| Kunst statt Baumwolle: Jubiläum in der «Spinnerei» |
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| Montag, 15. Juni 2009 um 05:20 Uhr | ||
Von Sophia-Caroline Kosel, dpa Leipzig (dpa/sn) - Für Gerd Harry Lybke steht fest: «Die Spinnerei gehört zu den wichtigsten Kunstproduktionsorten der Welt. Da sind noch Berlin, New York und London zu nennen - und dann hört es schon auf.» Lybke ist der Galerist von Neo Rauch, einem der bedeutendsten Gegenwartskünstler. Auf dem Areal der «Spinnerei» in Leipzig hat Lybke eine seiner beiden «Eigen+Art»-Galerien und Rauch sein Atelier. Die alten Fabrikhallen einer alten Baumwollspinnerei beherbergen rund 100 Künstler-Ateliers, auch von vielen anderen Vertretern der «Neuen Leipziger Schule», und mehr als ein Dutzend Galerien. Tausende Kunstinteressierte, Galeristen, Sammler und Mäzene aus der ganzen Welt zieht es jährlich dorthin. Am Wochenende wird nun auf dem 8,5 Hektar großen Areal im früheren Industriestadtteil Plagwitz groß gefeiert. Zum 125. Geburtstag der Spinnerei erwarten die Leipziger auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die bislang im Gegensatz zu ihrem Amtsvorgänger eher weniger als Kunst-Freundin bekannt ist. Sie eröffnet die Jubiläumsfeier. Deren Höhepunkt ist eine Werkschau mit Exponaten aller rund 100 Künstler, die in den Klinkerbauten arbeiten; etwa Hans Aichinger, Rosa Loy, Julius Popp, Christoph Ruckhäberle, Matthias Weischer und Tilo Baumgärtel. Zu sehen sind Skulpturen, Installationen, Malerei, Videokunst und Fotografien. «from cotton to culture (von der Baumwolle zur Kultur)», so lautet der Slogan der «Spinnerei». 1884 war auf dem Gelände eine Baumwollspinnerei gegründet worden, bis 1907 wuchs sie zur größten kontinentaleuropäischen Spinnerei heran. Zu ihr gehörten auch Arbeiterwohnungen, ein eigener Kindergarten und eine Laubensiedlung. Kurz nach dem Ende der DDR wurde die Garnproduktion 1992 eingestellt. Die zeitgenössische Kunst hielt Einzug, und es entstand eine einzigartige Szene. «Viele schöne Fabriken sind mit Hilfe von Fördermitteln platt gemacht worden. Die Spinnerei ist hingegen ein weltweites Beispiel für eine schonende und nachhaltige Revitalisierung alter Fabrikanlagen», meint deren Geschäftsführer, Bertram Schulze. 2005 seien die ersten Galerien eingezogen - und seither habe es viele Anfragen gegeben. Nicht jeder aber darf in die historischen Bauten einziehen. Eine hohe künstlerische Qualität solle gewahrt werden, sagte Schulze. Lybkes «Eigen+Art» bezeichnet er als Marketing-Motor, mit dem das Kunst-Domizil auf das internationale Tablett gehoben wurde. Jüngst sorgte die Ansiedlung der mexikanischen Galerie Hilario Galguera für Furore. Sie vertritt Damien Hirst und Jannis Kounellis. Tagelang wurde gar in Leipzig spekuliert, dass der Kunstmarkt-Star Hirst selbst anreist. Die Galerie hat zunächst einen Ein-Jahres-Vertrag - und Schulze hofft natürlich, dass sie länger bleibt. Dabei hat die «Spinnerei» weit mehr zu bieten als bekannte Namen. Im Umfeld der Kunst haben sich zahlreiche kleine Werkstätten angesiedelt, etwa ein Hutformenmacher, eine Fahrradfabrik, eine Porzellandesignerin und eine Filzmodeschöpferin. Die Künstler, die Linolschnitte entwerfen, können diese gleich um die Ecke drucken lassen: In der Ein-Mann-Druckerei «carpe plumbum» («Nutze das Blei»), in der liebevoll gestaltete Bücher, Kataloge und Kunstdrucke in Kleinauflage sowie eine eigene Literaturzeitschrift entstehen. Die Literaten und Literaturfans wiederum pilgern alljährlich zur Leipziger Buchmesse auf das einstige Fabrikgelände, wenn dort in der Reihe «Krautgarden» junge US-amerikanische Autoren lesen. «Die Spinnerei ist der Platz, an dem man sein muss», resümiert Lybke. |
























































