| Elementarformen der Architektur |
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| Sonntag, 21. Juni 2009 um 20:03 Uhr | ||
INNENRAUM: LANGHAUSRAUM (Abb. 149). Der Langhausraum (Longitudinalraum) zeigt gewöhnlich eine eindeutige horizontale Hauptachse und versinnbildlicht meist den Weg auf ein sichtbares Ziel, die horizontal gerichtete Bewegung, das Schreiten, also dynamische Kategorien. Seltener ist er reiner Versammlungsraum, jedoch findet sich häufig eine Verbindung von >Wegraum< und Versammlungsraum, etwa im christlichen Gotteshaus.
Neben der Brauchbarkeit als Versammlungsraum der Gemeinde sind es auch noch andere Ursachen, die eine Adäquation von Langhausraum und christlichem Gotteshaus bewirken. Die christliche Kulthandlung ist in zweifacher Weise horizontal richtungsbezogen: einmal muß das Hinschreiten zum Altar (als Repräsentanz Christi), die Prozession zu Gott sinnfällig werden, zum anderen ist die Opferhandlung selbst als ständiges Responsorium zwischen Zelebrant und der feiernden Gemeinde zu verstehen, was ebenfalls die horizontale Achse verlangt. So versteht auch die frühchristliche Zeit den >Weg zu Gott< als mystisch- abstrakten Zug zur sichtbaren Theophanie im Sakrament. In der christlichen Basilika wurde der Prototyp des christlich- abendländischen Gotteshauses geschaffen.
Der Langhausraum ist zumeist Rechteckraum und dem Holzbau näher als dem Steinbau. Er kann sowohl Massebau als auch Skelettbau sein; die obere Abschließung erfolgt durchDecken oder Gewölbe (Abb. 147). — Langhausräume finden sich auch als Querräume (Abb. 149 a), d. h. man betritt sie von einer Längsseite. Sie sind dann meist Versammlungsräume, wie etwa die germanischen KönigshAIlen (5. Maria de Naranco, Spanien). Das Abgehen von der Rechtwinkligkeit führte, besonders in der modernen Architektur, zu weiteren Formdifferenzierungen (Abb. 149 g). — Der Langhausraum ist weiter durch seinen Querschnitt charakterisiert. Vier Typen finden sich immer wieder im Ablauf der Kunstgeschichte: der Saal, die Halle, der Staffelraum und die Basilika (Abb. 150 a—d).
Jeder rechteckige, einschiffige Raum ist dem Typus nach ein Saal, gleichgültig, ob längs- oder quergelegt. Die Gotik kennt Saalkirchen, die Versammlungsräume in den Klöstern sind häufig Säle, in der Barockarchitektur ist der Saal bevorzugte Raumform der Langhauskirche (Abb. 149 d). Dem Saal angefügte Seitenkapellen, auch wenn sie durch Durchgänge miteinander verbunden sind, ändern nichts am Typus, wenn auch diese Form sich schon der Dreischiffigkeit nähert (Abb. 149 n).
Als Halle (Abb.150b) bezeichnet man mehrschiffige Räume, deren Schiffe jedoch gleich hoch sind. Sie bringen vor allem das symbolisch und künstlerisch sehr ergiebige Motiv der Stütze in den Raum. Zweischiffigkeit ist selten, meist findet man Drei- bis Fünfschiffigkeit. Im Mittelalter bedient sich vor allem die Gotik auf deutschem Boden dieser Bauform (Abb.150 d). — Ist das mittlere Schiff etwas höher als die Seitenschiffe, ohne jedoch gesondert belichtet zu sein, so spricht man von einem Staffelraum (Abb. 150 c). Auch diesen Typus finden wir in gotischen Kirchen, besonders im Süden des deutschen Sprachgebietes.
Der Ausdruck Basilika hat verschiedene Bedeutungen: 1. die altrömische Markthalle, 2. der frühchristliche Kirchentypus, 3. der Rang eines Gotteshauses im kirchenrechtlichen Sinne und 4. eine bestimmte Querschnittsform, der >basilikale Typus< (Abb. 15o d). Er ist charakterisiert durch das entschiedene Höherführen des Mittelschiffes, und zwar so weit, daß es durch einen Oberlicht gaden gesonderte Belichtung erhält. Von ägyptischen und römischen Vorbildern ausgehend, findet der basilikale Querschnittstypus im frühchristlichen Gotteshaus reife Ausbildung und erhält sich durch die Jahrhunderte (z. B. in der gotischen Kathedrale) bis zur Gegenwart.
INNENRAUM:
ZENTRALRAUM. Der Zentralraum ist keineswegs richtungslos, jedoch geht, zum Unterschied vom Langhausraum, die Bewegung in vertikaler Richtung (vertikaldynamischer Raum). Diese Bewegung kann vom Menschen nicht real nachvollzogen werden, wie etwa beim Langhausraum. Sobald sich der Mensch im Zentrum des Raumes befindet, ist jede weitere konkrete Bewegung unmöglich, das Emporsteigen oder Hinabsteigen, also die vertikale Richtung, kann nur symbolisch angedeutet werden. So kann der Zentralraum statt der Bedeutung der Vertikalbewegung eine andere bekommen: die des Statischen, in sich Ruhenden, des Kontemplativen und Meditativen, des Verweilens.
Im christlichen Bereich findet sich der Zentralraum als vertkaldynamischer Raum zwar selten als Gemeinderaum, häufig aber als Taufraumund als Grabraum. Im Taufraum (Baptisterium, Abb. 2) wird eine vertikale Bewegung sinnfällig: das Hinabsteigen des Täuflings in das Wasser (die Taufbecken sind häufig vertieft) und das Heraussteigen, Emporsteigen des >aus dem Wasser Wiedergeborenen<. Im Grabbau (Coemeterialbau, aber auch ohne Grab nur als Memorialbau von ähnlichen Motiven bestimmt) finden sich diese Gedanken mit umgekehrten Vorzeichen: der Tote wird in die Erde hinabgesenkt, um die Auferstehung, die Wiedergeburt des verklärten Leibes zu erwarten.
Der Zentralraum als Verweilraum hat vor allem bei jenen Völkern Eingang gefunden, deren kontemplative Mentalität oder Religiosität zu diesem Typus neigt. In der byzantinischen und russischen Kunst (Bd. II Abb. 5 u. 120), in der Kunst des Ostens überhaupt (Moscheen, Synagogen) findet sich häufig der meditative Zentralraum. — Der antike Rundtempel lebt in der Renaissance fort (Abb. 148e). Das Pantheon (Abb. 153 f), seinem Wesen nach ein Kugelbau (vgl. Ledoux), ist eine Mischform zwischen vertikaldynamischem und kontemplativem Raum: die dominierende Lichtöffnung im Scheitel der Kuppel bringt ein vertikales Lichtbündel in den statischen Kreisraum (trajanisch-hadrianische Kunst, Bd. I Taf. 47 a). — Ein dritter Typus wäre noch zu nennen: der imperiale Zentralraum. Die Machtrepräsentation des >monoarchon< kommt im Zentralraum sinnfällig zum Ausdruck. Wenn geistliches und weltliches Herrschertum sich einander nähern oder identisch werden, entstehen cäsaro - papistische Bauten, die sich meist zentraler Raumformen bedienen.
Die primäre Form des Zentralraumes ist der Kreisraum (Abb. 148 c, i), der jedoch vielfältige Weiterentwicklungen erfahren hat. Der Kreisraum wird durch Konchen erweitert, die sich später zu Kapellen entwickeln. Verbindungen dieser Kapellen ergeben Umgänge (Abb. 149 k, m), die sich mehr und mehr verselbständigen und neue Nebenzentren bilden. Schließlich entwickeln sich dem Kerne gleichwertige Bauteile, wie etwa bei den Kreuzkuppelkirchen (Abb. 148 d). Die andere, wenn auch seltenere Zelle ist der quadratische Raum (Abb. 148 a), der ähnlichen Wandlungen unterliegt und ebenfalls zu Grundrissen in Form des griechischen Kreuzes fährt (Abb. 148 b, d, f). Die oberen Raumabschlüsse sind selten flache Decken oder offene Dachstühle, meist jedoch Kuppeln (Abb. 147 r—u) in verschiedener Form. Die Querschnittsformen entsprechen etwa denen der Langhausbauten und sind weitgehend von Decke oder Kuppel bestimmt.
Im Wohnbau ist der Zentralraum von untergeordneter Bedeutung. Wir finden ihn im vorgeschichtlichen und primitiven Bauen. Die barocken Zentralräume der Schloßanlagen nehmen eine Mittelstellung zwischen Wohnraum und säkularisiertem Sakralraum ein. Ledoux' utopisch-idealistische Entwürfe zeigen Zentralbauten, ja sogar Kugelhäuser als Wohnbauten.
INNENRAUM:
MISCHFORMEN. Zwischen den beiden Extremen Zentralraum und Langhausraum hat die abendländische Baukunst die verschiedensten Übergangs- und Mischformen entwickelt, wobei es oft schwierig ist, das überwiegen des einen oder anderen Typus festzustellen.
Zentrale Tendenzen bei Langhausräumen treten zunächst im frühchristlichen Basilikenbau durch Einführung eines Querraumes (Querschiff) auf (Abb. 149 h—n). Für die Herkunft und Entstehunedes Querschiffes gibt es eine Reihe von Theorien. Möglicherweise war es der Wunsch nach Raumerweiterung oder nach besonderer Raumauszeichnung, der diese Bauform entstehen ließ. (Der Opfertisch steht ja, im Gegensatz zu den meisten späteren Kirchen, tatsächlich im Querschiff.) Noch ist das Querhaus der frühchristlichen Basilika keine Zäsur im Weg zum Altar. Erst als nach dem Querhaus das Chorquadrat eingefügt wird und der Altar in den sog. Chor verschoben wird, kann von einer zentralen Tendenz des Longitudinalraumes gesprochen werden.
Die Kreuzung zwischen Langhaus und Querhaus wird als Vierung bezeichnet. Ihre Hervorhebung, besonders in Höhenentwicklung und Gewölbeform, ist ein weiterer Schritt zur zentralen Tendenz. Die Betonung der Vierung legt es nahe, sie mit einer Kuppel zu versehen; es kann nunmehr von einer Verquickung des Zentral- und Langhausraumes gesprochen werden (Pisa, Dom, Abb. 1491). Weitere Formen sind die verschiedenen Grundrisse in Form des lateinischen Kreuzes (Abb. 149 h-m), die Kleeblattchöre (Trikonchos: Geburtskirche in Bethlehem, St. Maria im Kapitol in Köln), die schon Übergänge zu den Zentralräumen mit Langhaustendenz bilden. Schon die Hervorhebung des Presbyteriums bei reinen Zentralbauten (5. Vitale in Ravenna, Abb. 148 i) bedeutet eine longitudinale Tendenz, wie ja überhaupt im christlichen Kultraum der reine Zentralbau kaum konsequent zu verwirklichen ist.
Nicht nur das Presbyterium, auch der Gemeinderaum kann diese Longitudinaltendenz bewirken. Der Dom v on Florenz zeigt einen Trikonchos, der gewaltige Kuppelbau Brunelleschis dominiert jedoch, und das Langhaus scheint von untergeordneter Bedeutung zu sein (Abb. 1481). Ähnliches finden wir in St. Peter in Rom (Abb. 148 f, g): in Bramantes und Michelangelos Plan ist der Bau ein Raumkomplex von zentraler Prägung, und auch C. Madernas Langhaus und Berninis Platzachse konnten den Zentralgedanken nicht eliminieren. Aber auch die kreisrunde Kuppel, Prototyp einer zentralen Bauform, wird der Längstendenz unterworfen: als Ovalkuppel überdeckt sie bedeutende Raumschöpfungen der Barockzeit (Karlskirche in Wien von Fischer v. Erlach) und findet sich auch häufig als Querovalkuppel.
INNENRAUM: SONDERFORMEN.
Das Verlassen tektonischer Grundformen, die freie plastische Durchformung führt zu Räumen, die in ihrer phantastischen Irrationalität nur schwer bestimmbaren Typen zugezählt werden können (phantastische Architektur, Abb. 149g). Schon die Spätgotik, besonders in England, zeigt vom Dekorativen überwucherte Raumformen. Für die spätbarocke Architektur wird die gekurvte, schwingende Raumform zum Prinzip (Borromini, Guarini) und ergibt in kühnen Überschneidungen von Bogen und Gewölben überraschende malerisch-plastische Raumwirkungen (1.B. N eumann, J. Prandtauer, Brüder Asam, D. Zimmermann, Abb. 149 d). - Die moderne Architektur zeigt eine Fülle neuer Raumformen, die von der Tendenz der Raumauflösung (Mies v. d. Rohe, Neutra), dem Prinzip der plastischen Raummodellierung (Gaudi, Wright, Le Corbusier, Castiglioni, Abb. 21) oder einer Verbindung dieser Prinzipien bestimmt werden.
AUSSENRAUM.
Wenn wir jede schöpferische Abgrenzung eines konkreten Raumes als ein Kriterium der Architektur ansehen, so müssen auch jene Räume zur Baukunst gezählt werden, die keine Überdachung und vielfach auch keine geschlossene Begrenzung haben: die Außenräume. Zunächst ist bei komplexeren archi- tektonischen Anlagen der Negativraum- also der zwischen den Gebäuden freibleibende Raum - wieder als architektonische Qualität zu betrachten. Der Hof, das Atrium sind als Negativräume anzusehen und tatsächlich immer Gegenstand baukünstlerischer Gestaltung. Aber auch die städtebaulichen Elemente wie Platz (Abb. 25) und Straße sind Außenräume, welche architektonischen Gestaltungsprinzipien unterliegen (Städtebau). Auch hier finden sich Longitudinal- und Zentralräume mit ihren Übergangsformen. Der Akt der Raumabgrenzung erfolgt nicht nur durch das Bauwerk. Die schöpferische Abgrenzung durch bewußt gesetzte Naturelemente (Baum, Strauch, Stein, Wasser) führt zur Park- und Gartenkunst.
RAUMFOLGEUND RAUMAUFLÖSUNG.
Die vielfältigen funktionellen Forderungen, besonders des Profanbaues, verlangen vielräumige Lösungen. Von einer Raumfolge kann aber erst dann gesprochen werden, wenn die Abfolge, in der man die einzelnen Räume oder Raumfragmente durchschreitet, einer bestimmten künstlerischen Konzeption entspricht. Ansätze zu den Raumfolgen sind zunächst die Raumerweiterungen: Konchen (Abb. 148a), Kapellen (Abb. 148 c, i), Querschiffe (Abb. 149 h, i, j). Mehr und mehr verselbständigen sich diese Elemente und werden so zu eigenen Räumen, dem Hauptraum beigefügt (Salzburger Kollegienkirche; Rom, St. Peter, Abb.148 f, g). Eine bemerkenswerte Raumabfolge, baukünstlerisch, funktionell und spirituell gleicherweise begründet, zeigt die altchristliche und teilweise auch die romanische Basilika (Abb. 149 h) : Atrium oder ›Paradies, Vorhof, Vorhalle, Kirchenschiff und Altarraum.
Die Raumfolge forderneineswegs eine Achse oder die Übersehbarkeit aller Räume. Erst im Durchschreiten kann sie erfaßt werden. Der Komplex mittelalterlicher Klosteranlagen zeigt die Räume von Kirche, Kreuzgang, Brunnenhaus, Hof, Kapitelsaal, Kapellen, manchmal auch Refektorium u. a. aufeinander zugeordnet. Und wenn auch die weit geöffneten Türen des barocken Schloßbaues den Eindruck der 'Zimmerflucht< ergeben, so kann dieser doch nur im Durchschreiten völlig erfaßt werden: auch Stiegenhäuser, Mittelräume, Galerien, Eckpavillons sind integrierende Bestandteile des Barockkomplexes. Aber der Raumablauf geht weiter: der barocke Garten (Gartenkunst, Abb. 27) nimmt das Baugefüge auf, variiert es, setzt es fort und bildet häufig mit einem weiteren Gebäude (Belvedere und Schönbrunn in Wien) einen neuen, übergeordneten Raum. Es zeigen sich erstmalig seit der Antike die Tendenzen zu einem Verschmelzen von gebautem Raum und Freiraum, zu einer Lockerung der Abgrenzung von Außen und Innen. Aber die Architektur setzt sich nicht nur in die Natur fort, auch die Natur wird in das Bauwerk hineingenommen (Grotten, Sala terrena). Schon die illusionistischen Kuppelfresken der Barockzeit (Bd. II, Abb. 106) öffneten optisch den Raum, zwar nicht in die Landschaft, sondern in den Himmel oder den Olymp. Nun werden auch die Wände mit illusionistischen Landschaftsbildern überzogen, mit den Mitteln der Malerei in eine imaginäre Landschaft aufgelöst. Die Sala terrena als Gartenhalle gewinnt besondere Bedeutung, die Orangerie entsteht. Das neue Bauen des 20. Jhs. bringt diese Ideen der Raumauflösung zur Reife: die Ingenieurarchitektur der Jahrhundertwende in Stahl und Glas (Abb. 12) hat die Raumabschließung zu einer transparenten Haut werden lassen. Das moderne Einzelhaus vermählt sich der Landschaft, die Landschaft wächst in das Haus hinein (Neutra). Aber auch die Räume unter sich kennen keine scharfen Grenzen: ein Raum fließt in den anderen, nur einzelne Elemente dienen als sparsame Andeutungen optischer Barrieren und kennzeichnen das Dreidimensionale (Mies van der Rohe, Bd. II Abb. 27; Neutra; Ausstellungsarchitektur).
MODELLIERUNG.
Der Begriff des Raumes in der Architektur hat zweierlei Bedeutung: einmal als Luftraum, der von den architektonischen Elementen begrenzt wird, zum anderen als >gefüllter<, plastischer Raum. Zum Akt der Absteckung, Begrenzung eines Luftraumes kommt also noch der der plastischen Modellierung als architektonische Aufgabe. Die Grenzen zwischen Architektur und Skulptur werden hier verwischt, die Architekturmodellierung unterliegt ähnlichen Prinzipien wie die Bildhauerkunst (Grenzfälle der Plastik).
Die Modellierung ist ebenso Bedeutungsträger wie der Raum. Aus den Verhältnissen der Baukörper und Baumassen zueinander, zur Umgebung und zum Menschen ergeben sich vielfältige Ausdruckswerte, die eine reiche Skala von harmonischer Ruhe und Ausgeglichenheit bis zur spannungsreichen Bewegung durchlaufen. Die Koinzidenz von Innenraum und Raumschale scheint zwar naheliegend, doch wurde sie in den verschiedenen Architekturepochen keineswegs immer angestrebt.
So ist etwa der antike Tempel wie ein Werk der Plastik gestaltet (Tempelbau). Den Formbereicherungen der mittelalterlichen Baukunst am Äußeren des Baues (Abb. 4) entsprechen die der Innenräume nur teilweise (Abb. 1). Der Turm (Abb. 3) als entscheidendes plastisches Motiv hat keine Entsprechung im Innenraum, ist von innen nicht spürbar. Durch reiche, plastisch-konstruktive Modellierung der gotischen Kathedrale werden Außen- und Innenraum als einander zugeordnete und ergänzende, aber nicht miteinander koinzidierende Formmotive dem großen Gesamtkonzept der Kathedrale eingeordnet. Der urbane Renaissancepalast (Abb. 5) verliert weitgehend die plastische Idee, die Fassade zeigt nur reliefartige Plastik, die Koinzidenz mit dem Innenraum wird vernachlässigt. Auch die Renaissancekuppel (Abb. 150 k) zeigt verschiedene Erscheinungsformen von innen und außen: die innere Kuppelschale ist — vor allem aus ästhetischen Gründen — viel flacher als die äußere.
In der Barockarchitektur finden wir hinter den schlichten Seitenfassaden der Kirchen ungeahnte dynamische Raumbildungen, nur in den Stirnfassaden wird bisweilen die bewegte Raumidee, wenn auch nicht in direkter Übertragung, spürbar. Die barocke Schloß - oder Stiftsanlage läßt schon stark die inneren Raumformationen im Äußeren sichtbar werden. Kirche, Festsaal, Pavillons bestimmen auch die plastische Modellierung der Baukörper. Der modernen Architektur geht es, besonders im Zusammenhang mit den städtebaulichen Ideen (Städtebau), um ein lebendiges, beziehungsvolles Spiel von Kuben, geschlossenen und aufgelösten Flächen, Massen und Zwischenräumen. Neue konstruktive Möglichkeiten — z. B. dünne Stahlbeton-Schalenkonstruktionen (Abb. 22) — erlauben eine weitgehende Koinzidenz von Innenraum und Außenform (Elemente der Architektur).
DAS MAL.
Wird die Architektur von Symbol- und Ideengehalt so sehr beherrscht, daß sie weitgehend unnutzbar wird, tritt damit die Utilität gegenüber der Spiritualität völlig zurück, so entstehen Male. Das Problem der Raumschöpfung wird von sekundärer Bedeutung gegenüber der plastischen Modellierung, der Setzung eines sinnhaften Zeichens. So vollzieht sich der Übergang von der Architektur zur Skulptur. Jeder Monumentalbau hat Malcharakter im weiteren Sinne: dient er doch nicht nur einer bestimmten Nutzung, sondern repräsentiert auch das geistige Konzept der Zeit, des Bauherrn, des Architekten und bedeutet Auszeichnung, Markierung. Besonders dem Kultbau kommt Malcharakter zu. Der christliche Kultbau entwickelt im Turm ein typisches Mal: die Nutzung als Glockenträger ist von untergeordneter Bedeutung gegenüber dem Symbolgehalt. Der fortifikatorische Zweck des Turmes entfällt. Der säkularisierte Turm der Gegenwart ist das Hochhaus (Abb. 15), der Wolkenkratzer. So sehr auch rationalistische Momente bestimmend erscheinen, sollte doch der Malcharakter nicht unterschätzt werden. Im Hochhaus repräsentieren sich charakteristische Mächte der Gegenwart: Verwaltung, Wirtschaft, Politik, Technik und — im Wohnhochhaus — der autonome Mensch zwischen Individualismus und Kollektivismus. Obwohl seiner >Kubatur< nach Innenraum, ist das Hochhaus nur ein Konglomerat von Wabenzellen, die als Raum schöpfungen architektonisch irrelevant sind, was den Malcharakter noch verstärkt.
Von der Technik des 19. und 20. Jhs. empfing die Architektur entscheidende Impulse: die rationalistischen und funktionalistischen Momente sind weitgehend von technisch-mechanischen Kategorien ausgegangen. Aber auch der umgekehrte Vorgang ist feststellbar: für eine Brücke wird nicht nur die Standfestigkeit zum Qualitätskriterium: sie wird auch — je nach geistiger Einstellung — nach der Eleganz und Kühnheit der Konstruktion, nach der Leichtigkeit oder Monumentalität der Form beurteilt. Die Weltausstellungen sind Anreiz zu solchen technischen Machtdemonstrationen: Glaspaläste entstehen (Paxton, Abb. 12), Stahltürme (Eiffelturm in Paris), deren Aufwand die Nutzung als Aussichtsturm keineswegs rechtfertigt; physikalisch-chemische Symbole ins Überdimensionale gesteigert (A tomium 1958), Kragkonstruktionen, die nur sich selbst tragen (Frankreich und Belgien, Weltausstellung 1958). |
























































