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Beutekunst, Deutschland, Moskau
Doch nun machen Kunsthistoriker beider Länder Druck auf die Politik. In Moskau verabschiedeten sie erstmals gemeinsam eine Resolution, mit der sie ihre Regierungen drängen, Museen, Bibliotheken und Archive bei der Erfassung und Wiedergutmachung kultureller Kriegsschäden zu unterstützen - statt sich in Rückgabe-Forderungen zu verlieren. Die Politik müsse zum Handeln gedrängt werden, sagte der Leiter des Deutschen Historischen Instituts (DHI) in Moskau, Bernd Bonwetsch, am Samstag zum Ende der ersten Beutekunst-Tagung dieser Art.
Den etwa 120 Experten in Moskau ging es fast 70 Jahre nach Kriegsbeginn nicht zuerst um die Rückführung der von Deutschen aus der Sowjetunion und von den Sowjets aus Deutschland verschleppten Kunstschätze. Sie forderten vielmehr den Zugang zu Archiven, um den Verbleib der immer noch zu Hunderttausenden von Russland vermissten Gegenstände zu klären. Am Beispiel des von den Deutschen verschleppten Bernsteinzimmers schilderte die Chefkonservatorin der russischen staatlichen Museen Zarskoje Selo bei St. Petersburg, Larissa Bardowskaja, dass nur durch gemeinsam abgestimmte Arbeit von Experten ein Fund dieses Kunstschatzes heute noch möglich sei.
Die Kunsthistoriker fordern außerdem die Öffnung von Sammlungen, damit Forscher mit Gemälden, Ikonen, Zeichnungen und Schriften arbeiten können. Sie appellieren an die Regierungen in Moskau und Berlin, beim Aufspüren verschollener Kunstwerke in Drittländern wie den Ex-Sowjetrepubliken, aber etwa auch in Tschechien oder Ungarn zu helfen. Und sie plädieren für mehr Nachforschungen in Archiven, um Eigentumsrechte von Exponaten zweifelsfrei zu klären. Dabei klang in Moskau immer wieder an, dass sich in deutschen Privatsammlungen und westlichen Museen noch Kulturgüter der Sowjetunion befinden könnten.
«Wir wissen immer noch zu wenig über die russischen Verluste», sagte der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Martin Roth, auf dessen Initiative die Tagung «Trophäen, Verluste, Äquivalente» zustande gekommen war. Moskau beklagt, dass es in der Beutekunst-Debatte bisher vorwiegend um deutsche Interessen an der Rückführung von Kunstgegenständen aus Russland gehe. Der deutsche Experte Wolfgang Eichwede kritisierte Fehler Deutschlands in der Beutekunst-«Diplomatie» und verlangte eine stärkere Konzentration auf die sowjetischen Verluste als bisher.
Russland hat die Verschleppung deutscher Kunstwerke durch sowjetische Soldaten als Entschädigung für Kriegsverluste per Gesetz nachträglich legalisiert. Dagegen betont Deutschland aber unter Berufung auf das Völkerrecht, dass Kunstschätze nicht als Entschädigung für Kriegsverluste herhalten dürften, weil sie oft über Jahrhunderte an einen Ort gebunden seien.
Vertreter zahlreicher russischer Provinzmuseen machten in Moskau deutlich, dass die Kunstverluste ihren Einrichtungen bis heute zu schaffen machten. Klar wurde aber auch, dass Deutschland viel wertvolles Kulturgut zurückgegeben hat. Allerdings gelangten die Gegenstände aus vielerlei Gründen oft nicht immer an ihren Ursprungsort zurück. Die russischen Museen müssten deshalb stärker vernetzt werden, um den Verbleib ihres Eigentums aufzuklären, hieß es. Deutschland will verhindern, dass durch schlechte Lagerung in Russland entstandene Schäden an Kunstwerken zu Unrecht auf die «deutsche Kriegsrechnung» gesetzt werden.
Die Experten schlugen in Moskau zudem die Gründung einer unabhängigen Kommission vor, um Fragen der Beutekunst abseits der Politik zu erörtern. «Wir müssen aber auch neue Fachleute ausbilden, die sich weiter um die verschleppten Kunstschätze bemühen», sagte die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy von der Technischen Universität Berlin. Sie verwies auf zahlreiche Kriegstrophäen, die mitunter erst nach Jahrhunderten wieder zum Ort ihrer Herkunft zurückkehrten - «und erst so alte Wunden heilen konnten».
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