| Barlach liebte es in Güstrow idyllisch |
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| Montag, 13. Juli 2009 um 09:10 Uhr | ||
Von Jan-Henrik Petermann, dpa
Güstrow (dpa) - Der große Expressionist mochte es in seinem mecklenburgischen Städtchen idyllisch und naturbelassen: Gesäumt vom satten Grün hoher Eichen und Kiefern, liegt das Atelierhaus Ernst Barlachs (1870-1938) am stillen Ufer des Güstrower Inselsees. Ein paar unscheinbare Wegweiser an der Kreisstraße lassen erahnen, welchen Kulturschatz das schattige Waldgrundstück am Ende eines Kopfsteinpflaster-Weges birgt. «Er war damals auf der Suche nach Ruhe», vermutet Volker Probst, Chef der Ernst-Barlach-Stiftung, dass die Wahl Barlachs auf Mecklenburg fiel. «Also zog er 1910 aus Berlin nach Güstrow, wo schon seine Mutter und sein Sohn Nikolaus lebten.»
Offenbar war der bodenständige Barlach des Metropolen-Trubels und der Hochnäsigkeit der Hauptstadt-Bohème überdrüssig geworden. Die mecklenburgische Seenlandschaft mit ihrer Ursprünglichkeit kam ihm da als Rückzugsort gerade recht. Im Frühjahr 1931 richtete der Bildhauer, Grafiker und Literat seine Werkstatt am Inselsee ein. «Er wohnte direkt gegenüber - morgens musste er nur durch die Pforte im Gartenzaun gehen», erzählt Probst. Das gelbe Häuschen und das im Bauhaus-Stil gehaltene Atelier stehen noch originalgetreu dort - ebenso wie der Schuppen, in dem Barlachs autobegeisterter Privatsekretär zuweilen seine Wagen unterstellte.
Heute zählen das Haus am See und die Gertrudenkapelle in der Barlachstadt Güstrow zu den 20 ostdeutschen Einrichtungen, die als «Kulturelle Gedächtnisorte» von besonderer nationaler Bedeutung in das sogenannte Blaubuch der Bundesregierung aufgenommen wurden. «Das ist schon ein wichtiges Prädikat für uns», sagt Probst. So habe 1998 der damalige Kulturstaatsminister im Bundeskanzleramt, Michael Naumann, den Bau des Ausstellungsforums zum 60. Todestag Barlachs zur Hälfte mitfinanziert. Über die Ausrichtung der Museen und den Ankauf von Werken entscheidet jedoch die hauseigene Stiftung, in dessen Vorstand auch die Barlach-Enkel Ernst und Hans sitzen.
Grafikkabinett und Atelierhaus sind schon jetzt prall gefüllt mit Kostbarkeiten aus dem Erbe des 1938 gestorbenen Künstlers. «Wir haben hier den weltweit größten Bestand an Barlach-Werken», sagt Probst über das 1,3 Hektar große Areal, das schon zu DDR-Zeiten als nationales Kulturgut galt. Die meisten der mehr als 300 Plastiken, 1100 Zeichnungen, 300 Lithographien und 130 Notizhefte mit Skizzen wurden 1994 aus dem Familienbesitz erworben. Hinzu kamen etwa 110 Manuskripte Barlachs, der auch als Dramatiker von sich reden machte. In der Gertrudenkapelle, die das erste Barlach-Museum war, stehen weitere Plastiken. Das spätgotische Gotteshaus aus dem 15. Jahrhundert beherbergt unter anderem die «Gefesselte Hexe» (1926).
Nicht minder bedeutend für die deutsche Kunstgeschichte sind die Skulpturen, die den Besucher beim Rundgang durch das Atelierhaus am Inselsee erwarten. Während draußen die Tauben gurren und Vögel zwitschern, gemahnen drinnen massive Gips- und Holzplastiken wie der «Fries der Lauschenden» (1935), die «Verhüllte Bettlerin» (1919) oder die «Frierende Alte» (1937) an die Vielfalt menschlicher Leiden und Leidenschaften. Die große Fensterfront zum See, das Oberlicht und das Interieur wurden trotz aufwendiger Sanierung kaum verändert. Probst: «Wir versuchen, die Substanz so authentisch wie möglich zu lassen.»
Dass Barlachs Kunst auch die Jüngeren zum Nachdenken anregt, lässt sich an den museumspädagogischen Projekten der Stiftung ablesen. Die Kita-Gruppe «Weinbergschnecken» stellt Posen der Figuren nach, nebenan finden sich Linolschnitte und Textproben Barlach-inspirierter Nachwuchskünstler. «Literarisch war für ihn die Suche nach dem "neuen Menschen" ein großes Thema», erklärt die Germanistin Helga Thieme.
Die Stiftung will weiterhin auf den Spagat zwischen akademischer Spurensuche und populärer Kunstvermittlung setzen. Wer tief schürfen möchte, kann in einer Fachbibliothek jede Facette des Barlachschen Werks erkunden. Für die übrigen der rund 50 000 Gäste pro Jahr bietet das Museum Wechselausstellungen und Konzerte, aktuell sind bis Ende August Gemälde aus dem Bestand der Stiftung Mecklenburg zu sehen. Und wenn die Exponate auf Reisen gehen, kommt die globale Fan-Gemeinde ebenfalls auf ihre Kosten. «Eine Schau im Museum der Uni Princeton zog im Frühjahr 22 000 Leute an», berichtet Probst. Größer als in den USA war die Barlach-Begeisterung nur noch in Japan: «Bei einer Retrospektive kamen wir dort 2006 auf über 60 000 Gäste.» |
























































