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Von Ulrike Koltermann, dpa
Paris (dpa) - «Der Teufel hat blaue Augen, hätten Sie das gedacht?», sagt André Strausberg und lacht. Der französische Restaurator ist ganz begeistert von den Entdeckungen, die er bei den Arbeiten am Westportal der Kathedrale von Autun gemacht hat. Seit kurzem ist eines der bedeutendsten Meisterwerke der Romanik wieder für Besucher sichtbar. Es zeigt die biblische Szene des Jüngsten Gerichts und wimmelt vor originellen Details - eine Art religiöser Comic für die Gläubigen des 12. Jahrhunderts im Burgund, von denen die wenigsten die Bibel selber lesen konnten.
Dass das Relief mit seinen mehr als 100 Figuren die Französische Revolution überstanden hat, liegt daran, dass die Kleriker im 18. Jahrhundert die Darstellung nicht mehr mochten. Sie ließen das halbrunde Giebelfeld mit einer Gipsschicht zuspachteln. Dabei schreckten sie nicht davor zurück, die Christusfigur zu köpfen, da sie zu weit hervorragte. Ein Jahrhundert später hatte sich der Geschmack wieder gewandelt. Die mittelalterlichen Skulpturen galten plötzlich als Meisterwerke und wurden vorsichtig freigemeißelt.
«Bei der jüngsten Restauration sind wir sehr vorsichtig vorgegangen, um die letzten Farbreste zu erhalten», sagt Strasberg. Die Künstler des Mittelalters hatten wertvolle Pigmente benutzt, um die Figuren bunt anzumalen, darunter auch Blattgold für die Heiligenscheine und Zinnober für die Wunden an den Händen Jesu. Heutige Kunstliebhaber sind so sehr an die nackten Steinreliefs gewöhnt, dass sie es in den Originalfarben vermutlich als kitschig empfinden würden. Es wieder anzumalen, wird daher nicht erwogen. «Wir erhalten es so, wie wir es vorgefunden haben», meint Strasberg.
Im Unterschied zu anderen romanischen Reliefs ist der Künstler bekannt. Gislebertus hat seinen Namen in Stein gehauen, und zwar ehrerbietig zu den Füßen der thronenden Christus-Skulptur, die das Mittelfeld bestimmt. Diese hat auch inzwischen ihren Kopf wieder, der sich im Museum fand. Strausberg und sein Team haben ihn etwas zurechtgerückt, weil sie zusätzliche Fragmente identifiziert und an ihren Platz gesetzt haben.
Das Bildprogramm liest sich von unten nach oben: Auf dem Türsturz sind Dutzende Menschen zu sehen, die von den Toten auferstehen. Sie sind meist nackt und haben jeweils noch einen Fuß im Grab, das als kastenförmiger Sarkophag dargestellt ist. Auf der einen Seite sind die Kandidaten fürs Paradies, unter ihnen auch ein Jakobspilger, erkennbar an seiner Tasche mit dem Muschel-Abzeichen. Auf der anderen Seite sind die Verdammten, unter ihnen eine Frau, die Schlangen an ihrer Brust nährt, und ein Geiziger mit einem Sack voller Gold.
Erzengel Michael, der wie die meisten anderen Figuren langgezogen und elegant, beinahe schon manieristisch wirkt, ist für das Abwiegen der Seelen zuständig. Die Waage neigt sich zur Seite der Seligen, obwohl insekten- und reptilienähnliche Teufelsgestalten sie zu manipulieren versuchen. Einer der Verdammten wird wie von einem Bagger am Kopf in die Höhe gezogen. Manche Folterszenen erinnern an die Bilder des spätmittelalterlichen Malers Hieronymus Bosch. Auf dem Türbogen sind die Monate in landwirtschaftlichen Szenen dargestellt, etwa ein Winzer, der mit den Füßen seine Trauben stampft.
Strausberg bedauert, dass viele Besucher die biblischen Szenen nicht mehr deuten können. «Die Kenntnis der Texte hat in den vergangenen Jahren drastisch abgenommen», sagt er. Aber die Fülle der Details sei so faszinierend, dass auch unvorbereitete Besucher begeistert seien.
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