Lovis Corinth Der vor 150 Jahren am 21. Juli 1858 im damals ostpreußischen Tapiau geborene Künstler galt Zeitgenossen als Hitzkopf und Energiebündel. So war er für den Expressionisten August Macke ein Rüpel und zugleich ein toller Kerl, von dem man viel lernen könne. Nicht zuletzt waren es diese Eigenarten, die seiner Kunst eine unbändige Ausdruckskraft verliehen und Corinth zu einem wichtigen Vertreter der modernen Malerei machten. «Corinth kam zwar von der akademischen Malerei her, doch er überschritt ständig ihre Grenzen. Seine Malerei hat überrascht, provoziert und schockiert», sagt Serge Lemoine, der eine Corinth- Schau im Pariser Musée d'Orsay kuratiert hat. Die Ausstellung ist inzwischen in Leipzig unter dem Titel «Lovis Corinth und die Geburt der Moderne» zu sehen und noch bis zum 19. Oktober geöffnet. Der Künstler, der mit vollem Namen Franz Heinrich Louis Corinth hieß, hat sich sein Leben lang gegen eine Kategorisierung seiner Kunst gewehrt: «Gehöre ich den "Modernen" an: Die Frage bleibt (...) Ich kann nicht, nur um modern zu bleiben, meine Überzeugungen ändern, nur um eine Bezeichnung zu verdienen, die für mich fraglich ist (...).» Und so wechselte er zunächst von einer tonigen akademischen Malweise zu einer lichteren impressionistischen Palette, um später zu einer wilden und ausdrucksstarken Farbigkeit überzugehen. Vor allem nach seinem Schlaganfall im Jahr 1911 schuf er Bilder in immer grelleren Tönen und mit verzerrten Umrissen, deren Formen einzig durch die Farben entstehen. Doch nicht nur seine unbändige Malweise provozierte, auch seine Themen: Tod, Sex und Nacktheit stehen im Mittelpunkt seiner Bilder. Daneben nahm er sich auch biblische und mythische Sujets vor und verarbeitete sie zum Teil auf groteske Weise. Vor allem die späteren, sehr expressionistischen Werke wurden zur Zeit des Nationalsozialismus als «entartet» betrachtet. Anfang Oktober 1891 zog Corinth nach München und blieb dort knapp neun Jahre. Dort hatte er damit gerechnet, einen triumphalen Einzug in die Kunstszene feiern zu können - etwa mit seinem halbnackten, bläulich-roten «Diogenes», der mit einer Laterne auf der Suche nach wirklichen Menschen ist. Doch die Kritik war verheerend und urteilte: «Die deutsche Kunst ist tot.» Verbittert und enttäuscht gründete er zusammen mit 100 weiteren Künstlern 1892 die Münchner Sezession. Eine Vereinigung, die unabhängig von traditionellem Lehrstil und dominanten Kunstauffassungen mit neuen Ausdrucksformen eigene Wege verfolgte und ihre Werke in eigenen Ausstellungen präsentierte. Doch auch die Münchner Sezession brachte Corinth nicht den erhofften Durchbruch. Als die Gruppe sich im Jahr 1900 weigerte, seine halbnackt als «Femme fatale» dargestellte «Salomé» zu zeigen, verhalf ihm sein Malerfreund Walter Leistikow zu einer Ausstellung in Berlin. Dort wurde Corinth mit offenen Armen empfangen: Noch im November 1900 widmete ihm der einflussreiche Berliner Galerist Paul Cassirer eine erste Einzelausstellung. Wenige Monate darauf zog Corinth in die Hauptstadt der künstlerischen Moderne, wo er schon kurze Zeit später zum künstlerischen Establishment gehörte. Corinths Gesamtwerk besteht aus einer Welt wilder Farben, sinnlicher und überbordender Lebensfreude. Daneben hat sich Corinth in 42 Ölgemälden und rund 140 Papierwerken selbst porträtiert - unter anderem als Ritter, Bacchus oder mit einem Skelett. Ab 1900 malte er jedes Jahr zu seinem Geburtstag ein Selbstbildnis. Diese intensiven Selbststudien und die wechselnden Rollenspiele machen seine Porträts zu eindrucksvollen psychologischen Werken. Seine lockere und moderne Malerei hat zahlreiche zeitgenössische Künstler beeinflusst - so zum Beispiel Lucian Freud, den bedeutendsten britischen Maler der Gegenwart. Die Akte der beiden Maler ähneln sich in ihrer Leibesfülle und ihrer farbigen Darstellung nackter menschlicher Körperteile. Für die meisten Nacktporträts stand Corinths mehr als zwanzig Jahre jüngere Frau Charlotte Berend Modell, die selbst Malerin war. Corinth starb am 16. Juni 1925 an einer Lungenentzündung während einer Reise nach Amsterdam. Dort wollte er Bilder von Rembrandt, der ihn stark inspiriert hatte, sehen.
|