| Neumann: Bund und Berlin müssen Hauptstadtkultur gemeinsam tragen |
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| Sonntag, 19. Juli 2009 um 06:42 Uhr | ||
Berlin (dpa) - Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat sich zur Verantwortung des Bundes für die Hauptstadtkultur bekannt und gleichzeitig die Stadt ermahnt, ihre eigenen Pflichten dabei nicht zu vernachlässigen. Außerdem nahm der Staatsminister in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa zu einzelnen Themen der Hauptstadtkultur Stellung. dpa sendet nachfolgend den Wortlaut des Interviews:
Das Haus der Berliner Festspiele erhält aus Bundesmitteln 17 Millionen Euro zur Sanierung, der Martin-Gropius-Bau 11 Millionen - wie sieht Ihrer Ansicht nach die inhaltlichen Ausrichtung aus?
Neumann: «Der Aufsichtsrat hat gerade die Verlängerung des Vertrages des Intendanten der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius, bis zum Ende 2011 beschlossen. Er hat den Berliner Festspielen nach der Übernahme durch den Bund ein neues Profil gegeben. Bis zum Ende seiner Vertragszeit sollten dann auch die Bauarbeiten am Haus der Berliner Festspiele abgeschlossen sein. Der Nachfolger oder die Nachfolgerin beginnt also 2012 an einem Haus, das den nationalen und internationalen Künstlern sowie den Besuchern dann wieder einen angemessenen technischen Standard bietet.
Natürlich gibt es erste Überlegungen zur Nachfolge. Ein Intendant oder eine Intendantin muss langfristig gesucht werden. Mit der Entscheidung, das Haus der Berliner Festspiele und den Martin- Gropius-Bau in das Konjunkturprogramm II einzubeziehen, schaffen wir für die Nachfolge optimale äußere Voraussetzungen.»
Die Berliner Festwochen waren eine West-Berliner Einrichtung und fanden zeitlich in einem überschaubaren Rahmen September bis Anfang Oktober statt. Sie wurden schließlich von der «Spielzeit Europa» abgelöst, die sich nun über einen Zeitraum von Oktober bis Januar erstreckt. Halten Sie diese Konzeption nach wie vor für glücklich?
Neumann: «Sie haben hier ein wesentliches Element der alten Berliner Festwochen unterschlagen - die Musik! Mit dem "Musikfest Berlin" wurde in Kooperation mit den Berliner Philharmonikern wieder ein Festival geschaffen, das sich mit vergleichbaren Festivals in Europa messen kann. Hier sind die Spitzenorchester der Welt zu Gast und bieten gemeinsam mit den renommierten Berliner Klangkörpern ein inhaltlich sehr profiliertes Programm. Weil das Theater, das früher bei den Festwochen auch eine gewisse Rolle spielte, dann wegfiel, wurde die "Spielzeit Europa" entwickelt. Diese geht, das beschreiben Sie richtig, zeitlich über ein Festival hinaus. Sie sorgt so aber auch dafür, dass das Haus in der Schaperstraße über mehrere Monate bespielt wird und nicht nur in wenigen Festivalwochen.»
Könnte und sollte man analog zum deutschsprachigen Theatertreffen im Mai auch ein europäisches Theatertreffen in Berlin im Herbst veranstalten?
Neumann: «In gewisser Weise nimmt die "Spielzeit Europa" ja den Gedanken eines europäischen Theatertreffens auf. Es geht schon darum, künstlerische Handschriften führender europäischer Theatermacher zu zeigen, Tendenzen des europäischen Theaters, die sonst in Berlin nicht zu sehen wären. Natürlich kann man sich vorstellen, diese europäischen Aspekte noch stärker zu fokussieren oder andere Schwerpunkte zu setzen. Das wäre eine Überlegung der künftigen Festivalleitung.»
Sollte der Martin-Gropius-Bau mit einer eigenständigen Intendanz gestärkt werden?
Neumann: «Dazu muss ich noch einmal an die Ausgangslage erinnern. Der Bund hat die Berliner Festspiele und den Martin-Gropius-Bau 2001 unter der rot-grünen Bundesregierung übernommen, um Berlin finanziell zu entlasten. Im Falle des Gropius-Baus gab es die Überlegung, das Haus mit Hilfe der ohnehin vom Bund finanzierten großen Kultureinrichtungen durchgängig zu bespielen. Die Einrichtungen - angefangen von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bis zur Kunst - und Ausstellungshalle in Bonn, sind seither auch in der Programmkommission vertreten. Sie bestimmen die Ausstellungspläne auch mit eigenen Projekten mit. Das hat lange gut funktioniert, stößt aber auch mitunter an finanzielle Grenzen.
Das Haus wurde übrigens anfangs nur mit einem Grundetat von rund 1,5 Millionen Euro ausgestattet. Die Programmkosten mussten jeweils über Drittmittel besorgt werden. Was der Direktor des Martin-Gropius- Baus, Gereon Sievernich, trotz dieser schwierigen Situation an Ausstellungen organisieren und finanzieren konnte, das ist hoch beachtlich und verdient großen Respekt.
Es hat sich übrigens in den Jahren immer wieder bewiesen, dass es neben dem kulturellen auch einen politisch-repräsentativen Bedarf für ein Ausstellungshaus des Bundes in der Hauptstadt gibt, den man nicht unterschätzen sollte. Ich habe auch deshalb in meiner Amtszeit die Förderung für den Martin Gropius-Bau um 1 Million Euro erhöht. Und ich habe mich dafür eingesetzt, dass das Gebäude im Rahmen des Konjunkturprogramms II außen instand gesetzt wird und im Inneren die 1999 begonnene Modernisierung vollendet wird.
Wenn ich Aufwand und Ertrag gegenüberstelle, dann spricht vieles für die Beibehaltung der gegenwärtigen Leitungskonstruktion. Aber man kann sich in längerer Perspektive auch andere Lösungen vorstellen.»
Wie denken Sie über die längerfristige Zukunft des Hauses der Weltkulturen im Tiergarten, wenn das Humboldt-Forum eingerichtet ist?
Neumann: «Sie spielen wahrscheinlich insbesondere auf die Agora im künftigen Stadtschloss an, die ja den zeitgenössischen Kontext zu den außereuropäischen Sammlungen in Musik, Kunst, Literatur, Film, Tanz und Theater präsentieren soll. Und damit werden Aufgaben aufgegriffen, die bislang zumindest teilweise vom Haus der Kulturen wahrgenommen werden. Wir haben dies von Anfang an gesehen und deshalb gebeten, den Intendanten des Hauses der Kulturen der Welt mit in die Planungsrunden für das Humboldt-Forum aufzunehmen.»
Welche Änderungen oder Neuerungen könnten Sie sich bei der Berlinale vorstellen?
Neumann: «Wissen Sie, ich bin Vorsitzender des Aufsichtsrates, der auch über die Berlinale entscheidet und der Intendant wäre sicherlich nicht erfreut, wenn er aus der Presse erfährt, was sein Vorsitzender verändert haben möchte. Die Berlinale hat unter Dieter Kosslick eine rasante Entwicklung genommen. Es sind zusätzliche Initiativen hinzugekommen, wie der Talent-Campus, oder der World Cinema Fund. Der Europäische Filmmarkt und der Co-Produktionsmarkt haben sich beachtlich etabliert. Die Berlinale ist nicht mehr nur ein publikumsorientiertes Filmfest, sondern auch ein wirtschaftlich bedeutender Branchentreff.
Man muss natürlich aufpassen, dass das Kerngeschäft, das Filmfestival mit seinen Sektionen, nicht darunter leidet. Aber ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass dies so wäre. Gerade die Einbeziehung des deutschen Films in den Wettbewerb und in die Sektionen ist in den letzten Jahren hervorragend gelungen. Ich halte nichts davon, den deutschen Film zu separieren. Man kann hier auch angesichts der zunehmenden internationalen Co-Produktionen nicht sinnvoll trennen.»
Welche Vorstellungen haben Sie für andere Verwendungen von Bundesmitteln in der Kulturlandschaft der Hauptstadt?
Neumann: «Die Übernahme von Berliner Kultureinrichtungen durch den Bund im Rahmen der Hauptstadtkulturverträge war von der Absicht getragen, das Land Berlin finanziell zu entlasten. Dies aber mit der Erwartung, dass Berlin seine übrigen Kultureinrichtungen angemessen ausstattet. Es darf also nicht passieren, dass die freie Szene nur noch aus dem bundesfinanzierten Hauptstadtkulturfonds finanziert wird. Jeder muss hier schon auf seiner Ebene Verantwortung tragen.
Mir ist noch ein anderer Aspekt wichtig. Der Bund hat kulturelle Einrichtungen in Berlin übernommen und man kann erwarten, dass er mit ihnen eine eigene, erkennbare Bundeskulturpolitik betreibt. Die Öffentlichkeit merkt häufig gar nicht, dass das keine Berliner Einrichtung mehr ist. Dass wir den Martin-Gropius-Bau, die Berlinale, das Deutsche Historische Museum, die Stiftung Kinemathek oder das Jüdische Museum finanzieren, wird oft nicht wahrgenommen. Mit dem neuen Hauptstadtartikel des Grundgesetzes haben wir als Bund eine Mitverantwortung für die - auch kulturelle - Repräsentation in der Hauptstadt.»
nterview: Wilfried Mommert, dpa |
























































