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Abstrakte Kunst


von Michael Külbel




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Kunst & Kultur

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Dienstag, 23. Juni 2009 um 18:23 Uhr

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Glas.

 

Schon im ersten vorchristlichen Jahrhundert wurde mit der Erfindung der Glasmacherpfeife die wichtigste Grundlage für die ganze Entwicklung der Hohlglaserzeugung geschaffen. Von den reichen künstlerischen Möglichkeiten, die die Antike in allen Bereichen der Glasveredelung bereits gekannt hatte, ist im Mittelalter so gut wie nichts weiter ausgenützt worden. Einfache Gebrauchsware in den grünlichen Schattierungen des sog. Waldglases und einfache plastische Dekoration mit aufgesetzten Nuppen (wie bei den Rüsselbechern und noch bei den Krautstrünken des 15. Jhs.), Rillen und Rippen und in unregelmäßigen Schleifen geführte Fadenauflagen kennzeichnen das Bild dieser Gefäßdekoration.

 

Zugleich aber beginnt der große Aufstieg Venedigs, wo sich schon seit dem 13. Jh. — konzentriert auf die Insel Murano — eine Glaserzeugung nachweisen läßt. Angeregt vom leuchtenden Emaildekor orientalischer Gläser und den Formen der Goldschmiedekunst, entstehen in der zweiten Hälfte des 15. Jhs. die frühesten Cimelien der venezianischen Glaskunst mit ihrer reichen Emailmalerei auf dunklem Grund. Den Ruhm Venedigs als Mittelpunkt der ganzen europäischen Glaskunst für fast zwei Jahrhunderte begründeten aber die aus kristallklarer Masse dünn geblasenen Gefäße, in denen sich im 16. Jh. ein eigener Glasstil entwickelt, der alle Möglichkeiten dieses vielseitigen Materials voll zur Geltung bringt (Abb. 121). Das Formgefühl der Renaissance schafft hier in der Klarheit des Aufbaues und der Proportionen wahrhaft klassische Gefäßformen. Von den zahlreichen Arten der Glasveredelung — wie dem Bemalen mit Email- oder mit kalten Farben, dem Nachahmen von Halbedelsteinen mit verschiedenfarbigen Marmorierungen, der plastischen Oberflächengestaltung durch Blasen in eine Form oder der zarten Diamantgravierung — sind vor allem zwei in Venedig besonders gepflegt worden: die Auflage verschiedener milchiger und durchsichtiger Glasfäden bei den Netz- und Fadengläsern und die Auflösung der glatten Oberfläche durch feine Haarrisse in den sog. Eisgläsern. Trotz aller Bemühungen der Venezianer, ihre Glaskunst geheimzuhalten, breitete sich die neue Glaskunst bald nicht nur über Italien, sondern auch nördlich der Alpen aus. Bis nach Holland, England und Skandinavien hinauf entstanden Hütten, die Glas in venezianischer Art herstellten, aber auch manche Eigenart ihrer neuen Heimat aufnahmen, wie die mit Diamantgravierung und kalter Bemalung geschmückten Gläser aus Hall in TiroI oder die mit dichten plastischen Auflagen versehenen spanischen Gefäße. Nur wenige Gefäßarten — so etwa der hohe, gequaderte Humpen (Spechter) oder der Römer — entstehen unabhängig nördlich der Alpen. Die weitaus am meisten verbreitete Form der Glasveredelung wurde in Deutschland der Emaildekor auf meist großen, glatten Gefäßen (Reichsadlerhumpen, Hallorengläser aus Halle/Saale, Fichtelberger Gläser), wobei sich allmählich eine Vergröberung und Verschlechterung der Ausführung geltend macht. Allein in Süddeutschland blieb die Glaskunst auf einer höheren Stufe. In Nürnberg entstand im 17. Jh. eine besonders feine Glasmalerei, sowohl in Emailfarben (Georg Strauch), als auch in den zarten Schattierungen der Schwarzlotmalerei (Schapergläser), deren Hauptmeister Johann Schaper, Bencherlt, Keyll, Spengler und Faber sind. Der schon in der Antike virtuos geübte Schnittdekor taucht bezeichnenderweise im Kreis der zahlreichen Steinschneider am Hof Kaiser Rudolfs Il. in Prag wieder für die Glasbearbeitung auf, nachdem er jahrhundertelang nur für die Edelsteinbearbeitung und für Halbedelstein- und Bergkristallgefäße verwendet worden war. 1609 erbat und erhielt Caspar Lehmann in Prag vom Kaiser das Privileg für den Glasschnitt. Schon die nächste Generation der Glasschneider aber ist in Nürnberg tätig. Hauchzart, oft als Relief kaum wahrnehmbar, erscheinen auf den Arbeiten dieser Meister, als deren bedeutendste Georg Schwanhardt d.Ä., sein Sohn Heinrich, Hermann Schwinger und Georg Friedrich Killinger faßbar sind, neben ornamentalen und Wappenmotiven auch reiche Landschaften, Stadtveduten und figurale Darstellungen.

 

Mit der Neubelebung des Glasschnittes beginnt die zweite große Blütezeit der europäischen Glaskunst, die sich in der ersten Hälfte des 18. Jhs. voll entfaltet. Während Venedig noch lange für die Spiegel und die zum Teil auch farbig dekorierten Luster führend bleibt, nehmen für die Gefäßkunst die deutschen Glashütten, vor allem die böhmischen und schlesischen, den ersten Platz ein. Bald macht sich hier ein Streben nach neuen Formen, nach Zusammenstimmung von Gefäßform und dem neuen Dekor mit erhabenem (Hochschnitt) oder vertieftem Relief (Tiefschnitt, Abb. 122) geltend. Im Gegensatz zu Venedig werden die Gefäßwände wesentlich stärker, der Schliff bemächtigt sich der Umrißform mit vielseitiger Facettierung, die Gefäßteile werden klar voneinander abgesetzt und aufeinander abgestimmt, am schönsten wohl in den Deckelpokale n, in denen die Fußplatte die Gestalt des Gefäßkörpers, der Deckelknauf die des Schaftes wieder aufnehmen. Die Dekoration — ursprünglich auf die Hauptflächen beschränkt — beginnt allmählich die ganzen Wände gleichmäßig zu überspinnen. Der ganze Reichtum der Barock- und Rokokoornamentik findet hier seinen Niederschlag; Stichvorlagen bieten immer neue Anregungen, ohne sklavisch kopiert zu werden.

 

Neben dem Schnittdekor werden auch die Schwarzlotmalerei und die Zwischengoldgläser — der Antike als fondi d'oro bekannt — hergestellt. Neben Böhmen und Schlesien treten andere deutsche Gebiete durch besondere künstlerische Einzelleistungen hervor. So wirkt in Kassel Franz Gondelach, in Thüringen G. E. Kunckel, in Berlin Elias Rosbach oder Gottfried Spiller, der zu den bedeutendsten Glasschneidern der Potsdamer und Zechliner Hütte gehört, deren für den Hof bestimmte Arbeiten sich durch besondere Feinheit auszeichnen. Hier war auch der vielseitige Experimentator Johann Kunckel tätig.

 

In den Niederlanden, die lange den venezianischen Gefäßformen folgen, finden die beiden zartesten Formen der Glasbearbeitung besondere Pflege; im 17. Jh. die Diamantgravierung und im 18. Jh. die sonst kaum geübte Kunst des Punktierens oder Stippens durch Künstler wie Frans Greenwood, Art Schouman und David Wolff. Unter den zahlreichen englischen Glaserzeugern ist vor allem George Ravenscroft durch die Erfindung des Bleiglases, für das er 1674 das Privileg erhielt und das sich bald über ganz Europa ausbreitete, bedeutend, während typisch englische Gläserformen mit einfacher Kuppa und langem, glattem Stiel erst im vierten Jahrzehnt des 18. Jhs. auftreten. Von hier wie von Deutschland macht sich ein starker Einfluß auf die skandinavischen Glashütten geltend (Kungsholmen in Schweden, Nöstetangen und Hurdal in Norwegen).

 

Der Klassizismus kommt in der Glaskunst in der Vereinfachung der Gefäßformen und in der Beschränkung des Schnittdekors zum Ausdruck. Eine persönliche Sonderleistung dieser Zeit stellen die ZwischengoldgläserJohann Joseph Mildners dar. Dagegen kommt es in den ersten Jahrzehnten des 19. Jhs., besonders im Biedermeier, zu einer Steigerung von Formen und Farben, wobei vielfach mehrere Techniken an einem Stück vereinigt werden. Der Schliff in verschiedensten Arten gewinnt besondere Bedeutung, sowohl an dem besonders stark lichtbrechenden Bleiglas, wie auch an farbigen, gestrichenen oder Überfanggläsern (farbloses Grundglas mit dünner Farbglasschicht überzogen) oder in vollendeter Verbindung mit dem Schnitt in den Kuglergraveurarbeiten. Schnitt bildet selten den alleinigen Dekor wie in den minutiösen Bildnissen von Dominik Bimann, während die farbige Bereicherung der Gläser zunehmende Bedeutung gewinnt. Die transluzide Emailmalerei von Samuel Mohn und seinem Sohn Gottlieb Samuel am Jahrhundertanfang findet um 1830 in Wien in den Arbeiten von Anton Kothgasser und seinem Kreis ihre Fortsetzung. Neben Städte- und Landschaftsveduten findet der ganze Kreis der beliebten Biedermeierthemen hier Aufnahme. Die Nachahmung von Halbedelsteinen, wie der schwarzen Hyalitgläser, gipfelt in den in leuchtenden Farben marmorierten Lythialingläsern von Friedrich Egermann in Haida. Der im Biedermeier umfangreichen und technisch vollkommenen Glaskunst wird nach der Jahrhundertmitte durch die sich rasch ausbreitende Industrialisierung für Jahrzehnte künstlerisch ein völliger Verfall bereitet. Erst gegen Ende des 19. Jhs. läßt die Kopierung alter Vorbilder die Techniken wieder lebendig werden, die Beschäftigung mit ostasiatischer Kunst bringt vielfache Anregung für Form und Farbe, die im Jugendstil wieder besondere Bedeutung erlangt. In Frankreich, in Deutschland und Österreich hat die Glaskunst seit dem Beginn des 20. Jhs. wieder bedeutende Vertreter gefunden (Emil Galle, Adolf Loos, Josef Hoffmann, Louis Tiffany). Seit dem ersten Weltkrieg nehmen Schweden und die alte Glasstadt Venedig an der neuen Gestaltung des Glases hervorragenden Anteil.       



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