| Ohrfeigen für die «Bürger»: Futuristen-Schau in Berlin |
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| Donnerstag, 01. Oktober 2009 um 13:07 Uhr | ||
Von Wilfried Mommert, dpa
Berlin (dpa) - Sie wollten dem öffentlichen Geschmack eine Ohrfeige versetzen und träumten vom Gesamtkunstwerk. Die Futuristen wollten vor 100 Jahren die Zerstörung der Gesetze und Harmonien und verherrlichten eine neue technische Zukunft, träumten aber auch den ewigen Traum aller Künstler von einer Verbindung von Kunst und Gesellschaft.
Ihren großen Einfluss auf die anderen avantgardistischen Kunstrichtungen wie Dadaismus oder Surrealismus und auch auf das Bauhaus zeigt jetzt mit über 300 Arbeiten die große Ausstellung «Sprachen des Futurismus in Literatur, Malerei, Skulptur, Musik, Theater und Fotografie», die von diesem Freitag an im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist (bis 11. Januar). Es ist nach Angaben der Berliner Festspiele die einzige große Ausstellung in Deutschland zum 100. Jahrestag des Futuristischen Manifests des italienischen Bürgersohns Filippo Tommaso Marinetti, der die einzig «richtigen Wege» zur modernen Kunst der Neuzeit propagierte, wie er meinte.
Die italienischen Futuristen setzten vor 100 Jahren zum Sturm auf alles Überkommene an und veröffentlichten 1909 ausgerechnet in der konservativen Pariser Zeitung «Le Figaro» ihr Manifest, mit dem sie eine neue, alle Lebensbereiche umfassende Kultur propagierten und mit einer bis dahin nicht dagewesenen Radikalität die Türen zur modernen Kunst aufstießen. Natürlich regt das 100 Jahre später niemand mehr auf und hat tatsächlich den von den Futuristen damals heftig bekämpften musealen Charakter angenommen, aber als eine Facette der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts wirkt es immer noch belebend.
Die Berliner Ausstellung zeigt die futuristischen Manifeste, Bühnenmodelle in grellen Farben, Fotos, Bücher, Schmähschriften, Plakate und futuristische Gemälde. Die Berliner Festspiele knüpfen mit dieser Ausstellung an ihre vor über einem Vierteljahrhundert gezeigten und vielbeachteten Ausstellung über die russischen Futuristen und Symbolisten an. Die hatte der Dramatiker Maxim Gorki als «Dekadente» heftig angegriffen wegen ihrer «antigesellschaftlichen Position» und wegen ihrer «Selbstisolierung und ihrer Flucht vor der Lösung der sozialen Probleme». Gorki vertrat dagegen die «bewusstseinsbildende und erzieherische Bedeutung der Kunst», wie sie später auch von dogmatischen Kommunisten bis in die DDR-Zeit hinein als staatliche Kunstauffassung vertreten wurde.
Die italienischen Futuristen wollten sich aber nichts mehr vorschreiben lassen und probten den Aufstand: «Wir wollen unerbittlich gegen den fanatischen, unverantwortlichen und snobistischen Kult der Vergangenheit kämpfen, der sich an der unheilvollen Existenz der Museen nährt. Wir lehnen uns gegen die blinde Bewunderung alter Bilder, alter Statuen und aller alten Gegenstände auf und gegen die Begeisterung für alles, was wurmstichig, schmutzig und von der Zeit zerfressen ist und wir halten die übliche Verachtung für alles, was jung, neu und voller Leben ist für ungerecht und verbrecherisch.»
Für Gabriella Belli als Kuratorin der Ausstellung ist es besonders bewegend, die Ausstellung in jener Stadt zu präsentieren, «in der ein Kunstkritiker früher als alle anderen Kollegen erkannte, dass der Futurismus eine wichtige Kunstrichtung der Zukunft ist», wie sie am Donnerstag in Berlin sagte. Die erste große Futuristen-Ausstellung wurde in Berlin bereits im April 1912 eröffnet - in der berühmten Galerie «Der Sturm» von Herwarth Walden in der Tiergartenstraße 34a. Einige der damals ausgestellten Objekte sind auch jetzt wieder in Berlin zu sehen. Andere Dokumente veranschaulichen in der Ausstellung auch diese Verbindung der Futuristen zu Berlin.
Belli ist Direktorin des Kunstmuseums «Museo d'Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto» im oberitalienischen Rovereto. Der Bau des Architekten Mario Botta besitzt das größte und bedeutendste Archiv der Futuristen. |
























































