| Städtebau |
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| Montag, 29. Juni 2009 um 19:14 Uhr | ||
Städtebau.
Die Stadt ist ein Gemeinwesen. Sie verdankt ihre Entstehung dem Zusammentreffen von soziologischen, wirtschaftlichen, politischen und geographischen Faktoren. Die Stadt beschäftigt die kunstgeschichtliche Forschung in dem Maße, als ihre sachlich-praktischen Gegebenheiten von künstlerischen Gestaltungsformen gegliedert und zu übergreifenden Einheiten zusammengefaßt werden.
Die Stadt als >totales Kunstwerk< existiert in der Regel nur in der utopischen Phantasie des Architekten. Die Verwirklichung zwingt meist zu Abstrichen. Auch stellt jede Zeit andere städtebauliche Anforderungen. Epochen der raschen Expansion begünstigen die Entstehung von Kolonialstädten, andere, wieder, in denen die politische Macht zu stärkster Ballung gelangt, konzentrieren sich auf deren Symbolisierung im Typ der Residenzstadt. In Zeiten, die mit den vorhandenen Städten ihr Auslangen finden, rückt deren Neugliederung (z.B. die verkehrstechnische Erschließung) in den Vordergrund. Einmal muß also der Städtebauer Neuschöpfungen konzipieren, das andere Mal muß er das bereits Vorhandene bearbeiten. Der Umfang seiner Aufgaben hängt von der Bedeutung ab, die etwa der Verteidigung, dem Wohnwesen oder der Einrichtung sanitärer Anlagen zugemessen wird. Betrachtet man die Stadt als Kunstwerk, so sind an ihr vornehmlich drei Formgattungen beteiligt: die Baukunst, die Plastik (Denkmäler, Brunnen) und die Gartenkunst. Diese drei Elemente bewirken das städtebauliche >Gesamtkunstwerk<, ihr jeweiliger Anteil unterliegt dem geschichtlichen Wandel. Man könnte auch abstrakt formulieren und sagen: die Stadt besteht aus Körpern und deren Umraum, d. h. aus einer Anzahl von Bauwerken bzw. Denkmalen und deren Umhüllung von Straßen, Plätzen und Gärten.
GRUNDTYPEN DER EUROPÄISCHEN STADT.
Die Forschungen Josef Gantners haben aus der Fülle der Städtegrundrisse zwei Grundtypen hervortreten lassen, von denen die Entwicklung des europäischen Städtebaues bis in unsere Gegenwart bestimmt wird: 1. die planimetrisch unregelmäßige Stadt, die sich an das Terrain oder an architektonische Kraftzentren anlehnt; 2. die planimetrisch regelmäßige Stadt, die ohne Rücksicht auf das Gelände ein bestimmtes geometrisches Ordnungssystem vorträgt. Der eine Typus erweckt den Eindruck irrationalen, organischen Wachstums, der zweite verkörpert das Prinzip rücksichtsloser, rationaler Planung. Die >immanente Dualität< dieser Grundtypen ist nicht nur auf das Abendland beschränkt, sie läßt sich bis in die Vorzeit zurückverfolgen. Bereits die Hethiter wählten für die Umwallung ihrer Siedlungen die Kreisform. Die älteste Stadt, von der sich Reste erhalten haben, Kahun in Ägypten (etwa 2500 v. Chr. für Bauleute errichtet), weist den Schachbrettplan auf. Anderseits tritt in Thera, einer dorischen Gründung aus dem 9. Jh., bereits der Typus der irregulären Stadt auf, die sich dem Gelände anpaßt.
Ein typengeschichtlicher Überblick zeigt, daß beide Grundformen seit dem Altertum nebeneinander existieren. Aristoteles meint, die unregelmäßige Stadt sei besser zu verteidigen, die regelmäßige hingegen gesünder und dem Verkehr leichter zu erschließen. Wie weit der griechische Baumeister Hippodamos von Milet (geb. um 480 v. Chr.) als Neuschöpfer oder als Propagator des Rasterplanes (Schachbrett) zu gelten hat, ist schwer zu entscheiden. Gantner plädiert für die letztere der beiden Annahmen. Nachgewiesen ist er als Baumeister der athenischen Hafenstadt Piräus, am Bau von Milet hat er mitgewirkt. Die >hippodamische< Grundrißgestaltung weisen die Neugründungen von Priene, Milet, Selinunt und Knidos auf. Dieser Grundriß wird für die hellenistische Stadt verbindlich, doch behauptet sich daneben der unregelmäßige Typus (Pergamon, Sikyon, Messene, Athen).
Rasterstädten wie Milet fehlten die planimetrischen Kraftlinien: alle Straßen und Baublöcke waren im Prinzip gleichrangig, das Schachbrett konnte endlos fortgesetzt werden. Aus diesem undifferenzierten Schematismus entwickeln sich in Griechenland zwei Elemente, die in die Zukunft weisen: die beiden betonten Hauptstraßen und die Potenzierung des Achsenkreuzes durch einen Hauptplatz, die Agora (Priene und Selinunt). Diese Motive werden von der befestigten römischen Militärstadt übernommen und um ein drittes bereichert: die rechteckige Begrenzung zum Stadtblock. (Diese Gepflogenheit begegnet bereits in Kahun und Babylon.) Eine Vorform besitzt das römische >Castrum< in den etruskischen Städten, mit dem Unterschied, daß bei diesen die beiden Hauptachsen (cardo und decumanus) nicht unbedingt durch die Stadtmitte verlaufen müssen. Der Rasterplan, Sinnbild des organisatorischen Rationalismus, wird vom römischen Weltreich bevorzugt, er verbreitet sich, der militärischen Macht folgend, in den europäischen und nordafrikanischen Provinzen (Reste u. a. in Florenz, Toledo, Wien, Paris). Timgad (Algerien), das 100 n. Chr. von Trajan gegründet und gebaut wurde, zeigt diesen Stadttypus in gut erhaltener Form.
Die Stadttypen der Antike lassen sich — nach Gantner— in fünf Grundformen unterbringen: 1. die irreguläre Bergstadt (Thera, Pergamon), 2. die reguläre Bergstadt (Selinunt, etruskische Gründungen), 3. die Rasterstadt in der Ebene (Milet), 4. die Rasterstadt im Gebirge (Priene) und 5. das Castrum in der Ebene (Timgad). Mit Ausnahme des zweiten Typus werden alle diese Formen im Mittelalter beibehalten. Die romantische Auffassung vom >gewachsenen< Mittelalter wird den Tatsachen nicht gerecht. Sie übersieht, daß besonders in den Jahrhunderten räumlicher Expansion immer wieder auf den antiken Stadtplan zurückgegriffen wurde. Ein schönes Beispiel dafür ist Aigues-mortes (13. Jh.) in Südfrankreich, das auch den im Mittelalter seltenen rechteckigen Umriß aufweist (Abb. 23).
Den antiken Rasterstädten fehlte die Berücksichtigung beherrschender Blickpunkte: auch die hervorragenden öffentlichen Gebäude wurden dem deduktiven geometrischen Schema eingepaßt. (In den unregelmäßigen Anlagen standen sie in einem ungebundenen Verhältnis zueinander.) Demgegenüber stellt die Ausrichtung nach >architektonischen Dominanten< einen bedeutsamen Wandel, vielleicht sogar eine städtebauliche Neuschöpfung des Mittelalters dar. Als Dominanten kamen Straßen und Plätze, Kirchen und Burgen in Frage. Neben den architektonischen Kraftzentren benutzte der unregelmäßige Stadttypus auch die natürlichen. An Flüssen und Seen entstanden Ufer- und Brückenstädte, auf den Anhöhen Burgenstädte. Diese organischen Stadtformen sind im Mittelalter in der Mehrzahl. Die unregelmäßige Stadt ist als Ergebnis eines induktiv-empirischen Prozesses zu verstehen, sie läßt sich nicht auf eine Formel bringen.
Anders verhält es sich mit dem regelmäßigen Stadttypus, an dessen geometrischen Grundelementen das Wechselspiel von Körper- und Raumformen deutlich abzulesen ist. Man kann beobachten, daß dieselben Grundelemente (Kreis und Halbkreis, Recht- oder Vieleck) zu verschiedenen Zeiten als Grundrisse bald von Körper-, bald von Raumformen auftreten. Der Grundriß von Timgad ist dem des römischen Hauses analog, er kann daher auch auf die Palastanlage übertragen werden, wie der Diokletianspalast in Spalato (315 n. Chr.) zeigt. Auch der Plan des Klosters St. Gallen (um 820) folgt dem Rechteckschema, welches später — nicht mehr als Körper-, sondern als Raumform — in den rechteckigen Platzanlagen des 17. und 18. Jhs. wieder auftaucht, in deren Straßenkreuz cardo und decumanus weiterleben (Place de la Concorde in Paris, 1763). In den kreuzförmigen Wohnhochhäusern des 20. Jhs. verwandelt sich das Straßenkreuz in eine Körperform. Das antike Rhodos besaß amphitheatralischen Grundriß. Auch diese geometrische Form kann in eine Raumform umgesetzt werden. Ein spätmittelalterliches Beispiel ist der Hauptplatz von Siena, ein neueres der sog. >Royal Crescent< in der englischen Bäderstadt Bath (John Wood d. J., 1769), wo ein halbkreisförmiges Wiesenstück von einer Häuserreihe in Form eines Halbmondes umschlossen wird. So treten, besonders seit der Renaissance, die geometrischen Muster bald als Körper ( = Baublöcke), bald als Räume (= Plätze, Gärten) auf. Gemeinsam mit den fortwirkenden Elementen der unregelmäßigen Stadt bestimmen sie die Grammatik des heutigen Städtebaues.
DIE NEUZEITLICHE STADTPLANUNG.
Mit der Renaissance bricht eine neue Ära des Städtebaues an. Wie alle Bereiche des Schöpferischen erfährt auch die Stadtplanung den Einbruch theoretischer Spekulation. Lösungen, die das Mittelalter auf empirischem Weg fand, werden nun völlig voraussetzungsfrei auf dem Reißbrett durchdacht — so etwa die Differenzierung der Stadtviertel nach Berufsgruppen oder die Ausrichtung nach >architektonischen Dominanten<. Notwendig rückt die allgemeine Besinnung auf die Antike den geometrischen Grundriß in den Mittelpunkt des Interesses (Architekturtraktat des Vitruv, Kunstlehre). Die rationale Durchsichtigkeit wird dem Altertum abgesehen, doch die unmittelbaren Vorlagen entstammen oft mittelalterlichen Grundrißformen. (So wird z. B. die mittelalterliche Radialanlage von der >Sternstadt<, Abb. 24, dem Idealtyp der Festungsstadt, rationalisiert.)
Das Bedürfnis nach exemplarischen Lösungen drückt sich in zahlreichen Architekturtraktaten aus, die seit der Mitte des 15. Jhs. geschrieben werden und um den Gedanken der >Idealstadt< kreisen. Wenn auch diese Projekte zunächst auf dem Papier blieben, kommt ihnen als Ansatz zu moderner >soziologischer Planung< (Rosenau) bahnbrechende Bedeutung zu. Die interessantesten Gedanken finden sich bei Alberti (1404-72) und Filarete (1400-69), dem >Erfinder< der Sternstadt. Alberti betonte die gemeinnützigen Aufgaben der Stadtplanung (Schulen, Krankenhäuser, Wohnhäuser für Grundbesitzer und Landarbeiter) und forderte deren Anpassung an die gesellschaftlichen Bedürfnisse. In Filaretes Idealstadt >Sforzinda< waren eigene Viertel für die verschiedenen Berufsstände und sogar eine Handwerkersiedlung vorgesehen. Verwirklicht wurde die geometrische Retortenstadt erst in den folgenden Jahrhunderten (Palma Nuova, 1593 von Scamozzi, Abb. 24; Grammichele 1693).
Bedingt von den wechselvollen politischen Verhältnissen blieb der tatsächliche städtebauliche Ertrag der Renaissance weit hinter den theoretischen Vorschlägen zurück. Er stützt sich auf zwei Merkmale der allgemeinen kunstgeschichtlichen Entwicklung: die raumgliedernde Perspektive und den allseitig sichtbaren Zentralbau - auf den räumlich exakten Ablauf und auf den plastischen Einzelkörper. Zwei gegensätzliche Tendenzen - eine zusammenfassende und eine isolierende - treten damit in Erscheinung. Den unregelmäßigen mittelalterlichen Stadtgrundrissen fehlte das straff koordinierende Prinzip der Fluchtachsen, die überschaubare Ordnung, ebenso wie der Malerei die zentralperspektivische Dreidimensionalität abging. Die Renaissance bezieht die Raumkörper auf einen Fluchtpunkt. Auf das Straßenbild übertragen, bedingt dies die linealgerade Häuserreihe und die Einsetzung einer >architektonischen Dominante<. Die Vorliebe für den baulichen Einzelkörper hindert jedoch vorläufig, daß auch die Konsequenz - die einheitlich gestaltete Straßenzeile - akzeptiert wird. Jedes Haus wird als geschlossene Ganzheit behandelt. Die Vereinheitlichung des Straßenbildes setzt sich am frühesten in der rechteckigen Platzanlage durch (Vigevano bei Mailand, 1493/94). Auch die erste homogene Straßenfront wurde ursprünglich als >Piazza< bezeichnet: Vasaris Uffizien in Florenz (1560-64).
Die Perspektive erschließt neue Raumwirkungen; in ihrem Dienste steht (seit Bramante) die Treppenanlage, die Baugruppen verschiedener Höhenlage verbindet; sie ermöglicht die Koordinierung von Platzreihen oder das Alternieren von Straße und Platz; sie fordert den architektonischen Blickpunkt und dessen Fassung zu einer optischen Bildbühne (vgl. Michelangelos Gestaltung des Kapitols in Rom, beg. 1536); diese wieder bedingt die Einführung achsensymmetrischer Entsprechungen, also z. B. das gegenseitige Abstimmen von gegenüber liegenden Häuserfronten. Aus diesen methodisch bedeutsamen Ansätzen sollten das 17. und 18. Jh. ihre städtebauliche Grammatik entwickeln.
Die barocke Stadtplanung beginnt unter dem Pontifikat Sixtus V. (1585-90). Dieser Papst versieht Rom mit dem >ersten Verkehrsnetz einer modernen Stadt< (Giedion). Bemerkenswert an seinen großzügigen Planungen, mit deren Ausführung er Domenico Fontana (1543-1607) betraut, ist zunächst die Erschließung urbanen Neulandes unter >denkmalpflegerischer< Wahrung des Vorhandenen. Der mittelalterliche Stadtkern bleibt von den neuen Straßenzügen unberührt. Diese stellen die kürzeste Verbindung zwischen den sieben heiligen Stätten her, die ein Pilger an einem Tag zu besuchen hatte. Die Verkehrserschließung steht im Dienste des Glaubens, sie macht aus Rom ein riesiges, weitverzweigtes Heiligtum. Um den langen Straßenzeilen plastische Haltpunkte zu geben, werden auf wichtigen Plätzen Obeliske aufgestellt. (So z. B. an der Piazza del Popolo, wo mehrere Fächerstraßen an einem Punkt zusammenlaufen. Dieser Gedanke wurde später — Versailles, Karlsruhe — häufig nachgeahmt.) Nicht übersehen sei der soziale Aspekt der sixtinischen Vorhaben, den Giedion hervorgehoben hat: er umfaßt den Bau einer Wasserleitung und die Anlage von monumentalen öffentlichen Trinkwasserbrunnen.
Damit sind der Zukunft bereits die großen Aufgaben vorgezeichnet: die Koordinierung großer verkehrstechnischer Zusammenhänge und die Schaffung räumlicher Zentren in Gestalt von Plätzen. Das 17. Jh. widmete sich dem Bemühen, den Stadtkörper linear zu gliedern und seine kompakte Masse durch Anlage von Plätzen von innen her zu >lüften<. Zwei Möglichkeiten boten sich an: a) die Kombination verschiedenformiger Grundrisse (z. B. Berninis Petersplatz in Rom, der einen trapezoiden Grundriß mit einem ovalen verbindet), woraus sich im 18. Jh. die rhythmische Platzfolge (Nancy) ergibt; b) die Beschränkung auf einfache Grundformen (Kreis, Recht- und Vieleck), wie sie mit vorbildlicher Geschlossenheit in Paris verwirklicht wird: Place des Vosges (1612), Place des Victoires (1685) und Place Vendôme (1708). Der erste dieser Plätze wird von homogenen Häuserfronten umschlossen, die aber noch individuelle Gliederung verraten, der letzte stellt die durchlaufende Fassade über den Einzelbau. Daraus ergibt sich das Problem der Fassade. Um den Straßen und Plätzen einheitliche Rahmung zu geben, muß die individuelle Baueinheit der übergreifenden Ordnung weichen. Hier deutet sich bereits ein Konflikt an, der im 19. Jh. katastrophale Folgen haben sollte: die Fassade verdrängt den Baukörper, hinter den Schaufronten verbirgt sich das ungeordnete Chaos. Man baut dann nicht mehr von innen nach außen, sondern schneidet Straßen und Plätze aus der amorphen Häusermasse heraus.
Das barocke >Diktat< der Perspektive brachte auch ein Gutes mit sich: die Öffnung des Stadtkörpers aus mittelalterlicher Abschnürung in die landschaftliche Umgebung. Ansätze dazu finden sich bereits in der Komposition römischer Villengärten der Spätrenaissance (Gartenkunst). Bezeichnend ist, daß die Verbindung von Architektur und Natur zunächst auf den Lebensraum der herrschenden Gesellschaftsschicht beschränkt bleibt. Die Anlage von Versailles (1668-84) ist dafür beredtes Beispiel (Abb, 27). Ein stolzer Herrscher unterwirft sich die Natur, er macht aus ihr ein streng durchrationalisiertes Bühnenbild. Seine grenzenlose Macht besitzt in den scheinbar uferlosen Erstreckungen des Parks ihre symbolische Entsprechung. Beispielgebend war Versailles für die noch strengere Radialanlage von Karlsruhe (1715, Abb. 25), in gemilderter Form hat es den Stadtplan von Washington (1791) beeinflußt.
Die Schloßanlage des Absolutismus bringt keine organische Verbindung von Architektur und Landschaft zustande, sondern eine Konfrontation: die Natur wird geregelt, nicht einbezogen. Ungleich fruchtbarer ist darum der Wechselbezug zwischen Stadtbild und natürlichem Umraum, der sich zu Beginn des 18. Jhs. in England anbahnt, wo übrigens zur gleichen Zeit die französische Gartenarchitektur durch den organischen Landschaftsgarten ersetzt wird. In der südenglischen Bäderstadt Bath wird das Wechselgespräch zwischen Architektur und Natur, zwischen Raum- und Körperformen in exemplarischer Weise veranschaulicht. Dieser Zug ins Offene entspricht dem englischen Lebensstil. Dem Gelände angepaßt, baut John Wood d. J. den sog. Royal Crescent, einen einheitlich gestalteten Halbkreis von Wohnhäusern, der sich ins freie Gartenland öffnet, und einen kreisrunden Platz (Royal Circus, 1764), in dessen Mitte eine mächtige Baumgruppe steht. Das ist symptomatisch: wo früher die >architektonische Dominante< — die Kirche oder das Schloß — stand, erhebt sich nun das Sinnbild organischen Wachstums. England ist auch der Schauplatz einer anderen Akzentverlagerung: in London vollzieht sich die Umwandlung des Stadtplatzes in eine dem Verkehr entzogene Grünanlage (Grosvenor Square, beg. 1695). Erst gegen Ende des 18. Jhs. wird dieser >Gartenplatz< vom Kontinent übernommen (Garten des Palais Royal in Paris, 1781-84).
Im 19. Jh. laufen zwei städtebauliche Tendenzen nebeneinander. Die eine widmet sich der Modernisierung des alten Stadtkörpers der Residenzstädte (Paris, Wien); die andere, von utopischer Großzügigkeit inspiriert, nimmt den Renaissancegedanken der Idealstadt wieder auf. Während die nordamerikanischen >Kolonialstädte< nahezu zwangsläufig auf den hippodamischen Rasterplan zurückgreifen (Penn's Plan von Philadelphia, 1612) und ungeheure Dimensionen annehmen, erkennt man in Europa die Notwendigkeit, die Hauptstädte dem raschen Bevölkerungszuwachs und den Bedingungen der >industriellen Revolution< anzupassen. Was zu Beginn der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Paris und Wien unternommen wird, ist die letzte Apotheose barocker Raumdisposition und Prachtentfaltung. Der Pariser Stadtgestalter Haussmann führt weiter, was von Sixtus V. in Rom begonnen und in Versailles mit französischer Ratio systematisiert wurde: die radikale Erfassung großer Flächenräume durch ein zusammenhängendes Straßensystem. Im Zentrum von Haussmanns Tätigkeit (1853-69) steht die Straße, seine perspektivische Intransigenz macht aus ihr das architektonische Gerüst des neuen Stadtbildes. Die einseitige Berücksichtigung der Raumformen führt zur Verkümmerung des Baukörpers und zu dessen Abflachung in der Schaufassade. (In seinem Bestreben, die >Korridorstraße< aufzubrechen, ist der Städtebau des 20. Jhs. den Grundsätzen Haussmanns entgegengesetzt.) Die Planung eines Grüngürtels an der Wiener Peripherie stellte eine weitblickende Tat dar. Weder in Paris noch in Wien wurde jedoch organisch geplant. Die Wohn- und Lebensprobleme der arbeitenden Massenbevölkerung blieben unberücksichtigt.
Die andere Richtung geht umgekehrt vor: sie trägt nicht die domestizierte Natur in die Stadt, sondern versetzt die Stadt in das freie Gelände. 1812 plant John Nash, dem Beispiel von Bath folgend, ein >unregelmäßiges< Stadtviertel im Londoner Regents Park. Das Projekt wurde nicht ausgeführt, doch nimmt der Gedanke der locker disponierten, keiner Perspektive verpflichteten Wohneinheiten die Gestaltungsweise des 20. Jhs. vorweg (Abb. 29). Bedeutsam ist, daß Nash nicht von der Straße, sondern vom architektonischen Einzelkörper ausgeht. Bereits 1776 beginnt Ledoux den (später eingestellten) Bau der Salinenstadt Chaux, in der erstmals die moderne Industriestadt als Bauaufgabe erkannt wird. Die kommunalen Bauaufgaben (Märkte, Bäder, Gemeinschaftshäuser) werden in die geometrisch >regelmäßige< Radialanlage eingeplant. Dennoch liegt auch bei Ledoux die Betonung auf dem isolierten Architekturgebilde. Die Suche nach der organisch zusammenwirkenden städtischen Cemeinschaftsform führt notwendig zur Abkehr von der geplanten Riesenstadt und läßt die unregelmäßig gewachsene Stadt des Mittelalters in einem idealen Licht erscheinen. In England beschreibt William Morris die Vision der mittelalterlichen Kleinstadt — sein Wunschbild übernimmt Sir Ebenezer Howard in der >Gartenstadt< (1898), die auf 30000 Einwohner beschränkt bleiben soll. In Österreich predigt Camillo Sitte die romantische Rückbesinnung auf das mittelalterliche Stadtbild.
DIE HEUTIGE SITUATION DES STÄDTEBAUES.
Auch im 20. Jh. gliedern sich die Aufgaben des Stadtplaners in zwei Kategorien: in die Ausgestaltung und Adaptierung der bestehenden Städte und in die Schaffung neuer Gemeinwesen. Im ersteren Fall sind seiner Initiative Grenzen gezogen. Sie muß sich mit der Lichtung der Altstädte (unter Wahrung historisch bedeutsamer Viertel) mit der Anlage neuer Verkehrswege (Umfahrungsstraßen) und mit der Kontrolle der wuchernden Vorortzonen begnügen. Dir Zerstörungen des 2. Weltkrieges haben dem >angewandten, Städtebau neue, allerdings nicht immer wahrgenommene Möglichkeiten erschlossen. In Hannover wurde der Differenzierung der Verkehrswege (Fernstraßen, Zubringerstraßen, Fußgängerpassagen) und der Lockerung des Stadtkerns das Hauptaugenmerk zugewandt. In Holland bietet der Wiederaufbau von Rotterdam vorbildliche Lösungen. Als gesetzliche Grundlage setzt sich seit dem Beginn des Jahrhunderts der behördliche Bebauungsplan durch (Schweden 1874, Holland 1901, Preußen 1904, Großbritannien 1909). Dem barocken Impetus folgend dringt das moderne Stadtwesen immer mehr in den Landschaftsraum vor. Folgerichtig erweitert sich damit die Tätigkeit des Stadtplaners zu der des Landschaftsgestalters. (Bereits im ausgehenden 18. Jh. forderte Boullée eine Gesamtplanung für ganz Frankreich.) Mit der Anlage von Satellitenstädten, die die Großstädte entlasten sollen, geht die angewandte in de totale Stadtplanung über. Diese ist nicht mehr chirurgische Eingriff, sondern Neuschöpfung.
Der erste Grundsatz der totalen Stadtplanung ist die organische Differenzierung, der zweite die organische Synthese. Das Wunschziel ist ein Gemeinwesen, das menschliches Maß besitzt. Der Stadtbewohner soll in Harmonie mit sich selbst und seiner Umwelt leben. Le Corbusier, einer der kühnsten Köpfe unter des gegenwärtigen Urbanisten, hat in einer seiner Schriften eine Aufzählung der konkreten Elemente gegeben, die der Humanisierung und Koordinierung harren. Man ermißt daraus den totalen Umfang der zu bewältigenden organisatorischen und bauschöpferischen Aufgaben: a) die Verkehrsflächen (Eisenbahnlinie, Flughafen bzw. Landeplatz für Helikopter, Umgehungsstraßen für den Fernverkehr, Verbindungsstraßen zu den Wohnanlagen) b) die Stadtviertel (Wohnviertel, Geschäftsviertel und dien einem >untadeligen Gesamtkomplex< gruppierten Industriebetriebe); c) die >Zentren< (das religiöse Zentrum, das Gemeinschaftszentrum mit den kommunalen Verwaltungsgebäuden, Theater, Kino, Museum und Festsaal). Diese Planung versucht gleichermaßen vier >Funktionen< gerecht zu werden: dem Wohnen, der Arbeit, der Erholung und dem Verkehr (Abb. 30).
In der Praxis bedeutet diese Differenzierung die Trennung von Wohneinheit und Straße. Dadurch wird dem Baukörper seine Autonomie zurückgegeben, er ist nun nicht mehr der Trabant einer selbstherrlichen Straßenperspektive. Aus seiner Isolierung ergibt sich das Problem der Koordinierung. Die im Grüngelände verstreuten Wohneinheiten sollen nicht den Eindruck monotoner Addition erwecken. Auch die Straße zieht aus dieser Trennung Gewinn: sie wird nun freier, organischer geführt und der Landschaft eingeordnet. Die Differenzierung drückt sich auch innerhalb der Verkehrsflächen aus: Fußgängerwege werden vom übrigen Verkehr abgesondert (woran übrigens schon Leonardo dachte), der Nahverkehr wird aus dem Fernverkehr herausgenommen. Die Differenzierung der Stadtviertel (s. o.) stellt den Architekten vor die Aufgabe, innerhalb eines formalen »Generalnenners« (Gropius) Bautypen zu entwickeln, welche die Bestimmung der einzelnen Viertel anschaulich machen. Auch hier ist Einförmigkeit eine Gefahr. »Die Formenwahl wird durch die Natur des Standortes, durch seine Topographie und durch die umgebende Landschaft bestimmt« (Le Corbusier). Geometrische Grundrisse (Ypsilon, Kreuz, Kreis, Rechteck usw.) erinnern an die Typen der Idealstädte, andere passen — ähnlich dem >Royal Crescent< — ihre geschwungene oder s-förmige Gestalt dem Gelände an. Die bereits erwähnte isolierende Tendenz der vertikalen Wohneinheit wurde von Le Corbusier bis zur letzten Konsequenz verwirklicht: er machte aus dem Wohnhaus ein selbständiges >Stadtviertel< mit einem Gesundheitsdienst (Apotheke und Notspital), Sportanlagen, Kindergarten und Sonnenbädern (Cité radieuse in Marseille, 1947-52). Im flachen Dach besitzt das Haus seinen eigenen >Gemeindeplatz<.
Das 19. Jh., das keine Brücke vom Individuum zum Kollektiv fand, hatte für den gemeinschaftsbildenden Impuls des Städtebaues kein Organ. Nur utopische Architekten (Ledoux) und Sozialreformer (Fourier) dachten an die Schaffung von Gemeinschaftshäusern. Das 20. Jh. versucht diese Gedanken zu realisieren. Es erinnert sich dabei der griechischen Agora, des römischen Forums und der mittelalterlichen Domplätze. Seit einigen Jahren entstehen im Stadtkern nordamerikanischer Großstädte (Boston, Detroit, NewYork) sog. >Civic Centers< — Schwerpunkte, in denen sich das kommunale und das geistig- künstlerische Leben konzentriert. Was in den USA nachgeholt werden muß, kann von urbanen Neuschöpfungen bereits beim Gesamtentwurf berücksichtigt werden. Ein Beispiel dafür ist Brasilia, die neue Hauptstadt von Brasilien. |
























































