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Willikens, Kunst, Arbeiten, Räume
Streng komponiert. Kühl. Anonym. Meist in Grautönen und riesengroß. Einen Ben Willikens, eine seiner «Raumkonzeptionen», wie er sie nennt, erkennt man. In der Daimler-Zentrale hängt einer, beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe und beim Deutschen Sparkassenverband in Stuttgart auch. «Ich öffne Räume», sagt der 69-Jährige. Entstanden sind viele der meist großformatigen Arbeiten «aus Frust gegen das, was uns umgibt». Schaut er sich um, betrachtet er die Architektur, sieht er eine «verbaute Welt». «Ich leide darunter.» Und deshalb schafft er etwa «Gegenwelten», so der Titel einer Bilderserie, auf Leinwänden. Und das Interesse daran beweist: Willikens ist mit seinen Gefühlen nicht allein. Manchem sind sie 70 000 Euro wert.
«Er hat die künstlerische Tradition der Architekturzeichnung – die in der Renaissance ihren Höhepunkt erlebte - in der Gegenwart wiederbelebt», ordnet Sabine Gruber, Kuratorin beim Kunstmuseum Stuttgart, den Maler ein. Für den Sommer bereitet sie die Ausstellung «Licht und Dunkel» mit Arbeiten von Willikens vor.
Sein Atelier ist sein Refugium. In einem ehemaligen Lazarett aus dem Jahr 1904 hat sich der meist komplett schwarz gekleidete Mann mit den schlohweißen Haaren und dem ebenso weißen Bart seine persönliche Gegenwelt geschaffen. Die Stadt habe den Backsteinbau abreißen wollen. Er baute ihn um. Hohe, helle Räume. Riesige Türen. Arbeiten und Wohnen gehen hier fließend ineinander über. Der gebürtige Leipziger lebt allein. Seine beiden Töchter sind längst aus dem Haus. An seine eigene Kindheit erinnert er sich nicht gern. Sein Vater starb früh. Die Familie lebte in «etwas Barackenartigem». Es gab kein Radio, kein fließend Wasser. «Schön war das nicht». Seinen Kunst-Kick bekam Willikens als Teenager 1955 bei der ersten documenta in Kassel. «Ich war völlig aus dem Häuschen.» Picasso, Klee, Kandinsky. «Ich dachte mir: Wenn es sowas gibt, dann gibt es einen Weg aus dem Elend.» Zum Studium ging er nach Hamburg, später dann nach Stuttgart.
Ein Bauhaus-Zögling war sein erster Lehrer. Oskar Schlemmer, Walter Gropius - diese Namen spricht Willikens heute noch mit großer Bewunderung aus. Der Expressionismus hingegen war nie seins: «Die Seele auf die Leinwand klatschen, war nicht mein Ding», sagt Willikens, der stattdessen auch zahlreiche Bühnenbilder vor allem für Opernaufführungen schuf.
Manchmal ist auf seinen Bildern nur ein Stuhl zu sehen oder eine leere Badewanne. Menschen spielen in seiner Kunst gar keine Rolle. «Mein einziges Selbstporträt habe ich mit 19 gemacht.» Und dann nie wieder. Folgerichtig ist auch sein bekanntestens Werk menschenleer. 1977 befreite er Leonardo da Vincis berühmtes Abendmahl-Fresko von allen menschlichen Spuren - und löste eine heftige Diskussion aus. Inzwischen kann auch die Kirche mit dem drei mal sechs Meter großen Bild leben. Nach anfänglicher Ablehnung sei es von einer «Positivierungswelle» überrollt worden. Das Bild steht im Mittelpunkt der Willikens-Ausstellung im Kunstmuseum im Sommer (25.7.-4.10.).
Gut 13 Jahre lang lehrte Willikens als Professor an der Akademie für Bildende Künste in München. Von 1999 bis 2004 war er sogar deren Direktor. Jetzt ist er emeritiert - und liebt es: «Ich muss nicht mehr jeden Tag recht haben.» Außerdem könne er jetzt wieder machen, was er wolle. So fotografierte er kürzlich einen Haufen Schrott aus zig Perspektiven - und übermalte die Fotos zu einer für ihn völlig untypischen Aquarell-Serie. «Ich kann mich spontan von irgendetwas verleiten lassen» - darin liege der Reiz seines Lebens im Backstein- Atelier im Stuttgarter Osten.
(Internet: www.benwillikens.de)
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