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Bauaufgaben. I. SAKRALBAU. Wenn man die irrationalen Momente als wesenhafte Kennzeichen der Architektur auffaßt, so wird der Beginn der Bau-Kunst im Sakralbau zu finden sein (Architektur). Begräbnisstätte und Opferstätte werden schon in frühgeschichtlicher Zeit besonders malhaft ausgezeichnet und bilden den Ausgangspunkt der Architektur. Der antike Tempel ist bereits eine reife Ausbildung des Sakralbaues. Von ihm unterscheidet sich der christliche Kirchenbau. Je nach der Widmung des Baues sind die pastoralen Typen von den Bautypen (Elementarformen) weitgehend unabhängig. Grundform ist die Gemeindekirche. Sie wird zur Pfarrkirche, wenn sie einem bestimmten Sprengel zugeordnet ist. Unmittelbar zur Kirche gehört die Sakristei, mittelbar auch der Pfarrhof. Neben der Wohnung des Klerus und den Amtsräumen werden, besonders in neuerer Zeit, noch weitere Räume in den Pfarrhof mit einbezogen: V ersammlungs- und Vortragsräume (Pfarrsaal), Bibliothek, Klubräume, Sprechzimmer, Räume für caritative Aufgaben, Kindergarten und -hort u. a. m. So entsteht, baulich gesehen, eine profane Parallele zum Kloster, ein Komplex, der als Seelsorgeanlage, Gottessiedlung, Gemeindezentrum, Pfarrzentrum u. ä. bezeichnet wird und Übergänge zum Profanbau bildet. Bei evangelischen Gotteshäusern finden wir auch die Kombination von Gemeindesaal (= Kirche) und Versammlungssaal zum Beispiel in der Form, daß der Versammlungsraum eine fakultative Erweiterung des Feierraumes bilden kann. Die katholische Wallfahrts- oder Pilgerkirche (Bd. II Abb. 25) ist meist Pfarrkirche, gewinnt jedoch ihre Bedeutung durch die Besonderheit des Ortes: an der Stelle einer wunderbaren Begebenheit oder Erscheinung, dem Begräbnis- oder Gedächtnisort eines Heiligen wird sie errichtet, meist in beachtlichen Ausmaßen, um die Pilgerscharen aufnehmen zu können. Der prozessionsartige Einzug und die Aufnahme einer großen Zahl von Kommunikanten, Confessoren (Beichtenden) und Zelebranten müssen ermöglicht werden. Kathedrale und Dom bezeichnen Bischofskirchen. Diese waren oft von gewaltigen Dimensionen, so daß später der Begriff >Kathedrale< für große mittelalterliche Kirchen geblieben ist, auch wenn sie nicht mehr Bischofssitz waren. Zu einem Kloster gehört neben der Klosterkirche ein differenzierter baulicher Organismus: Kreuzgang (manchmal mit Brunnenhaus), Kapitelsaal (Versammlung des Klosterkapitels), Refektoriuni (Speisesaal), Dormitorium (Schlafsaal) oder Einzelzellen, Recreatorium (Erholungsraum), Parlatorium (Sprechzimmer), Bibliothek, Wohnung, Amts- und Repräsentationsräume des Klostervorstehers (Abt, Prior, häufig mit eigener Kapelle), Wirtschaftsräume, Unterrichtsräume, in der Barockzeit auch die >Kaiserzimmer, für den Aufenthalt des Monarchen. Die Ordensregel selbst war für die bauliche Anlage und architektonische Auffassung bestimmend. Besonders die Orden der Benediktiner, Zisterzienser, Franzis- kaner und Kartäuser haben spezifische Baucharakteristika entwickelt. Neben dem eigentlichen Opferkirchenraum verdienen noch einige andere christliche Sakralbauten Erwähnung. Das Baptisterium (Taufkirche, Abb. 2) ist seit dem Mittelalter meist als Taufkapelle der Kirche einverleibt. Die Gedächtniskirche ist dem Andenken einer geistlichen oder weltlichen Persönlichkeit gewidmet und meist zugleich Coemeterial- (Grab-) Kirche. Die Friedhofskirche oder -kapelle dient dem Zeremoniell des kirchlichen Begräbnisses, manchmal auch den Totenmessen. Der Karner, ein mittelalterlicher Bautyp, dient im Untergeschoß als Beinhaus, das obere Geschoß ist Toten- oder Gedächtniskapelle. Die Leichenverbrennung der Neuzeit hat keinen echten Kult als Hintergrund, und daher sind Krematorien kaum zu den Kultbauten zu zählen. Die Bauten der nicht-christlichen Kulte haben in Europa keine nennenswerte und eigenständige Ausbildung erfahren. Die mit- telalterliche Synagoge lehnt sich stark an den christlichen Kirchenbau an, in späterer Zeit werden orientalische Formen auf- genommen. Auch dieMoscheen auf europäischem Boden sind orientalischen Vorbildern nachempfunden. II. PROFANBAU. STÄDTISCHES WOHNHAUS. Die ursprüngliche profane Bauaufgabe (sofern wir das Schiff ausscheiden) ist die menschliche Behausung. Über die reine Utilität des Schutzes vor Witterung und vor Feinden hinausgehend, löst sich das Wohnhaus vom tierischen >Bau<. Die Behausung wird zum Abbild der geistigen Situation des Menschen und spiegelt verschiedene Lebensauffassungen, wie Repräsentation oder Wohnlichkeit, Naturbezogenheit oder Schmuckbedürfnis usw. Das Seßhaftwerden der Völker, das Entstehen sozialer Gebilde fördert wesentlich die Entwicklung des Wohnhauses. Als Einzelhaus oder Reihenhaus dient es in geschichtlicher Zeit meist nur der Familie, dann werden aber auch Räume vermietet, es entwickelt sich das Miethaus. Daneben gibt es Bauten, die eine strukturierte und organische Gemeinschaft aufnehmen, wie das Kloster, das eine Mischform von Profan- und Sakralbau darstellt, das Schloß, das bäuerliche Gehöft (s. u.), der Herrschersitz (Pfalz, Residenz). Davon unterscheiden sich wesentlich der Hotelbau und das Massenmiethaus, die nur eine zufällige Addition von Einzelpersonen und Familien bewirken, ohne zu einer soziologischen Einheit zu führen. Das vorgeschichtliche Haus ist vor allem von der Technik seiner Herstellung bestimmt: die häufigsten Grundtypen sind das mediterrane runde Steinhaus (Nuraghe in Sardinien) und das rechteckige Holzhaus (im Norden Europas, häufig als Pfahlbau ausgeführt). Das Wohnhaus des frühen Mittelalters zeigt starke Anlehnung an das Bauernhaus oder die Burg. Es ist blockhaft geschlossen, von einem steilen Dach bedeckt. Im hohen und späten Mittelalter, mit der steigenden Bedeutung des Bürgertums, erfährt die Fassade des Wohnhauses reichere Gestaltung. Der schmale, tiefe Grundriß bleibt erhalten, im Erdgeschoß, sofern keine Geschäftsläden untergebracht sind, finden wir Diele, Stube und Küche, im Obergeschoß Schlafräume, manchmal auch weitere Wohnräume. Baumaterial ist Ziegel, Stein oder Holz (Fachwerk). Das einfache Wohnhaus der Renaissance zeigt häufig eine Normung und Typisierung unter dem Einfluß aristokratischer Ansprüche. Daneben entwickelt sich das fürstliche Wohnhaus als Palazzo (Abb. 5) oder Palais zu monumentaler, individueller Form, die luxuriöse Villa am Stadtrand (Abb. io), in Gärten hineingestellt, bildet den Übergang zum barocken Gartenpalais (Abb. 8), bei welchem der Repräsentationsgedanke den Wohnzweck verdrängt, ähnlich wie beim Lustschloß und Jagdschloß. Im 18. Jh. entwickelt sich das Bürgerhaus unter dem Einfluß der fürstlichen Bauten zu bedeutenderen Formen. Die Fassade wird durch Zusammenlegen schmaler mittelalterlicher Parzellen verbreitert und reich gestaltet, das Treppenhaus wird betont, Nebenräume und differenzierte Raumwidmungen spiegeln die gehobenen Wohnansprüche. Durch eine stärkere Ausnutzung der Grundstücke und Zunahme der Bevölkerungsdichte im 19. Jh. wird die Massierung des städtischen Wohnens gefördert, es entsteht das Massenmiethaus bis zu sechs Stockwerken, die Fassade erstarrt im Eklektizismus. Reformbestrebungen gehen u. a. von England aus, das die Idee der Gartenstädte verwirklicht. Das Problem des Wohnhauses geht in ein städtebauliches Problem über. Zwischen den Extremen des Flachbaues (meist Einzelhaus) mit Verbindung zum Garten und des Wohnhochhauses (Le Corbusier, Marseille) erfährt das Wohnhaus mannigfaltige Ausbildungen. Ähnlich wie die Weißenhofsiedlung in Stuttgart in den 20er Jahren unternimmt die Interbau in Berlin 1958 den Versuch, für den Wohnhausbau richtunggebende Werke zu schaffen. Interessante Einzelleistungen bedeutender internationaler Architekten wie Gropius, V ago, Schneider-Esleben, Eiermann, Niemeyer Filho, Aalto, van den 40 Bauaufgaben Broek und Bakema, Jakobsen u. a. verbinden sich jedoch zu keiner städtebaulich überzeugenden Einheit. Le Corbusiers Wohnblock steht außerhalb der Anlage. BAUERNHAUS. Die Grundformen des Bauernhauses gehen auf jahrtausendealte Traditionen zurück. Als wesentliche Grundtypen unterscheiden wir das Einhaus und das Vielhaus, wobei nicht gesagt werden kann, welches den ursprünglicheren Typus darstellt. Das Einhaus, vielleicht keltischen Ursprungs, findet sich in Nordwestfrankreich und in Süd- und Südwestdeutschland. Es vereinigt Wohnung und Stallung unter einem Dach. Das niederdeutsche Einhaus ist ein Längsachsenhaus (Eingang an der Schmalseite), das oberdeutsche hingegen ein Querachsenhaus (alemannisches Haus, Oberinntalerhaus). Das Vielhaus teilt die verschiedenen Funktionen auf Einzelobjekte auf und findet sich ursprünglich bei den Slawen und den Nordostgermanen, später auch in vielen Gebieten des übrigen deutschen Sprachraumes, vor allem in Mitteldeutschland. Zur bayrischen Form zählt der Paarhof (Wohnhaus und Stall parallel nebeneinander) und der Haufenhof (Wohnhaus, Stall und Scheune mit Tenne U-förmig lose nebeneinander angeordnet), der einen Übergang zum Dreiseithof und schließlich zum Vierseithof darstellt, bei welchem Wohnhaus, Scheune und die Stallgebäude ein Geviert bilden. Bei den fränkischen Formen des Vielhauses werden Wohnhaus, Stall und Scheune hintereinander aufgereiht (Streckhof) oder sie stehen im rechten Winkel zueinander. Auch bei den fränkischen Formen gibt es Dreiseit- und Vierseithöfe. WEHRBAU. Als Mischform zwischen Wehrbau und Wohnbau entwickelt sich im Mittelalter die Burg, das Kastell (Vorbilder schon im Altertum). Je nach Lage unterscheidet man Wasserburgen (in der Ebene, von Wassergräben umgeben), Niederburgen (in der Ebene, von Wällen und Mauern umgeben) und Höhenburgen (auf beherrschenden Hügeln). Die fortifikatorischen Vorkehrungen hängen von der jeweiligen Kampfweise und den Waffen ab. Die Hauptelemente bleiben jedoch die gleichen: der Graben, der Wall oder die Mauer (häufig eine Vorburg bildend), Tor und Brücke (Zugbrücke), Mauertürme, Wehrgänge, Höfe, der Palas als Hauptwohngebäude, der große Saal, die Kapelle, Neben- und Wirtschaftsräume und der Bergfried (Berchfrit, Donjon), ein turmartiger Bau, meist im Zentrum der Anlage. Kirchenburgen, Klosterburgen und >feste< (d. h. befestigte) Schlösser sind ebenfalls Übergangsformen zum Wehrbau. BAUTEN DES ÖFFENTLICHEN UND ALLGEMEINEN INTERESSES. 1. BAUTEN DER KUNST. Das Theater ist seit der Antike eine bedeutende Bauaufgabe (Profanbauten). Die mittelalterlichen Mysterienspiele, kultischen Ursprungs wie das Theater überhaupt, gehen in oder vor den Kirchen vor sich und bedürfen keines eigenen Baues. Erst um die Wende des 16. zum 17. Jh. entstehen in England, vor allem unter dem Einfluß des Shakespearetheaters, eigene Gebäude. Sie sind sehr einfach, aus Holz gebaut, anfangs ungedeckt, und zeigen mehrere Rang- oder Logenstockwerke, ringförmig um die Bühne angeordnet. In der italienischen Renaissance zeigt Palladios Teatro Olympico (1580) in Vicenza Anlehnungen an das antike Theater (halbovale Form), die Szenenfront wird jedoch monumentalisiert und es gibt Galerien. Das Teatro farnese ist schon ein Übergang zum Barocktheater: Schauspiel und Oper sind nicht mehr ausschließlich höfisches Vergnügen, die Standesunterschiede werden jedoch in strenger Trennung von Logen- und Ranggeschossen festgehalten, das Parkett, für die niederen Hofbeamten, besitzt anfangs keine Sitzplätze. Die Bühne ist nur nach einer Seite offen (Guckkastenbühne), erfährt jedoch durch phantastische Dekorationen (Galli-Bibiena, Abb. 65) illu- sionistische räumliche Erweiterung. Die Theatertechnik (Maschinerie) wird wichtig. Weitere Impulse gehen von den barocken Theaterdichtern Spaniens, vor allem von Calderon aus (Bühnendekoration). Dieser höfisch-aristokratische Typus des Theaterbaues erhält sich bis zum ausgehenden 19. Jh. Die soziale Umschichtung des 20. Jhs. führt zur Auflösung des Logentheaters, man versucht, möglichst gleichwertige Plätze mit guter Bühnensicht zu schaffen. Das gesellschaftliche Moment verliert an Bedeutung, das bauliche Schwergewicht, im 18. und 19. Jh. mehr und mehr auf Neben- und Repräsentationsräume übergegangen, wird nun wieder auf Zuschauerraum und Bühne konzentriert. Die Ideen der >Raumbühne< versuchen, das dramatische Geschehen mitten ins Publikum zu bringen, den Zuschauer zu aktivieren, und bringen damit neue bauliche Formen (>Totaltheater< von Gropius 1927).Poelzig (Schauspielhaus Berlin, 1919), van de Velde (Köln, Werkbundtheater), Gropius (Theater in Jena, Entwurf für Ukrainisches Staatstheater), Riphahn (Köln, 1957), Mies van der Rohe (Entwurf für Mannheim, 1953) u. a. beschäftigen sich in neuester Zeit eingehend mit dem Theaterbau. Der Konzertsaal ist eine Folge der Entwicklung der Kirchenmusik zur weltlichen Musik, der Kammermusik zur großen Symphonie, des höfischen Auditoriums zum allgemeinen Publikum. Die Entwicklungen sind ähnlich wie beim Theater, sofern nicht ohnehin die Theater selbst für konzertante Darbietungen ver- wendet werden. Die raumakustischen Maßnahmen sind Ergebnisse eingehender Forschungen. Die einfaChe Raumgestalt und Ausstattung soll die Konzentration erleichtern (Sven Markelins, Konzerthaus in Helsingborg 1932). Die Gestaltung von Ausstellungen ist eine wichtige architektonische Aufgabe der Neuzeit. Die weitgehende Zweckfreiheit führt oft zu aufschlußreichen, symptomatischen Architekturformen, besonders bei den Weltausstellungen (Kristallpalast von Paxton in London, 1851, Abb. 12; deutsche Pavillons in Bar- celona, 1929, Bd. II Abb. 27, von Mies v an der Rohe; und in Brüssel, 1958, von Eiermann). 2. BAUTEN DER ERZIEHUNG. Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht in der Neuzeit machte die Errichtung von Schulbauten notwendig, die heute zu einer bedeutenden sozialen Aufgabe wurden. Der Schulbau geht vom Klassenzimmer als Einheit aus. Turnhalle, Aula, Zeichen-, Musik-, Physik-, Werkräume werden mit den erforderlichen Nebenräumen in den Schulorganismus einbezogen. Die pädagogische Frage, ob die Schule Heimatmosphäre geben soll oder sich vom Heim wesentlich distanzieren soll, findet ihren Niederschlag in der Gestaltung der Schulbauten ebenso wie das Abgehen von stark autoritativ betonten Lehrsystemen. Sofern nicht wirtschaftliche oder städtebauliche Gründe dagegen sprechen, wird die Flachbauschule (meist in Verbindung zum Freiraum) der Stockwerkschule vorgezogen. Eine weitere Auflösung des Schulbaues ergibt den lockeren Pavillonbau, der jedoch wirtschaftlich meist nicht vertretbar ist. Neben den pädagogischen stehen die hygienischen Überlegungen im Vordergrund. Entsprechende Sanitäranlagen sind Selbstverständlichkeit, die Klassenzimmer erhalten reichliche Belichtung und Besonnung, manchmal auch beidseitig (Oberlicht über Flur), die Einrichtung (Stühle und Tische) erlaubt freie Disposition je nach Unterrichtsart. Die Schweiz zählt zu den führenden Ländern im Schulbau (J. Schader, Schule am Freudenberg, 1959). Die Hochschulen (Universitäten) bestehen im Mittelalter im Anschluß an die Dom- oder Stiftsschulen. Im 18. Jh. er- halten die Universitäten eigene Gebäude. Sie umfassen vorwiegend die Lehrsäle (häufig amphitheatralisch ansteigend), die Aula, Bibliothek und Räume für die Verwaltung. Die Erweiterung der wissenschaftlichen Disziplinen, die Betonung des praktischen Unterrichts neben dem theoretischen macht die Errichtung von umfangreichen Übungsräumen und Laboratorien erforderlich. War ursprünglich die Universität in einem Gebäude konzentriert, so ergibt sich nun eine starke Dezentralisierung mit großen funktionellen Nachteilen. Die Idee der Universitätsstädte versucht Abhilfe zu schaffen: nicht nur Institute, Hörsäle und Verwaltung, sondern auch Studentenwohnhäuser, Kapellen, Bildungszentren usw. umfassen diese Projekte. Bibliotheken stellen eine eigene Bauaufgabe dar. Auch sie waren im Mittelalter mit dem Kloster verbunden; in der Barockzeit werden die Bibliotheken, vor allem jene der Stifte, zu prächtigen Räumen (Eskorial bei Madrid, Ambrosiana in Mailand, Stiftsbibliotheken in Admont und Met k, Hofbibliothek in Wien). Die Aufgabe des Bibliotheksbaues besteht darin, Lagermöglichkeit und Lesemöglichkeit zu schaffen. Ursprünglich legte man die - sehr großen - Bücher auf Pulte (Biblioteca Laurenziana, Florenz), Lager- und Lesemöglichkeit waren gleichzeitig gegeben. Dann wurden die Bücher in Regale gestellt und nur zum Lesen herausgenommen; die beiden Funktionen waren noch in einem Raum vereinigt. Die steigende Bücherzahl machte eigene, umfangreiche Lagerräume notwendig, nur die oft benützten Handexemplare werden weiterhin im Lesesaal aufbewahrt (H. Labrouste, Bibl. Ste. Genevieve; Bibl. Nationale in Paris, Bd. II Abb. 51). 3. BAUTEN DER POLITIK. Die klassischen Staatsgewalten (Legislative, Exekutive und Administration) repräsentieren sich vor allem im demokratischen Staatssystem in monumentalen Bauten. Rathäuser waren schon in Griechenland gebräuchlich (Profanbauten), im späten Mittelalter erfahren sie monumentale Ausbildung in Anlehnung an sakrale Bauformen, vor allem im deutschen (Thorn) und flämischen Raum (Brügge); aber auch in Italien (Venedig, Dogenpalast; Siena, Palazzo Pubblico). Mit der Verbreitung demokratischer Systeme wird das Parlament zu einer neuen Bauaufgabe. Sie wird vor allem im 19. Jh. gestellt und in der Formensprache des Eklektizismus zu lösen versucht, meist in griechisch-antikisierenden Formen. Neue Aufgaben als Übergangsformen zu Verwaltungsbauten stellen die internationalen Organisationen: Le Corbusier und P. Jeanneret entwerfen 1927 einen Völkerbundpalast für Genf, am UNO-Haus in New York sind Harrison, Le Corbusier, Markelius, Niemeyer u. a. tätig, das UNESCO- Haus in Paris stammt von M. Breuer, B. Zehrfuß und P.L.Nervi. In Chandigarh (Indien) entstehen Regierungsviertel nach Le Corbusiers Entwürfen. 4. BAUTEN DER GEMEINSCHAFT. Aus den städtebaulichen Konzepten ergeben sich vielfältige Gemeinschaftszentren: komplexe Anlagen aus Versammlungsräumen, Theater- und Kinobauten, Klubräumen, Bibliotheken u. a., die zur Bildung neuer soziologischer Beziehungen beitragen sollen (Haus der Kultur in Helsinki von Aalto, 1952). Große Versammlungshallen dienen für kulturelle und politische Demonstrationen und fordern große Spannweiten (M. Berg, Jahrhunderthalle in Breslau, R. Rainer, Stadthalle in Wien, Bauten von Nervi in Italien). Auch die Entwicklung des Kongreßwesens in den letzten Jahrzehnten erfordert großzügige Bauten für gemeinschaftliche Veranstaltungen (Kongreßhalle Berlin von Stubbins & Duttmann). 5. BAUTEN DER GESUNDHEITSPFLEGE. Die Krankenhäuser dienten im Altertum nicht nur als Wohnhäuser für Kranke, sondern auch für Arme, Krieger und Reisende (Hospital, Hospiz). Für Infektionskrankheiten gab es eigene Absonderungshäuser, ebenso für Geisteskranke. Im Mittelalter sind die Krankenhäuser vorwiegend kirchlich-karitative Einrichtungen. Seit der beginnenden Neuzeit kümmern sich auch die weltlichen Institutionen (Behörden) um die Krankenpflege. Allmählich haben sich drei Grundtypen herausgebildet. Das Pavillonsystem bringt jede Abteilung in einem gesonderten Objekt unter, Verwaltungs- und andere Funktionen sind ebenfalls in eigenen Bauten untergebracht. Das Hochhaus vermeidet die im Pavillon sehr langen Verbindungswege und erleichtert die funktionellen Zuordnungen. Das Blockbausystem versucht einen Kompromiß: Bettentrakt, Operationstrakt, Verwaltungstrakt sind gesonderte oder lose verbundene Objekte. - Sanatorien (Heilstätten) und Genesungsheime gehorchen ähnlichen Gesetzen wie Krankenhäuser (Aalto, Sanatorium in Paimio, 1929). Hingegen wird versucht, beim Bau von Altersheimen vom spitalartigen Charakter abzukommen. 6. BAUTEN DES SPORTS. In Griechenland und Rom erfuhren die Sportbauten großzügige Ausprägung im Stadion, in Amphitheater und Thermen (Profanbauten). Auch die Sportbauten der Gegenwart gehen vielfach auf diese Typen zurück, teilweise angeregt durch die Wiedereinführung der olympischen Spiele. Im Bau von Stadien ergeben sich neue konstruktive Möglichkeiten durch den Stahlbeton, der auch bei großen Sporthallen (Nervi) und für Hallenbäder verwendet wird, während die Freibäder sich möglichst diskret an landschaftliche Gegebenheiten anpassen. 7. BAUTEN DES BEHERBERGUNGSWESENS. In Klöstern und Gasthöfen fand früher der Reisende Aufnahme; für Wallfahrer gab es eigene Pilgerhäuser. Die neuen Verkehrsmittel bringen einen größeren Reiseverkehr, der im >Sozialtourismus< einen Höhepunkt erreicht und zahlreiche Hotelbauten bedingt. Der vielgeschossige Bau hat sich durchgesetzt. Bekannt sind die Hilton-Hotels, die meist architektonisch bemerkenswerte Leistungen darstellen (z. B. Skidmore, Owings und Merrill in Istanbul). Ein neuer Typus ist das Motel (Motor-Hotel), bei welchem ein Einheitsraum mit Kochgelegenheit und Autoabstellplatz vermietet wird. In mehreren Geschossen angeordnet, ergibt sich das Drive-in-Hotel, ein in Amerika verbreiteter Typ. Jugendherbergen stellen einen ähnlichen Organismus wie das Hotel dar; an Stelle der Einzelzimmer treten Schlafsäle. 8. BAUTEN DES VERKEHRS (HOCHBAUTEN). Die Entwicklung der Eisenbahn seit etwa 1850 fällt mit der Entwicklung des Stahlbaues zusammen. So ist es begreiflich, daß dieBahnhofshallen anfangs gewaltige Stahlbauten mit beachtlichen Spannweiten sind, vollständig verglast und auf Dekor weitgehend verzichtend. Die Nebenräume waren demgegenüber von geringen Ausmaßen und in historisierenden Formen gebaut. Eine Lösung von diesen Formen führt zunächst zu einer Monumentalisierung der Bauaufgabe (Bahnhof in Stuttgart von Bonatz, Mailänder Bahnhof). Erst im späteren Verlaufe ergeben sich selbständige Formen. An Stelle von Bahnhofshallen treten Bahnsteige mit einfachen Flugdächern, dafür werden die Nebenfunktionen in großzügigen Bauten untergebracht. Die funktionellen Momente stehen im Vordergrund, man achtet vor allem darauf, daß die Gehlinien der verschiedenen Funktionsträger (Ankunft, Abfahrt, Gepäck, Expreßgut, Personal, Güterabfertigung, Zoll usw.) einander nicht überschneiden. Die beiden Grundtypen des Kopfbahnhofes und des Durchgangsbahnhofes sind vor allem städtebaulich relevant. Rom-Termini ist einer der bedeutendsten Bahnhöfe der neuesten Zeit. Das Flughafen-Aufnahmegebäude ist eine ver wandte Bauaufgabe und folgt ähnlichen Gesetzen. 9. BAUTEN DER PRODUKTION. Für das individuelle Handwerk des Mittelalters genügen einfache kleine Werkstätten, oft im Anschluß an die Verkaufsläden, eine Form, die sich bis heute erhalten hat. Auch die aufkommenden Manufakturbetriebe fördern kaum neue Bautypen. Der Industriebaukommt erst im 19. Jh. zu Wort und zeigt noch stark romantisierende Züge (Backsteinbauten). Die Forderung nach großen Maschinenhallen verschafft den Stahlkonstruktionen rasch Eingang in den Industriebau. Die rationalistisch-strukturelle Rich- tung der Gegenwartsarchitektur findet im Industriebau reiches Betätigungsfeld. Die Bauten werden von den funktionellen Forderungen, rationellen Bauweisen (vielfach mit vorfabrizierten Teilen) und der spezifischen Ästhetik der technischen Konstruktion bestimmt und sind oft von ungewöhnlich hohen formalen Qualitäten, an denen auch Farbe, Licht und Materialwirkung ihren Anteil haben. Zu frühen, aber reifen Industriebauten zählen die AEG-Turbinenfabrik von Behrens und die Faguswerke von Gropius. 10. BAUTEN DER VERWALTUNG. Die Komplizierung des Gemeinwesens und des Handels fordert oft ausgedehnte Verwaltungsbauten (Bürobauten). Auch hier stehen die funktionellen Ansprüche im Vordergrund. Da die Bauten meist im Stadtzentrum errichtet werden und zudem oft repräsentativen Charakter haben sollen, wird häufig die Form des Hochhauses gewählt, das als Stahl- oder Stahlbetonskelett, selten als Massivbau hergestellt wird. Die Zwischenwände sind nichttragend und daher leicht versetzbar, so daß die Raumeinteilung jeweils den Gegebenheiten angepaßt werden kann. Bemerkenswerte Büro- und Verwaltungsbauten schaffen gegenwärtig in Amerika Mies van der Rohe (Seagram Building, Abb. 15, mit Ph. Johnson), Skidmore-Owings-Merrill, Harrison-Abramovitz; in Deutschland Petschnigg und Hentrich, Schneider Esleben; in Italien Gio Ponti (Pirelli- Haus in Mailand mit Nervi, Danusso und Fornaroli). 11. BAUTEN DES HANDELS. Verkauft der mittelalterliche Handwerker seine Produkte meist im eigenen Laden, so ist im 18. und 19. Jh. eine völlige Trennung von Produktion und Vertrieb eingetreten. Es entstehen große Verkaufsläden und die großen Warenhäuser (Wertheim in Berlin, von Messel; Bon March in Paris von Eiffel und Boileau), die sich vielfach der neuen Stahlkonstruktion bedienen. Besonders in Amerika ist das Warenhaus sehr beliebt, seine konsequente Weiterentwicklung führt zum Supermarket, der sämtliche materiellen Lebensbedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Wohnung) decken kann. Diese Anlagen werden weit außerhalb der Städte mit großen Parkplätzen errichtet, um den Verkehrserreger von der City fernzuhalten. Europa bevorzugt den Einzelladen. Die Geschäfte werden bei neuen städtebaulichen Konzepten unter Ausschluß des Fahrzeugverkehrs zu Einkaufszentren zusammengefaßt (Bakema und van den Broek, Lijnbaan in Rotterdam 1953). 12. DIE INGENIEURBAUTEN selbst sind im allgemeinen nicht der Architektur zuzuzählen. Da sie jedoch, besonders in neuerer Zeit, hohe formal-ästhetische Qualitäten aufweisen und die Wechselwirkung Ingenieurbau und Architektur von großer Bedeutung ist, müssen sie hier erwähnt werden. Im Bau von Straßen, Brücken und Aquädukten hat das antike Rom Erstaunliches geleistet, vom Mittelalter kennen wir die ausgedehnten fortifikatorischen Bauten. Der Brückenbau ist wohl eines der wesentlichsten Gebiete des Bauingenieurwesens, das optisch relevant ist. Tatsächlich werden vielfach Architekten bei Brückenbauten zugezogen, was allerdings die Gefahr aufgepfropfter Formalismen birgt. Von großer Bedeutung ist der Kraftwerkbau (Wasser-, kalorische und Atomkraftwerke), eine Mischung von Ingenieurbau und Industriebau.
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