| Historienmalerei |
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| Dienstag, 23. Juni 2009 um 19:06 Uhr | ||
Historienmalerei.
Die Darstellung bestimmter historischer Ereignisse hat ihre Wurzel in den Triumphalbildern des Alten Orients. Doch ist hier und auch späterhin der repräsentative Charakter über den einmaligen Anlaß hinaus entscheidend, auch wenn die Begebenheit detailreich erläutert wird. Diese verallgemeinernde Tendenz herrscht auch in der griechischen Antike vor, die das Typische bevorzugt (Alexanderschlachtmosaik, Bd. I Taf. 34). Auch die realistisch erzählenden römischen Darstellungen dienten der Verherrlichung eines Feldherrn und waren trotz ihres oft großen Formates wohl mehr Triumph- als Historienbilder. Die Übertragung zeitlicher Geschehnisse in sinnbildliche Formulierungen ist für die Kunst des frühen Christentums charakteristisch. So werden die einer Darstellung wert befundenen Fakten in repräsentativ-zeremoniellen Kompositionen festgehalten: Zeremonialbilder, wie sie aus der Vorhalle des justinianischen Kaiserpalastes in Konstantinopel schriftlich, aus dem Lateranspalast (Synodenbilder Leos IV.) in Nachzeichnungen des 16. Jhs. und endlich auch in der Buchmalerei überliefert sind, sind hieratisch-feierliche Bilder mit ganz bestimmten politischen Tendenzen. Die Gegenüberstellung der zeitgenössischen Ereignisse mit Szenen und Personen aus dem Alten Testament, aus antiker Geschichte und Mythologie, wie sie für die Ausstattung der Kaiserp falzen in Aachen und Ingelheim bezeugt ist, betont durch die sicherlich auch formale Gleichsetzung alter und neuerer Geschehnisse das Sinnbild mehr als das Ereignis. Daß eine sachliche, auf die Ereignisse selbst bezogene Darstellungsweise auch im Mittelalter möglich gewesen ist, beweist der Teppich von Bayeux (Schilderung von Vorgeschichte und Schlacht von Hastings, 1066, Abb. 77), obwohl er geraume Zeit nach den geschilderten Ereignissen entstand (textiles Handwerk).
Im späten Mittelalter wendet sich das historische Interesse über die Weltchronik hinaus den Tagesereignissen zu. Dennoch bleiben Berichte, wie der über die Romfahrt Heinrichs VII. (Handschrift im Koblenzer Staatsarchiv) oder die Kämpfe Ottone Visconis (Wandgemälde in Schloß Angera am Lago Maggiore, Anfang 14. Jh.) selten. Eine eigenartige Form des >Ereignisbildes< (Hager) findet in der Toskana, besonders in Florenz, in den sog. Schandbildern Verbreitung, von denen sich über den politisch aktuellen Anlaß hinaus nur eines erhalten hat, die Vertreibung des Herzogs von Athen (1334; Florenz, Altes Stadtgefängnis). Besonders im Norden gilt das Interesse mehr der höfisch ritterlichen Idealsituation als dem Ereignis selbst (Grande Chronique de France, Paris, Bibl. Nat., von Fouquet um 1450 illuminiert).
Über diese Chronikenbilder hinaus geht das Bestreben der >Überschaubilder, (Hager), die sich auch um topographische Fixierung und um sachliche Berichterstattung bemühen. Diese durch die Schweizer Weltchroniken verbreitete Auffassung mit hohem Horizont und kontinuierlicher Erzählung, wie sie etwa Cranachs Jagdbilder aufweisen, hat in Altdor fers Alexanderschlacht nicht allein in formaler Hinsicht einen Höhepunkt erreicht, sie wird, vor allem in der Druckgraphik, bis ins 17. Jh. angewendet.
Weniger berichtende als vielmehr repräsentative Aufgaben erfüllen die Ereignisbilder (Rom, Lateran, Gedenkbild zum 1. anno santo 1300; Simone Martinis Reiterbildnis des Guidoriccio von 1328, zur Erinnerung an die Eroberung von Montemassi im selben Jahr), die ein bestimmtes Ereignis mehr anzeigen als historisch getreu darstellen. Geradezu staatspolitische Bedeutung hat ein Thema der Historienmalerei in Venedig: die Geschichte der Reliquien des Staatsheiligen S. Marco ist seit dem Anfang des 13. Jhs. (Cappella San Clemente in San Marco), sicher noch älteren Vorbildern folgend, bis ins 16. Jh. (Gentile Bellini, Carpaccio) ein ständiges Bildthema.
Das Bewußtwerden der historischen Bedeutung einzelner Geschehnisse führt im 16. Jh. zu einer Zunahme der Historienbilder, die in bewegten Massenkompositionen und einer Unzahl interessanter Details vor allem die militärischen Erfolge einzelner Dynastien und Städte verherrlichen. Häufig wird das eigentliche Geschehen durch allegorische Figuren kommentiert und die Entscheidung göttlichem Wirken, das sichtbar in das irdische Geschehen eingreift, zugeschrieben (Vasaris Schlacht bei Lepanto in der Sala Regia des Vatikan). Zu einer sinnbildhaften Darstellung der Schlacht gelangt Tintoretto, der die Ereignisse einer bestimmten Schlacht über die historischen Gegebenheiten hinaus eigenwertig darstellt (Gonzaga-Zyklus in München).
Im 17. Jh. bestimmt das Ideal des großen Menschen auch die Darstellung geschichtlicher Ereignisse. Mythologische und allegorische Figuren nehmen an dem von der Renaissance entwickelten Reichtum irdisch handelnd Anteil. So idealisiert Rubens die Gestalt der Maria Medici (Gemäldezyklus im Louvre). Die Ausstattung der Barockpaläste setzt die Taten der Helden der Vergangenheit in Beziehung zu den Bewohnern, ja identifiziert jene mit diesen: Ludwig XIV. erscheint in der Spiegelgalerie von Versailles als Alexander, und die Götter des Olymp rüsten für seine Kämpfe. Die Dramatik einer Situation und die Bedeutung eines Menschen werden sowohl durch heftige Bewegtheit, als auch, wie in der >Elbergabe von Breda< von Velasquez (Abb. 88), mit feinen psychologischen Mitteln anschaulich gemacht.
Von den Kunsttheoretikern des 17. Jhs. (Bellori) wird die idealisierte Darstellung des Menschen und seiner Taten, die belehren und erfreuen soll, als edelste Aufgabe der Malerei hingestellt. Die Schätzung des Historienbildes als höchste Gattung der Malerei behauptet sich an den Akademien bis ins 19. Jh. hinein. Die am römischen Pathos geschulte, in Thema und Form groß aufgefaßte Historienmalerei, wie sie Poussin vertritt (Bd. II Abb. 48), und wie sie besonders in Frankreich weiterlebt (Charles Lebrun), wird im 18. Jh. zunächst zugunsten einer verbindlicheren, farbenfreudigeren Auffassung verlassen, doch bringt der Klassizismus des Jahrhundertendes erneut eine Wendung zur Antike. (J. L. David, Schwur der Horatier.) In Deutschland sind A. R. Mengs, A. J. Carstens und F. H. Füger zu nennen. Nachdem bereits zu Beginn des 18. Jhs. der Historienmaler Thornhill erwogen hatte, eine >Landung Georgs I.< frei von allegorischem Beiwerk als reines Ereignisbild wiederzugeben, malt B. West 1771 den Tod des Generals Wolfe als Augenzeuge, und Goya geißelt die Grausamkeit des Krieges mit satirischer Schärfe (Bd. II Ab. 131). Der romantische Historismus des frühen 19. Jhs. entdeckt dann die nationale Geschichte, deren Themen, ebenso wie zeitgenössische >vaterländische< Ereignisse, in genrehaften Darstellungen bilderbogenartig ausgebreitet werden (Schnorr von Carolsfeld). Mit Aufkommen des Stimmungsnaturalismus und des Frühimpressionismus verschwinden die historischen Themen immer mehr aus der Malerei. Menzels Bilderserie aus dem Hofe Friedrichs II. und Manets Erschießung Maximilians von Mexiko weisen nichts mehr von dem hohen Pathos auf, das für die Historienmalerei so charakteristisch ist, das aber in den stilisierten Darstellungen F. Hodlers (Universität Jena) wieder zu beobachten ist. Aus dem Themenkreis der modernen Malerei ist die Darstellung historischer Themen so gut wie gänzlich verschwunden und die Ereignisbilder werden durch die dokumentarische Photographie ersetzt. Als modernes Historienbild ist Picassos >Guernica< aufzufassen, in dem mit formalen Mitteln der historische Anlaß ins Sinnbildhafte gesteigert ist.
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