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Aktmalerei. Die Darstellung des nackten menschlichen Körpers, wie er für die Antike eine Selbstverständlichkeit war, wird in der christlichen Kunst aus religiösen Gründen abgelehnt. Nur wo vom Thema her die Nacktheit einer Figur gefordert ist (wie in Paradiesesszenen, Taufe Christi, Kreuzigung u. a.), treten unbekleidete Figuren auf, doch wird im hohen Mittelalter die ideale Aktfigur ebenso wie die naturalistische Darstellung des menschlichen Körpers ersetzt durch ein sinnbildliches >Nacktsein<, das auch die Differenzierung der Geschlechter vernachlässigt.
Die Tendenz der Gotik zum Naturalismus im Verein mit der theologischen Vorstellung, daß die leibliche Auferstehung in vollendeter Schönheit stattfinde (Speculum maius des Vincent von Beauvais), bringt eine neue Stellung zum nackten Menschen, die zunächst vor allem in der Plastik, an die Antike anschließend, dem Ideal der gelängten, in großen Linienzügen geschwungenen gotischen Figuren folgt, das sich, trotz offensichticher Naturbeobachtung, durch das 15. bis ins 16. Jh. erhält (van Eyck, Memling, Bosch, Cranach, Abb. 82).
In Italien ist die ideale antike Aktfigur als Vorbild bestimmend (Pollaiuolo, Mantegna), wenn auch schon um 1400 Zeichnungen nach dem Modell nachweisbar sind (Pisanello - Werkstatt) und in den Werkstätten das Zeichnen nach dem Modell ebenso wie nach der Antike geübt wird. Doch ist hier stets eine ideale Auffassung vorherrschend, während die im Norden später einsetzende Beschäftigung mit dem nackten Körper detaillierter und naturalistischer ist, so bei Dürer (Bd. II Abb. 22), der aber auch versucht, durch >Messungen< auf die Gesetzmäßigkeiten des idealen Aktes zu kommen (Proportion).
Im 16. Jh. ist die Darstellung des nackten Menschen ein sehr beliebter Bildvorwurf, wenn auch zumeist in der Motivierung durch ein biblisches (zu den bisher verwendeten treten Lot-, David- und Susannenszenen), der antiken Mythologie entnommenes (Liebschaften des Zeus), oder allegorisches (Nuda Veritas) Thema. Das für den selbständigen Akt so wichtige Motiv der ruhenden Venus erfährt in der atmosphärisch-malerischen Auffassung Venedigs in naturphilosophischer Verbindung mit der Landschaft (Giorgione, Tizian) sowie im Innenraum eine für Jahrhunderte gültige Formulierung (Rubens, Goya, Courbet, Manet).
Die Aktzeichnung ist seit Albertis Lehrbüchern (1435) Grundlage jeglicher Figurenkomposition und wichtigster Lehr- und Lernbehelf bis heute (Handzeichnung). Ebenso sind Stiche nach Figuren der Antike und berühmter Künstler als Lehrmittel weit verbreitet gewesen. So wurden die schweren Körper Michelangelos, die >Ignudi< (Abb. 84) mit ihren vielfältig variierten Bewegungen und der betonten Beachtung der Muskelanatomie weithin vorbildlich. Die sich eng an die Antike anschließende Auffassung des nackten Körpers der ersten Jahre des 16. Jhs. wird bald von einer neuerlichen Übersteigerung und Vorliebe für komplizierte Bewegungen abgelöst, wobei eine mehr artistische Auffassung (Rosso Fiorentino, Vasari), neben einer bewußt sinnlichen (Parmigianino) und einer ekstatisch- visionären (Tintoretto, E1 Greco, Abb. 86), die verschiedenen Möglichkeiten des Manierismus umgreift. Eine >Normalisierung< der menschlichen Figur, wie sie mit den Aktfiguren der Brüder Carracci und ihrer Akademie wieder beginnt, bleibt Grundlage der in antikisch idealer Nacktheit dargestellten Figuren der heroischen, mythologischen und historischen Bilder des strengen Barock (Poussin), der Akademien und des Klassizismus. Sie wird in den Figuren Mares' noch einmal mit dem Ernst und verhaltenen Pathos der Antike beschworen (Bd. II Abb. 96). Eine optisch-sinnlichere und hauptsächlich durch die Farbe getragene Verlebendigung erfährt die Darstellung des nackten Menschen in Holland durch Rembrandt, in Flandern durch Rubens. Die oftmals handgreiflich-derbe Darstellungsart des Rubens-Kreises (J. Jordaens) wird in Frankreich im 18. Jh. sowohl in einer spielerisch-erotischen Auffassung als auch in duftiger Farbigkeit verfeinert (Watteau, Boucher, Abb. 95). In Frankreich wird auch die Darstellung des nackten Menschen als Thema an sich ohne mythologische Verbrämung vorbereitet, die im 19. Jh. in den Aktdarstellungen der Impressionisten (Renoir) einen Höhepunkt findet. Neue, >indiskrete< Wege der Betrachtung des nackten menschlichen Körpers schlagen Degas (Abb. 98) und Toulouse-Lautrec mit ihren Bewegungsstudien ein. Für die Kunst des 20. Jhs. ist der nackte Mensch mehr ein Problem des Linienrhythmus (Matisse), der Grundformen des Körpers (Kubisten), auch menschlicher Spannungen (Expressionisten) als ein Thema des unverbindlichen Wohlgefallens.
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