| Die Hausfrau als Denkmal: Kunst am Trafalgar Square |
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| Dienstag, 07. Juli 2009 um 05:17 Uhr | ||
Von Annette Reuther, dpa
London (dpa) - Wer zum Londoner Trafalgar Square gekommen ist, schaut sich normalerweise die Nationalgalerie an, schimpft über den stinkenden Verkehr oder bestaunt die Statue von Admiral Nelson. Seit Montag sind jedoch auch lebende Denkmäler zu bewundern. Im Rahmen einer Aktion des britischen Künstlers Antony Gormley steigen über die kommenden Monate Tausende Freiwillige auf die sogenannte «Fourth Plinth», den vierten Sockel in der Westecke des berühmten Platzes im Herzen Londons. Eine Stunde lang darf so jeder Mal mal berühmt sein. Schon am Eröffnungstag des Projekts kamen ungebetene Gäste, platzte Regen aus den Wolken und gab es allerlei Eigenwerbung.
Noch bevor Rachel Wardell, eine Hausfrau aus Nordostengland, zum ersten offiziellen lebenden Denkmal werden durfte, stürmte ein Anti-Raucher-Aktivist den Sockel und stahl der 35-Jährigen die Schau. Doch Gormley blieb gelassen: «Ich denke, Protest ist nicht das einzige, für das man den Sockel verwenden kann.» Er freue sich auf die «ruhigen Momente» und auf die Würdigung dessen, «was eine liberale Demokratie ist und sein kann».
Auch wenn die erste Darbietung nicht besonders atemberaubend war - Hausfrau Wardell stellte sich mit einem Riesenlolli auf den Pfeiler, bewegte sich kaum und machte für ein Kinderhilfswerk Werbung - die Zuschauer fanden es toll. «Dieses Land ist wirklich frei», sagte Jenny, eine Touristin aus Hongkong. «Ich würde so etwas nie machen.» Als nächstes stellten sich ein fotografierender Krankenpfleger mit Höhenangst und eine Frau mit grünen Luftballons auf die sieben Meter hohe Säule. Ein Barbesitzer machte - gratis - Werbung für seine Geschäft: «Ich hätte 5000 Pfund für eine Anzeige zahlen können, aber das ist viel besser hier.» Dass ihn einer von unten der Langeweile bezichtigte, störte den Geschäftsmann nicht.
100 Tage lang, bis zum 14. Oktober, wechseln sich die Freiwilligen ab. Jede Stunde, Tag und Nacht. Wobei einige Teilnehmer schon am ersten Tag mit einem heftigen Regenguss abgekühlt wurden. Insgesamt sollen 2400 Menschen auf dem Sockel stehen, der eigentlich für eine königliche Reiterstatue vorgesehen war. Doch als die «Fourth Plinth» 1841 erbaut wurde, ging das Geld aus - der Pfeiler blieb leer. Unter den fast 16 000 Bewerbern wurden die ersten per Zufall ausgewählt. Darunter: Ein Architekt, der auf einem Fahrrad sein pinkfarbenes Kostüm zum Leuchten bringen will oder ein Wasserexperte, der in einem «Kacka-Anzug» auf seine Stunde Ruhm hofft. Mit einer Hebebühne werden die Teilnehmer auf den Sockel gefahren, ein Netz schützt sie vor dem Absturz. Eine Webkamera nimmt das ganze auf.
Gormleys Projekt «One and Other» findet im Rahmen der Wechselausstellungen auf dem Pfeiler statt und löst ein Architektur-Modell des deutschen Künstlers Thomas Schütte ab. Eine «Demokratisierung der Kunst» sieht Londons Bürgermeister Boris Johnson. Schließlich wird das Volk auf eine Stufe mit Herrschern, Generälen und Intellektuellen gestellt. «Verdienen diese bronzenen, in Gewänder gehüllten Kasper am Trafalgar Square mehr Respekt als diese Menschen da oben?», fragte Johnson mit Blick auf den mit Denkmälern vollgestopften Platz.
Andere hingegen interpretieren die Aktion als einen Talentwettbewerb nach dem Vorbild vieler Fernsehshows oder als eine Plattform für Protestierende aller Art. «Wie viele von uns wollen wirklich einen Mann in einem "Kack-Anzug", ein Planschbecken voller Blut und eine als Pilz verkleidete Frau sehen?», fragte skeptisch die konservative Zeitung «Daily Mail» angesichts der Vorschläge.
Gormley sieht das ganze jedoch philosophischer: «Eine Stunde ist genau lang genug, damit sich jeder Gedanken über sich selbst machen kann.» Und zumindest von oben sieht das ganze anscheinend ziemlich gut aus: «Dort ist es echt friedlich. Es ist toll, alles aus einer anderen Perspektive zu sehen», sagte Wardell. Trotz Regenschauer habe sie sich «wie zu Hause» gefühlt. Tags: f
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