| Beute- und NS-Raubkunst: Dresdner Kunstsammlungen suchen mit System |
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| Donnerstag, 02. Oktober 2008 um 06:56 Uhr | ||
Beutekunst, DresdenDie Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gehören zu den Museen in Deutschland, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges Bestände in beträchtlichem Maße vermissen, aber auch nach entzogenem oder geraubtem Kunstwerken jüdischen Eigentums in ihren Beständen suchen. So wird einerseits manches Stück mit Dresdner Inventarnummer in Museen oder privaten Sammlungen in Osteuropa vermutet. Durch die Galeriedirektoren Hans Posse und Hermann Voss im Dritten Reich waren die Kunstsammlungen andererseits in Planungen und Akquisitionen für Hitlers geplantes Museum in Linz verstrickt.
Das damit zusammenhängende Thema jüdischer Kunstbesitz ist inzwischen auch an der Elbe präsent, eine systematische Suche aber in den Beständen blieb weitgehend aus. «Wir konnten nur reaktiv handeln, also auf Anfrage», sagt Projektleiter Gilbert Lupfer. So mussten Restitutionsfälle innerhalb kurzer Zeit und unter Druck bearbeitet werden. «Da kann man den Kontext nicht vollständig aufdecken.» Im Zusammenhang mit Rückforderungen von Kunstwerken durch die Erben des früheren sächsischen Königshauses sei klar geworden, dass hier solide historische Grundlagenforschung betrieben werden müsse.
Auch im Zuge immer neuer Wettiner-Forderungen sei beim Freistaat die Erkenntnis gereift, dass auch die Bestände systematisch und Stück für Stück aufgearbeitet werden müssten. Für den Aufbau und die «Fütterung» der bundesweit einzigartigen Museumsdatenbank «Daphne» stellt er bis 2018 insgesamt 15 Millionen Euro zur Verfügung - für Recherche, Erfassung und Inventarisierung jedes einzelnen Stückes der elf Museen. «Erfasst werden müssen insgesamt weit mehr als eine Million Stücke, die Recherche nach unklaren Provenienzen wird allerdings nur einen kleineren Teil, vielleicht ein Viertel davon, betreffen», sagt Lupfer, dessen Team rund 60 mit Zeitverträgen engagierte Experten umfasst.
Inzwischen haben sie den Gesamtbestand der Porzellansammlung in die Datenbank aufgenommen, auf die die Wettiner zuerst ihr Augenmerk gerichtet hatten. «Bis auf kleine Nachbesserungen sind die mehr als 18 000 Kunstwerke erfasst», sagt Lupfer. Jede Vase, jede Dose, Teller, Tassen, Schalen oder Figuren sind mit Beschreibung, mehreren Fotos, ihrer Entstehung und Herkunft verzeichnet. Untersucht wurde der zerbrechliche Bestand auch hinsichtlich jüdischen Kunstbesitzes. «Wir haben da keine neuen Erkenntnisse, bis auf im Scherbendepot entdeckte Bruchstücke und beschädigte Teile der bereits früher zurückgegebenen Porzellan-Sammlung der Familie von Klemperer.»
Die Suche geht nun in den anderen Museen weiter. Bei jedem Stück werden schriftliche Unterlagen zusammengesucht, mit denen «Daphne» gefüttert werde. «Im zweiten Schritt wird abgeglichen, ob das Stück da ist und alles stimmt», erläutert Lupfer das Prozedere. Danach erfolge die Herkunftsrecherche. Stücke, die bis 1933 erworben wurden, seien unproblematisch. «Stücke, die nach 1933 in die Sammlung gelangten, könnten grundsätzlich aus jüdischem Besitz stammen.»
Auf alle Zugänge seit 1933 müsse man daher genau schauen. «Dabei ist der erste Filter, ob es Hinweise auf jüdische Vorbesitzer gibt.» Eine weitere Gruppe stellten Kunstwerke dar, die nach dem 8. Mai 1945 in die Museen kamen. «Hier suchen wir nach Hinweisen auf früheren Wettiner Besitz oder auf Stücke aus der Schlossbergung.» Diese Enteignung der Adligen erfolgte im Zuge der Bodenreform 1945. «Unter den Zugängen bis 1989 könnten Eigentum von Republikflüchtlingen oder Stücke sein, die aus steuerlichen Beschlagnahmungen stammen.»
Bei der Porzellansammlung wurde auch nach jüdischem Besitz sowie Stücken aus dem Sonderauftrag Führermuseum Linz gesucht. Hitler hatte sich 1938 das Vorrecht gesichert, konfiszierte Kunstschätze dafür auszuwählen. Als Leiter des zunächst geheimen Projekts ernannte Hitler 1939 den Dresdner Galeriechef Posse. Als dieser 1942 starb, wurde Voss sein Nachfolger. Nach Schätzung von Lupfer bewegt sich die Zahl der Stücke aus diesem Kontext im Besitz der Kunstsammlungen aber im Promillebereich. «Dass die Depots der Museen voll mit jüdischer Kunst sind, kann man nicht im Entferntesten sagen, zumindest in Dresden geht es tatsächlich nur um Einzelfälle.»
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