| Mittel und Thema: Hella Nohl malt Rotwein |
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| Samstag, 23. Mai 2009 um 09:39 Uhr | ||
Nohl, Wein, Rotwein
Die 70-Jährige malt Rotwein mit Rotwein. Anfang 1998 tauchte sie beim Malen zu nächtlicher Stunde in ihrem Atelier in ihrer Heimatstadt Gießen den Pinsel statt in das Wasserglas in ihren Rotweinkelch. Der Fleck auf der Leinwand war auch am nächsten Tag noch rot und Nohls Neugier geweckt. Fortan war Rotwein ihre Farbe. Sie bringt den farbenkräftigen Rebensaft aufs Papier und auf die Leinwand. «Der Wein ist nicht nur Mittel meiner Darstellung, sondern zugleich das Thema meiner Arbeit», sagt Nohl. Schon viele Jahre zuvor widmete sie sich dem Wein in Aquarell und Zeichnung. «Vielleicht war es nicht nur ein Versehen, sondern eine innere Notwendigkeit.» Mit mehr als 1000 Rotweinen hat Nohl seither gemalt - und sie auch alle gekostet. «Ich verarbeite keinen Wein, den ich nicht probiert habe - natürlich in Maßen. Aber ich muss meine Farben schmecken, riechen und sehen», sagt Nohl. Ohne ein «sinnliches Gesamterlebnis» des Rotweins sei systematisches Arbeiten nicht möglich. Serienbilder sind typisch für Nohl, die in Mainz Kunstpädagogik und -geschichte studiert hat. Grundlage ihrer Arbeit sind die sogenannten Protokollblätter. Unter jeder kleinen Probenfläche aus Rotwein ist der Tag vermerkt, an dem sie ihn auf die Leinwand oder das Papier aus Aquarell-Bütten aufgetragen hat, stehen die Rebsorte, das Anbaugebiet und der Jahrgang des Weins. Nohl ist eine elegante Frau mit luftig frisiertem braunem, leicht gelocktem Haar und einem Lachen, das ansteckt. Ihre Sätze formuliert sie präzise. Wenn sie mit ihrer klaren, weichen Stimme über Wein spricht, wird rasch klar: Sie kennt sich aus - sie kennt Rotweine auf ganz andere Weise als ein Weintrinker, der auch viel darüber weiß. Nohl ist seit mehr als 20 Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. Wenn sie erzählt, bewegt sie ihre gepflegten, feinen Hände. Inspirationsquell für ihre Arbeiten sind Aufenthalte in Italien. Vor allem in die typischen Weinlandschaften Toskana, Umbrien und Venetien zieht es sie und ihren Mann seit Jahrzehnten immer wieder. Mit geradezu wissenschaftlicher Akribie geht Nohl zu Werke, studiert die einzelnen Farbnuancen des Rotweins und erforscht den Charakter des transparenten, dünnflüssigen Stoffs, von dem sie für ihre Arbeiten nur kleine Mengen braucht. «In der Art, wie ich das mache, arbeitet, soviel ich weiß, kein anderer Künstler», sagt Nohl. Werke von ihr hängen in Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen. Auch der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) besitzt eine Arbeit von ihr. «Herr Beck hat eine sechsteilige Bildmontage von mir, die ich mit Pfälzer Wein gemalt habe», sagt die 70-Jährige. Und im Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin hingen ebenso ihre Bilder. Nohls Malerei zeigt vor allem die schier unendlich anmutende Farbenvielfalt des Rotweins in vielen Nuancen: Da sind Violett, Rosa und Rot dabei, mal kräftig, mal mit gräulichem Schleier, aber auch Blautöne und Erdfarben wie Braun und Ocker. «Ein aufgetragener Rotwein verliert keinesfalls seine Farbe, aber sie kann sich noch verändern - Wein reift eben nicht nur in der Flasche», sagt Nohl. Ihre Werke machen klar: Kein Rotwein ist wie der andere. Der gleiche Wein könne eine andere Farbe haben, wenn etwa bei unterschiedlichen Temperaturen gemalt wird. Und damit das Werk nicht fleckig wird, müsse er gleichmäßig, in zahlreichen Schichten aufgetragen werden. Außer der Farbenvielfalt macht Nohl gewissermaßen auch die Stimme des Rotweins fassbar - mit Tusche. Inspiriert von der Gestalt der Weinstöcke, die sie mehr und mehr abstrahierte, entwickelte sie eine «Rebschrift». Eine simulierte Schrift mit ganz eigenen, schwungvollen Zeichen, die man nicht lesen, aber irgendwie verstehen kann und von der in ihrer Rhythmik eine Ruhe und Leichtigkeit ausgeht. Wie eng aneinandergereihte, tanzende Figuren wirken die Zeichen in ihrem gleichmäßigen Duktus und korrespondieren in irgendwie logischer Weise mit der Rotweinmalerei. «In vino veritas?» Welche Wahrheit liegt denn nun im Wein? «Rotwein ist ein Naturstoff, und dieser Stoff ist unberechenbar und wandlungsfähig, mal ist er sanft, mal widerspenstig und deshalb auch so spannend», sagt Nohl. Eine einzige Wahrheit im Wein gebe es nicht. «Aber ich glaube, dass ich mit meiner Arbeit dem Mysterium Wein etwas näher kommen kann.» Internet: www.hellanohl.de; www.hein-heckroth-ges.de |
























































