Start des fünften Zyklus mit neuen Werken auf vier Präsentations-Plattformen.

Fotos:
Links: Kleidungsstücke an einer Wäscheleine füllen den von Akademiestudent Min Seob Ji gestalteten Plexiglaskubus in der Stuttgarter Klett-Passage: "Don’t forget me", 2009.
Rechts: Prof. i.V. Andreas Grunert vor "Auftauchen und Abtauchen", 2009, eine Installation seiner Studierenden Leonora Ruchay und Tim Hendel. Fotos courtesy Pepper and Salt GmbH Stuttgart
Gestartet in 2007 geht das langfristig angelegte Kunstprojekt in der Klett-Passage in seine 5. Runde. Wiederum haben die Studenten der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart spannende und aufregende Kunstobjekte für diese gemeinsame Kunstinitia- tive der Mietervereinigung, der Akademie, der SSB AG und der Landeshauptstadt Stuttgart geschaffen.
Die neuen Objekte der Kunststudenten halten die Kunstinitiative le- bendig und geben Kunden wie Passanten Impulse zum Verweilen und Betrachten. Auf Anregung der Mietervereinigung Klett-Passage, dem Zusammenschluss der Pächter der Ladengeschäfte, wurde 2007 ein Kunstprojekt mit der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Fachgruppe Kunst, initiiert. Halbjährlich erfolgt auf den installierten Plattformen ein Ausstellungswechsel auf Basis eines Studenten-Wettbewerbes der Akademie.
Bei der aktuellen Ausstellung griff das Kuratorium des Kunstprojektes auf eine Auswahlform der Kunstwerke zurück, wie sie schon zum Start des Projektes im November 2007 angewandt wurde. Die heute präsentierten Kunstwerke wurden aus der Jahresausstellung der Abschlussarbeiten der Diplomanden des Jahres 2009 ausgewählt.
Am Mittelabgang sowie an den beiden Seitenabgängen zu den Stadtbahnen auf der Königstraßen-Seite der Klett-Passage werden ab Freitag, 27. November, die eigens hierfür geschaffenen, neuen Kunstwerke präsentiert. Rund 150.000 Passanten, die Stuttgarts Klett-Passage täglich nicht nur als direkte Verbindung zu den öffentli- chen Verkehrsmitteln, sondern auch zum Einkaufen, Bummeln und für genussvolle Pausen nutzen, sollen von den Kunstobjekten zum Verweilen und mußevollen Betrachten motiviert und inspiriert werden.
Die Mietervereinigung Klett-Passage, die Landeshauptstadt Stuttgart und die SSB AG übernehmen die laufenden Kosten des Projektes. Hierin sind Dokumentationskosten, Preisgelder für den Wettbewerb, Materialkostenzuschüsse für die Künstler sowie die technische Installation und Wartung der Kunst und ihrer Plattformen enthalten.
Die betreuende Agentur der Klett-Passage, die Stuttgarter Marketing- und Eventagentur Pepper and Salt GmbH, hat im Laufe der letzten Monate die Weiterführung des Kunstprojektes organisiert und wird es auch in Zukunft engagiert betreuen.
Zur Begleitung und Auswahl der halbjährlich anstehenden Studenten-Wettbewerbe wurde ein Kuratorium gebildet.
Das Kuratorium des Kunstprojektes Klett-Passage:
Dr. Susanne Eisenmann
Landeshauptstadt Stuttgart, Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport
Ulrich Deinhardt
SSB AG, Leiter Unternehmensbereich Technische Infrastruktur
Manfred Wiese
Vorsitzender der Mietervereinigung der Klett-Passage
Michael Stümpflen
Betreuer des Kunstprojektes, Pepper and Salt GmbH
Prof. H.D. Lutz,
Architekt der Klett-Passage
Prof. Susanne Windelen
Akademie, Professorin für Werken
Prof. Udo Koch
Akademie, Professor für Bildhauerei
Tilmann Eberwein
Akademie, Technischer Lehrer für Bildhauerei u. Metallbearbeitung
Bei seiner Sitzung am 27. Juli 2009 bewertete und wählte das Kuratorium die Exponate aus der Jahresausstellung der Abschlussarbeiten der Diplomanden des Jahres 2009 aus. Die Arbeiten werden ab heute in der Klett-Passage präsentiert.
Das Kuratorium des Kunstprojektes Klett-Passage bedankt sich bei der Firma Samsung, die mit einer großzügigen Spende einen großen Plasma-Bildschirm und weiteres technisches Equipment zur Präsentation der Video-Installationen kostenfrei zur Verfügung gestellt hat.
Ebenfalls bedankt sich das Kuratorium bei der BW-Bank Stuttgart, die das Kunstprojekt im Jahr 2009 auch durch eine großzügige Spende unterstützt hat.
Die Künstler und Kunstwerke des fünften Durchganges
(Recherche und Text: Stürzl Kunstkommunikation, Winfried Stürzl)
Objekt:
Durchfahrt
Video auf DVD, 3 Minuten, 2009 (Text aus: „Die Lage des Landes“ von Richard Ford)
Künstlerin:
Solange Cailliez
Solange Cailliez beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit dem Thema Stadt. Beim Betrachten ihrer Zeichnungen und Malereien von entvölkerten Straßenzügen oder Architekturensembles stellen sich Einsamkeit und Leere als vorherrschende emotionale Qualitäten ein – Gefühle, die trotz zahlloser dort lebender Menschen gerade für das urbane Umfeld charakteristisch sind. Die Betonung von Formen, die man gewöhnlich nicht wahrnimmt – etwa ein Himmelsausschnitt zwischen Dächern –, verweisen darüber hinaus auf das Interesse der französischen Künstlerin am Thema der Wirkung von Raum und Zwischenraum auf den Betrachter.
In ihrer Videoarbeit „Durchfahrt“, die sie in der Klett-Passage zeigt, unternimmt Solange Cailliez zu einem Text über die Frage „Was ist Heimat?“ eine Kamerafahrt durch eine imaginäre Metropole mit ihren Hochhäusern und menschenleeren Straßenschluchten. Die mit Hilfe eines Pappmodells erzeugten Schwarzweißbilder entfalten – dank der Stilisierung und ihrer Verbindung mit der Sprechstimme aus dem Off – eine starke poetische Kraft und werden zugleich zur Projektionsfläche für Assoziationen, Erinnerungen und Empfindungen des Betrachters.
„Durchfahrt“ ist das erste Video einer größeren Reihe, die sich mit der Frage auseinandersetzt, wie unterschiedlich die gleichen Orte auf verschiedene Menschen wirken, je nachdem welchen Kontext und Erfah- rungsschatz sie jeweils mitbringen.
Solange Cailliez: Geboren 1980 in Paris. 1999–2004 Studium an der École Natio- nale Supérieure des Arts Décoratifs, Paris. 2001/02 Studium an der Universidade Federal do Rio Grande do Sul, Porto Alegre in Brasilien. 2005 Artist in Residence am Frans Masereel Centre, Kasterlee, Belgien. Seit 2006 Post-Graduierten-Studium an der ABK Stuttgart. Verschiedene Auszeichnungen sowie Teilnahme an zahlreichen Ausstellungen, diverse Einzelausstellungen, darunter: 2009 Espaços em diálogo, StudioClio, Porto Alegre, sowie Graphias Gallery, Brasilien; 2007 Promenades, Rat- haus Saint-Mandé; 2005 Variations et Dérivées, Centre d'Animation Saint Michel, Paris.
Objekt:
Auftauchen und Abtauchen
Installation, Bronze (Wachsausschmelzverfahren), beschnittenes und
geschichtetes Papier, Sand, 2009
Künstler:
Tim Hendel & Leonora Ruchay
Bildhauerei und Zeichnung sind für Tim Hendel zwei sich gegenseitig ergänzende künstlerische Disziplinen. Während das direkte und spontane Medium es ihm ermöglicht, überall, wo er gerade ist, schnell und unkompliziert Gesichter, Strukturen oder Systeme zu erfassen (und auf diese Weise auch eine Art „Formensammlung“ anzulegen), bietet ihm die konzentrierte bildhauerische Arbeit die Möglichkeit, Interessen „herauszufiltern“ und dann durch langsames Vor- anscheiten zu einer jeweiligen Essenz zu gelangen. Dennoch entstehen auch Hendels teilweise skurrile Charaktere und Mutationen – häufig Bronzegussarbeiten – assoziativ beim Machen selbst.
Leonora Ruchays Scherenschnitte erscheinen in ihrer geometrischen Klarheit und transparenten Fragilität zwar sehr viel geplanter, doch auch hier gilt: Man weiß erst am Schluss eines Versuches – beim Entfalten des beschnittenen Papiers – ob eine Form gelungen ist und ob die Dopplung in der Überlagerung mit anderen Ornamenten auch wirklich funktioniert. Ständiges Ausprobieren und Neukombinieren führt bei Ruchay zu ausgesprochen komplexen und sensiblen Strukturen, die in ihrer Transparenz und Ruhe einerseits an Kirchenfenster erinnern, in der Serialität ihrer Muster aber auch Assoziationen an Textilien evozieren.
In ihrer gemeinsamen Installation „Auftauchen und Abtauchen“ gehen Tim Hendels dreidimensionale „Taucher“ und Leonora Ruchays flächige Scherenschnitt-Schichtungen eine ungewöhnliche Symbiose ein. Die Figuren mit den Sauerstoffschläuchen wirken aufgrund ihres kleinen Formats und dank des Einsatzes von Bronze skurril – geht man doch gewöhnlich davon aus, dass der teure Metallguss Porträtbüsten oder Denkmälern vorbehalten ist. Die strengen, ornamentalen Muster der umgebenden Flächen und das durch die Transparenzen entstehende Licht tauchen die kleine Gruppe darüber hinaus in eine fast meditative Atmosphäre, was die Überhöhung noch übersteigert und die Szene surreal erscheinen lässt. Da man nicht weiß, ob die Figuren gerade aus dem Sand aufsteigen oder im Begriff sind, in ihn einzutauchen, bleibt das Ziel der Figuren rätselhaft, was einen Reflex in den Steigerungen und Brechungen der Ornamentüberlagerungen der umgebenden Flächen findet. So lässt sich die Installation auch als eine feinsinnige Metapher auf das lebendige Auf und Ab der Passanten in der Klett-Passage verstehen, deren wechselnde Ziele dem unbefangenen Betrachter ja ebenfalls undurchsichtig sind und daher oft nicht weniger surreal erscheinen.
Tim Hendel: Geboren 1984 in Stuttgart-Bad Cannstatt. 2005/2006 Praktikum im Bildhaueratelier/Kunstgießerei Stromsky und Studium an der Freien Kunstschule Stuttgart. Seit 2006 Studium der Kunsterziehung an der ABK Stuttgart, u.a. bei Prof. Johannes Hewel und Prof. Andreas Grunert. Ausstellungsbeteiligungen.
Leonora Ruchay: Geboren 1986 in Herrenberg. 2006 Geburt ihres Sohnes Ilja. Seit 2007 Studium an der ABK Stuttgart bei Prof. Johannes Hewel und Prof. Andreas Grunert. Ausstellungsbeteiligungen.
Objekt:
Don’t forget me
Installation, Kleidungsstücke, Fundsachen, Wäscheleine, Klammern,
2009
Künstler:
Min Seob Ji
Mehrere Bahnen von Kleidungsstücken an einer Wäscheleine füllen den von Min Seob Ji gestalteten Plexiglaskubus in der Stuttgarter Klett-Passage. Auf seinem Boden liegen kleinere Objekte, etwa ein Schuh, ein Päckchen Papiertaschentücher oder ein Geldschein. Fast scheint es, als habe der koreanische Künstler für seine Installation willkürlich Alltagsgegenstände zusammengetragen. Wäre da nicht der Titel der Arbeit, „Don’t forget me“, der auf die Herkunft der Stücke schließen lässt: Es handelt sich ausschließlich um Fundstücke, die im Laufe eines Monats in den Stuttgarter Straßenbahnen eingesammelt wurden.
Min Seob Ji geht mit seiner Fundbüro-Installation einen Dialog mit den Passanten ein: Die ausgestellten Stücke könnten jedem gehören, der zufällig die Klett-Passage durchquert. So kann es zu einem unerwarteten „freudigen Wiedersehen“ mit einem verlorenen Gegenstand kommen, der nun aber Bestandteil eines Kunstwerks ist. Dadurch ist er dem Zugriff durch seinen Besitzer zunächst entzogen, was den Betroffenen zum Nachdenken darüber anregen mag, wie sein Gegenstand überhaupt an diesen Ort gelangt. Unbeteiligten Passanten bieten die ausgestellten Stücke darüber hinaus Anlass für Assoziationen oder rufen Erinnerungen wach, vorbeikommenden Kindern dienen sie vielleicht als Stoff für eine Geschichte.
Oft spielen in den Arbeiten Min Seob Jis Fragen nach kulturellen Un- terschieden und philosophische Überlegungen eine Rolle, die aber nie explizit ausgesprochen werden. Die Arbeiten sind bewusst offen gehalten und stellen ein nicht festgelegtes Kommunikationsangebot an den Betrachter dar, das möglicherweise ein Potenzial enthält, von dem man zunächst nichts ahnt. Ganz im Sinne des berühmten Schmetterlings aus der Chaostheorie, dessen harmloser Flügelschlag am anderen Ende der Welt absichtslos einen Orkan auslösen kann ...
Min Seob Ji: Geboren 1972 in Daejeon (Süd-Korea). 1992–2001 Studium im Fach- bereich Hotel-Restaurant-Management an der Kyonggi Universität (Süd-Korea), von 1999–2001 dort auch Kunststudium (Bachelor of Fine Arts). Seit 2005 Studium an der ABK Stuttgart, u.a. bei Prof. Reto Boller, Fachrichtung Freie Grafik. Verschiedene Preise und Auszeichnungen, darunter: Akademiepreis 2008 und DAAD-Preis 2009. Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen und Performances.
Objekt:
Tabledance
Video auf DVD, 5:48 Minuten, 2009
Künstler:
Manuel Kumrain
Manuel Kumrain beschäftigt sich in seinen Videoarbeiten, in denen er meist selbst als Performer auftritt, seit einiger Zeit insbesondere mit Fragen der Kunstproduktion sowie mit Tanz und Bewegung. Die Dar- stellung des scheinbar Unmöglichen oder Unvorhersehbaren spielt dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die Frage nach der Bedeutung von Bewegung im gesellschaftlichen Kontext.
In der Videoarbeit „Tabledance“, die der Künstler in der Stuttgarter Klett-Passage zeigt, weckt der Titel im Betrachter die Erwartung eines weitverbreiteten Vergnügens aus dem Rotlichtmilieu. Doch – anders als man zunächst denkt – ist der Begriff hier ganz wörtlich gemeint: Wie von Zauberhand nähert sich dem Künstler in seinem Ate- lier ein Tisch und lädt ihn zum Tanz ein. Es ertönt eine gesummte Melodie, und im Verlauf der eleganten, sich steigernden Walzer- und Tangoformen scheint das sperrige Möbel immer lebendiger und beweglicher zu werden. Schließlich aber verstummt die Melodie wieder, und sowohl der Tisch als auch sein Tanzpartner verschwinden. Zurück bleibt der leere Atelierraum. Und die Frage: War das Gesehene vielleicht doch nur ein schöner Traum?
Gewiss ist es nicht zu weit gegriffen, wenn man in der Arbeit „Table- dance“ auch eine Metapher auf die Tätigkeit des Künstlers als solche sieht. Denn die Frage, wer letztendlich das Kunstwerk gestaltet – der Künstler, sein Material oder die Auseinandersetzung zwischen beiden? – wird hier zum visuellen Erlebnis.
Manuel Kumrain: Geboren 1979 in Stuttgart. Seit 2004 Studium an der ABK Stutt- gart bei Prof. Werner Pokorny, Prof. Susanne Windelen und Prof. Udo Koch. Seit Oktober 2009 Studium Intermediales Gestalten bei Prof. Joachim Fleischer. Verschiedene Ausstellungsbeteiligungen, darunter: Transaktion 1554, Städtische Galerie Sindelfingen, 2006; White Heat Stuttgart, 2009; Samara Video Art, Russland, 2009.
Objekt:
o.T.
Objekt, Hartschaum/PU-Schaum, Glasfaser, Lack,
ca. 110 x 105 x 45 cm, 2009
Künstlerin:
Bettina Leib
Die Skulpturen von Bettina Leib mit ihren perfekten, häufig glänzenden Oberflächen sind bizarre Gebilde, die beim Betrachten immer wieder Assoziationen an tierische oder zum Teil menschliche Formen evozieren. So auch in der Arbeit, die in der Stuttgarter Klett-Passage zu sehen ist.
Bei einem ersten Hinsehen nimmt der Betrachter etwa ohrenförmige Auswüchse wahr, die sich im nächsten Augenblick aber ebenso gut als in die Luft gestreckte Beine erweisen könnten. Man sieht ein bestimmtes Tier, stellt aber sogleich fest, dass der Rest der Skulptur diesen Eindruck nicht bestätigt. Kaum scheint also ein Begriff irgendwo zu „passen“, wird er auch schon wieder ad absurdum geführt. Der Betrachter findet zu keinen sicheren Erkenntnissen, stattdessen gleitet sein Blick an der perfekten Oberfläche des Objekts entlang und gerät in eine endlose Wahrnehmungsbewegung, die keine letztendliche Festlegung zulässt.
Die inhaltliche und formale Offenheit der Skulpturen von Bettina Leib ist einem langwierigen Entstehungsprozess und einer virtuosen Beherrschung der künstlerischen Mittel gedankt. Erste Anregungen holt sich die Künstlerin aus Fotografien, die sie von Flecken oder anderen zufälligen Strukturen in ihrer Umgebung macht und die sich außer in den Skulpturen auch in Zeichnungen niederschlagen. Dann beginnt die eigentliche plastische Arbeit an dem Kern aus Hartschaum, die sich häufig über mehrere Monate hinzieht – so lange, bis die Figur von der Künstlerin als stimmig empfunden wird. Erst wenn die Form ganz und gar steht, kommt es zu den aufwändigen Lackierungs- und Schleifgängen, die den organoiden Objekten schließlich ihre irritierend perfekten Oberflächen verleihen.
Bettina Leib: Geboren 1982 in Stuttgart. 1999–2002 Ausbildung als Schreinerin. 2002–2004 Berufskolleg, Schwerpunkt Gestaltung. Seit 2005 Studium an der ABK Stuttgart, Studiengang Freie Kunst/Bildhauerei, bei Prof. Werner Pokorny und Prof. Birgit Brenner. Ausstellungsbeteiligungen.
Objekt:
DA SEIN AND EIS
Video auf DVD, 3:34 Minuten, 2008
Künstler:
Marco Schmitt
Marco Schmitt ist Performancekünstler – auch in seinen Videos. Ob als Hybridfigur aus Michael Jackson und Jackson Pollock oder als demagogischer Kunstpriester, der die Grenze seines Einflusses auf das Publikum und deren Partizipation testet: Die persönliche Präsenz des Künstlers ist in seinen Arbeiten entscheidend – und fordert grundlegend das Einbeziehen des Betrachters als aktiver Mit- Performer.
Die in der Klett-Passage gezeigte Videoarbeit „DA SEIN AND EIS“ macht schon in ihrem Titel deutlich, dass es hier um ein Spiel mit der Sprache geht, denn die Wortfolge, die – teils englisch ausgesprochen – einen absurden Sinn ergibt, ist rhetorisch gesehen ein Anagramm. Thematisiert werden in dem Video der Begriff und das Phänomen „Dasein“ (hier, da, dort, mental wie physisch). Zunächst sieht man den Künstler denn auch gemeinsam mit seinen Eltern – und Existenzgebern – in der Natur, wo alle drei abwechselnd singen: „Ich will da, da, da sein“. Schmitt kommentiert selbst: „Der Künstler gerät in den Österreichischen Alpen mit seinen Eltern in eine „allgegenwärtige“ Aufspaltung des „Daseins“. Das „DADADA SEIN“ ist geboren und teilt sich scheinbar ins Endlose“.
Im zweiten Teil der Arbeit zeigt sich der Künstler dann an unterschiedlichen Orten in einer Stadt, wo er singt: „I wanna be here, I wanna be there!“. Sein Kommentar hierzu: „Im Englischen existiert das Wort „Dasein“ nicht und kann nur beschrieben werden“. Aber auch hier in San Francisco demonstriert Marco Schmitts „DADADA SEIN“ seine Omnipräsenz durch Raum und Zeit.
Wenn das Video und Schmitts eigene Kommentare auch zunächst mit Humor daherkommen, so stellt er doch die ernsthafte Frage nach der tastsächlichen Unerklärbarkeit der menschlichen Existenz. Formal findet sich diese Frage im Video in dem zunehmend asynchronen Schnitt realisiert, der Bild und Wort oft trennt und das „Dasein“ des Künstlers und seiner Stimme – zumal medial vermittelt – ästhetisch ad absurdum führt.
Marco Schmitt schließt seine Überlegungen daher wie folgt: „Über das „DADADA SEIN“ kann man nicht sprechen. Das „DADADA SEIN“ muss gesungen werden. Und so fordert der Künstler die Betrachter in der Klett-Passage auf: Singen Sie doch bitte mit und versuchen Sie die Transzendenz des „DADADA SEINS“ zu erreichen.
Marco Schmitt: Geboren 1976 in Mosbach. Seit 2004 Studium an der ABK Stuttgart, zunächst bei Prof. Werner Prokorny, seit 2005 bei Prof. Christian Jankowski. 2007/2008 Austauschstudent am California College of the Arts, San Francisco. Zahl- reiche Ausstellungsbeteiligungen, darunter 2009: Übermorgen Künstler, kuratiert von Johan Holten, Heidelberger Kunstverein, Summer Reading, kuratiert von Mike Bou- chet, Invisible Exports, New York City, USA; Die Reliktion präsentiert, Golden Pudel Klub, Hamburg, Ersatz, SF Camerawork, San Francisco, USA; Dasein. DA DA Sein. The Resurrection of Dead Artists, White Heat, Stuttgart; Gimme Hope, Mr. Michael Jackson Pollock, Waggons am Nordbahnhof, Stuttgart.
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