| Düsseldorf zeigt Ess-Kunst: Schimmel und Fett |
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| Freitag, 27. November 2009 um 16:24 Uhr | ||
Von Gerd Korinthenberg, dpa
Düsseldorf (dpa) - «Wenn alle Künste untergehen, die edle Kochkunst bleibt bestehen», verkündet kulinarisch-selbstbewusst ein sorgsam besticktes Küchenhandtuch. Das karierte Textil aus Großmutters Zeiten nutzte der Künstler Daniel Spoerri 1969 für ein frühes Exemplar seiner legendären «Fallenbilder» aus gründlich «abgegrasten» Esstischen. Ein Jahr später gründete der schweizerisch- rumänische Künstler in Düsseldorfs Altstadt sein außergewöhnliches Galerie-Restaurant für Ameisen-Omelett und Bärenschinken und bescherte damit der Gegenwartskunst die essbare «Eat-Art».
Spoerri ist vier Jahrzehnte später Zentralfigur einer Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle, die unter dem Titel «Eating the Universe» von diesem Samstag an bis zum 28. Februar die Verwendung von Lebensmitteln in der Kunst seit etwa 1970 demonstriert. Die Arbeiten der drei Dutzend Künstler, darunter schimmelnde Essensreste aus dem Atelier des weiteren Eat-Art-Pioniers Diether Roth, ein aufgetürmter Sieben-Tonnen-Zuckerberg von Thomas Rentmeister («Ohne Titel»/2007), Heringsgräten aus Beuys-Aktionen oder nachgebaute Kochstudios dokumentieren ironisch-spielerisch Konsumkritik, modernen Medienrummel und eine melancholische Erinnerung an die Vergänglichkeit. Außerdem, so konstatiert Kunsthallenchefin Ulrike Groos, manifestiert sich hier ein gänzlich neuer Materialbegriff in der Gegenwartskunst.
Wer möchte dem barocken Gedanken von prallem Leben und sicherem Tod angesichts der minimalistisch-kargen Wandarbeit Judith Samens widersprechen. Die auch als Fotografin bekannte Künstlerin nagelte für ihre «Reibekuchenwand» (2002) etwa 1000 duftende Kartoffelpuffer an die Kunsthallenwand. Binnen der kommenden Ausstellungswochen werden die Reibekuchen sicher schönen Schimmel ansetzen und mancher unter Hinterlassung sensibler Fettspuren von der Wand plumpsen.
Wer es hier noch nicht bemerkt hat: Anders als bei den Malern üppiger Fleisch- und Früchtestillleben des Barock spielt bei der «alimentären» Kunst der Gegenwart auch Geruch eine große Rolle, durchweht Düsseldorfs Kunsthalle deftiger Kantinenmief. Eine Quelle dafür sind die kräftig-rostbraunen Schweinespeck-Schwarten, die der Koch-Aktionskünstler Arpad Dobriban als eindrucksvoll monumentales und dabei erstaunlich ästhetisches Relief präsentiert.
Wunderbar surreal sind die Tafelbilder, die Michel Blazy und eine unbekannte Anzahl Mäuse seit 2008 geschaffen haben: Während der Künstler Bildtafeln mit Ei oder Paniermehl bestrich, nagten die Tierchen mit ihren spitzen Zähnchen die schönsten Fantasielandschaften aus der leckeren Oberfläche. Schlichtweg den Horror aller Hausfrauen illustriert der Niederländer Zeger Reyers mit seiner «Rotierenden Küche». Die Original-Küche, unverkennbar Symbol bürgerlicher Ordnung, dreht sich viermal stündlich um die eigene Achse, wobei Kochutensilien und Lebensmittel aus den Schubladen dem verdutzten Ausstellungsbesucher vor die Füße purzeln.
Schwungvoll und zum Gefallen aller Kinderhasser spritzt Carsten Höller Tomatensoße mit Buchstaben-Nudeln knapp über die Fußleiste des Kunsthallen-Saales: Seine Mini-Installation von 1992 nannte er knapp «Kinderkotze». Nur hartgesottenen Kunstfreunden ist Elke Krystufeks einstündiges Farb-Video «Vomitting»/«Eating» von 1992 wirklich zu empfehlen: Hier kann, wer mag, der kompromisslosen Künstlerin beim Essen und anschließendem Erbrechen zusehen.
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