| Malerei und Skulpturen von Baselitz in Baden-Baden |
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| Freitag, 20. November 2009 um 17:32 Uhr | ||
Baden-Baden (dpa/lsw) - Einen umfassenden Einblick in das Schaffen des Künstlers Georg Baselitz gibt eine große Retrospektive in Baden- Baden. Von diesem Samstag an sind im Museum Frieder Burda und in der benachbarten Staatlichen Kunsthalle rund 140 Kunstwerke zu sehen, darunter etwa 80 Gemälde, mehr als 40 Zeichnungen sowie Skulpturen von den Anfängen bis heute. Die Schau dauert bis zum 14. März 2010. Der heute 71-jährige Baselitz gilt als einer der bedeutendsten Gegenwartskünstler und als raubeiniger Provokateur. Sein Markenzeichen sind Bilder, in denen Menschen, Tiere, Natur oder Stillleben auf dem Kopf stehen.
«Die Intention war, relativ unbekanntes Material aus Privatbesitz zusammenzutragen», sagte Kurator Götz Adriani am Freitag bei der Pressekonferenz mit dem Künstler, der vor 40 Jahren seinen ersten großen Auftritt in der Kunsthalle hatte.
Mal obszön-provokant, mal geschunden-lädiert - der junge Baselitz erregte Anfang der 1960er Jahre Aufsehen. Die Ausstellung dokumentiert dies mit Bildern eines schamlos onanierenden nackten Mannes, zerteilten Motiven oder mit einer Vielzahl von kaputten Helden - gleichsam als Symbol für den an der Geschichte leidenden Künstler. Der aus Sachsen stammende, als Hans Georg Kern geborene Baselitz war als Student in den Westen übergesiedelt. Der Maler fühlte sich auch hier als Außenseiter. «Es ging mir um Provokation», sagt Baselitz heute. Und er wollte etwas «ganz Eigenes» schaffen.
Das gelang ihm 1969, als er mit seinen berühmten Kopfstand-Bildern den internationalen Durchbruch schaffte. Zahlreiche auf dem Kopf stehende Akte und Porträts, fallende Adler oder Tulpen lassen so auch in Baden-Baden die Welt Kopf stehen. Sie zeugen wie seine jüngsten Arbeiten, die als «Remix» alte Werke neu interpretieren, von der Vielseitigkeit des experimentierfreudigen Künstlers, dessen Werke inzwischen in den wichtigsten internationalen Museen und Sammlungen vertreten sind.
«Baselitz gehört zu den wenigen Künstlern, die 50 Jahre Malerei durchhalten. Die neuesten Bilder sind genauso überzeugend wie die Bilder der 80er oder der 60er Jahre», meint Adriani. Die Schau im Burda-Museum ist bestückt mit Leihgaben von Privat-Sammlern und aus dem Besitz von Baselitz. Weil am Ende mehr Werke zusammengekommen sind als in das Museum passen, hat Baselitz von Mitte Januar an eine zweite Hängung angekündigt. «Die Heldenbilder bleiben aber drin, die großen Frakturbilder auch», kündigte der Künstler an.
Einen Überblick über «30 Jahre Skulptur» gibt die benachbarte Kunsthalle, die über eine gläserne Brücke mit dem privaten Burda- Museum verbunden ist. Kunsthallenchefin Karola Kraus zeigt dort das bildhauerische Werk - von der ersten erneut ein Skandal auslösenden Arbeit «Modell für eine Skulptur» (1979) bis zur neuesten Denker- Figur «Volk Ding Zero» (2009). Mit der Kettensäge oder mit Beil und Stecheisen bearbeitete riesige Skulpturen wie «Meine neue Mütze» und «Frau Ultramarin» von 2003 und 2004 sind dort ebenso vertreten wie frühe, an afrikanische Kunst erinnernde archaisch wirkende grob geschnitzte Holz-Köpfe.
Beide Museen sind dienstag bis sonntags von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. (Zur Ausstellung erscheinen zwei Kataloge: Baselitz. 50 Jahre Malerei, herausgegeben von Götz Adriani für die Stiftung Frieder Burda, 208 Seiten, 24,80 Euro; Georg Baselitz. Skulpturen, herausgegeben von Karola Kraus, 240 Seiten, 29,90 Euro.)
Geschundene Helden von Baselitz in Baden-Baden
Von Susanne Kupke, dpa
Baden-Baden (dpa) - In zerrissenen Kleidern kommt er barfuß, sichtlich lädiert, über verbrannte Erde nach Hause. Ein strahlender Held sieht anders aus. Der einsame Kriegsheimkehrer ist auf einem der «Heldenbilder» von Georg Baselitz zu sehen. Sie sind Teil einer großen Retrospektive, die von diesem Samstag an in Baden-Baden zu sehen ist. Bis zum 14. März werden im Museum Frieder Burda und in der benachbarten Staatlichen Kunsthalle rund 140 Kunstwerke eines der bedeutendsten Gegenwartskünstler präsentiert - darunter rund 80 Gemälde, mehr als 40 Zeichnungen sowie Skulpturen von den Anfängen bis heute.
Auf dem Kopf stehende Akte, mit der Kettensäge bearbeitete Skulpturen, zerteilte Menschenbilder und der letzte Rest vom männlichen Heldentum aus dem offenen Hosenschlitz zur Schau gestellt - der eher verschlossen-schüchtern wirkende Baselitz hat eine Vorliebe für Brachiales und Provokation. Dem Betrachter gibt Kurator Götz Adriani sicherheitshalber eine Gebrauchsanweisung mit auf den Weg: Er muss sich zunächst beeindrucken lassen, darf vielleicht auch Abscheu empfinden. «Aber er muss das Gespür haben, dass ihn etwas bewegt.» Ein Bild, das keine Emotionen hervorruft, hat für den Kunstexperten keine Qualität.
Und Emotionen hat das Werk des heute 71-jährigen aus der Nähe von Dresden stammenden Baselitz im Laufe der Jahrzehnte immer wieder hervorgerufen. In Baden-Baden ist nun die Vielschichtigkeit des Einzelgängers zu bestaunen, der als junger Kunststudent 1957 der DDR den Rücken kehrte und zu einem der international pointiertesten Künstler avancierte, mit Schauen unter anderem im New Yorker Guggenheim Museum und der Royal Academy of Arts in London.
Präsentiert werden in der Kurstadt neben einer einmaligen Fülle von abgewrackten Helden ganz frühe Werke wie das Aquarell eines onanierenden Jungen; das Motiv hatte Anfang der 1960er Jahre für einen Skandal und staatsanwaltliche Ermittlungen gesorgt. Die Schau zeigt, wie der Einzelgänger entgegen dem abstrakten Trend an der Gegenständlichkeit festhielt, den durch Nazi-Kunst und Ost-Malerei verpönten Realismus aber umging.
So lösen sich 1966 selbst Helden auf; Baselitz, der Nazis, Zweiten Weltkrieg, DDR und Wirtschaftswunder-BRD erlebt hat, zerteilt in seinen sogenannten Frakturbildern Motive und komponiert sie neu zu einer ganz persönlichen Art von Kubismus. Ende der 1960er Jahre steht die Welt Kopf: Die Idee, Akte, Stillleben oder Landschaften «verkehrt» herum darzustellen, bringt den internationalen Durchbruch. «Ich wollte etwas machen, das das Bildsystem aushebelt», sagt der Künstler. In Baden-Baden sind so riesige kopfüber hängende Akte, Tulpen, Adler oder expressive Diptychons zu sehen. Dunkle und kräftige Farben dominieren. In neueren Bildern überraschen aber ein aquarellartig leichter Farbauftrag oder freundliche rosige Gesichter in Bildern wie «Wir daheim».
In seiner 2005 begonnenen Werkgruppe «Remix» greift Baselitz schließlich ältere Werke auf und interpretiert sie neu, etwa im schonungslosen, zugleich anrührenden Selbstporträt mit seiner Frau als altem Paar («Schlafzimmer»/2009).
Während das private Museum Frieder Burda ein halbes Jahrhundert Baselitz'sche Malerei vorstellt, zeigt die über eine gläserne Brücke verbundene Staatliche Kunsthalle einen Querschnitt aus «30 Jahren Skulptur» - von der ersten Arbeit «Modell für eine Skulptur» (1979) bis zu der neuesten Skulptur «Volk Ding Zero» (2009). Erstere löste 1980 bei der Biennale in Venedig Empörung aus, weil Betrachter an der Figur Hitler-Bärtchen und -Gruß sahen; letztere, die erstmals vorgestellt wird, kommt dagegen eher als nachdenkliches Alterswerk daher. Skulpturen sind für Baselitz ein kürzerer Weg als die Malerei, um das gleiche auszudrücken - «weil Skulptur primitiver, brutaler und vorbehaltloser ist».
Und so bearbeitet Bildhauer Baselitz Zedern- oder Ahornholz brachial mit Kettensäge, Beil und Stecheisen. Auf Kunsthallenchefin Karola Kraus wirken die «entgegen aller handwerklich künstlerischen Eleganz gesägten, geschnitzten und gestochenen Skulpturen oft wie "Figuren voller Wunden"». Dass sich der Künstler immer wieder ein Augenzwinkern erlaubt, zeigen die riesigen Skulpturen «Meine neue Mütze» und «Frau Ultramarin» aus den Jahren 2003 und 2004. Kraus ist nicht nur stolz, dass Baselitz 40 Jahre nach seiner ersten großen Schau in der Kunsthalle hierher zurückkehrt - sondern auch, dass sie in ihrem Katalog das erste Werkverzeichnis seiner Skulpturen präsentieren kann.
Georg Baselitz
Baden-Baden (dpa/lsw) - Geboren: als Hans-Georg Kern am 23. Januar 1938 im sächsischen Deutschbaselitz; den Künstlernamen Baselitz hat er in Anlehnung an seinen Geburtsort 1961 angenommen. Familie: der Vater war Volksschullehrer, die Familie wohnte im Schulhaus. 1962 heiratete er seine Frau Elke Kretzschmar. Sie ist für viele seiner Motive Inspiration und Mutter seiner zwei erwachsenen Söhne. Ausbildung: Er studierte zunächst an der Ost-Berliner Hochschule für bildende und angewandte Kunst, wurde aber wegen «gesellschaftspolitischer Unreife» der Hochschule verwiesen. Er wechselte dann in den Westen und an die Hochschule für Bildende Künste in West-Berlin. Karriere: Seinen internationalen Durchbruch erlebte der Provokateur 1969 mit seinen ersten Kopfstand-Bildern, die zu seinem Markenzeichen wurden. 1977 wurde er an die Karlsruher Kunstakademie berufen, 1978 zum Professor; er hatte zahlreiche bedeutende Ausstellungen im In- und Ausland, war Documenta- und Biennale-Teilnehmer und wurde unter anderem mit dem Kaiserring der Stadt Goslar geehrt. Er gilt als einer der teuersten Künstler der Gegenwart. Wohnort: Baselitz lebt und arbeitet heute am Ammersee (Bayern) und in Imperia (italienische Riviera)
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