Julius Bissier in Bochum Sparsam aus wenigen Flächen und Linien komponiert, ist sie fast völlig abstrakt. Am rechten Rand befindet sich die Darstellung eines Glockenturms. Der ist gleichsam Symbol der plötzlichen und nicht enden wollenden Verkündigung des Todes Papst Pius' XII., von dem Bissier am 9. Oktober des Jahres auf einem Spaziergang überrascht worden war. Dieses Ereignis habe ihn so beeindruckt, dass er das Blatt danach benannte, statt wie gewöhnlich «nur» zu datieren. Die Geschichte zum Bild erzählt der Künstler-Enkel Pedro Riz à Porta. Aus dem von ihm verwalteten «Bissier-Archiv» im schweizerischen Ascona stammt nicht nur das «Papst»-Blatt, sondern auch weitere der rund 110 Werke des Künstlers, die von Sonntag an im Museum Bochum zu sehen sind. Bis zum 5. Oktober ist unter dem Titel «Der metaphysische Maler» erstmals eine Zusammenschau der gesamten Entwicklung des Künstlers-Oeuvres dokumentiert, sagt Hans Günter Golinski, Direktor des Museums Bochum. Selbst wenn Bissier von der altmeisterlichen deutschen Malerei über die Neue Sachlichkeit zur Abstraktion kam: «Er hatte bei allem eine spirituelle Ambition, wollte die Welt hinter den Dingen ins Bild bringen», erklärt der Museumschef. Dabei war er einem frühen Kritikerurteil zufolge «in Alt-China so zu Hause wie in Alt- Deutschland». Lange bevor er zu den bekannten, an chinesischer Kalligraphie inspirierten, abstrakten Darstellungen kam, zeige ein Bild wie der «Hl. Hieronymus» (1919) inmitten hoher Berge mit spärlichem Baumbewuchs nicht nur den deutlichen Einfluss Dürers und Holbeins, sondern auch den Asiens. Das Faszinierende am Werk Bissiers ist nach Golinskis Auffassung: «Er hat über einen langen Zeitraum ein stringentes Formempfinden in vermeintlich unterschiedlichen Stilen geschaffen.» Deutlich wird das, wenn man naturalistische Aquarelle der späten 1930er und der frühen 1940er Jahre mit den nach Ende des Zweiten Weltkrieges entstandenen Werken «im Dialog» vergleicht. Dies gilt für das Stillleben «Weihnacht 38» mit den Fundstücken Kalkstein, Gallapfel und Glasscherbe. Dessen Farben und Formen tauchen auf dem «23.10.49» betitelten Blatt als Ensemble aus transparent getupften Farbformen auf - als Blau der Glasscherbe oder Dreieck des Kalksteins aus der Schwäbischen Alb. «Tarnbilder» hat Bissier selbst diese naturalistischen Blätter aus der Zeit des Nationalsozialismus genannt. Die selten gezeigten Arbeiten entstanden zur «Tarnung» vor den vom Künstler ständig befürchteten Hausdurchsuchungen. Bissiers Werk sei von Dualismen geprägt, sagt Golinski: Hell und Dunkel, männlich und weiblich, Himmel und Erde, Geburt und Tod. Trotzdem scheinen insbesondere die abstrakten Arbeiten mit ihren reinen gestischen Schwüngen, ihren «gekritzelten» Linien, den wenigen Formen insbesondere im Hinblick auf ihre Balance komponiert. Tatsächlich, so berichtet Pedro Riz à Porta, sei sein Großvater überzeugt gewesen: «Es sind die Kontraste, die letztlich Harmonie schaffen.» (Internet: www.museum-bochum.de)
|