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Abstrakte Kunst


von Michael Külbel




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Kunst & Kultur

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Katharina Fritsch PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, 05. November 2009 um 18:19 Uhr

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Katharina Fritsch
06.11.09 – 07.02.2010
in den Deichtorhallen Hamburg

 

Mit der Werkschau von Katharina Fritsch (*1956) präsentieren die Deichtorhallen die erste große Einzelausstellung in Deutschland seit ihrer Präsentation zur Eröffnung des K 21 in Düsseldorf 2001. Die als Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich konzipierte Werkschau von Katharina Fritsch wird exklusiv für Deutschland nur in den Hamburger Deichtorhallen gezeigt.

 

Als eine der bedeutendsten Künstlerinnen Deutschlands erlangt Katharina Fritsch seit den 1980er Jahren mit ihren meist plastischen Arbeiten kontinuierlich internationale Anerkennung; 1995 vertrat sie Deutschland bei der Biennale in Venedig, 2001 präsentierte sie eine Ausstellung in der Tate Gallery, London. Aktuell hat das Museum of Modern Art in New York gerade die „Figurengruppe“ als Geschenk von Maja Oeri und Hans Bodenmann für den Abby Aldrich Rockefeller Sculpture Garden erworben.

 

Bei den Plastiken von Katharina Fritsch handelt es sich meist um lebens- oder überlebensgroße Darstellungen von Menschen und Tieren oder symbolträchtigen Gegenständen, die durch eine intensive Farbgebung zugleich in einer spektakulären Präsenz und als unwirkliche Erscheinungen auftreten und begeh-bare Bilder ergeben. Die Skulpturen sind in der Regel aus Gips, Aluminium oder Polyester gegossen und bilden fein überarbeitete Kopien der Wirklichkeit, die eine traumartige, Emotionen berührende Wirkung ausüben.

 

13 groß dimensionierte Ensembles mit rund 100 Einzelwerken geben auf über 2.000 qm einen Überblick über das aktuelle Werk der 2000er Jahre, das bislang noch nie in Deutschland zu sehen war. Eine zentrale Rolle spielen dabei monumentale Bilder in ungewöhnlich großer Siebdrucktechnik, die sich in Wandbildern mit dem Wirklichkeitseindruck von Projektionen und den Klischees der Alltagswelt in der Gegenwart beschäftigen. Darin eingebettet sind berühmte Arbeiten von Katharina Fritsch aus den 1980er und 1990er Jahren, wie der grüne "Elefant", 1987, die "Tischgesellschaft", 1988, "Warengestell mit Madonnen", 1989. Für die Deichtorhallen wurden in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin eine filmartige Abfolge der Räume und eine spezielle Architektur für die Ausstellung entworfen.

 

Katharina Fritsch vertritt mit ihren Werken eine markante, von Humor geprägte Position zur Welt des Alltags, der Mythen und des Konsums, wobei allgemeine Symbole und Reminiszenzen, die in den Siebdrucken und Skulpturen auftauchen, eine große Rolle spielen. Viele ihrer Arbeiten befassen sich mit den dunkleren Bereichen unseres kollektiven Bewusstseins, mit angstbesetzten Fantasien und Mythen, die Fritsch ikonenhaft in Objekte und Bilder umsetzt. In den letzten Jahren sind zahlreiche Siebdrucke entstanden, in denen sich Katharina Fritsch mit Alltagsklischees und typischen Kindheitserinnerungen auseinandersetzt.

 

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog mit Beiträgen von Bice Curiger, Milovan Farronato, Robert Fleck und Susanne Hudson im Hatje/Cantz-Verlag erschienen.

 

Katharina Fritsch legt die beiden erstmals in den 1980er Jahren erschienenen Multiples „Madonna“ (1982) und „Gehirn“ (1987) als Künstlereditionen für die Deichtorhallen neu auf. Preis je 980,- € (Die „Madonnen“ sind bereits vor Ausstellungseröffnung ausverkauft.)

 

Kuratoren: Bice Curiger, Robert Fleck

 

Katharina Fritsch
06.11.09 – 07.02.2010 Deichtorhallen Hamburg


Text von Bice Curiger und Robert Fleck

 

HYPNOTISCHE SKULPTUREN

 

Katharina Fritsch (*1956) ist eine der bedeutendsten bildenden Künstlerinnen der Gegenwart. Ihre Werke befinden sich in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen. Mehr denn Skulpturen sind es eher dreidimensionale Bilder, energetische Präsenzen im Raum. «Warengestell mit Madonnen» 1989, «Tischgesellschaft», 1988, oder «Elefant», 1987, sind auf Grund ihrer bildhaften Prägnanz fest im kollektiven Gedächtnis des Kunstpublikums verankert und auch Teil der knapp 100 Objekte umfassenden Retrospektive in den Deichtorhallen, die viele neue Werke präsentiert. In enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin wurde eine filmartige Abfolge der Räume und eine spezielle Architektur für die Ausstellung entworfen, durch die von Raum zu Raum ein fein austarierter Stimmungswechsel erzeugt wird.

 

Bekannt für ihre großen, hypnotisch wirkenden Skulpturen, die sich in Sekundenschnelle einprägen, wie etwa der „Rattenkönig“, 1991-93, spielt Fritsch mit den archaischen Vorstellungen, Wünschen und Ängsten des Menschen. Ihre aktuellen Arbeiten erschliessen neue künstlerische Bereiche, darunter auch den Eros aus dem Blickwinkel der Frau.

 

EINFLÜSSE VON MINIMAL ART BIS POPKULTUR

 

Die Ausstellung in den Deichtorhallen präsentiert zur Hälfte jüngere und ganz neu entstandene Arbeiten, darunter groß angelegte «Raumbilder» als präzises Zusammenspiel von Skulpturen und ätherisch wirkenden großformatigen Siebdrucken. Heute lässt sich in der gut zwanzigjährigen Entwicklung des Oeuvres dieser Künstlerin eine eindrückliche Kohärenz und Tiefe der Themen und Motive aufzeigen. Die Bilder stehen großformatig als plastische und doch unfassbare «Erscheinungen» im Raum. Wer sie betrachtet, begreift sofort – und ringt doch gleichzeitig mit einem sich dahinter verbergenden Sinn. Die Machart, eine von jeglicher persönlicher Handschrift getilgte Oberfläche der Skulpturen, ausgeklügelte Proportionen und die immateriell leuchtenden monochromen Farben auch der neuerdings entstehenden Siebdrucke, die ohne Rahmen und Verglasung mono- und bichrom von den Wänden leuchten, offenbaren Fritschs Schulung an der Strenge der Minimal Art sowie das Interesse für Künstlichkeit und überindividuelle kulturelle Prägungen.

 

Ende der 90er Jahre entstehen Werke – soll man sie Bodenskulpturen oder eher Bodenbilder nennen? – in Herzformen mit raumgreifendem Durchmesser. Es sind Fritschs erste Figurenbilder, in welchen sich eine nicht orthogonale Außenform in einen Teppich von ausgelegten „Geldstücken“ einschreibt. Es sind keine richtigen Münzen, eher schon die Taler und Dukaten aus den Märchen, was ein weiteres Indiz wäre, falls nötig, dass Fritschs Kunst nicht der Welt des „Pop“ entspringt, ist doch ihr Bildrepertoire breiter und offener angelegt. So gibt es neben dem Geldherz auch eines mit goldenen Ähren, mit Schlangen und eines mit roten Zähnen. Auch wenn „Herz mit Geld“ (Raum 2) keine unmitttelbar „nutzbare“ Sinndeutung zulässt, bieten sich jenseits von institutionalisiertem Denken Ahnungen zweier höchst verbindlicher Begrifflichkeiten an.

 

Die frühesten Werke in der Ausstellung sind die so genannten „Warengestelle“(Räume 3, 7) der späten 80er Jahre. Sie thematisieren das Objekt als Ware, das als Kunstwerk als „Multiple“ produziert wurde. Anfänglich verband sich wohl mit dieser neutralen, ja, affirmative Geste, dass man ein Kunstwerk vorsorglich als Ware deklariert, wohl auch eine gewisse Provokation. Die Dinge auf den Gestellen wirken gleichzeitig anonym und von persönlicher Erinnerung getränkt. Sie imitieren die industrielle Herstellung und verströmen doch bei näherer Betrachtung die besondere Aura eines zwischen „Leben und Kunst“ gesetzten Objektes.

 

Die neueren Werke weisen scheinbar fröhlichere Vorzeichen auf. Prominentes Beispiel ist das große Ensemble um die Figur «Frau mit Hund» (Raum 4) von 2004. Dies besteht aus einer aus rosa Muschelformen komponierten Frauengestalt mit entsprechendem Hund, 32 an der Decke schwebenden Schirmen und vergrößerten Postkartenbildern. Die Schirme und die immateriell wirkenden Bilder vermitteln eine luftige Stimmung, das Werk zielt auf Assoziationen zu Rokoko und Populärkultur und beschwört auf souveräne Art das schwierige Thema der Leichtigkeit. In ihm wird die komplexe Aura einer Stadt wie Paris evoziert, zugleich aber auch der Mythos der „Schaumgeborenen“ am Stoff der modernen Alltags- und Souvenirwelt gerieben. Es ist eine ambivalente Süße und Beschwingtheit, die angesichts der Muschelfrau auch die Assoziation der „vagina dentata“, einem „Lieblingsmotiv“ der Surrealisten aufkommen ließ.

 

Eine Art Fluidum durchflutet den Raum, wie eine Melodie mit frankophilem Refrain. Es waltet die verwirrende Klarheit eines Spiegelkabinetts, wo der Bedeutungs-Status der Bilder heiter oszilliert und unfassbar bleibt. Auch die pastellfarbenen Farbakkorde verbreiten den Eindruck von Zwielicht. Allein der Schirm als Teil des allgemeinsten Bilderreservoirs führt nicht nur Psychologisches ins Spiel: zwar will er beschirmen, beschützen, aber er will auch mit Mary Poppins in die Lüfte abheben, und sucht nicht zuletzt dank seiner sprichwörtlichen technischen Eleganz den formalen Vergleich mit der biologischen Struktur der Muschel. Zugleich verkörpert der Mythos von Paris als Stadt des Eros, der Liebe aber auch der Kunst, der Philosophie , der Cinéphilie und der feinen Lebensart eine Idealität, in welcher Gegensätze aller Art zusammen finden.

 

Eine neuere Werkgruppe widmet sich als seltsam moderne Elegie dem Thema «Garten» (Raum 6). In ihr sind auch viele neue Skulpturen integriert, die - ganz typisch für Fritsch - eigentliche Metaskulpturen sind. Es sind Kunstwerke, welche die Erinnerung aktivieren, Werke, denen man wieder begegnet, obwohl man sie zum ersten Mal sieht. So die Skulptur der Heiligen Katharina, die vor dem Bild mit dem blauen Efeu steht, oder der weiße, weibliche Torso, wir haben sie bestimmt auch schon in irgend einem Park, wenn auch nur halb bewusst, gesichtet.

 

Es ist ein Ineinandergreifen von Welten. Der Riese (Raum 6), der grau vor einem furchigen grünen Tal steht, gemahnt an die Entstehung der Mythen und ist zugleich in seiner lebensnahen Darstellung ein wenig eine alltägliche Erscheinung. Man hat den Eindruck dem Mann schon einmal begegnet zu sein. Vielleicht lebt der mythische Riese ja in unserer Nähe und arbeitet als Taxifahrer. Die Stimmung fängt das farbig überhöhte Zwielicht einer psychischen Überspanntheit ein. Die Bildwelt der Parks und Gärten der 50er und 60er Jahre in Deutschland bringt auch ganz konkret die Kindheitserinnerungen der Künstlerin ins Spiel. Eine Nachkriegsstimmung als Ambivalenz zwischen betonter Harmlosigkeit und versteckter Düsternis, feierlicher Getragenheit und Trauma. So kehrt sie sozusagen an die Orte ihrer Kindheit Essen, Franken, Münster und das Neandertal zurück. Die großen Siebdrucke sind betitelt mit „Postkarte“ oder „Foto“, wobei die Letzteren Aufnahmen der Künstlerin zum Ausgangspunkt haben und nach ihrer Entstehung nummeriert sind.

 

Hier wird das eintretende Publikum von einem hellgelben Koch (Raum 7) empfangen, der einen hellgelben Teller mit hellgelbem Kotelett, Kartoffeln und Erbsen präsentiert. Die Figur steht strahlend hell vor einem großen Bild eines düster wirkenden Gasthofs, dem „Schwarzwaldhaus“ (Raum 7).

 

Diese Begegnung setzt beim Betreten des Raumes jene widersprüchlichen Gefühle frei, die programmatisch sind für viele Arbeiten der Künstlerin. Während das Auge von den realistischen Zügen des gleichzeitig so „charakteristisch“ irrealen Kochs und den verführerisch samtschwarzen Tönen des Bildes angezogen ist, mag einem die Situation auch ziemlich direkt die Frage aufdrängen: Ist das Museum ein Gasthof? Ist die Kunst nichts als eine zum feierlichen Verzehr feilgebotene Konsumation? In verwirrender Weise werden uns die eigenen Stereotypien der Erfahrung bewusst und unsere Verstrickungen und Verquickungen mit einer elementaren, uns alle verbindenden Welt der Bilder. Wieder zeigt sich dieser spezifische Ton zwischen abgründiger Melancholie und subtilem Humor, der über dem Ganzen zu schweben scheint.

 

1988 schuf Fritsch eines ihrer wohl spektakulärsten Werke, die „Tischgesellschaf t“ (Raum 8) für eine Ausstellung in der Kunsthalle Basel (heute ist das Werk in der Sammlung des Museum für Moderne Kunst in Frankfurt): Ein Mann an einem Tisch, der sich zweiunddreißig Mal wiederholt und zusammen mit dem geometrisch vertrackten Muster des Tischtuchs zur beängstigenden Halluzination gerinnt. Die Geometrie und das Serielle hat unser Leben, unsere Kultur fest im Griff. Und so bilden diese Elemente den Hintergrund für die wohl bedacht und mit Nachdruck ausgeloteten strengen formalen Setzungen der Kunst von Katharina Fritsch.

 

In ihren jüngeren Arbeiten befasst sich Katharina Fritsch auf unterschiedliche Weise mit erotischen Themen. Sexualität in ihrer abgründigen, aber gleichzeitig auch Heiterkeit auslösenden Ausdruckskraft zeigt sich in den vorgefundenen Bildern, welche Fritsch einsetzt. „Vorgefunden“ meint, dass die Bilder einem gemeinsamen, kollektiven Reservoir entsteigen. Soll man nun mit oder gegen Sigmund Freud argumentierend diese umwerfenden Bild-Findungen kommentieren? Sie stammen aus Zeitschriften aus dem 19. Jahrhundert, aus der Zeit als das Bild sich begann in Massen zu reproduzieren. Da ist die Frau, die mit gebauschten Röcken in den Felsspalt fällt, oder der Mann, der entsetzt zuschaut wie eine gigantische Schlange eine andere verzehrt.

 

Demgegenüber gestellt finden sich drei Skulpturen, auf Modelliertischen präsentiert. Das „Gehirn“ (Raum 9), das die Künstlerin in ihr Werk schon früh als Multiple (1987/1989) und als „Warengestell mit Gehirnen“ (1989) eingeführt hat. Ein gleichsam überkonnotiertes Symbol für das Denken, für die Leistungen der Wissenschaft, das hier „allein“, entschlackt zum nutzlosen Zeichen gerinnt.

 

Eine der schönsten, neuen Skulpturen von Katharina Fritsch ist der grell orange Oktopus (Raum 9), der seine harmonisch geschwungenen Tentakeln als organisches Ornament ausbreitet. Genüsslich hält er ein kleines Männchen im Taucheranzug gefangen und scheint mit ihm zu spielen.

 

In einer der neusten Werkgruppen lädt Katharina Fritsch sozusagen in ein Schlafzimmer ein. Da steht ein mit Konfetti verziertes, «süss lächelndes», so genanntes „französisches“ Bet t (Raum 10). Als hätte ein Bräutigam in kreativer Vorfreude mit dem Auslegen der bunten Konfetti in Herz-, Augen- und Mundform seinen Willkommensgruss an seine Braut deponiert. . Und ein „Nachttisch“ – das Möbel könnte von Donald Judd entworfen sein – ist aber behängt mit Trivialia von Disney bis Dürer. Das Bett ist nicht zerwühlt, zeigt keine Lebensspuren. Es scheint unangetastet wie die fabrikneuen Produkte in der Welt der Werbung.

 

Mit den groß aufgeblasenen männlichen Pin-Ups (Raum 10) an der Wand begibt sich Fritsch zudem mit subversiver Fröhlichkeit als Frau in ein männlich besetztes Terrain der Kunstgeschichte. Schamlos ist in diesem Raum vor allem die Wertfreiheit, das ästhetische Neben- und Ineinander, die abgeklärte Glückseeligkeit, in welcher Vitalität alles Vulgäre abgestreift zu haben schein.

 

So hatte Katharina Fritsch 1987 einen Naturgegenstand als lebensgroßes, überraschendes „Wunder“ präsentiert. Es war der grüne „Elefant“ (Raum 11), entstanden für das Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld, der auf einem hohen, ellipsenförmigen Sockel die Besucher einer Ausstellung „moderner“ Kunst in Staunen versetzte. Ein gewaltiges durch Farbe verfremdetes Naturobjekt, der Polyesterabguss eines Tieres, ein Ding, das da steht und eine oszillierende Spannung der Gegensätze in die Welt setzt. Ein Verwirrspiel zwischen Kunst und Natur, Realität und Abstraktion, Zeichen und Bezeichnetem.

 

Die „Figurengruppe“ (Raum 1) (2006-2008) versammelt sechs Gestalten (St. Michael, St. Nikolaus, Riese, St. Katharina, Torso, Madonnenfigur), die Stereotypen aus Religion und alter Geschichte bilden. Sie wird ergänzt durch Skelettfüsse, eine Schlange und eine Vase. Wie die aus Pappe geschnittenen Superheroen vor einem Kino, kündigen die Figuren jene Protagonisten an, die man in der Ausstellung später wieder antrifft.

 

Zum einen handelt es sich bei der Gruppe um eine gleichnishafte Verbildlichung von Schicksal und Geistigkeit. Zum anderen aber hat die Künstlerin eine bewusst lapidare Anordnung gewählt, so dass die Figuren nahezu zufällig angeordnet wirken wie in einem Warenlager oder einem Skulpturenhof. Die klassische Komposition der Gruppe verdichtet das Erlebnis, auf die lebensgroßen Stereotypen zuzugehen. Bei näherer Betrachtung erweisen sich die Abgüsse aus Polyester, die anschließend fein modelliert werden, als leblose Hüllen und als Hohlformen ohne Beseelung. Eine Bronzevariante der „Figurengruppe“ wird in den nächsten Monaten im Skulpturengarten des New Yorker Museums of Modern Art zur Aufstellung gelangen.

 

Speziell für die große Deichtorhalle hat Katharina Fritsch zwei Siebdruckbilder in betonten Querformaten geschaffen, die die Länge der Halle aufgreifen und eine zentrale Funktion in der filmartigen Abfolge der Ausstellung spielen. Bei diesen neuen Siebdruckbildern setzt die Künstlerin den "blassen", traumbildartigen Eindruck, den Videoprojektionsbilder und andere Ergebnisse moderner Digitaltechnik aufweisen, in bewusst traditionell gefertigte Standbilder um. "Kirmes" (Raum 5) , 2009, entstand aus einer Erinnerung an einen Jahrmarkt im Zwielicht eines Sommerabends. „Kirmes“, die Fotografie eines Karussels, ist durch den waagerechten Ausschnitt und die extreme Vergrößerung derart verdichtet, dass verschiedene Raumebenen ineinander geblendet scheinen und zusammen mit der zwielichtartigen Situation einen Eindruck ergeben, der zwischen Vorstellung und Wirklichkeit ununterscheidbar schwankt.

 

"Flussufer" (Raum 12), 2009 antwortet dem anderen, ebenso großen Siebdruckbild "Kirmes" an der gegenüber liegenden Längsseite der großen Deichtorhalle. Grundlage des Bildes ist in diesem Fall die Fotografie einer Trauerweide an der Weser, die ein Fotograf im Auftrag der Künstlerin mit größter Genauigkeit festhielt. Der gelb-weiße Bildaufbau (entsprechend zum Rosa von "Kirmes") ergibt einen Wirklichkeitseindruck wie in einem sanften Rausch oder einem Vor-Sich-Hin-Träumen. Die zwei großen Siebdruckbilder "Kirmes" und "Flussufer" sind bewusst so angelegt, dass der Betrachter sie nicht frontal sieht, sondern an ihnen entlang wandelt wie an einem Fresko im Flur eines langen Galerie.

 

"Messekoje" (Raum 13) geht auf eine Skulptur zurück, deren erste, ganz in weiß gehaltene Ausführung bereits 1986 in einer Ausstellung des Kunstvereins in Hamburg zu sehen war. Es handelt sich zum Einen um eine absurde, antifunktionale Architektur für eine Koje bei Kunstmessen. Zum Anderen stellt die Skulptur eine imaginäre Raumform dar, wie Kinder sie sich gerne an vertrauten und zugleich unheimlichen Orten im Sinne von schützenden Subräumen in ihrer Vorstellungswelt ausmalen. Die in kleine Vertiefungen gestellten Figuren des Hl. Nikolaus, dem Schutzpatron der Kaufleute, erinnern an Statuen in Häuserfassaden oder auch an Säulenheilige in mittelalterlichen Kirchen. Die Künstlerin verbindet unterschiedliche Wirklichkeitsebenen virtuos miteinander.

 

DIE KÜNSTLERIN
 

 

Katharina Fritsch wurde 1956 in Essen geboren. Sie studierte zunächst Geschichte und Kunstgeschichte in Münster, später Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf bei Fritz Schwegler. 1979 stellte sie erstmals Skulpturen aus. In den 1980er Jahren dienten ihr Bildthemen aus der Warenwelt häufig als Motiv. Der internationale Durchbruch gelang 1984 in der Ausstellung «Von hier aus» in Düsseldorf. 1988 stellte sie in der Kunsthalle Basel aus und 1997 im Museum für Gegenwartskunst. Nachdem sie 1995 Deutschland bei der Biennale in Venedig vertreten hatte, wurden ihr bedeutende Auszeichnungen wie der Kunstpreis Aachen (1996) und der Piepenbrock Preis für Skulptur (2008) zuteil. Katharina Fritsch lebt und arbeitet in Düsseldorf. Seit 2001 ist sie Professorin für Bildhauerei an der Kunstakademie Münster (Hochschule für Bildende Künste). Im selben Jahr widmete ihr die Tate Modern, London, in Kooperation mit dem K21, Düsseldorf, eine große Einzelausstellung.

 

 



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