| Der «Ruhri» als Kunstobjekt: Gerz startet 2010-Projekt |
|
|
|
| Dienstag, 03. November 2009 um 17:38 Uhr | ||
Von Maryam Schumacher, dpa
Duisburg (dpa/lnw) - Menschen, Straßen, Städte. Plötzlich sind sie Teil eines Versuchsprojektes. Ein Jahr lang leben Menschen im Kulturhauptstadt-Projekt «2-3 Straßen» von Jochen Gerz (69) mietfrei in Wohnungen in Duisburg, Mülheim und Dortmund. Aus ihren Erfahrungen und Alltagsbeobachtungen soll ein Buch entstehen. Die Ruhrgebietler auf Zeit und ihre Nachbarn, die schon immer hier wohnen, werden damit gleichermaßen Teil eines Kunstwerks. «Es ist kein Event. Es ist kein Spektakel, es ist das absolute Anti-Event», sagt Gerz am Dienstag in Duisburg bei der offiziellen Präsentation des Projektes.
Die Wohnung ist kahl und kalt. Nur in der Küche von André Koernig wirkt es wohnlich und gemütlich. Seit einem Monat ist er nun schon Mieter im Projekt «2-3 Straßen». Der Untertitel «eine Ausstellung in den Städten des Ruhrgebiets» macht Koernig unfreiwillig zu einem Kunstobjekt. «Ich bin ein Kunstbanause», sagt er lachend. Museen und Konzerte sind ihm Fremdwörter. Und genau das will er endlich ändern. «Ich sehe das Projekt als eine Chance, etwas gegen den Mainstream zu tun.»
Aus der ganzen Welt haben sich über 1400 Menschen beworben, um an dem einmaligen Projekt teilzunehmen. Hier im Duisburger Stadtteil Hochfeld sind 20 Wohnungen von der Baugesellschaft Debag zur Verfügung gestellt worden. Musterverträge wurden für die Mieter aufgesetzt, die lediglich die Betriebskosten zahlen müssen. Ansonsten aber dürfen die Mieter tun und lassen, was sie wollen. Nur regelmäßig schreiben müssen sie. Wer das nicht tut, wird laut Gerz zu einem «Missverständnis.»
Es passt zum Konzeptkünstler Gerz, dass er die Wirklichkeit zu einer Ausstellung macht. «Ich will, dass die Menschen die Wirklichkeit so angucken, als würden sie einen Picasso angucken», wünscht sich Gerz, der sich auch außerhalb des Ruhrgebietes einen Namen gemacht hat - etwa mit dem Mahnmal gegen Faschismus in Hamburg- Harburg. Gesellschaftskritische Töne gibt es von Gerz auch zum aktuellen Kunstprojekt: «Wir leben in keiner Teilnehmer- Gesellschaft.» Die Menschen lebten viel zu sehr hinter ihren Kaminen.
Achim Steigmüller und seine Frau Sachiko wollen als künftige Mieter in dem Projekt kein Zeichen setzen. Das sei zu pathetisch. Nach mehreren Jahren in Japan wollten sie endlich wieder nach Deutschland zurückkehren. Die 30-jährige Künstlerin und der 32- jährige freiberufliche Schriftsteller wollen in dem mietfreien Jahr eine neue Heimat in Hochfeld finden. Und Freundschaften mit den Menschen einer Region schließen, deren Bewohner sich selbst gern «Ruhris» nennen.
Ein anderer Mieter, der ebenfalls Achim heißt, hat seinen Lieblingsbäcker in der Nachbarschaft bereits entdeckt. Bald zieht sein Mitbewohner in die Wohnung nach. In dem bevorstehenden Jahr will der 43 Jahre alte Vertriebler vieles herausfinden, auch, warum er selbst so rastlos immer wieder umgezogen ist. Wo er sich doch selbst viel lieber als «stationären Menschen» sehen würde. Das Jahr in der Kunst-Wohnung mit geschärftem Tagebuchblick auf das Alltagsleben im Viertel - für Achim ist das auch ein Experiment auf dem Weg zu sich selbst. |
























































