (Um die Mitte des 5. Jhs. kommen die Angeln und Sachsen nach England.) Die irisch-angelsächsischen Steinkreuze setzen den Vertikalismus der vorgeschichtlichen Steinkreise und Menhire fort, die Buchmalerei verarbeitet sowohl das kurvilineare keltische Linienornament und die germanischen >Tierstile< als auch die figürlichen Vorlagen, welche römische Mönche ins Land bringen. Mit der irischen Missionstätigkeit gelangen dann die Handschriften auf den Kontinent und üben besonders auf die karolingische Kunst des späten 8. und 9. Jhs. nachhaltigen Einfluß aus. Dafür empfängt England aus dem fränkischen Kunstkreis eine neuerliche Welle mediterraner Anregungen und erlebt unter Alfred dem Großen (871-899) eine der >karolingischen Renaissance< verwandte geistig-künstlerische Reformbewegung (Abb. 58 u. 59).
1. WESENSBESTIMMUNG
Langsam entwickelt sich nationale Eigenart aus der Durchdringung der verschiedenen Idiome der mittelalterlichen Kunstsprache. Zuweilen schlägt — vor allem in der Malerei und in den schmückenden Architekturgliedern — der rollende keltische Linienrhythmus durch, doch trägt die formale Hauptströmunng die Merkmale angelsächsischen Formerlebens: unkörperlich verfeinerte Schlankheit in den Figurenkünsten, streifenförmige Dehnung und Reihung in der Architektur — also Streckung und Linearisierung der Proportionen. Dieses Formgefühl erklärt, warum die Plastik im Gesamtbild der englischen Kunst nur eine geringe Rolle spielt.
Dem Bedürfnis nach Stilisierung hält ein eigentümlicher Wirklichkeit die Waage. Er macht die Engländer skeptisch gegenüber dem Barock und der allegorischen Historienmalerei, er läßt sie nach dem Tatsachenbericht greifen, er fördert die breite Entwicklung der Sittenkarikatur und beeinflußt das Verhältnis des Menschen zur Umwelt. Der Landschaftsgarten, eine englische Sonderleistung, leitet ein unmittelbares, unkonventionelles Erlebnis der Natur ein. Dieses setzt sich in der englischen Landschaftsmalerei fort, die an der Wende zum 19. Jh. eine für den Kontinent bahnbrechende Bedeutung gewinnt. Diesen Tatsachensinn belegt auch der führende englische Anteil an drei Bewegungen des 18. und 19. Jhs., deren Ziel es ist, der Kunst eine konkrete Nutzanwendung zu geben: an der Eisen- bzw. Ingenieurarchitektur, dem modernen Städtebau und der Reform des Kunstgewerbes.
Zwar folgt England in der Regel den kontinentalen Stilbewegungen und leitet aus ihnen seine Sonderentwicklungen ab, doch rezipiert es nur, wonach sein eigener Formenhaushalt verlangt. In den Jahrhunderten nach der normannischen Eroberung (1066) kommen Anregungen vor allem aus Frankreich, im 16. und 17. Jh. sind Ausländer die bevorzugten Bildnismaler (Holbein, von Dyck), während die klassizistische Baukunst italienische Vorbilder nachahmt. Demgegenüber sind die englischen Sonderleistungen nicht zu unterschätzen. Sie betreffen (außer den bereits angeführten) die Architektur der Früh- und Spätgotik, das gotische Grabmal, die Bildnismalerei des 18. Jhs., das Aquarell und die erzählende Bildsatire. In England wurde das erste Kunstgewerbemuseum geschaffen (South-Kensington Museum 1851) und die auch für den Kontinent vorbildliche Erneuerung der Kunstschulen in Angriff genommen.
GESCHICHTE
Der Kirchenbau des 9. und 10. Jhs. hält sich in bescheidenen Maßen, er tendiert zum einschiffigen Langraum. Das Steinfachwerk (Pilaster strips) des Turmes von Earl´s Barton (Anf. 11. Jh.) weist bereits die charakteristische, streifenförmige Vertikalgliederung auf. Die anglo-irischen Steinkreuze (8. u. 9. Jh.) tragen biblische Szenen. Im skulpturalen Schmuck der Kirchen trifft sich die figürliche Darstellung mit Anleihen aus dem Greiftierstil der Wikinger. Seit der Mitte des 10. Jhs. erlebt die Buchmalerei eine neue Blüte. Ihr Zentrum ist die von Reims und Metz beeinflußte Schule von Winchester. Lokalschulen wirken in Canterbury, S. Albans und Durharn. Das Hauptwerk ist das Benedictionale des Bischofs Aethelwold (um 980). Es hängt formal und ikonographisch mit der karolingischen Buchmalerei (vgl. Reims und Adagruppe) zusammen; die Komposition ist flächenfüllend, die Figuren weisen lebhafte Wellensäume auf, der Stil ist sorgfältig durchgearbeitet. Charakteristisch ist das antikisierende Akanthusblattwerk der Randleisten, dessen Wucherungen oft mit den figürlichen Szenen verwachsen. Handschriften von geringerem Rang schränken den Formenaufwand ein, sie pflegen einen einfachen Stil, der mit der skizzenhaften Umrißzeichnung auskommt (Psalterium aus Winchester, Psalter von Peterborough, spätes 10. Jh.). An der Entstehung dieses seit dem späten 10.Jhd. auftretenden schlanken >Umrißstils< ist der aus Reims stammende Utrecht-Psalter (karolingische Kunst) beteiligt, der vor dem 11. Jh. nach England gelangt, wo er mehrfach kopiert wird (Abb. 84).
Die von 1350 bis ins 16. Jh. reichende zweite Phase der Spätgotik, der >Perpendicular Style<, schließt sich an die erste organisch an. Gewisse englische Formmerkmale treten nun noch deutlicher hervor. Die wichtigsten Bauschöpfungen sind die Kathedralen von Gloucester (Chor und südliches Querschiff, beg. 1331 und 1337) und Exeter (Mittelschiff), die königlichen Kapellen in Cambridge (1446-1515) und in der Londoner Westminsterabtei (1503-1519) sowie Pfarrkirchen des 14. und 15. Jhs. Bezeichnend für den Stil ist das Stabwerkgitter (dem er seinen Namen verdankt), das die Fenster und Wände gliedert bzw. überspinnt und dem Rhythmus der >endlosen Reihung< gehorcht. Besitzt der gleichmäßig durchlichtete Innenraum in dieser Formversteifung ein Element kühler, doch großartiger Einförmigkeit, so teilt sich den gleichsam ziselierten Gewölben, in denen wieder die keltische Linienverflechtung erwacht, eine ungemein kunstvolle Feingliedrigkeit mit. Der Außenbau ist einfach und kastenartig. Das Rasterprinzip der Wandgliederung, aus dem das Rechteckfenster und der flache Tudorbogen hervorgehen, spiegelt sich im Grundriß wider. Der saalartige Rechteckraum wird weiterhin stark in die Länge gezogen und an den beiden Schmalseiten von Riesenfenstern abgeschlossen. Eingangs- und Altarwand wirken vertauschbar (Frey), z. B. Cambridge, King's College Chapel. Die Genesis des Fächergewölbes läßt sich bis zu den durchlaufenden Scheiteilrippen von Lincoln zurückverfolgen. Es dient anfänglich der Betonung der räumlichen Längsrichtung (Exeter), wird aber allmählich zu einem aus den seitlichen Diensten hervorsprießenden Rippengespinst, das den Raumablauf hemmt (Kreuzgang von Gloucester und King's College Chapel in Cambridge) und schließlich völlig aufhebt, wie in den >stagnierenden< Hängegewölben der Kapelle der Londoner Westminsterabtei. Die in den Raum herabhängenden Schlußsteine erwecken den Anschein, als seien ihnen die tragenden Pfeiler entzogen worden (Abb. 30). Die Monumentalbildnerei bleibt im wesentlichen auf die Grabmalplastik beschränkt, für die seit dem Beginn des 14. Jhs. auch Alabaster verwendet wird. Die große Pest von 1349 setzt ihr ein jähes Ende. Während des gleichen Zeitraums blüht die englisch-französische Buchmalerei (Queen Mary's Psalter frühes 14. Jh.). Peterborough, Ely und Bury St. Edmonds sind die Zentren des >ostanglischen Stils<, der sich durch kostbare Farbgebung, durch die Vielzahl kleiner Medaillonszenen, reiches dekoratives Beiwerk und die Neigung zum Genre- haften und Grotesken auszeichnet (Psalter von St. Omer um 1325). — Das sog. Wilton-Diptych reiht sich dem internationalen >weichen Stil< um 1400 ein.
Anfangs des 17. Jhs. verpflichtet Inigo Jones den Architektureklektizismus auf einen allgemein verbindlichen Nenner: den italienischen Klassizismus. Sein Vorbild sind die Bauten Andrea Palladios, darum hat sich der Begriff >Palladianismus< eingebürgert. Jones' Bauten muten einfach, streng und vornehm an (Queen' s House in Greenwich, Banqueting House in London). Englands bedeutendste Architektenpersönlichkeit des 17. Jhs. ist Christopher Wren. Aus französischen und italienischen Anregungen schöpfend, bereichert er den Klassizismus um barocke Elemente, manche seiner Werke weisen gotisierende Züge auf. Er erbaut die Londoner St. Pauls-Kathedrale (1675-1710) sowie zweiundfünfzig Pfarrkirchen in den vom großen Feuer (1666) verwüsteten Stadtvierteln. Eine eigenwillige Mischung aus bizarren Schmuckformen und kubischen Baumasen findet sich bei John Vanbrugh (Blenheim Castle, beg. 1705, Abb. 31). N. Hawksmoor leitet die Barockgotik Wrens an das 18. Jh. weiter. (All Soul's College in Oxford 1720). Blieb die Gotik im praktischen Architekturschaffen lebendig (vgl. die Bibliothek von St.John's College in Cambridge 1624), so datiert doch ihre romantische Wiederentdeckung erst vom >Gothic Revival< der Mitte des 18. Jhs., als dessen phantastisches >Manifest< Horace Walpoles Landhaus Strawberry Hill (1753-76) gelten kann (Kunstlehre). Diese Wiedergeburt der nationalen Vergangenheit erwies sich als überaus folgenreich: sie stellt eine der Wurzeln der europäischen Romantik dar; sie bestimmt das idealistische Weltbild von Reformern wie Ruskin und Morris (Kunstschulen) und lebt als Stilrezept im Architekturhistorismus des 19. Jhs. weiter (Barry und Pugin, Londoner Parlament 1838-60).
Sachlichkeit und Pragmatismus tragen dazu bei, daß in England die Ingenieurarchitektur bereits im 18. Jh. Fuß faßt (z. B. Brücken, Fabriken, Leuchttürme, Abb. 33). Ihr Hauptwerk ist der Kristall-Palast, den Paxton für die erste Weltausstellung von 1851 errichtet. Diese Riesenhalle folgt dem englischen Prinzip der >endlosen Reihung<, sie besteht aus einem mit Glas verkleideten Eisengerüst und ist der erste vollkommen konsequente Gerüstbau. Das Land, das sich am frühesten der Industrialisierung verschreibt, entdeckt auch am raschesten deren negative Wirkung: die Verwilderung des Geschmacks der Gebrauchsgegenstände. William Morris und John Ruskin predigen die Erneuerung der handwerklichen, kollektiven Arbeitsweise. Morris gründet das >Arts and Crafts Movement<, von dem die entscheidenden Impulse des neuen Kunstgewerbes ausgehen (Kunstschulen). Zu den Pionieren des Neuen Bauens um die Jahrhundertwende zählt Charles R. Mackintosh, der auch stark auf den mitteleuropäischen >Jugendstil< einwirkte. An den revolutionären Bewegungen des 20. Jhs. ist England nur sporadisch beteiligt. Stärker als die Malerei greift die Plastik in die Entwicklung einer neuen Ausdruckssprache ein (Henry Moore, Barbara Hepworth). Die geometrische Abstrakfion der Malerei findet man bei Victor Pasmore und Ben Nicholson. |
























































