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Fischer Lexikon Bildende Kunst 3
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Donnerstag, 02. Juli 2009 um 19:15 Uhr |
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Wand- und Monumentalmalerei. Monumentale Wandmalern gehört zu den frühesten Zeugnissen menschlicher Kultur. Die altsteinzeitlichen Höhlenmalereien (vorgeschichtliche Kunst) des franco-kantabrischen Kulturkreises in Frankreich (Lascaux) und Spanien (Altamira) zeigen lebendigere Darstellungen in einer sehr malerischen, fast impressionistisch zu nennenden Technik. Wahrscheinlich dienten diese Abbildengen magisch-kultischen Aufgaben, denn sie sind in unbeleuchteten und unbewohnten Grotten angebracht; oft sind verschiedene Darstellungen übereinander gesetzt. Aus den streumusterartig über die Fläche verteilten Einzeldarstellungen entwickelt sich ungefähr seit dem fünften Jahrtausend in der Kunst des Alten Orients und Ägyptens ein streng reihendes Dekorationssystem kultischer und hieratischer Szenen. Ohne Tiefenraum und ohne plastische Körperangabe bilden sie farbig gefüllte Umrißzeichnungen, oft sind sie als bemaltes Flachrelief ausgeführt. Wichtige Personen sind durch Größe hervorgehoben (Bedeutungsperspektive), und zwischen die Figuren werden, besonders in Ägypten, Schriftzeichen gleichberechtigt in das dekorative Gerüst eingesetzt. Trotz der strengen Profilansichtigkeit und der verhältnismäßig geringen Zahl der Bewegungsmotive vermitteln diese Ausstaltungen, die sich vor allem in den Grabkammern erhalten haben, ein anschauliches Bild auch vom täglichen Leben des alten Ägypten. Im 14 Jh. v. Chr. erfolgt unter Amenophis IV. (1377-58) eine überraschende Wendung zu einem naturalistisehen Realismus, der bisher nur bei den Tierdarstellungen möglich war. Diese Darstellungsart hängt mit einer Veränderung des Kultus zusammen und wird nach dem Tod Amenophis' IV. wieder verlassen. Erst in der Spätzeit erfolgt eine neue Wendung zu malerischem Naturalismus. Die frühchristliche Wandmalerei der Katakomben folgt zunächst der Antike, bringt aber bald völlig unantikische Liniendekorationen und steigert die figurale Malerei zu einer neuen Expressivität. (Als wohl frühestes Beispiel dieser Art gilt die Lucina-Katakombe in Rom aus der 2. Hälfte des 3. Jhs.) Mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion (391) erfolgt auch eine Monumentalisierung der Malerei. Vor allem die für frühchristlichen Basiliken werden an Apsis und Triumphbogen mit Mosaiken und Fresken der heiligen Personen geschmückt, während an den Langhauswänden, wenn überhaupt, kleinere Bilderzyklen aus dem Alten und Neuen Testament (Rom, Sta. Maria Maggiore, Abb. 72), einzelne Heiligenlegenden oder Reihen von Heiligen angebracht wurden. Diese relativ eng begrenzten Darstellungen haben vor allem im ostkirchlichen Bereich (byzantinische Kunst) und seiner Einflußsphäre von Italien (besonders in Rom, Ravenna, Mailand, Venedig und Sizilien) bis Rußland (russische Kunst) eine lange Tradition Weltliche Personen werden nur in dienender Funktion, als Stifter, im Gebet oder zum Gottesdienst schreitend (Ravenna, Bd. II Abb. 1) in die Darstellung aufgenommen. Bezeichnend für die Wichtigkeit des Inhaltlichen ist die Vernachlässigung der illusionistischen Mittel und der malerischen Modellierung, die der Antike zur Verfügung standen, zugunsten einer eindringlichen Zeichenkunst, die stark expressive Formen annehmen kann. Diese Signifikanz des Inhaltlichen kennzeichnet die mittelalterliche Kunst bis zum Auftreten der Renaissance. Innerhalb dieser mittelalterlichen Kunst lassen sich, vor allein im ostkirchlichen Bereich (Byzanz), der sich seit der im 4. Jh. einsetzenden Kirchentrennung auch künstlerisch vom Westen entfernt, eine Reihe von >Renaissancen< beobachten. So vor allein im 9./10. Jh. (Makedonische Renaissance), als nach dem Bildersturm (726-843) die bildliche Darstellung neuerlich wichtig wird und der Anschluß an die frühchristliche Darstellungsart mit antiken Mitteln wieder aufgenommen wird. Gleichzeitig erfolgt in Rom, wo die ganze Zeit das malerische Vorbild der ja noch sichtbaren antiken Dekorationen stärker wirkte, ein bewußter Rückgriff auf die ältere Malweise. Ebenso läßt sich im Reiche Karls des Großen ein Wiederaufleben antiker Elemente feststellen (Karolingische Renaissance). Doch kann man im Gegensatz zur Buchmalerei bei der Wandmalerei — bedingt auch durch die schlechte Erhaltung der wenigen bekannten Beispiele in Südtirol (Mals, Mustair), am Rhein (Trier), in Mittelfrankreich (Germigny-des-Prés) und Spanien (Tarrasa, Santulliano) — nicht von einem einheitlichen Stil sprechen. An Ausstattungsprogramm und Dekorationsschema dürfte sich der frühchristlichen Zeit gegenüber nicht viel verändert haben. Möglicherweise spielten in den Kaiserpfalzen und Schlössern profane Themen eine gewisse Rolle (Wissenschaften und Künste in Germigny-des-Prés). Die nachfolgende ottonische Wandmalerei (10., 11. Jh.) hat wieder einen flächigen Charakter mit großkurvig geschwungenen Linien, überschlanken Figuren, die über dem Boden zu schweben scheinen, und ausdrucksstarken Gesten (Oberzell, Reichenau). Dafür ist zweifellos die Buchmalerei unmittelbares Vorbild. Auch im Osten kommt es zu einer Vernachlässigung der Organik des Körperlichen zugunsten der Betonung und Isolierung der Einzelteile, so daß der Körper schließlich aus einer Anzahl in sich geschlossener Linienkompartimente zusammengesetzt erscheint, bis eine neuerliche Renaissance (Paläologische Renaissance., 2. Hälfte 13./14. Jh.) wieder stärker die antike Grundhaltung betont. Hier wird auch die Technik des Mosaizierens weiter gepflegt, die Westen nur vereinzelt und da unter byzantinischer Anleitung vorkommt (Venedig, Sizilien, Bd. II Abb. 2). Im Laufe des 12. Jhs. macht sich in der romanischen Kunst des Westens immer stärker ein neuerlicher byzantinischer Einfluß bemerkbar. Ganze Ausstattungsprogramme (Civate, Pietro al Monte), einzelne Kompositionen und Motive finden sich in derselben flächigen, gliedernden Malweise in Italien (S. Angelo in Formis), den Alpengebieten (Salzburg-Lambach), Deutschland (Fulda), in Frankreich (Berzé-laVille) und in Spanien (Panteon de los reyes), ja selbst in England (Canterbury) und Skandinavien (Skibet in Jütland). Die großen Mauerflächen der romanischen Bauten erlauben eine großzügige malerische Ausstattung, die ihre Bildzyklen bis in die Gewölbe ausdehnt (>Bilderbibel< in Saint-Savin-sur-Gartempe, Bd. II Abb. 43). Mit der Ausbreitung der Gotik seit dem 13. Jh. verschwinden an den Bauten die großen Wandflächen und mit ihnen die Wandmalereien. Ihre Aufgabe wird von der neu auftretenden Plastik und der Glasmalerei übernommen. Allerdings spielt die farbige Ausstattung nach wie vor eine Rolle. Dekorative Malereien an Architekturstücken und im Gewölbe bleiben ebenso wie Einzelbilder weiterhin Aufgabe der Wandmalerei. Eine neue Bedeutung bekommt die Wandmalerei um 1300 in Italien, wo auch das Tafelbild vor allem in den Palen der Franziskaner monumentalisiert wird. Mit den Freskenzyklen Giottos in Assisi und Padua (Bd. II Abb. 66) beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Malerei. Giottos Bilder sind einerseits in sich geschlossene Welten mit räumlicher Tiefe und plastischen Figuren und damit eine Wurzel der Bildautonomie. Sie machen sich vom architektonischen Zusammenhang unabhängig. Zum andern aber verwendet der Florentiner in der Arenakapelle in Padua erstmalig wieder Scheinarchitektur zu illusionistischer Raumerweiterung. Außerdem ist hier ein, wenn auch noch bescheidener, Versuch gemacht, die Bilder einer Wand unter einem Augwinkel zusammenzufassen. Dies alles sind Ansätze, deren endgültige Verwirklichung wiederum mehrerer Generationen bedurfte. Einheitliche Kompositionen über eine ganze Wandfläche sind im 14. Jh. zunächst selten und behandeln meist Darstellungen des Jüngsten Gerichts. Die Fläche wird in eine Reihe von Einzelbildern zerlegt, das Gewölbe wird mit Symbolen und Ornamenten geschmückt, aber nicht als gleichberechtigter Bildträger aufgefaßt. Im Bild selbst wird der Tiefenraum entwickelt, Landschaftsmalerei wird vor allem in Siena gepflegt. Von exakter Zentralperspektive oder reiner Vedute kann freilich noch keine Rede sein. — Einen weiteren entscheidenden Schritt stellen die Fresken Masaccios in der Brancacci-Kapelle der Kirche S. Maria del Carmine in Florenz dar (1426/27), der nach fast anderthalb Jahrtausenden wieder >normale< Proportionierung, Organik, Körperhaftigkeit und Räumlichkeit darstellt, mittels der Zentralperspektive die Fläche des Malgrundes durchbricht und so der Begründer der Renaissancemalerei wird (Bd. II Abb. 67). Die Dekorationen der Früh - und Hochrenaissance sind auf eine immer größere Vereinheitlichung im Darstellungsinhalt und in der formalen Lösung nicht nur der Wand, sondern des ganzen Raumes abgestimmt. Da die Bauten der Frührenaissance diese Einheit unter Ausschluß der malerischen Dekoration anstreben und den farbigen Akzent im monumentalen Altarbild setzen, bleibt die Hauptaufgabe der Wandmalerei die Ausschmückung älterer, also zumeist gotischer Architekturen. Die Dekorationen nehmen auf die gegebenen Verhältnisse Rücksicht, verdeutlichen und bereichern durch gemalte Pilaster, Bauornamente und Rahmung die architektonische Struktur. Die einzelnen Bilder, von denen jedes seinen eigenen Blickpunkt hat, sind mit dieser Architektur verbunden. Die Decke wird als Wand betrachtet und hat auch bei illusionistischer Raumerweiterung, wie sie Ende des 15. Jhs. bei Mantegna (Bd. II Abb. 111) oder Melozzo da Forlì (in Loreto) auftritt, keine unmittelbare Beziehung zur realen Architektur darunter. Dieses Prinzip wird auch von Michelangelo bei der für die weitere Entwicklung so bedeutenden Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan angewandt. Zwischen das von den plastisch-illusionistischen Figuren der Propheten, Sibyllen und >Ignudi< getragene architektonische Rahmengerüst sind die Darstellungen der Schöpfungsgeschichte als selbständige Bilder eingespannt (Abb. 84). Leonardo da Vinci faßt bei seiner Festdekoration in der Sala delle Asse (Castello Sforzesco in Mailand) die ganze Decke als einheitlichen Spiegel und ohne Beziehung zur Architektur auf. Ebenso behandelt Correggio bei seinen Kuppelmalereien in Parma (S. Giovanni Evangelista, Dom) die Kuppelschale als einheitliches Bildfeld mit einem Blickpunkt. Die konzentrisch um die Laterne angeordneten Figuren bilden bei durchaus illusionistischer Raumerweiterung auch ohne gemalte Architekturstützen dennoch ein tektonisches Gerüst Die Vereinheitlichung der Gesamtausstattung eines Raumes im Sinne eines Blickpunktes tritt zuerst bei kleinen Kapellen auf. Zunächst auf den Mittelpunkt, beziehungsweise auf den Platz des Priesters ausgerichtet (Filippino Lippi in der Cappella Caraffa in S. Maria sopra Minerva in Rom, Luca Signorelli im Dom zu Orvieto), wird die Hauptansicht im Laufe des 16. Jhs. für den Eintretenden berechnet. Im Manierismus des 16. Jhs. verselbständigt sich die Wandmalerei immer mehr, und die oft virtuose Beherrschung der perspektivischen und illusionistischen Mittel wird dazu verwendet auf die vorhandene Wand eine zweite, selbständige Architektur zu malen. In Verbindung mit Stukkaturen und Plastiken wird ein reiches, vielfältiges Dekorationsschema entwickelt, das phantastische Überschneidungen, überraschende Ausblicke und Beleuchtungseffekte (Sonne beleuchtet die Scheinarchitektur von außen) bevorzugt. Diese Vorliebe für >capriccio<, >ingenio pellegrino<, >disordine< beginnt schon in der unmittelbaren Raffaelnachfolge bei Giulio Romano (Sala di Costantino im Vatikan Palazzo del Té in Mantua), Pierino del Vaga (Sala Paolina in der Engelsburg) und findet durch die römischen und florentinischen Manieristen weite Verbreitung (Salviati, Vasari, Rosso Fiorentino). Sind hier die Decken noch als Abschluß des Raumes aufgefaßt und tragen selbständige Bilder, so kommt es unter oberitalienischem Einfluß und in direkter Nachfolge der Deckenmalerei Raffaels und seiner Schüler in Rom (Stanza della Segnatura im Vatikan, Decke der >Farnesina< und vor allem einige Gewölbefelder in den Loggien des Vatikan) im Spätmanierismus der zweiten Jahrhunderthälfte über die durch einzelne Ausblicke in den Himmel durchlöcherte >Siebdecke< (Zuccari, Sala Clementina) zu einer Vereinheitlichung des Deckenspiegels in der >Schachtdecke< (Tibaldi, Universität Bologna), wo gewaltige Architekturprospekte den Blick in ein verhältnismäßig kleines Stück Himmel führen. Für diese oft mehr mathematisch konstruierten als malerisch aufgefaßten Architekturmalereien entwickelt sich der Spezialistenstand der Quadraturmaler (Familie Alberti), der bis hoch in das 18. Jh. seine für den Gesamteindruck wichtige Funktion neben den eigentlichen (Figuren-)Malern ausübt. Bei den Darstellungsinhalten bahnt sich gleichfalls eine neue Auffassung an. Die Ikonologie des Mittelalters befaßte sich so gut wie ausschließlich mit christlich sakralen Themen. Im 14. Jh. beginnt eine mit dem 15. Jh. zunehmende Verweltlichung, zunächst noch innerhalb der sakralen Themen, in die weltliche Personen eingeführt, beziehungsweise die heiligen Figuren als zeitgenössische Porträts gezeigt werden (Benozzo Gozzoli, Medicikapelle in Florenz; Abb. 79). Ähnliche Erscheinungen können auch in der gleichzeitigen Tafelmalerei des Nordens beobachtet werden. Allegorische Darstellungen werden auf Auftraggeber und zeitgenössische Ereignisse abgestimmt, auch auf Persönlichkeiten und Ereignisse der griechisch-römischen Antike, oft vermischt mit christlichen Themen. Die im Laufe des 16. Jhs. hoch entwickelte allegorische Verschlüsselung, zu deren Auflösung es eines umfangreichen literarischen Wissens bedarf, wird im Spätmanierismus zugunsten reiner Historienbilder antiker Themen zurückgedrängt. Diese Verweltlichung bleibt aber auf die Wände beschränkt, die Deckenzone selbst wird immer ideal-überirdisch aufgefaßt. Die Ausstattung repräsentativer Räume erfolgt auch durch monumentale (Leinwand-) Bilder und Bilderzyklen. Besonders Venedig bevorzugt dieses System, das innerhalb der großen Bildflächen eine malerischere Behandlung des Helldunkels durch die Ölfarbentechnik erlaubt, als es im Fresko möglich ist. So sind die meisten der venezianischen >Schulen< und Paläste mit monumentalen Ölbildern ausgestattet, die aber ganz analog der Wandmalerei verwendet werden (Dogenpalast: Tintorettos >Paradies<, das größte Leinwandbild). Diese Möglichkeit monumentaler Dekoration wird bis ins 19. Jh. gepflegt. Ebenso werden T apisseriezyklen nach Entwürfen der bedeutendsten Maler vor allem in den flämischen Manufakturen hergestellt und in ganz Europa versandt (textiles Handwerk) Auch einzelne Bilder und ganze Dekorationen (Fontaine, bleau, Galerie Franz' I.) werden als Wandteppiche kopiert. Neben diesen monumentalen Folgen spielt die Ausstattung kleiner, privater Gemächer (studioli) nach einheitlich dekorativen Gesichtspunkten eine große Rolle. Gegen die inhaltliche und formale Verwilderung richten die Bologneser Akademisten Carracci Ende des 16. Jhs. ihre Reform, den >strengen Barock<. Sie verwenden in der Ausstattung der Galleria Farnese in Rom als Träger der einzelnen Bildfelder ein illusionistisch gemaltes Architekturgerüst, das die gebaute Architektur fortsetzt. Diese Vermischung der Kunstsphären, das Ersetzen von Plastik und gebauter Architektur durch entsprechende Malerei, ist für die Fest- und Bühnendekorationen, die eine immer größere Rolle zu spielen beginnen, und für den späteren Barock ein wesentliches Dekorationsmittel. Die einzelnen Bilder der Galleria Farnese werden in ihren Rahmen von gemalten Statuen getragen, stehen auf gemalten Simsen und schaffen durch die säuberliche Trennung der Schichten durchaus klare Raumverhältnisse. Auch im Inhaltlichen erfolgt eine Klärung durch den Verzicht auf Allegorien und allegorische Historietten zugunsten von Szenen aus der antiken Mythologie (Bd. II Abb. 70). Als nächster Entwicklungsschritt ist eine Vereinheitlichung der Wandfläche zu einem Bildraum, wie ihn die manieristische Malerei vorbereitet und wie er in Correggios Kuppelfresken in Parma eine erste Verwirklichung gefunden hatte, festzustellen. Dazu kommt die neue Klarheit in Inhalt und Aufbau. Diese vor allem in der kirchlichen Kuppelmalerei und durch Lanfranco verbreitete Auffassung wird in das Profane übertragen. Als Beispiel mag die Decke von Guercino im Casino Ludovisi in Rom gelten. Grundlage bleibt die gebaute Architektur, die unlöslich mit Plastik, Stuck und Malerei verbunden ist. Die Decke selbst wird zum überirdischen Geschehnisraum, irdische Szenen sind nur in der Kehlung dargestellt. Einen weiteren Höhepunkt in der Deckenmalerei, die jetzt zum Hauptanliegen innerhalb des Gesamtkunstwerkes geworden ist und durch den ganzen Barock hin bleiben wird, bilden die Arbeiten P. da Cortonas. An der Decke des Palazzo Barberini in Rom (1633-36, Abb. 90) ist das einheitliche Programm, die Verherrlichung der göttlichen Vorsehung in der weisen Regierung Papst Urbans VIII., auch formal einheitlich aufgebaut. Mittels besonderer Betonung der Lichtführung und der bewegten Körpermassen wird eine über die architektonischen Gegebenheiten weit hinausgehende Tiefenwirkung erzielt. Noch weiter geht dieser universale Zug auch in der neuerlichen Verquickung irdischer und überirdischer Szenen (Deckenmalerei des Palazzo Doria-Pamphili, Rom). Die Betonung des Lichtes, die dramatische Helldunkelmalerei und der scharfe Realismus gehen auf Caravaggio zurück, der im Gegensatz zu der idealen Auffassung der Brüder Carracci die naturalistische Richtung des >strengen Barock< vertritt. Nur in Neapel (und Spanien) konnte sich sein Naturalismus zunächst durchsetzen. Daher stammt auch Luca Giordano, der mit der Einführung weiter Landschaften in die monumentale Wandmalerei (Neapel, S. Martino) eine für die spätbarocke Entwicklung wichtige Bereicherung bringt. Die Leugnung der Decke als abschließenden Raumteils, die Cortona so überzeugend formuliert hat, findet eine weitere Steigerung bei dem Maler-Dekorateur A. Pozzo, der in seinen Dekorationen über den gebauten Raum einen zweiten, idealen setzt (Palais Liechtenstein in Wien, Abb. 91), also keine tektonischen Rücksichten mehr walten läßt, ja die architektonischen Gegebenheiten durch Scheinkuppel und gewölbeverschleifende Dekorationen geradezu leugnet. Dieses Dekorationsschema findet in den katholischen Ländern Europas im 18. Jh. — mit Ausnahme Frankreichs, das rationaler bleibt — eine breite Entwicklung und eine über die italienischen Vorbilder hinausgehende Steigerung. Vor allem im österreichisch-böhmischen Kunstgebiet (M.Rottmayr, D.Gran, P.Troger) und in Süddeutschland (Brüder Asam, J. Zimmermann, I. Zick, M. Knoller) wird die Verselbständigung des Deckenspiegels, unterstützt von den tambour- und laternenlosen Bauten des 18. Jhs., weit getrieben (Bd. II Abb. 106). Damit ist der erste Schritt zur Auflösung der formalen und inhaltlichen Einheit des barocken Raumes getan. Himmelsraum, landschaftliche Prospekte und phantastische Architekturen, einzelne, oft nur locker aneinandergereihte Szenen und Figuren, Tiere und Pflanzen werden mit großer künstlerischer Freiheit und Feinheit behandelt. Einen Höhepunkt dieser Auffassung bilden die Fresken Tiepolos in Deutschland (Residenz Würzburg, 1750-53, Abb. 92) uund Spanien (Madrid, Schloß, 1764). Dem Leichterwerden der architektonischen Formen, die die fest Raumbegrenzung durch Schwünge und Kurven aufzuheben trachten und kulissenhaft verwendet werden können, entspricht auch ein Hellerwerden der Farben, ermöglicht durch die Kalk-Kasein-Technik. Die Lockerung der Kompositionen und die Vorliebe für landschaftliche Darstellungen und atmosphärische Freiraum, der in die Gebäude einzudringen scheint, führt zu einer Umkehrung des ursprünglichen Prinzipes, aus dem Raum ins All schauen zu lassen, zu einem Einbruch des Universums in den Raum. Im weiteren Verlauf des 18. Jhs. gewinnen die Einzelepisode mehr an Bedeutung, das einheitliche, oft gelehrt-verschlüsselte allegorische Programm wird vereinfacht und die himmlische Begebenheiten werden in der Mitte der Decke von den irdischen Randepisoden isoliert, die erzählerisch-realistisch den >orbis terrarum pictus< zeigen. Noch einmal erlebt in der zweiten Jahrhunderthälfte das große christlich-barocke Programm im Werke A. Maulbertschs eine überzeugende, einheitliche, im wesentlichen auf malerisch-farbigem Zusammenhang beruhende Formulierung. Mit dem Einsetzen der Aufklärung und des Klassizismus in der 2. Hälfte des 18. Jhs. verschwindet das barocke Gesamtkunstwerk völlig und mit ihm die überragende Bedeutung der Wandmalerei, die in profanen Räumen noch einige Zeit ihre raumauflösende Funktion durch landschaftliche Prospektmalerei erfüllt. Im Laufe des 19. Jhs. gibt es eine Reihe von Versuchen, die monumentale Wandmalerei wieder aufleben zu lassen. So arbeiten C. Overbeck, W.Schadow, Ph.Veit in Rom gemeinsam an großen Freskenzyklen (Casa Bertholdi, 1816/17 Casino Massimo, seit 1819). Durch den allzu engen Anschluß an bestimmte Vorbilder sowohl im Thematischen wie im Formalen — für Nazarener und Präraffaeliten waren es die des Quattrocento, für die Maler der Gründerzeit die der Hochrenaissance und des Barock konnte es jedoch zu keinen eigenwertigen Lösungen kommen. Oft blieb es überhaupt bei monumentalisierter Tafelmalerei. Versuche einiger Maler, aufs neue zu monumentaler Gestaltung zu kommen, blieben vereinzelt (H. von Marées, Zoologische Station in Neapel; F.Hodler, Universität Jena; Puvis de Chavannes). Auch im 20. Jh.. ist, bedingt durch die Architektur, keine neue Monumentalmalerei möglich. Es bleibt bei Einzelbildern, die mehr oder weniger zufällig und willkürlich angebracht werden. Als einziger Versuch, monumentale Flächen zeitgemäß zu dekorieren, können die plakathaften, eindringlich erzählenden und aggressiv-propagandistischen Fresken in Mexiko gelten, Wo J. C. Orozco, D. Rivera, D. Siqueiros in der Art einer >biblia pauperum< die Nationalgeschichte illustrieren. — Die neueste Baukunst zieht die Farbe wieder stärker heran, sowohl als Gliederungselement großer Komplexe, als auch zur Differenzierung strukturell verschiedener Teile. Auch eigene Bildwände werden malartig zu Baugruppen gestellt und stellen so eine eigenartige Verbindung zur Plastik her (Keramikwand von Miró, UNESCO-Haus in Paris). Eine den graphischen Künsten entsprechende Wanddekoration stellen die Sgraffiti dar. Ritzzeichnungen, die als Vorläufer des Sgraffitos gelten können, sind seit vorgeschichtlicher Zeit bekannt, doch sind die nur mit dem Schatteneffekt der vertieften Linien wirkenden Darstellungen und Schriftzeichen (von der Keilschrift bis zu den Runensteinen), auch wenn sie mit Farbe gefüllt waren, ebensowenig wie die mittelalterlichen Putzritzungen (Magdeburg, Dom, 13. Jh.) als eigentliche Sgraffiti anzusprechen. Die Bezeichnung >sgraffito< findet sich erstmals bei Vasari und dürfte nicht viel älter sein. Blütezeit des Sgraffito ist das 16. Jh., in dem, anscheinend von Florenz ausgehend (Ammanati, Palazzo Montalvo), sich der Brauch, einfache Muster, Grotesken und Einzelfiguren sowie Szenen in die oberste Putzschicht zu kratzen, rasch über Mitteleuropa verbreitet hat. Die Hauptzahl der Sgraffiti stellt einen billigeren Ersatz der Fassadenmalerei dar und bringt auch kaum eigene künstlerische Ergebnisse, sondern folgt fremden Vorlagen. Der linearen Technik entsprechend werden Stich- und Holzschnittfolgen verwendet (von Burgkmair für das >gemalte Haus< in Eggenburg, Niederösterreich; Holbeins Totentanz für das Alte Rathaus in Prachatitz). In volkstümlicher Übersetzung behauptet sich das Sgraffito bis ins 19. Ih. Während sich die Sgraffiti der Renaissance ausschließlich an den Schwarz-Weiß-Effekt halten, bringen moderne Sgraffiti durch die Verwendung mehrerer, verschiedenfarbiger Putzschichten (bis zu sechzehn Farben an einer Wand), im Gegensatz zu der betont graphischen Wirkung alter Sgraffiti, eine Annäherung an die Wandmalerei.
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Donnerstag, 02. Juli 2009 um 18:35 Uhr |
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Textiles Handwerk gehört zu den ältesten Erfindungen der Menschheit. Die einfachste Form stellt die stets rein manuelle Wirkarbeit mit der Einführung verschiedenfarbiger Querfäden (Schüsse) auf der jeweils vom Muster geforderten Strecke der gespannten Längsfäden (Kette) dar. — Die Weberei dagegen bildet die Stoffe durch verschiedenartige Durchkreuzungen der am Webstuhl aufgespannten Kette mit senkrecht zu ihr geführten Schüssen, die jeweils durch die ganze Breite geführt werden und an ihren Umkehrungen an den äußeren Seiten der Kette die Webe- oder Sahlkanten (Endel) bilden. Die Muster entstehen sowohl durch die verschiedenen Arten dieser Durchkreuzungen (Bindungen) wie auch durch die Farbigkeit des für Kette und Schuß verwendeten Materials. Sie ist an nicht übermäßig große Muster, die sich regelmäßig wiederholen (>unendlicher Rapport<), gebunden. — Die Stickerei ist demgegenüber am freiesten, da sie weder besondere technische Einrichtungen erfordert, noch in der Wahl ihrer Vorlagen prinzipiellen Einschränkungen unterliegt.
I. SEIDENWEBEREI.
Handwerklich wie künstlerisch ist die antike Textilkunst die Grundlage der ganzen europäischen Entwicklung. Byzanz, wo schon im 6. Jh. die Seidenweberei einen bedeutenden Aufschwung nahm, kommt die wichtige Rolle als Vermittler zu. Die kostbarsten Seidenstoffe aus den kaiserlichen Werkstätten, die schon früh in abendländische Kirchenschätze gelangten, gehören in ihren monumentalen Formen (schreitende Löwen, Elefanten oder Greife, sog. Imperialstoffe mit Adlern) und ihrer vollendeten Ausführung zu den Cimelien der Seidenweberei überhaupt. Damastartige Stoffe mit Tieren in Kreismedaillons und einfarbige mit feinen vertieften Linienmustern ergänzen das Bild der byzantinischen Seidenkunst des 10. bis 12. Jhs., der Motive der sassanidischen Kunst Persiens und Formen der Spätantike zahlreiche Anregungen vermittelt haben. Mit dem Vordringen des Islam sind Einflüsse aus dem Vorderen Orient wie aus Byzanz nach dem Westen vorgedrungen und bestimmen weitgehend das komplexe Bild der spanischen Seidenkunst. Figürliche Muster, Wappen und vielteilige Kassetten- und Flechtbandgliederungen haben in ihr ebenso Aufnahme gefunden wie das bewegte Linienspiel des sog. Alhambrastiles des 14. Jhs. und rein islamische Streifenmuster mit Inschriften. In der Textilkunst Siziliens überschneiden sich ebenfalls östliche und westliche Einflüsse.
Zugleich mit dem Verfall der Seidenkunst Siziliens nach dem Ende der Hohenstaufen-Herrschaft beginnt in Mittel- und Oberitalien eine Blütezeit, die für Jahrhunderte die ganze europäische Seidenkunst bestimmen sollte. Vor allem Lucca und Venedig sind die Hauptzentren. Aus Lucca stammen die sog. Diasperstoffe, in denen das Muster — Tiere, zumeist Vögel, symmetrisch zu seiten einer großen Blattpalmette — sich reliefartig vom Grund abhebt. Gegenüber diesen streng stilisierten Mustern bringt die Aufnahme gotischer Formen in Weinlaubranken und kleinen Tieren bereits eine lebendigere Zeichnungsart. Anregungen aus der ostasiatischen und islamischenKunst geben den Anstoß zur Überwindung der einfachen symmetrischen Ordnung und der strengen Stilisierung der Einzelformen und damit zur Entfaltung des eigentlichen gotischen Seidenstiles in Italien im 14. Jh. und der ersten Hälfte des 15. Jhs. Vielfalt der Formen und lebendigste Zeichnung herrscht in den Mustern; auch die Farbenskala, die sich in den Diaspern auf ein oder zwei Farbtöne und kleine Goldpartien beschränkte, erfährt eine wesentliche Bereicherung. In Venedig, wo seit dem 13. Jh. eine Seidenweberei bedeutenden Umfanges bestand, fanden die Einflüsse aus dem Osten in besonderer Weise Eingang.
Nördlich der Alpen stellte sich die Schwierigkeit in der Beschaffung der Seide für Jahrhunderte der Entfaltung einer bedeutenden Seidenweberei entgegen. Nur Deutschland und Frankreich treten mit vereinzelten Sonderleistungen hervor, wie den aus Regensburg stammenden Halbseidengeweben mit bildmäßigen Kompositionen aus der zweiten Hälfte des 13. Jhs., den Kölner Borten (deren Muster, seit dem 15. Jh. auch figürlich, in ihrer reichsten Form vielfach Stickereien mitverwenden) und einer kleinen Gruppe einfarbiger Seidenstoffe mit kleinen Goldmustern in ausgeprägt gotischen Formen, die im 13. Jh. in Paris entstanden.
Im Laufe des 15. Jhs. vollzieht sich in der italienischen Seidenkunst der Übergang von den reichen vielteiligen Mustern der Gotik zu den größeren und klareren Formen, die die Renaissance auch in den Seidenstoffen prägt. Kleine Bildwebereien religiösen Inhaltes und eine neuartige Gliederung des Grundes mit großen Kränzen und Blumengehängen verraten in Florenz oft den direkten Zusammenhang mit Werken der führenden Renaissancekünstler. Die Hauptlinie der Entwicklung aber stellt die Vielzahl von Mustern dar, die man unter dem Namen >Granatapfelmuster< (Abb. 117) zusammenfaßt. Zumeist beherrscht ein von einem großen fünf- bis neunlappigen Blatt unterlegter Granatapfel oder Pinienzapfen, oftmals über die ganze Breite des Stoffes ausgedehnt, in tiefen satten Farben vor hellem Grund, das ganze Muster. Vielteiligkeit und Vielfarbigkeit verschwinden; vor allem die Tiermuster, die durch Jahrhunderte zu den wichtigsten Motiven der Seidenstoffe gehörten, scheiden für immer aus. Die glatten leichten Seidenstoffe treten in den Hintergrund, und der Samt wird das bevorzugte Material. Malerische Lichtreflexe bringen die einfarbigen, sog. venezianischen Rosensamte, deren Muster nur durch verschiedene Höhen des Flores gebildet wird, während Samt und das oft in Noppen gearbeitete Gold vor glattem Grund Relief- und damit plastische Wirkung in den Stoffen ermöglichen.
Seit der Mitte des 16. Jhs. setzt vor allem in den Kleiderstoffen eine allmähliche Auflösung der großen Formen ein, die zu den dichten, streumusterartigen Kompositionen des 17. Jhs. führt. Die Klarheit der Umrißlinien und die Reliefwirkung erfährt häufig durch die Konturierung der Samtflächen mit unaufgeschnittenen Rändern (gezogener oder Noppensamt) eine wirksame Steigerung. In den schweren Stoffen für Möbel- und Wandbespannungen bleiben weiterhin die großen Muster vorherrschend und die italienischen Seidenstädte führend, während sich im letzten Viertel des 17. Jhs. eine Verschiebung des Schwergewichtes der Seidenkunst von Italien nach Frankreich geltend macht. Schon um 1700 entfaltet die französische Seidenweberei in Paris und insbesondere in Lyon auch einen eigenen neuen Stil. Zarte helle Farben, reiche Verwendung von Gold und Silber und fein gezeichnete Muster, die oft Spitzeneffekte nachbilden, prägen ihren Charakter. Im zweiten Viertel des 18. Jhs. kommt das Rokoko zu voller Entfaltung, das sich in den Stoffen in einem farbenfrohen Naturalismus der locker über die Fläche verteilten Motive äußert. Die Hauptentwicklungslinie der Seidenstoffe führt in der Zeit Ludwigs XVI. zu einer Zusammenfassung der mit Schleifen gebundenen Blumensträuße an parallelen Wellenranken und Bändern, die durch zwei Formmotive — Streckung zu Streifen und Auflösung der Bouquets in einzelne Streublumen — schon die unmittelbare Vorstufe der kleinmusterigen Empire- und Biedermeierstoffe darstellen. Die mehr zeichnerischen als farbig wirkenden Muster des Klassizismus mit antikisierenden Motiven finden nur in beschränktem Maße (etwa in den für Napoleon ausgeführten Dekorationsstoffen) Aufnahme.
In diese durch die äußeren Verhältnisse der Seidenweberei ungünstige Epoche fällt die umwälzendste Erfindung, die die Grundlage der raschen Ausbreitung und Industrialisierung der Seidenweberei im 19. Jh. bildet: die Erfindung des mechanischen Webstuhles durch Jean Marie Jacquard (18o8), dessen Prinzip auch heute noch in Geltung ist. Seit dem 18. Jh. sind auch Deutschland und Österreich, wenn auch in bescheidenem Maß und in künstlerischer Abhängigkeit von Frankreich und Italien, in der sich auch die Seidenweberei Spaniens befindet, mit eigenen Seidenmanufakturen vertreten. Mit den bunten naturalistischen Blumenmustern des Biedermeier endet im zweiten Viertel des 19. Jhs. die stilistische Entwicklung der Seidenstoffe, und die Kopierung alter Muster beherrscht in der zweiten Jahrhunderthälfte vor allem die Dekorationsstoffe. Erst die Morris-Bewegung in England (englische Kunst) und die neue Kunst um die Jahrhundertwende bringen Ansätze zu einer neuen Textildekoration. In den Entwürfen der führenden Künstler der Wiener Sezession werden die Grundlagen der modernen Textilkunst gelegt.
II. WIRKEREI.
Die alte Technik der Wirkerei hat in den europäischen Wandteppichen des 14. bis 18. Jhs. ihre größte künstlerische Bedeutung und handwerkliche Vollendung erreicht. Während aus der Romanik nur wenige monumentale Wandteppiche aus Deutschland erhalten sind, geht seit dem 14. Jh. die Führung immer an die französischen und niederländischen Städte über. Den Auftakt der gotischen Tapisseriekunst im Westen bildet die berühmte Apokalypse von Angers, die um 1400 in Paris entstand. Während Paris in den Wirren des 100jährigen Krieges bald seine Bedeutung verlor, traten Arras und ab dem zweiten Viertel des 15. Jhs. Tournai entscheidend in den Vordergrund. Durch die Prachtentfaltung und den Kunstsinn der burgundischen Herzöge gefördert, entstanden hier monumentale Wandteppiche in ausgeprägt höfischein Geschmack. Obwohl die Manufakturen von Tournai noch lange weiterarbeiten, erwächst ihnen im letzten Viertel des 15. Jhs. in Brüssel ihr mächtigster Konkurrent, der sie bald von ihrer europäischen Führungsstelle verdrängt. Erst in dieser Zeit, um die Wende des 15. zum 16. Jh., tritt in der Touraine wieder eine französische Tapisseriekunst hervor, die in der völlig raumlosen Einfügung höfischer Figuren und Szenen in dicht mit Blumen gefüllte Gründe (Millefleursteppiche) eine besondere Eigenart besitzt. Abseits von dieser höfischen Kunst des Westens entwickelt die Wirkerei insbesondere am Oberrhein und in Franken eine vom Bürgertum getragene selbständige Ausdrucksform, die sich am klarsten in den Wildleute- und Liebesszenen auf niedrigen, langgestreckten Rücklaken äußert. Eine eigene Gruppe von textilen Bildern sind die seit dem 14. Jh. hauptsächlich in Süddeutschland auftretenden Fastentücher, große Leinwandbehänge mit aufgemalten Passionsszenen. Als billiger Ersatz für gewirkte Teppiche finden diese »Tüchlein< auch Eingang in die Bürgerhäuser.
Während alle anderen Zentren im ersten Viertel des 16. Jhs. in einer langanhaltenden Tradition der Spätgotik erstarren, kommt die Renaissance tapisserie in Brüssel zu größter Blüte. In großen Manufakturen, wie der des Pieter van Aelst, der Familie Pannemaker und Geubel, entstehen, beginnend mit der Apostelserie nach Raffaels Entwürfen, die prunkvollsten, reich mit Gold und Seide durchwirkten großen Teppichserien für fürstliche Auftraggeber. Höchste handwerkliche Vollendung und die fruchtbare Tätigkeit zahlreicher Maler als Entwerfer von Teppichkartons erheben Brüssel weit über alle anderen Zentren der Wirkerei. Weder die Niederlande selbst, wo Antwerpen als Haupthandelsplatz, Enghien und vor allem Oudenaarde durch die in großem Umfang betriebene Erzeugung einfacherer Teppicharten (besonders der nur von Tieren belebten Verduren) Bedeutung besitzen, noch die kurzlebige Manufaktur, die König Franz 1. in Fontainebleau gründete, oder die zahlreichen, von ausgewanderten Niederländernin Deutschland vom Rhein bis an die Ostseeküste und in Italien in Ferrara, Mantua und Florenz betriebenen Manufakturen vermögen Brüssel wirksam Konkurrenz zu machen, obzwar sich in ihnen vielfach selbständige künstlerische Eigenart äußert, wie z. B. in den von den führenden Meistern des italienischen Manierismus bestimmten Arbeiten aus Fontainebleau. Die Abwanderung niederländischer Wirker in der zweiten Hälfte des 16. Jhs. führte zur Ausbreitung der Wandteppicherzeugung nicht nur in den protestantischen Gebieten Deutschlands, sondern ebenso in den nordniederländischen Provinzen, wo die Tapisserie mit dem Zentrum in Delft im 17. Jh. eine wenn auch nur auf knapp ein Jahrhundert beschränkte Blüte erlebte. Um 1620 beginnt die zweite große Blütezeit Brüssels. Mit den Teppichserien nach den Entwürfen von Rubens und seinen Schülern kommt der Hochbarock in den niederländischen Wandteppichen zum vollen Durchbruch. Neben den monumentalen Figurenfolgen erfreuen sich die Landschaften mit Motiven aus den ländlichen Szenen von David Teniers wachsender Beliebtheit. Während Oudenaarde und andere Städte sich von den großen Auswanderungen nicht wieder voll erholen konnten, steigt die Produktion der Brüsseler Manufakturen noch wesentlich über den Umfang des 16. Jhs. an.
Seit der Gründung des 1607 von König Heinrich iV. mit weitreichenden Privilegien ausgestatteten Ateliers der beiden Niederländer Comans und van den Plancken wird Paris zum Konkurrenten Brüssels. Im Zuge des Colbertschen Merkantilsystems erfolgte 1667 die Gründung der >Manufacture royale des meubles de la couronne< im Hause der Färberfamilie GobeIin, die bald der königlichen Manufaktur den Namen gab. In den großzügig ausgestatteten und organisierten Ateliers, die auch alle Brüsseler Manufakturen an Umfang bei weitem übertrafen, gingen bald alle kleineren Unternehmen auf. Unter der organisatorischen und künstlerischen Leitung Charles Lebruns mit großen königlichen Aufträgen reich versorgt, erlebte die Manufaktur ihre erste große Blüte bis 1690. Die Einheitlichkeit von Ausführung und Entwurf (der seinerseits schon auf die architektonischen Gegebenheiten Rücksicht nahm) verlieh dieser Werkstatt vorbildlichen Rang, so daß im deutschen Sprachgebrauch alle Wirkteppiche >Gobelins< genannt werden. Bildteppiche spielten im barocken Ausstattungsprogramm eine große Rolle und sind sowohl für bestimmte Anlässe und Orte angefertigt als auch in mehreren Auflagen nach besonders beliebten Kartons gewissermaßen >auf Lager< gearbeitet worden. Zu solchen Themen zählen die Darstellungen aus dem Land- und Hirtenleben, die im Anschluß an die niederländischen Bauern- und Kirmesbilder (Teniers d. J.) in höfischer Verfeinerung als >Pastorellen< bezeichnet werden, dann Szenenbilder, vor allem der commedia dell´arte und aus Opern, und selbst Illustra tionszyklen zu Romanen (Don Quichote).
Um die Wende zum 18. Jh. wird in engem Anschluß an die französischen Manufakturen die berühmte Schlachtenserie Ludwigs XIV. öfters kopiert und nach dem jeweiligen Besteller umgenannt (z. B. die Schlachten Max Emanuels in Schleißheim). Die Repräsentation ist also wichtiger als eine historisch getreue Darstellung. So werden auch oft die Zyklen nach antiken Heldensagen und Allegorien zwar in antikischem Gewand, aber mit modischen Einzelheiten und zeitgenössischen Porträts ausgestattet. Auch außerhalb von Paris wurden durch Zusammenlegung älterer Betriebe staatliche Unternehmen gegründet, von denen Beauvais künstlerisch das bedeutendste war, während Aubusson und Felleton einfachere Gebrauchsteppiche erzeugten. Die Ausbreitung der Tapisserie nahm auch im 17. Jh. durch die Berufung niederländischer und nun auch französischer Wirker weiter zu. (Dazu zählt das Atelier, das König Jakob I. in Mortlake bei London einrichtete, die Barberinische und die Vatikanische Manufaktur in Rom oder die erste, von Herzog Maximilian I. in München beschäftigte Manufaktur, die die einzig bedeutende Deutschlands im 17. Jh. noch vor dem Ausbruch des 3ojährigen Krieges darstellt.)
Im letzten Jahrhundert der europäischen Wandteppichkunst verschiebt sich das Schwergewicht der Bedeutung von den Niederlanden nach Frankreich. In der Zeit Ludwigs XV. erleben die französischen Manufakturen, insbesondere die Gobelins und Beauvais, noch eine große Blüte. Königliche Aufträge und ein Export nach ganz Europa sorgen für Beschäftigung; die Hofmaler, wie Coypel, Oudry und Boucher, liefern Entwürfe, die nicht nur weitgehend der Malerei angenähert sind, sondern auch in der Einfügung kleiner Bildfelder in große Dekorationen den Eindruck an der Wand hängender Bilder nachahmen. Die Wirren der französischen Revolution legen die Betriebe lahm, ohne sie aber völlig aufzulösen. Der Wunsch nach fürstlicher Repräsentation und die Ausstattung zahlreicher Schlösser läßt im 18. Jh. in fast allen Ländern Europas noch zahlreiche Manufakturen neu entstehen (Florenz, Turin, Neapel, Madrid — wo Goya Entwürfe liefert —, Berlin, München und Dresden).
Mit dem rascheren Wechsel von Geschmack und Mode und dem Wunsch nach billigerer Wanddekoration wurde die neu aufkommende Papiertapete am Ende des 18. Jhs. der geeignete Ersatz der Wandteppiche, deren künstlerische Entwicklung überall um 1800 endet. Erst seit ungefähr 5o Jahren sind den gewirkten Wandteppichen wieder neue Möglichkeiten erwachsen. Voran Frankreich, wo heute wieder die staatlichen Manufakt in Paris und Beauvais und zahlreiche private, vor allen Aubusson, eine lebhafte Wirksamkeit entfalten, haben bedeutende Künstler von dem Bahnbrecher auf diesem Gebiet, Jean Lurcat, bis zu den Vertretern der jüngsten Malergeneration eine neue Periode des Wandteppichs heraufgeführt, so daß die Wandteppicherzeugung heute wieder in zahlreichen Ländern heimisch und künstlerisch fruchtbar geworden ist.
III. DIE STICKEREI besitzt von allen textilen Kunstfertigkeiten die größte Verbreitung und Vielgestalt in Anwendung und Art der Ausführung. Von höchster handwerklicher Vollendung bis zum privaten Dilettantentum, vom künstlerischen Entwurf bis zur einfachen Volkskunst, vom sparsamsten Schmuck an Wäsche und Kleidungsstücken bis zur Ausführung monumentaler Dekoration stehen ihr alle Möglichkeiten offen und wurden auch zu allen Zeiten ausgenützt, was die Zuweisung der Werke an bestimmte Orte besonders erschwert. Gewänder für kirchlichen und repräsentativen höfischen Gebrauch waren im hohen Mittelalter das Hauptbetätigungsfeld der kunstvollen Stickerei. Große figurale Bildkompositionen in Goldstickerei, oft mit Perlen und Steinen noch bereichert, schmücken die kostbarsten Gewänder, die aus dem 11. und 12. Jh. erhalten sind. Byzanz und Sizilien waren die bedeutendsten Pflegestätten, deren Einfluß sich weit in die westlichen Länder erstreckte.
Im 12. und 13. Jh. tritt neben diese zumeist mit Goldfäden auf Seidenstoffen ausgeführten Arbeiten eine besonders in Deutschland von der bodenständigen Kunst bestimmte Stickerei, die den meist leinenen Untergrund völlig mit bunter Seidenstickerei bedeckt. Kirchliche Gewänder, die stets allen Arten der Stickerei die umfassendsten Aufgaben boten, stehen im Vordergrund, während monumentale, ausgesprochen profane Werke, wie der berühmte Teppich von Bayeux (nach 1066, Abb. 77), zu den besonderen Seltenheiten zählen. Um und nach 1300 erreicht die englische Stickkunst in den Werken des sog. >opus anglicanum< eine überragende Bedeutung. Monumentale Figurenkompositionen treten in der Gotik zugunsten einer Aufteilung des Grundes in sechseckige oder vierpaßförmige Felder zurück. Zumeist heben sich die kleinen Figurenkompositionen in bunter Seidenstickerei von einem leuchtenden Goldgrund aus gelegten Fäden ab. Vielfach nähert sich dadurch die Stickerei im Eindruck dem Effekt der gotischen Tafelmalerei vor gemusterten Goldhintergründen an. Ihre feeinste Ausgestaltung erhält diese malerische Stickerei in den spätgotischen Werken der besonders kostbaren Lasurstickerei, in der die gesamte Stickereifläche mit Goldfäden überspannt wird, so daß durch die darüber gelegte feine Seide das Gold durchschimmert. (Ornat vom Goldenen Vlies). In Burgrund wie auch in Italien (Florenz) gelangt diese Technik in schönsten bildhaften Stickereien im 15. Jh. zur vollsten Blüte.
Große, mit fortlaufenden epischen Bildern geschmückte Stickereien sowohl kirchlichen wie auch weltlichen Inhaltes als Wandbehänge fanden seit dem 13. Jh. besonders in Klosterwerkstätten eine besondere Pflege, unter denen die niederdeutsch Klöster (wie Wienhausen und Lüne) mit zahlreichen nod dort erhaltenen Werken besondere Bedeutung besitzen. I). kostbare und langwierige Gold- und Seidenstickerei nimmt allen Ländern in der Ausstattung der Paramente (alle im Kult gebrauchten Textilien) eine gleichartige stilistische Entwicklung. Die Verwendung reicher Seiden- und Samtstoffe beschränkt im Laufe des 15. Jhs. die Stickerei vielfach auf breite Besätze oder Stäbe und Kreuze auf den Kaseln (Meßgewänder).
Für die großen, dekorativen Ausstattungsstücke kommt in der Renaissance neben den verschiedenen Stickereiarten die rascher zu arbeitende, großflächige Aufnäharbeit (Applikation) vielfach zur Verwendung, sowohl in Italien wie in Frankreich und Spanien. Daneben findet die Woll- und Weißstickerei in Deutschland und der Schweiz besondere Pflege wobei sich vielfache Berührungen mit der Volkskunst ergeben. Muster- (Model-)Bücher dienen zur Anregung und zur Verbreitung der Muster, die in den verschiedensten Techniken ausführbar sind. Die besonderen Effekte der Durchbrucharbeiten, der ausgenähten Kanten und Zacken an den Rändern der Wäsche, wie auch die in einen geknoteten Netzgrund eingearbeitete Filetstickerei bilden sowohl technisch wie auch künstlerisch die unmittelbaren Vorläufer der Spitzen.
Im Barock gelangen alle Möglichkeiten und Techniken der Stickerei zur Entfaltung und reichsten Anwendung. Plastische und Reliefwirkung entsteht vor allem in den unterlegten Goldstickereien (Sprengarbeit), während sich in der bunten Seidenstickerei die malerischen Effekte zu besonderer Wirkung steigern. Die ganze zeitgenössische Ornamentik findet dabei ebenso Aufnahme wie der bunte naturalistische Blumendekor. Im kirchlichen wie im profanen Bereich besitzt die Stickerei ein reiches Betätigungsfeld, von Behängen und Wanddekorationen, für dir neben Applikation und Goldstickerei nun auch die Arbeit mit den samtigen Chenillefäden beliebt wird, bis zur Ausgestaltung der Paramente und der Kleidung. Die sparsamere Dekoration und insbesondere der Wandel der Mode ziehen dagegen der farbigen Stickkunst im Empire enge Grenzen. Nur für die vor allem in Deutschland und der Schweiz auch während der ganzen Barockzeit weitergeübte Weißstickerei, die oft mit dem Eindruck von Spitzen wetteifert (Dresdner Spitzen) bleibt die Möglichkeit der modischen Verwendung.
Die seit jeher, vor allem in den verschiedenen Bereichen der Volkskunst gepflegte Kreuzstichstickerei findet im Biedermeier ihre größte Verwendung. Bunte Blumenmuster und kleine Bildchen finden verschiedenartige Anwendung. Während die immer weiter verbesserte Maschinenstickerei sich in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. weite Bereiche der Stickkunst erobert, beschränkt sich die vom Historismus bestimmte Gold- und Seidenstickerei immer mehr auf kirchliche Gewänder, die trotz voller Beherrschung der Technik nur selten künstlerische Qualität besitzen. Auch in diesem letzten Bereich aber hat die Stickerei seit der Jahrhundertwende sehr an Bedeutung und Verwendungsmöglichkeiten verloren.
IV. SPITZEN.
Der jüngste Zweig textilen Kunsthandwerks, die Spitze, verdankt seine Entstehung der italienischen Kunst des 16. Jhs. Ihrer verschiedenen Ausführung entsprechend liegen die Vorstufen der Klöppelspitze (die aus einem Verflechten und Verweben frei beweglicher Fadenpaare besteht) in den geflochtenen und geknoteten Fransenmustern (z. B. Macramé, die der Nähspitze (dem dichten Übernähen dem Muster entsprechend gespannter Fäden mit Schling- oder Knopflochstich) in der reichen Netz- und Weißstickerei, vor allem dem einfachen und doppelten Durchbruch, der den Stoffgrund fast völlig zum Verschwinden brachte. Die zuerst dem Fadenlauf des Grundstoffes folgenden geometrischen Muster wurden durch diagonal hineingespannte Fäden zu Stern- und Rosettenformen erweitert, die die wichtigsten Muster der freien Nähspitze im 16. Jh. wurden, die sog. Reticellamuster. Zacken und stilisierte Blattmuster dienen der immer reicher werdenden Ausgestaltung der Ränder.
Italien hat die Grundlage der ganzen europäischen Spitzenkunst gelegt, sowohl in der immer größeren Bereicherung und Verfeinerung der Technik, als vor allem durch seine Musterformen, die durch die reichhaltigen Spitzenmusterbücher seit der Mitte des 16. Jhs. über ganz Europa verbreitet wurden. Die freiere und bewegtere Musterzeichnung, verbunden mit einem kräftigen Relief, das die Formen plastisch hervortreten läßt, führt zu den vollendeten Leistungen der italienischen Nähspitzen, den venezianischen Rosalinen oder Rosenspitzen. In der 2. Hälfte des 17. Jhs. vollzieht sich eine Verlagerung des Schwergewichtes von Italien weg in die nordwestlichen Gebiete Europas. Die 1665 in Frankreich gegründeten Spitzenschulen, die anfänglich nach venezianischen Vorbildern die Nähspitze in Frankreich heimisch machten, leiten die große Blüte der französischen Nadelspitze im 18. Jh. ein. In ähnlichen Bahnen verläuft die Entwicklung der Klöppelspitze. Hier sind es vor allem die Mailänder Arbeiten des 17. Jhs. mit ihren großen schweren Rankenmustern, die zuerst die Vorbilder für die aufblühende große Klöppelindustrie in den Niederlanden abgeben. Während Italien nach 1700 allmählich in den Hintergrund tritt, ist die 1. Hälfte des 18. Jhs. der Höhepunkt der europäischen Spitzenkunst nördlich der Alpen (Nadelarbeit in Frankreich, Klöppelspitze in den Niederlanden) Nach 1700 verschwinden aus den Nähspitzen das schwere, hohe Relief und die breiten, großen Rankenzüge der Klöppelspitze. In beiden geht die Entwicklung zu einer klaren Scheidung von Grund und Muster durch die Ausbildung eines einheitlich regelmäßigen Maschennetzes.
Die reichen, bewegten Barockmuster erhalten durch verschiedenartige Ziermuster in den Füllungen eine große Abwechslung und Feinheit und heben sich reich durchbrochen von dem gleichmäßigen Grundnetz ab (Point de Sedan). In Besonderheit der Durchführung entwickeln die einzelnen Zentren der niederländischen Klöppelkunst ihre spezielle Eigenart: Die größten Muster besitzen die Brüsseler Arbeiten, die sich in zarten Relief von dem zumeist in das fertige Muster eingehängten regelmäßigen sechseckigen Maschengrund (Droschelgrund) abheben; ein ähnlicher Effekt entsteht bei den Mechelner Spitzen durch einen glänzenden Konturfaden. Die dünnste und lockerste Struktur besitzen die Arbeiten aus Binche, während sich die Valenciennesspitzen durch die einheitliche Arbeit von Grund und Muster einer besonderen Dichte und daher Haltbarkeit erfreuen. Die in der 2. Hälfte des 18. Jhs. immer kleinteiligeren und locker verstreuten Muster der Nähspitze (Point d'Alencon, Point d'Argentan) lassen den glatten Tüllgrund immer stärker in Erscheinung treten.
Schon zu Ende des 18. Jhs. beginnt der Ersatz des handgenähten Tülls durch die Maschinenarbeit. Die rasche technische Vervollkommnung der Spitzenmaschinen ermöglichte im Laufe da 19. Jhs. allmählich die Nachahmung der verschiedenen Arten handgearbeiteter Spitzen, die damit immer mehr verdrängt wurden. Künstlerisch gestaltete, handgearbeitete Spitzen sind heute nur vereinzelt als Arbeiten von Kunstgewerblerinnen anzutreffen.
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