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Abstrakte Kunst


von Michael Külbel




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Kunst & Kultur

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Sonntag, 21. Juni 2009 um 12:11 Uhr

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Bauplastik.

 

Bauplastik ist wesentlicher Bestandteil des Gesamtbaues und daher immer in Hinblick auf diesen zu betrachten. Eine solcherart gebundene Plastik, unterschieden nach nichtfiguralen Elementen am Bau und figuraler Bauplastik, kann sich in verschiedener Weise zur Architektur verhalten: 1. Sie ist wesentlicher Bestandteil eines architektonischen Gliedes  (z. B. Kapitell, Abb. 32/33) oder sie ersetzt dessen technische Funktion (Karyaticlen an Stelle von Säulen).  2. Sie ist auf ein Architekturglied bezogen, das den Zusammenhang mit dem Gesamtbau herstellt bzw. an dem die Plastik >Halt< findet (Nischen-, Säulen-, Portalstatuen). 3. Sie ist Zierform in verschiedenen Abstufungen, d. h. hergeleitet aus struktiven Baugliedern (z. B. komplizierte Netzgewölbe formen aus der einfachen Kreuzrippe) bis zu rein dekorativen Zierformen (z. B. Rollwerk). Die genannten Möglichkeiten können sowohl am Außen- wie am Innenbau beobachtet werden. Die Bearbeitung der Einzelstücke erfolgt vor oder nach dem Versatz (>avant la pose<, >apres la pose<). Die Bearbeitung vor dem Versatz ist die Regel, während die Bearbeitung nach dem Versatz meist auf kleinere Werkstücke (Kapitelle, Friese) beschränkt bleibt.

 

I. NICHTFIGURALE ELEMENTE AM BAU.

 

1. SÄULE, PFEILER UND PILASTER. Die Säule hatte durch die Griechen ihre klassische Gestalt empfangen (Tempelbau). Sie wird im Mittelalter in einen veränderten baulichen Organismus verpflanzt und nimmt nicht mehr die durch waagerechte Steinbalken übertragene Last auf, sondern stützt eine durch Bogen begrenzte Mauer ab. Sie steht nicht mehr in dichter Reihe, sondern in relativ vergrößerten Abständen oft im Wechsel mit Pfeilern (Stützenwechsel). Dadurch werden auch die Proportionen gegenüber der Antike verändert, d. h. Kapitell und Basis im Verhältnis zum Schaft höher. »Die Unterschiede, sowohl die der Proportion als auch der Ornamentation, sind bis ins Unendliche variabel« (Dehio). Der Pfeiler steht naturgemäß der Mauer näher und kann daher weniger als die Säule als ein in sich geschlossenes plastisches Gebilde betrachtet werden. In der Goti k gewinnen die Stützen noch stärkere Plastizität durch Umstellung mit zunächst vier Diensten (Chartres) in der Längs- und Querrichtung der Kirche (Entstehung des sog. >kantonierten Pfeilers<). Am Bündelpfeiler der Hochgotik wird die Reihung der Dienste so dicht, daß der Pfeilerkern ganz oder fast verschwindet.

 

2. DAS KAPITELL ist der oberste plastisch ausladende Teil von Säule, Pfeiler oder Pilaster. Es wird naturgemäß auf die Stütze abgestimmt, aber es ist weitaus wandlungs- und ausdrucksfähiger als die übrigen Teile (Basis und Schaft) und läßt daher leichter genauere Schlüsse auf zeitliche Entstehung zu (Datierungshilfsmittel). Die Bedeutung des Kapitells als Ausdrucksträger der Stilentwicklung zeigt sich schon an den antiken Säulenordnungen (Tempelbau), hier besonders innerhalb des korinthischen Stils, dessen Ordnung mit Ausnahme des akanthusgeschmückten Kapitells der ionischen folgt. Die byzantinische Kunst geht mit der Neuschöpfung des Kämpferkapitells (Bd. II Abb. 20) um 400 erstmals über die antiken Kapitellformen hinaus. Der Kämpfer ist eine nach unten verjüngte Platte (umgekehrter Pyramidenstumpf) zwischen dem Bogenansatz und dem eigentlichen Kapitell, rein formal gesehen eine vereinfachte Wiederholung der Kapitellform. Wesentlich daran ist, daß mehr Fläche für die plastische Gestaltung zur Verfügung steht. Die Abarten dieser Kapitellformen werden nach Grundform und Dekorierung als Falten-, Korb-, Trapez - kapitell usw. bezeichnet. Die große Variationsbreite byzantinischer Kapitellplastik von schweren, lappigen Blattformen bis zu impressionistisch-flimmernden, die Kapitellfläche überspinnenden, abstrakten Mustern zeigen die Kirchen des byzantinischen Exarchats Ravenna (San Apollinare in Classe, um 500, San Vitale, um 540, u. a.). Die Bedeutung der spätantiken und byzantinischen Kapitellformen für das Mittelalter wird zunächst innerhalb der karolingischen Renaissance wieder deutlich, welche importierte spätantikravennatische Kapitelle wiederverwendet (Aachener Pfalzkapelle) oder das antike Vorbild variiert (Nyinwegen, Fulda, Hersfeld). Eine Archaisierung bzw. Barbarisierung des spätantiken Erbes leitet auch in den Kapitellformen zur Frühromanik über, deren Eigenschöpfung (seit etwa 1000) das Würfelkapitell (eine Durchdringung von Würfel und Kugel) ist. Dieses hält sich ohne Dekoration bis ins 13. Jh., aber schon bald nach der Einführung der reinen Form wird die Gestalt auch mit Ornamentik (Ranke, Palmette, verknotete Bänder, aber auch Tiere und figurale Szenen) belebt. Um 1050 setzt die Entwicklung des Kelchkapitells ein, am Beginn des 12. Jhs. treten Würfel und Kelchform oft gemeinsam auf, in der Hochromanik verschmelzen die beiden Formen, und der Würfel wird von Blattwerk umsponnen. Der Kreuzgang des Bonner Münsters und die Zwerggalerie der Doppelkirche in Schwarzrheindorf sind >Museen aller Möglichkeiten, die das Kapitell in der Mitte des 12. Jhs. hat< (Weigert). Die Auflösung des Kelchblockkapitells zu immer substanzloseren Formen wird bis zur Grenze der Möglichkeiten vorangetrieben (bis etwa Mitte 13. Jh.).

 

Die Gotik beschränkt sich auf einen einzigen Grundtypus, das Kelchkapitell. Nicht die Form als solche, sondern die Ziermotive (Blatt-, Knollen- und Knospenformen) werden variiert. Man wagt den entscheidenden Schritt »vom Sinnbild und Gebild zum Abbild der natürlichen Pflanzenwelt« (Weigert) an den Kapitellen und bildet die Blattformen oft extrem naturalistisch (Weinlaub, Distel, Rose, Eiche usw.). War man in der Gotik in der naturalistischen Gestaltung weit über die antiken Formen hinausgegangen, so werden diese in der Renaissance in gemäßigter, auch oft abgewandelter Gestalt wiederaufgenommen.

 

3. WIMPERG, FIALE, KREUZBLUME. Diese drei Motive des gotischen Systems sind Mittel, um den Vertikalismus des Aufbaus und die Tendenz zur Auflösung der Mauer zu unterstreichen. Der W imperg (Bd. II Abb. 29) ist ein Ziergiebel über Portalen und Fenstern, der mit Blendmaßwerk oder mit durchbrochenen Blendgliederungen gefüllt wird. Das Dreieckfeld des Wimpergs kann aber auch mit figuralen Szenen geschmückt werden (Reims, Westportale). Der Wimperg wird oft von einem schlanken, spitzen Türmchen, der Fiale, beiderseits flankiert. Die Fiale findet auch als Bekrönung des gotischen Strebepfeilers Verwendung. Sie besteht aus zwei Teilen: 1. Der vier- oder achtseitige Leib oder Schaft, welcher auch als Tabernakel ohne oder mit eingestellten Figuren (z. B. Reims, Strebewerk) gebildet sein kann. 2. Der pyramidenförmige, mit Krabben besetzte Helm. Wimperg und Fiale, aber auch Giebel und gotische Türme werden von einer aus Blattwerk gebildeten Spitze, der sog. Kreuzblume, gekrönt. Die Kreuzblume kann zwei- oder vierarmig sein, der Blattwerkkranz einfach oder zweifach übereinander angeordnet werden.

 

4. BAUORNAMENTIK. Zu unterscheiden sind: a) aus struktiven Baugliedern abgeleitete Formen und b) rein dekorative Zierformen.

 

Zu a). In vorromanischer Zeit bleibt die Bauornamentik hauptsächlich auf Kapitell- und Kämpferzone beschränkt. Die Bauornamentik der frühen Romanik ist eher zurückhaltend, erlangt aber in der Spätzeit des Stils außerordentliche Bedeutung (Blütezeit in Deutschland etwa 1150-1230). Die Maueroberfläche wird in dekorativem Sinne gegliedert, eine Entwicklung, die in der Tendenz zur allmählichen Auflockerung des romanischen Baukörpers liegt. Eines der deutlichsten Beispiele der Verselbständigung eines dekorativen Systems zeigt die Entwicklung des Bogenfrieses (d. i. eine Reihe von mindestens zwei kleinen Bogen nebeneinander, im Mittelalter hauptsächlich unter Dachgesimsen am Außenbau). Ursprünglich war der Bogenfries nur als flaches Profil ausgespart, setzt sich aber im Laufe des 12. Jhs. in immer höheren und differenzierteren Profilen gegen die Mauer ab, wobei er alle Wendungen des Stils, speziell an den typischen Bauten, mitmacht. Als >gefüllter Rundbogenfries< umschließt er selbst wieder ornamentierte Detailformen (besonders schwäbisch-fränkische Spätromanik: Gmünd, Bauplastik St. Johannes; Murrhardt, Walderichskapelle, 1220 bis 1230) und erhält auch ornamentierte und figürliche Kragsteine. Im frühen 13. Jh. kann er sogar als Abschluß eines von der Rückwand relativ unabhängigen Stützsystems verwendet werden (Schlettstadt, St. Fides). In der Gotik entfallen durch den Übergang zum Gliederbau die größeren Mauergrundflächen, wo sich Ornament hätte ausbilden können. Die Auflösung bzw. Durchbrechung der Mauerflächen macht es aber möglich, die stehengebliebenen Mauerstücke teilweise zu Ornamentfigurationen zusammenzufassen. Das führt zur Bildung des gotischen Maßwer k s. Das Maßwerk bildet im Lauf seiner Entwicklung immer kompliziertere Figuren aus, die aus einigen einfachen Grundfiguren (Kreis, Spitzbogen, Vierpaß) ableitbar sind und unbegrenzt variiert werden können (Abb. so). Im spätgotischen Fischblasenmaßwerk (Straßburg, Münster, Martinskapelle, 1515-20) erreicht »die Beweglichkeit der einzelnen Figuren, die gegeneinanderschwimmen, emporschnellen, gleiten, ihren höchsten Grad« (Behling). Auch das struktive Motiv der Rippe wird im Lauf der Entwicklung so weit entmaterialisiert, daß die teilweise von den Gewölbeflächen losgelösten Rippen in sich geschlossene dekorative Systeme bilden (besonders in England, >Perpendicular style<, Bd. II Abb. 30, und an obersächsischen Hallenkirchen, Annaberg). In der Renaissance werden antike Säulenordnungen vorbildlich. Aber die Ordnung wird oft ihrer struktiven Aufgabe entkleidet und findet als Halbsäule und Pilaster im Sinne eines flächenrahmenden Dekorationsstückes Verwendung. Diese in Italien ausgebildeten Systeme finden sich in Deutschland erstmals am Heidelberger Schloß (begonnen 1556), wo sie mit niederländisch-flämischen Formen verbunden werden. Im 17. und vor allem im 18. Jh. wird die Ornamentik in verstärktem Ausmaß dem Innenraum zugewiesen, während der Außenbau oft mit rein architektonischen Mitteln gegliedert wird. Daher werden auch die reinen Zierformen vorgezogen.

 

Zu b). Zu den ältesten und immer wiederkehrenden reinen Ziermotiven innerhalb der Bauplastik gehören die verschiedenen Bandformen, die an den Bauten vor allem zur Schmückung der Portal- und Fensterregion verwendet werden (Sägebänder,  Zickzackbänder, Deutsches Band, verknotete Bänder in verschiedenen Variationen). Ein vegetabiles Ziermotiv der Antike, das sich über das ganze Mittelalter hin, wenn auch stark umstilisiert, hält und in der Renaissance und im Barock wiederauflebt, ist das Akanthusornament bzw. die Akanthusranke (Ornamentik). Die erwähnten Band- formen und der Akanthus stehen hier exemplarisch für die gemeißelte, stuckierte und geschnitzte Ornamentik am Bau, sei es 4. 51 Bauplastik nun Roll-, Beschlag-, Bandel- oder Gitterwerk, Groteske und Rocaille. Diese erfüllt ihre Aufgabe im Überspinnen der Innenraum- oder Fassadenflächen mit reiner Zier. Im 18. Jh. kann die Ornamentik daher auf diese Weise die tektonisch geschiedenen Teile des Baues (Wand und Decke, Arkadenbögen und Fenster) miteinander verbinden und so die Abgrenzungen durch Verschleifung der Rahmungen überspielen. Im Klassizismus, Louis XVI. und Empire verliert das Bauornament die verbindende Funktion und dient nur mehr als Füllmuster leerer Flächen. Die Bauornamentik um die Mitte und in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. (Wiener Ringstraße) wählt die Motive aus dem Formenschatz der Vergangenheit. Erst die Architektur des Jugendstils findet wieder originelle, phantasievoll-gekurvte Schmuckformen (Endell, >Haus Elvira<, München, 1896, entfernt 1933). Der Jugendstil zeigt auch die Tendenz, die Grenze zwischen Plastik und Architektur zu verwischen (Gaudi) bzw. Einzelmotive (z. B. Treppengeländer) so umzuformen, daß nicht das Struktive, sondern die teigige, wie im Fluß befindliche, plastische Masse zur Wirkung kommt (Moskau, Treppengeländer im Haus der >Woks‹, um 1900, Abb. 60).

 

II. FIGURALE BAUPLASTIK.

 

1. ATLANT, KARYATIDE, HERME. Die tektonische Aufgabe von Säule, Pfeiler und Pilaster kann von der figuralen Bauplastik in Form von Atlanten, Karyatiden und Hermen übernommen werden. Der Atlant ist als männliche Ganzfigur gebildet, die das darüberliegende Gebälk auf Kopf, Schultern, Nacken oder auch mit Händen trägt, abstützt oder zu tragen scheint. Die Karyatide ist das weibliche Gegenstück. Die Herme wird als Halbfigur oder Büste gebildet. Atlant und Karyatide sind als Motive von der Antike (Bd. I, Taf. 10) bis über das Ende des Barock nachweisbar. Im Mittelalter finden sich Atlanten besonders häufig an romanischen Bauwerken der Lombardei (Modena, Dorn; Ferrara, Dom; Verona, St. Zeno), aber auch innerhalb der deutschen Architekturplastik dieser Zeit (Hirsau, St. Peter und Paul, Turm), die auch die Reihendarstellung des Motivs kennt (Regensburger Schottenportal). In der Gotik kommt es zu naturalistischer Durchbildung des Atlantenmotivs, das auch als Konsoltragfigur an Wasserspeiern Verwendung findet. Die Renaissancenimmt im Gegensatz zum Mittelalter die klassisch- antiken Tragmotive im Sinne Vitruvs wieder auf und erweitert auch die Verwendungsmöglichkeiten auf Portale, Balkone, Palastfassaden, Grabdenkmäler, Kamine usw. Die deutschen und niederländischen Renaissanceströmungen bilden sich in selbständiger Weise weiter (Vermittlung durch Architekturtheoretiker und Ornamentstecher; Abb. 111). Auch an der Barockarchitektur ist das Atlantenmotiv weit verbreitet, vor allem an Portalen, Bauplastik Balkonen und in Treppenhäusern von Palästen (Prag, Schloß Troja, Palais Clam Gallas; Wien, Palais Liechtenstein,PalaisTrautson). Das reine Atlantenmotiv hält sich nur im Ausstrahlungsbereich des italienischen Einflusses, während in Deutschland Hermendarstellungen überwiegen (Dresden, Zwinger; Pommersf elden, Treppenhaus).

 

2. BAUPLASTISCHE FORMEN, die keine direkte tektonische Aufgabe erfüllen, werden auf den frühen Stufen ihrer mittelalterlichen Entwicklung (Romanik) noch von Zügen bestimmt, die der vorausgegangenen  Klein kuns t eigen waren (Übernahme von Typen und Motiven aus der Goldschmiedekunst, Elfenbeinschnitzerei, Buch- und Wandmalerei, Textilkunst). Auch die Verbindung zwischen der figuralen Plastik und der Mauer als >Bildträger< bleibt zunächst willkürlich und zufällig. Oft werden die »Skulpturen dem kompakten Quadermauerwerk wie kostbare Spolien eingefügt« (Sauerländer). Die Zentren der wiederauflebenden Bauplastik gegen Ende des 12. Jhs. liegen in Nordspanien, Südwestfrankreich, Burgund und Oberitalien, woraus sich eine Klassifizierung nach bestimmten Schulen oder Kunstlandschaften ergeben hat.

Die Entwicklungstendenz liegt in der langsamen, aber stetigen Lösung der Figur aus Relief- und Blockzwang. Bedeutsam für die Entwicklung ist das Tympanonrelief von St. Pierre in Moissac (>Apokalyptische Vision<, um 1115), das in den Löwen des Mittelpfeilers neue Möglichkeiten zur Tiefengewinnung bzw. Lösung aus dem Relief erkennen läßt. Gleichzeitig mit der Vorhalle von Moissac (1125) wird in Toulouse ein wichtiges Portal für den Kapitellsaal der Kathedrale von Saint Etienne geschaffen. Hier werden die Figuren aus den abgearbeiteten Pfeilerecken entwickelt. Dadurch gelingt es, neben der Vorderansicht auch die Seiten der Figuren freizulegen.

Neben der toulousanischen Gruppe ist Burgund für die Entwicklung der romanischen Bauplastik wesentlich (vgl. Vézelay, Tympanonrelief, Steigerung der Bewegung und des Visionären über Moissac hinaus). Einen eigenständigen Beitrag leistet auch West frankreich, wo die Fassaden fast immer zur Gänze mit ornamentaler und figürlicher Dekoration überzogen werden (Angoulême, Westfassade, 1128 vollendet), während den Portalen im Gegensatz zu Toulouseund Burgund keine beherrschende Rolle im Dekorationssystem zukommt. In allen drei Gebieten wird Bedeutendes in der kunstvollen Ausarbeitung der figural geschmückten Kapitelle geleistet, an denen die Figuren oft in dramatischer Szene einander gegenüberstehen (Toulouse, Kapitell von Saint-Etienne mit Herodes und Salome; Autun, Saint-Lazare, Flucht nach Ägypten, Abb. 33; Vezelay, Moses und das goldene Kalb, u. a.).

Die Provence zeigt mit der dreiportaligen Fassadenanlage der Abteikirche von Saint-Gilles (um 1140-50) eine neue Hinwendung zur Antike an, eine Tendenz, die, schon um 1100 in Norditalien (Emilia) angekündigt (Modena, Dom, Westportal und -fassade von Meister Guglielmus), der mittelalterlichen Portalbaukunst aber im allgemeinen fremd bleibt. Eine romanische Bauplastik in dem Ausmaß und von der Bedeutung wie in den genannten Gebieten hat es weder im deutschsprachigen Raum (ausgenommen den Oberrhein, Sachsen, Österreich) noch in England gegeben.

Die gotische Skulptur entwickelt sich zunächst vor allem am Außenbau und besonders an den Kirchenportalen. Ihre wesentliche Voraussetzung ist die neuartige Auffassung und Gliederung der Mauer an den Bauten der entstehenden Gotik in der Île-de-France von 1130 an. Die gotische Portalfigur entsteht vor oder an den gerundeten, ausgesonderten >Gerüstgliedern< nicht mehr als ferner Nachklang der Karyatide wie am Portal in Avallon (Burgund), sondern als freistehende Bildsäule wie am Chartreser Königsportal (Mitte 12. Jh., Abb. 38). Trotzdem sind die Chartreser Gewändefiguren noch keineswegs von der Architektur emanzipiert, sondern dieser eher parallelisiert. Doch ist in ihnen bereits die Entwicklungsrichtung angegeben, die zu dem Höhepunkt, den Kathedralen von Amiens und Reims (i. Hälfte 13. Jh.), führt, wo die Figur in dem durch vortretenden Sockel und bekrönenden Baldachin geschaffenen Figurenraum verhältnismäßig frei agieren kann. Die gerundete Figur, am Portalgewände ausgebildet, wird nach und nach für alle bauplastischen Aufgaben der gotischen Kathedrale herangezogen (Tabernakelfiguren an Strebepfeilern, P feiler figuren im Inneren, Turmfiguren, figürliche Wasserspeier u. a.).

Die deutsche Bauplastik in der i. Hälfte des 13. Jhs. steht in formaler Abhängigkeit von der französischen. Im späten 13. Jh. werden auch hier die vorgegebenen Plätze an der Außenarchitektur eingenommen (Portalgewände, Tympana, Plattformen innerhalb des Strebewerks) und die Fassaden plastisch durchsetzt (Straßburg, Westfassade, seit 1276). Das romanische Thema des Tympanonreliefs hatte schon zu Beginn des Jahrhunderts seine klassische Form gefunden (Bamberg, Gnadenpforte und Fürstenportal; Straßburg, Südportal) und wird später, der größeren Höhe des Bogenfeldes entsprechend, streifenweise gegliedert (Straßburg, Westportal). Ebenso werden die profilierten, dem Stufenportal entsprechend trichterförmig abgesetzten Bogenhäupter, die sog. Archivolten, mit gestaffelten Figurenreihen besetzt. Aber auch das Innere der Kirchen wird mit figuralen Zyklen belebt Bauplastik (Naumburg, Westchor, 1250-60, Freiburg, Münster, um 1300, Köln, Domchor, um 132o). Beliebt ist die Schmückung eines Kirchenschiffpfeilers mit übereinandergestaffelten Figuren (Freising, Dom, 12. Jh.; Magdeburg, Dom, um 1225; Straßburg, Münster, Engelspfeiler, um 1230).

Zur Bauplastik im weiteren Sinn (Grenzfälle der Plastik) gehören jene Figuren, die zwar einer Architektur untergeordnet sind, welche aber ihrerseits wieder Teil eines übergeordneten größeren Architekturzusammenhangs ist, wie Chorschranken (Abschluß des für Laien zugänglichen Kirchenteiles, Hauptbeispiele: Halberstadt, Hildesheim, beide um 1200, Bamberg, 1220-35) und Lettner (an Stelle der Chorschranken mit einer durch Treppen zugänglichen Brüstung, wo an einem Lesepult das Evangelium verlesen wurde, daher von lat. lectorium Lesepult). Die deutschen Hauptbeispiele gotischer Lettner in den Domen von Naumburg und Mainz (hier nur Bruchstücke erhalten) werden vor der Mitte des 13. Jhs. vom sog. Naumburger Meister mit Reliefbildwerken ausgestattet (Abb. 40).

Im Laufe des 14. Jhs. läßt die außerordentliche Bedeutung und zwingende Kraft der Architektur als Plastikträger nach. Die Bauplastik wird allmählich aus dem Zusammenhang mit der Bauhütte gelöst, obwohl einzelne große Hüttenverbände (Parler) auch in der 2. Hälfte des 14. Jhs. noch bestimmende Faktoren der Entwicklung sind. Aber schon die Parlerschen Porträtbüsten an der Triforiengalerie des Prager Domes (um 138o, darunter Karl IV., Mathias von Arras und Peter Parler selbst, Abb. 42) könnte man sich auch als von der Architektur unabhängige Bildnisbüsten vorstellen, obwohl sie noch fest mit der Mauer verbunden sind. In der italienischen Frührenaissance wird die Figur noch mehr vom Baukörper isoliert, und als einzig verbindendes Motiv bleibt die Mauernische, welche die rundplastische Figur aufnimmt (Florenz: Campanile, Or San Michele, Abb. 51). Der plastische Schmuck kirchlicher und profaner Gebäude steht jetzt gleichberechtigt nebeneinander. Die zunächst sparsame Dekorierung profaner Gebäude versucht durch die Themenwahl auf den Bauzweck hinzuweisen (Andrea della Robbia, Wickelkindertondi am Florentiner Findelhaus, um 1463, Abb. 6).

In der 1. Hälfte des 16. Jhs. bahnt sich eine neue Verbindung zwischen Architektur und Plastik an, in der die Strömungen der dekorativ gewordenen Spätgotik mit denen der Renaissance zusammenfließen. Besonders in der spanischen Kunst und in ihrem Strahlungsbereich (Südamerika) werden die hochgezogenen Portalnischen (Salamanca, Neue Kathedrale, Hälfte 16. Jh.), die Innenraumwände der Kirchen (Murcia, 54 55 Bauplastik Kathedrale, 1507) und die Fassaden (Leo n, Kloster S. Marcos, um 1535) mit einem kleinteiligen >Reliefvorhang<, in dem ornamentale und figurale Plastik zu einem Geflecht verwoben werden, überzogen. Auch die deutsche Architektur versucht mit Hilfe der Bauplastik effektvolle, reich geschmückte Schauseiten auszubilden. Die erhaltene Fassade des zerstörten Heidelberger Schlosses (Ottheinrichsbau, beg. 1556) wirkt in diesem Sinne wie ein Musterbuch aller bauplastischen Dekorationsmöglichkeiten: Hermenpilaster als Teilungsstützen der Fenster, Karyatiden als Portalmotive, Nischenstatuen, figurale Medaillons, Halbsäulen, Pilaster. An der Wende vom 16. zum 17. Jh. zieht sich die Bauplastik wieder auf zentrale Punkte (Portale) zurück (München, Tor der Residenz, 1614).

Im Barock gewinnt die Architektur durch das innige Zusammenwirken der beiden Kunstgattungen selbst >plastische< Körperlichkeit. Einzelne Architekturmotive könnte man sogar als Plastiken, die ins Große projiziert werden, bezeichnen (Borrominis Turmaufsatz von S. Andrea delle Fratte in R o m). Diese Entwicklung zum Plastischen erreicht ihren Höhepunkt in den ersten Jahrzehnten des 18. Jhs. Architekt und Bildhauer schaffen in einer der Bauhüttengemeinschaft des Mittelalters ähnlichen, fruchtbaren Gemeinschaft, die Höchstleistungen vollbringt (Dresden, Zwinger, nach 1711; Salzburg, Treppenwangen in Schloß Mirabell, 1725, Abb. 58; München, Fassade der Asamkirche, 1732; Potsdam, Schloß Sanssouci, 1745). Bei Andreas Schlüter z. B. vereinigen sich sogar Bildhauer und Architekt in einer Person (Berlin, Zeughaus, als Bauplastik Keilsteinmasken sterbender Krieger über den Fenstern). Bauplastik, die ohne Entlehnungen aus der Vergangenheit auskommt, ist im 19. Jh. selten (eine Ausnahme bildet die Jugendstilarchitektur). Die Architektur des 20. Jhs. ist, wenigstens in der 1. Hälfte, plastikfeindlich (Loos), eine Durchbrechung dieser Tendenz scheint sich aber vorzubereiten (Henry Moore, durchbrochene Reliefwand für das TimeLife-Gebäude in London, 1952; Bouwcentrum-Wand für Rotterdam, 1955).

 

3. FIGUREN AUF BRÜCKEN endlich bekommen durch den Zusammenhang mit der tragenden Architektur ihre gesteigerte Wirkung (Prag, Karlsbrücke, Rom,  Engelsbrücke), ebenso die Gartenplastiken im Rahmen des architektonisierten Schloßgartens (Versailles), wo die Figuren zur Unterstreichung von Achsenschnittpunkten und zur Belebung der gestutzten Laubwände (eingeschnittene Figurennischen) verwendet werden.



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