| «Subversive Praktiken» - Die Kunst in Diktaturen |
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| Samstag, 30. Mai 2009 um 17:07 Uhr | ||
Stuttgart (dpa) - Das Kunstwerk gleich im Eingang gibt es eigentlich gar nicht mehr. Gyula Pauers «Protestschilderwald» existierte 1978 nur einen Tag lang - dann wurde es von den Behörden für immer zerstört. Fotografien sind die einzigen verbliebenen Dokumente, anhand derer die Arbeit jetzt übersetzt und quasi rekonstruiert wurde - für die Ausstellung «Subversive Praktiken - Kunst unter Bedingungen politischer Repression», die von Samstag an in Stuttgart zu sehen ist. Mehr als 300 Arbeiten von 80 Künstlern aus Osteuropa und Südamerika zeigen, wie unabhängige Kunst in den 60er bis 80er unter den repressiven Bedingungen in Militärdiktaturen oder in kommunistischen Regimes funktionierte.   Ein Fazit der Ausstellung: «Unter schwierigen politischen Bedingungen ist Kunst möglich - sehr gute sogar», sagt Iris Dressler, Leiterin des Württembergischen Kunstvereins. Die Ausstellung zeigt aber längst nicht nur einfach Kunst, sondern erklärt auch die Praktiken dahinter. Auf welche Weise hintertrieben die Künstler die Zensur? Wie opponierten sie gegen Machtsysteme? «Der Körper sowie die Aneignung von Sprache, des öffentlichen Raums, der Medien und des Postsystems spielten eine zentrale Rolle», sagt Dressler.   Die Arbeiten stammen zum einen aus der DDR, Ungarn, Rumänien, der UdSSR sowie Spanien, zum anderen aus Chile, Brasilien, Argentinien und Peru. Aufgezeigt werden sowohl Besonderheiten in den verschiedenen Umfeldern als auch Beziehungen der Künstler untereinander. Die Sektion «Netzwerke» etwa zeigt, wie die Universität Sao Paulo zu Zeiten der Militärdiktatur als Knotenpunkt der internationalen Mail-Art-Szene fungierte. Auf dem Postwege tauschten sich Künstler weltweit aus. Andere Sektionen der Schau befassen sich etwa mit den Kunstformen in der DDR, Chile oder Peru. 13 Kuratoren haben die Ausstellung in den vergangenen zwei Jahren entwickelt.   Zu sehen sind experimentelle Arbeiten aus allen Bereichen der Kunst: Fotografie, Zeichnung, Malerei, Konzeptkunst, Performance, Film, Video und Installation. Viele Werken werden erstmals in Europa gezeigt. Andere entstehen in Stuttgart neu: Die ungarische Künstlergruppe Indigo etwa hat ihren 1981 in Budapest ausgestellten Watte-Atompilz aus Styroporplatten nachbaut. Solche Reaktionen auf die Friedensbewegung der 80er Jahre tauchen in den Arbeiten ebenso auf wie Reflexionen des Vietnamkriegs.   Meist mit jeder Menge Ironie widmen sich die Künstler den bürokratischen Strukturen in ihren Heimatländern. Edgardo Antonio Vigo (1928-1997) etwa, vergrub 1971 in seinem Hinterhof in La Plata einen Zedernholzklotz und grub ihn ein Jahr später wieder aus. Die umfangreiche staatliche Akte dazu ist jetzt sowas wie Kunst. Und Vigo nahm die Überlebensstrategie der kommenden Jahre in Argentinien voraus: Das Vergraben von Büchern, deren Besitz gefährlich war. Eine der jüngsten Arbeiten stammt von Cornelia Schleime, die 1984 nach dem fünften Ausreiseantrag und der Androhung eines Hungerstreiks die DDR verlassen durfte. Nachdem sie später ihre Stasi-Akten eingesehen hatte, versah sie diese ironisch mit Fotos von sich. «Die Ermittelte trägt Westkleidung» vermerkte die Staatssicherheit 1982, oder: «Auffällig ist, dass Sch. sofort nach Betreten der Wohnung die Papprollos herablässt.»   «Subversive Praktiken» ist bis 2. August beim Württembergischen Kunstverein am Stuttgarter Schlossplatz zu sehen. Eine Publikation zur Ausstellung erscheint im Herbst.
Internet: www.wkv-stuttgart.de |
























































