| Die Seele der Stadt im Mikrokosmos - Tütenkünstler Thitz |
|
|
|
| Donnerstag, 21. August 2008 um 07:44 Uhr | ||
Tütenkunst, ThietzOrdentlich reihen sich in dem Städtchen östlich von Stuttgart die Häuser mit roten Dächern aneinander. Beschaulichkeit pur. Doch an der Neuen Gasse will eines so gar nicht ins Konzept passen. Es ist knallbunt gedeckt, ohne jede Ordnung im Patchwork der Dachziegeln. Keine Frage - hier wohnt ein Künstler. Und zwar kein Irgendwer. Thitz hat sich mit Tütenkunst längst international einen Namen gemacht. Und er liebt die Farbe. Der «Künstlerstuhl» in seinem Atelier ist ein verzierter Schemel. «Ich habe ihn für mich reserviert, weil er so unbequem ist», sagt er und nimmt Platz - zwischen Farbeimern und Pinseln, einem vollen Schreibtisch und einem bunten Fußboden, der selbst fast einem Kunstwerk gleicht. An den Wänden hängen sie. Ein paar Exemplare seiner gefragten Tütenkunstwerke warten hier auf ihre neuen Besitzer. Köln, Paris, New York. Wahrzeichen, Linien, Farben, Werbebanner und skurrile Figuren. Es sind Metropolen im Kaleidoskop eines Künstlers, stark verfremdet und doch zuzuordnen. Er bannt ihre Seele auf Leinwand - von der Hektik und der manchmal bedrohlichen Enge des «Big Apple» bis hin zur Beschaulichkeit der Seine in Paris. Wimmelbilder für Erwachsene, in denen es Hunderte von Details zu entdecken gibt - nicht zuletzt die Tüten, die Thitz (Spitzname für Matthias) berühmt gemacht haben und deren Griffe keck aus den Bildern ragen. 1998 war es, als ihn sein Ruhm überrannte. Plötzlich waren Ausstellungen ausverkauft, bevor sie begonnen hatten. «Damals wusste ich noch nicht, dass man auf jeden Fall ein paar Bilder behalten muss», sagte er. «Heftig» sei das gewesen, sagt er, aber sein Strahlen in den Augen verrät, dass er «heftig» im allerbesten Sinne meint. «Welcher Künstler kann schon von seiner Kunst leben?» Frankfurt, Köln, London, Paris, New York - er wird überall gekauft. Zwischen 7000 und 9000 Euro nimmt Thitz für ein fast mannshohes Collagen-Gemälde. «Ich könnte auch etwa das Doppelte verlangen, aber ich denke an die Leute, die mich anfangs unterstützt haben», sagt er. Nicht jede Stadt kommt ihm unter den Pinsel. Grundbedingung ist, dass er sie selbst erlebt hat, bevor er sie malt. Und noch etwas ist ein Muss: «Meine Grauen, Blauen und Grünen müssen sich darin wohl fühlen können.» Multikulti als Qualitätsmerkmal. Neben der Seele der Metropolen versucht er auch Dinge einzufangen, die flüchtig sind: Gerüche, zum Beispiel, oder Lärm. Um sie zu porträtieren, lässt er Farbspritzer wie aufgeregte Bienen über seine Bilder schwirren. Viele seiner Großstädte gehen am Horizont in einen Forst über. «Anfangs fand ich Städte schrecklich», erklärt er. Bis er gemerkt habe, dass sie wuchern wie Wälder - von und für Menschen. «Irgendwann habe ich die unmoderne Eigenschaft an mir entdeckt, ein Menschenfreund zu sein», sagt er. So bewegend sein Künstlerdasein ist, so linear verlief sein Privatleben. Mit fünf kam er von Frankfurt nach Hedelfingen. Nach dem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie ging er ins Ausland, dann nach Berlin, bis er der Liebe wegen wieder ins Schwabenland zog. Seine Frau Katharina arbeitet als Performance-Künstlerin. «Winterbach ist ideal, denn es liegt in einer wohlhabenden Gegend. Ohne Geld geht nichts», sagt der Vater zweier Töchter. Die Idee zur Tütenkunst hatte er 1986, als er einen Stapel Papiertüten aus dem Sperrmüll zog und zum Skizzenbuch machte. «Ich mag den Gedanken, dass man etwas in den Tüten verstecken kann, und frage mich, was wohl mal darin transportiert worden ist.» Anfangs kamen die Papieraccessoires stärker zum Tragen. Heute sind sie oft versteckt. «Acryl auf und in Tüte.» Nachschubmangel gibt es nicht. «Die Leute bringen sie mir von überall her mit.» Sein Wunsch für die Zukunft? «Es ist an der Zeit, dass ich auch von den großen Museen und Kunstmagazinen ernst genommen werde.» Das Stigma des Comic-Künstlers sei schwer abzuschütteln. Das Schubladen- Problem kennen auch seine Kollegen Thomas Baumgärtel und M.S. Bastian, mit denen er die Künstlergruppe «Könige der Herzen» bildet. Baumgärtel, bekannt für seine Sprüh-Bananen, ist Thitz-Fan: «Ich bewundere die Art, wie er aus dem Kopf alles so direkt umsetzt.» Zwar könne er «ruhig auch mal wieder etwas anderes machen als Städtebilder», doch die Arbeiten seien überzeugend: «Was er macht, ist so poetisch und verspielt - immer mit einer Portion Humor.» (Internet: www.thitz.de; www.koenigederherzen.com ) |
























































