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Abstrakte Kunst


von Michael Külbel




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Kunst & Kultur

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Grenzfälle der Plastik
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Dienstag, 23. Juni 2009 um 18:24 Uhr

Grenzfälle der Plastik.

 

PLASTIK UND ARCHITEKTUR begegnen einander im Raum. Beiden ist die wirkliche Dreidimensionalität gemeinsam. Die Architektur wirkt aber nicht nur raumverdrängend, sondern enthält — im Gegensatz zur Plastik — auch einen Innenraum, der immer einem bestimmten Zweck dient. Die Plastik stellt hierzu den genauen Gegensatz dar, obwohl zwischen reinem Zweckbau und Plastik verschiedene Übergangsstufen bestehen (griechische Tempel, die Pyramiden, persische Grabtürme, etruskische Totenstädte mit ihren >zu kleinen< Häusern, islamische Mausoleen und die freistehenden christlichen Grabmäler, die alle, ob mit oder ohne Figurenschmuck, auf einer architektonischen Grundform basieren). Im Christentum ist die einfachste dieser Formen der aus der Antike übernommene Sarkophag (Abb. 31). Auch er ist ein Gehäuse für den Toten und kann mit einer Scheintür versehen sein, aber auch - wie im Falle des Kenotaphs - leerstehen und als Mal das Andenken des anderswo Bestatteten weiterleben lassen. Hier schließen die Kriegerdenkmäler an, unter denen Gefallene beigesetzt wurden; hier liegt auch der Übergang vom >Wohnhaus in einem anderen Leben< zum Denkmal, welches niemanden mehr beherbergt und daher der reinen Plastik bedeutend nähersteht als das Grabmal.   

 

 Zu der oben erörterten Gruppe von Grenzfällen gehören zwei weitere Sonderlösungen des Denkmalgedankens: der Triumphbogen und die Triumphsäule (Bd. I, Taf. 40). Man könnte sie beide als verselbständigte Architekturglieder auffassen, was aber ihrem Charakter nicht entsprechen würde. Der Triumphbogen ist vielmehr dem Stadttor verwandt und gestattet, wie dieses, den Eintritt in einen besonders abgegrenzten Bezirk. Dieser Bezirk stellt den Ehrenbereich des betreffenden antiken Herrschers dar. Der in ihn hineinführende Triumphbogen ist unmittelbar mit der Person des Herrschers verbunden, dessen Namen er trägt. Nach seinem Ableben verwandelte sich der Triumphbogen in ein Denkmal, das möglichst lange erhalten bleiben sollte. Im Gegensatz dazu waren die neuzeitlichen Triumphpforten, die der absolutistischen Kaiseridee entsprachen, aus vergänglichem Material hergestellt und wurden nur für einen konkreten Anlaß (Besuch des Herrschers, seine Vermählung usw.) benötigt (J. B. Fischer von Erlach). - Auch die Triumphsäule ist aus der römischen Antike übernommen (trajanisch-hadrianische Kunst). In spiralförmigen Reliefbändern zeigen die beiden Säulen vor der Karlskirche in Wien - ihren großen Vorbildern entsprechend - szenische Darstellungen, hier aus dem Leben des hl. Karl Borromäus. Mariensäulen, Pestsäulen (Abb. 59) und Dreifaltigkeitssäulen leiten sich thematisch von der antiken Triumphsäule ab, können aber ihrem Aufbau nach völlig selbständig sein.

 

PLASTISCHE ELEMENTE AN DER ARCHITEKTUR.

 

Zu den Aufgaben des Bildhauers gehört auch die plastische Ausgestaltung von Innenräumen. Die größte Vielfalt an Aufgaben bietet hier die Kirche. Der Innenraum eines Sakralbaues enthält die verschiedensten plastischen Gegenstände, die für den Kult unentbehrlich sind und die teils unbewegliche Elemente der Architektur sind, teils an dieselbe angefügt werden, teils bewegliche Geräte darstellen. Am engsten mit der Architektur verbunden und zum Teil zu dieser selbst gehörig sind diejenigen Träger plastischer Gestaltung, die eine raumteilende Funktion haben, wie z. B. die Chorschranken zwischen Gemeinderaum und Presbyterium oder die meist an der Eingangsseite befindliche Musikempore, die einen eigenen, abgegrenzten Bezirk bildet. Die Chorschranken entwickelten sich aus einer einfachen Steinbrüstung zu den kunstvoll ausgeführten mittelalterlichen Lettnern, die - wie z. B. der Westlettner von Naumburg (um 1270; Abb. 40) - im Abendland zu Trägern bedeutender plastischer Arbeiten wurden. Auch andere Kultgegenstände, die meistens auf einfache altchristliche Formen zurückgehen, wurden monumentalisiert und in ihrer Grundstruktur wie auch in ihrer Ausgestaltung zum Gegenstand reicher künstlerischer, vor allem plastischer Betätigung. So hat auch der Altar (Abb. 48; -› Rundplastik) sich aus einer einfachen Tischform weiterentwickelt und wurde im Laufe der Jahrhunderte auf verschiedene Art und Weise variiert, indem er zumeist einer stereometrischen Grundform folgte. Diese Grundform und ihr Aufsatz wurden dann in reicherem oder bescheidenerem Ausmaß mit Reliefs und Rundplastik in malartigen Zusammenhang gebracht, und auch die Malerei wurde herangezogen.

 

Ein zweiter, funktionell schon weniger bedeutender Punkt im Innern liegt in der Kanzel (Abb. 39), die aber selbst noch im Ausstrahlungsbereich des Altars steht. Sie wurde im Westen meist erst im 13. Jh. mitten in den Gemeinderaum verlegt, da die Predigt früher von den Chorschranken bzw. dem Lettner aus gehalten wurde, wo es zuweilen auch schon eigene Predigtstühle gab. Die Kanzel ist eine Erhöhung, die es dem Prediger erleichtert, sich im ganzen Kirchenschiff verständlich zu machen, was häufig noch durch einen oberhalb angebrachten Schalldeckel unterstützt wird. Die bei der plastischen Ausschmückung der Kanzeln gebräuchlichsten Themen sind die Gesetzestafeln Mosis, die Taube des Heiligen Geistes sowie Darstellungen der Evangelisten oder Kirchenväter.

 

Außer solchen mit der Architektur verbundenen Kultgegenständen, die neben dem Weihwasserbecken u. a. zum unbeweglichen Bestand der Kirche gehören, gibt es eine Gruppe beweglicher Objekte, die meist aus Holz angefertigt sind. Ihr Bestimmungszweck ist weniger exponiert, was ihnen einen eher möbelartigen, kunstgewerblichen Charakter verleiht. Zu dieser Gruppe gehören Beichtstühle, das Gestühl für die Gemeinde und Chorgestühle (z. B. im Ulmer Münster von Jörg Syrlin d. J., 1469-74; Abb. 43). Auch eingebaute hölzerne Oratorien (Logen für hochgestellte Persönlichkeiten) und hölzerne Orgelgehäuse sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen.

 

GERÄTE.

 

Eine weitere Gruppe von Gegenständen plastischer Gestaltung umfaßt bewegliche Geräte, die für die heiligen Handlungen benötigt werden, oder deren Vorhandensein eine unerläßliche Bedingung für den Weihezustand des Hauses darstellt. Hierher gehören die eucharistischen Altargeräte, tragbare Taufbecken (Abb. 35), Leuchter, Kreuze usw., andererseits Reliquiare (Abb. 34) und Monstranzen, die zum >Heiltumsschatz< gehören und bei besonderen Anlässen der Gemeinde gezeigt werden. Alle diese Geräte sind gewöhnlich plastisch durchgestaltet und zumeist aus Metall gefertigt (Metallarbeiten). Ihr überwiegend kleines Format und die Würde ihrer Bestimmung waren häufig der Anlaß zu kostbaren Arbeiten aus Edelmetallen. Die größten Leistungen auf dem Gebiet kirchlicher Gerätekunst wurden im frühen Mittelalter und innerhalb des Gebietes vollbracht, das das Zentrum des ursprünglichen karolingischen Reiches bildete, also im heutigen Westdeutschland, Nordost frankreichundBelgien. Seit der Regierung Karls des Großen entwickelten sich hier bedeutende Schulen auf dem Boden von höfischen und klösterlichen Zentren. Damals war die aus der Antike abgeleitete Kaiseridee mit der Idee des christlichen Herrschertums so eng verbunden, daß in den hier behandelten Zusammenhang neben illuminierten Handschriften (Buchmalerei) auch die Herrscherinsignien (Krone, Szepter, Reichsapfel usw.) zu zählen sind, die früher in Kirchenschätzen aufbewahrt wurden.

 

Die kirchlichen und weltlichen Geräte sind die bedeutendsten Beispiele plastischer Kunst im frühen Mittelalter. Sie sind aber nicht als Ersatz für verlorene großformige Plastik anzusehen, die es damals kaum gab (Swarzenski). Als diese im Spätmittelalter entwickelt wurde, sank auch die Bedeutung dieser Gruppe von Arbeiten, die bis dahin fast das ganze Feld plastischer Tätigkeit ausgefüllt hatten. Zudem erlangte im Laufe der weiteren Entwicklung die profane Kleinplastik und Gebrauchskunst immer größere Bedeutung, woraus sich eine weitere Einengung ergab. Nach dem 18. Jh. setzte ein allmählicher Verfall der kirchlichen Gerätekunst ein, der entweder zu nüchternen Gebrauchsformen oder zu ausgesprochenem Kitsch führte.

 

Die hier angeführten plastischen Architekturelemente und Geräte ergeben zusammen mit der architektonischen Innengliederung und der Malerei das Gesamtbild eines sakralen Innenraumes, der oft das Ergebnis eines organischen Wachstums im Laufe von Jahrhunderten darstellt. Die Tür (Abb. 47), die in diesen Innenraum führt, war häufig der Anlaß zu plastischer Ausschmückung mit Reliefs aus Bronze oder Holz.

 

Ein weitaus geringerer Spielraum war der Plastik bei der Ausgestaltung von Innenräumen im profanen Bereich geboten. Im Mittelalter beschränkt sich diese Ausgestaltung meist auf nichtfigurale und figurale Bauplastik. Im frühen 16. Jh. beginnt in Italien die dreidimensionale Theaterdekoration eine bedeutende Rolle zu spielen (Bühnendekoration). Ihre phantasievollen Entwürfe sind von großer Wichtigkeit für spätere barocke Innenraumgestaltungen. Im späten 16. Jh. beginnt eine immer intensiver werdende plastische Durchdringung des Innenraumes, die sich überall — von der geschwungenen Wandgliederung aus Stuck bis zum Mobiliar — ausdrückt.