| Natalja Gontscharowa – Zwischen russischer Tradition und europäischer Moderne |
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| Sonntag, 04. Oktober 2009 um 06:24 Uhr | ||
Natalja Gontscharowa – Zwischen russischer Tradition und europäischer Moderne
Um die Ausstellung zu ermöglichen, hat Kemfert gemeinsam mit russischen Kolleginnen und Kollegen eine wegweisende wissenschaftliche Aufarbeitung geleistet. „Anhand von Archivmaterial und zum Teil unbekannten Fotografien ist es uns möglich, sowohl das Werk als auch die Biografie der Künstlerin erstmals ausführlich vorzustellen“, sagt Kemfert.
Einige der ausgestellten Werke waren seit Jahrzehnten nicht mehr zu sehen, so Gontscharowas letzte Bilder „Sputniks“, die in Deutschland zum ersten Mal gezeigt werden. Die Künstlerin vermachte ihren gesamten Nachlass der Tretjakow Galerie, die als Hauptleihgeberin für die Opelvillen diesen Bestand erstmals geöffnet hat.
Beate Kemfert schätzt sie als Künstlerin, die „bis ganz zuletzt vorwärts strebte und Neues versuchte.“ Mit ihren Gemälden, Papierarbeiten, Buch-, Stoff-, Kostüm- und Bühnenbildentwürfen trug sie maßgeblich zum künstlerischen Entwicklungsprozess in ganz Europa bei.
In frühen Jahren malte sie, inspiriert von Folklore und Volkskunst ihres Landes, farbenfrohe Bilder mit kraftvoller Ornamentik. Später schuf sie an die Ikonenmalerei angelehnte Bilder, die der russischen Avantgarde wichtige Impulse zur Verbindung von Tradition und Moderne gaben. Gontscharowas Einzelausstellungen waren avantgardistische Meilensteine, führten immer wieder zu öffentlichen Eklats und polarisierten die Presse. 1910 durch ihre erste Einzelausstellung in Moskau schlagartig berühmt geworden, konnte sie drei Jahre später eine Schau mit rund 800 Arbeiten zeigen. Das war bis dahin die größte Ausstellung, die jemals einer russischen Künstlerin oder einem russischen Künstler zuteil geworden war.
Während der Ausstellung „Natalja Gontscharowa – Zwischen russischer Tradition und europäischer Moderne“ sind die Opelvillen täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs von 10 bis 21 Uhr geöffnet. Öffentliche Führungen werden sonntags um 11 Uhr und mittwochs um 19 Uhr angeboten. www.opelvillen.de
Die Primitivistin: »Ich sprach Tula’sch – ch statt f und so.«
Charakteristisch für ihr Frühwerk ist auch die Hinwendung zur Volkskunst, zu dekorativen Elementen textiler Quellen oder Alltagsgegenständen wie Holztabletts, die sie in einer Reihe von Stillleben verarbeitet. Häufig nutzt sie ein längliches, vertikales Format, das sie zu einer Art Flügelaltar zusammensetzt. Ohne die strenge Formgebung der Ikone aufzugeben – auch traditionelle Attribute wie Flügel und Heiligenschein führt sie fort –, durchdringt sie das orthodoxe Andachtsbild mit ihren Errungenschaften moderner Malerei. Ihr Pinselduktus ist schnell, beinahe hastig, mit dickem Farbauftrag manifestiert sie Christus und die Gottesmutter.
Die Avantgardistin: „Mein letztes Wort – ein Stein gegen diese Banalität in der Kunst, die ewig den Platz genialer Leistungen zu besetzen sucht.“
Die Emigrantin: »Ich wollte nach Osten, ich geriet in den Westen.«
Auch wenn die Serie der Spanierinnen beispielhaft zeigt, welchen Schub an Kreativität Gontscharowa zu Beginn ihres Exils durch ihre Entwurzelung erhält, wird auf der anderen Seite durch ihre Wiederholung bereits bewältigter Themen auch ihre Verarbeitung von Verlust deutlich. Verloren gegangene Gemälde wie das Wäldchen von 1912 malt sie Jahre später aus der Erinnerung nach. Auch ihr Bild Winter in Russland ist eine Modifikation ihres Gemäldes Winter von 1911, das sie in Russland zurücklassen musste. Einst hatten Frühjahrsdarstellungen ihr Schaffen mit leuchtenden Farben geprägt, nun dominieren Winterlandschaften in reduzierter, teilweise monochromer Farbigkeit ihre Bildwelten. Eine Manifestation ihrer Exilerfahrungen ist auch die Serie der Brückenbilder, die Gontscharowa 1916 in Rom beginnt und erst Ende der 1950er-Jahre beendet. Darüber hinaus überarbeitet sie viele Bilder, die vor der Revolution in Russland entstanden sind, in ihrem Pariser Atelier. Sie übermalt ganze Partien oder fügt dekorative Elemente hinzu. Datierungen scheinen Gontscharowa dabei nicht wichtig. Im hohen Alter findet sie wieder zur Abstraktion und realisiert nach rayonistischen Bildern eine Werkserie von Weltraummotiven. Vermutlich inspiriert durch den russischen Sputnik-Start 1957 schafft sie kosmisch leuchtende Kompositionen aus Blau, Weiß, Gelb, Rot und Schwarz mit geometrisch einfachen Formen, die Planeten oder Meteoriten gleichen.
Biografie Natalja Gontscharowa
1881
Natalja Gontscharowa wird am 21. Juni in der Provinz Tula südlich von Moskau in eine Adelsfamilie geboren. Der Vater ist Architekt.
1892–1898
Die Familie zieht nach Moskau. Natalja besucht eine Mädchenschule.
1900
Sie lernt den Kunststudenten Michail Larionow (1881–1964) kennen. Er wird ihr Lebensgefährte.
1901
Am Moskauer Institut für Malerei, Bildhauerei und Architektur beginnt sie ein Studium der Bildhauerei bei dem Rodin-Schüler Fürst Pawel Trubezkoj. Obwohl talentiert – am Institut mit einer Medaille geehrt –, wechselt sie bald zu Malerei, »weil ich in das Spiel des Lichtes und der Harmonien der Farben verliebt war«.
1903–1904
Während der Sommermonate auf den Landsitzen der Familie entstehen Pastellzeichnungen: Landschaften und Genrebilder, vorwiegend im impressionistischen Stil, der auch an der Akademie – wie französische Kunstströmungen allgemein – richtungsweisend ist.
1906
Zusammen mit Larionow beteiligt sie sich mit Pastellen an der Ausstellung der russischen Sektion im Pariser Salon d’Automne. Erste Arbeiten im primitivistischen Stil entstehen.
1906/07
Sergej Djagilew stellt Gontscharowa in Paris, Berlin und Venedig in seinen Ausstellungen russischer Künstler als Protagonistin der neuesten postimpressionistischen Kunstströmung vor.
1907–1910
Intensive Auseinandersetzung mit der französischen Avantgarde.
1908
Beteiligung an der ersten Ausstellung des Journals Das goldene Vlies in Moskau, die moderne russische Malerei den großen französischen Vorbildern gegenüberstellt. Enger Kontakt zu Ilja Maschkow und Alexander Michailowskij, in deren Atelier, einem Treffpunkt junger Avantgardekünstler, sie Kurse besucht und zur Aktmalerei findet. Erste Arbeiten im kubistischen Stil.
1909
Sie wird offiziell exmatrikuliert, da sie ihre Studiengebühren nicht mehr zahlt.
1910
Tagesausstellung von Gontscharowas Werken bei der Gesellschaft für freie Ästhetik in Moskau, unter anderem Aktstudien, die aufgrund des Vorwurfs, sie seien Pornografie, beschlagnahmt werden. Sie wendet sich vom Impressionismus ab, gründet mit Larionow und anderen Karo-Bube, Moskaus erste radikale Künstlergruppe. Beteiligung an deren Ausstellung mit ihren ersten primitivistischen und kubistischen Werken.
1911
Larionow und sie verlassen Karo-Bube und gründen die Gruppe Eselsschwanz. Offener Brief der Künstlerin über die Ziele der Gruppe, sie bezeichnet sich als erste Kubistin. Wie Larionow entwickelt sie eine eigene Variante des Neoprimitivismus und wird zu einer der Schlüsselfiguren dieser Kunstrichtung in der russischen Avantgarde.
1912
Erste Ausstellung der Gruppe Eselsschwanz. Gontscharowas Bilder mit religiöser Thematik werden aufgrund einer Zensur der Heiligen Synode von der Polizei entfernt. Bilder von ihr in der Münchner Ausstellung des Blauen Reiters und in der Second Post- Impressionist Exhibition in London. 1912–1913
Arbeiten im kubo-futuristischen und rayonistischen Stil. Erste Buchkunstarbeiten und Modeentwürfe. Sie flaniert mit bunten Gesichtsbemalungen und schminkt das Publikum bei einigen Vorführungen der Kabaretts Rosa Laterne und Nr. 13.
1913
Sie organisiert mit Larionow die Ausstellung Zielscheibe in Moskau. Beteiligung an der Ersten Deutschen Herbstausstellung in der Galerie Der Sturm in Berlin. Große Retrospektive ihres Werks mit 768 Exponaten in Moskau, die ihre Sonderrolle in der russischen Avantgarde weiter festigt. Sie schreibt im Katalogvorwort: »Mein Weg führt zum Ursprung aller Künste, in den Osten.« Die Tretjakow Galerie kauft im Anschluss zwei Gemälde an.
1914
Larionow und sie wirken in dem Film Drama im futuristischen Kabarett Nr. 13 von Wladimir Kasjanow mit. Weitere große Retrospektive ihres Werks mit 249 Bildern in St. Petersburg. Erneut Beschlagnahmung ihrer religiösen Bilder. Erste öffentliche Diskussion ihrer Stilvielfalt. Larionow, Gontscharowa, Malewitsch und Tatlin organisieren die Ausstellung Nr. 4, die vierte Avantgardeausstellung in Moskau. Gontscharowa installiert in Paris Bühnenbilder für Sergej Djagilews Inszenierung Le Coq d’Or. Die Künstlerin wird von nun an fünf Jahrzehnte für die Bühne arbeiten. Die Galerie Paul Guillaume in Paris stellt Werke von ihr und Larionow aus. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wird Larionow zum Kriegsdienst eingezogen. Der Lithografiezyklus Mystische Schrecken des Krieges entsteht.
1915
Bühnenbildentwürfe für Alexander Tairows Inszenierung von Carlo Goldonis Il Ventaglio (Der Fächer) am Moskauer Kammertheater. Larionow wird nach einem Lazarettaufenthalt aus dem Militärdienst entlassen. Sie verlassen Russland und leben zunächst in Ouchy bei Lausanne. Dort hat sich Djagilew niedergelassen und probt mit seinem Ensemble Ballets Russes. Gontscharowa führt erste Gespräche mit Igor Strawinsky zum Ballett Les Noces. 1916
Gontscharowa lässt sich mit Larionow in Paris nieder. Während der Reise mit Djagilews Ensemble nach Spanien beginnt sie die Serie der Spanierinnen.
1917
Die Reise des Ballett-Ensembles führt sie weiter nach Rom. Dort Teilnahme an einer Gruppenausstellung. Ihre Arbeiten gewinnen an geometrischer Abstraktion. Oktoberrevolution in Russland, Abdankung des Zaren.
1918
Ausstellung ihrer Theaterarbeiten in der Galerie Sauvage, Paris.
1919
Weitere Ausstellung ihrer Theaterarbeiten in der Galerie Barbazanges, Paris. Das Paar bezieht eine Wohnung in der Rue de Seine, in der sie bis zu ihrem Tod leben.
1920er- und 1930er-Jahre
Malt, unterrichtet, illustriert Bücher und gestaltet Bühnenbilder für Djagilew und andere Impresarios.
1920
Beteiligung an der Biennale in Venedig, vermutlich mit den Bildern der Spanierinnen, und mit Larionow an der Exposition Internationale d’Art Moderne in Genf. In der stetig wachsenden Gemeinde russischer Immigranten in Paris ist Gontscharowa organisatorisch und gestalterisch tätig.
1921
49 Exponate von Gontscharowa in der Ausstellung Russian Arts and Crafts in der Whitechapel Gallery, London.
1922
Unweit ihrer Wohnung bezieht Gontscharowa ein geräumiges Atelier in der Rue Visconti, in dem großformatige Arbeiten entstehen. Dort unterrichtet sie auch. Gemeinsame Ausstellung mit Larionow in der Kingore Gallery, New York. Kostümentwürfe für das Berliner Theater Kikimora.
1923
Sie und Larionow stellen in Brüssel und Tokio aus.
1926
Ihr Polyptychon mit fünf spanischen Frauen wird auf der Internationalen Kunstausstellung in Dresden gezeigt.
1928
Gontscharowa und die elf Jahre jüngere Marina Zwetajewa, die sich bereits aus Moskau flüchtig kennen, werden Freundinnen.
1930er-Jahre
Werke von ihr und Larionow werden in Paris, Mailand, Wien, London und New York gezeigt. Aus finanziellen Gründen beginnt sie, luxuriöse Abendgarderobe zu entwerfen. Obwohl in engem Kontakt mit französischen Sozialisten, wagt sie als ehemalige Protagonistin der vorrevolutionären Avantgarde keine Reise in ihre Heimat. Die Sommermonate verbringt sie bevorzugt am Meer in Südfrankreich, wo auch eine große Exilgemeinde russischer Intellektueller entstanden ist.
1931
Kostümentwürfe für La petite Catherine von Alfred Savoir im Theater Antoine in Paris. Sie zeigt Werke im Salon des Indépendants, Paris.
1932
Kostümentwürfe für die Oper Sur le Borysthène von Sergej Prokofjew an der Pariser Oper.
1933
Bilder von ihr im Salon d’Automne, Paris.
1934
Sie und Larionow werden für das Ballett- Ensemble von Wassili Woskresensky gestalterisch tätig.
1936
Beteiligung an der Ausstellung Cubismus and Abstract Art im Museum of Modern Art, New York.
1938
Gontscharowa und Larionow erhalten die französische Staatsbürgerschaft.
1939
Ausstellung Espagnoles Magnolias in der Pariser Galerie Cadran.
1941
Mit Larionow stellt sie im Salon des Tuileries aus.
1943
Ein letztes Mal zeigen beide Künstler Werke im Salon des Tuileries.
1944
Gontscharowa entwirft Dekoration und Kostüme für den Jahrmarkt von Sorotschintzi von Mussorgski im Salon Pleyel, Paris. Paris wird von den Alliierten befreit.
1950er-Jahre
In der Nachkriegszeit leben Larionow und Gontscharowa zunächst relativ unbeachtet und verarmt. Auch weitere Theateraufträge und gelegentliche Ausstellungsbeteiligungen ändern nichts daran.
1950
Larionow erleidet in London einen Schlaganfall, die Kosten des anschließenden Sanatoriumsaufenthalts verstärken die finanzielle Not der beiden. Gontscharowa beginnt wieder mit Buchillustrationen.
1952
Die Galerie de l’Institut zeigt eine Einzelausstellung mit ihren Theaterarbeiten.
1953
Die Galerie 25 in Paris stellt ihre Bilder aus.
1954
Die Djagilew-Ausstellung in Edinburgh und London verhilft den beiden Künstlern wieder zu größerer Öffentlichkeit. Unter anderem die Tate Gallery, London, die National Gallery of Modern Art, Edinburgh, und die National Art Gallery in Wellington, Neuseeland, kaufen Werke von Gontscharowa für ihre Sammlung.
1955
Gontscharowa und Larionow heiraten am 2. Juni, um gegenseitig das künstlerische Erbe zu sichern.
1956
Ihre jüngst entstandenen rayonistischen Bilder werden in der Galerie de l’Institut, Paris, gezeigt. Das Solomon R. Guggenheim Museum in New York kauft Die Katze von 1913 an.
1958
In der Société d’art Saint-Germain-des Prés, Paris, stellt Gontscharowa, die infolge ihrer Arthritis nur noch mit großer Mühe malen kann, rund zwanzig ihrer in den letzten Jahren entstandenen Sputnik-Bilder mit planeten- und meteorartigen Formen aus.
1959
In der Frankfurter Ausstellung Beitrag der Russen zur modernen Kunst sind Gontscharowa und Larionow mit Werken vertreten.
1961
Der Art Council of Great Britain organisiert eine große Retrospektive von Gontscharowas und Larionows Werken.
1962
Am 17. Oktober stirbt die Künstlerin in Paris. Sie wird auf dem Friedhof von Ivry-sur-Seine beigesetzt.
[Bilderquellen (von oben nach unten) Bild1: Selbstbildnis mit gelben Lilien, 1907/08 Öl auf Leinwand, 77 x 58 cm Staatliche Tretjakow Galerie, Moskau, © VG Bild-Kunst, Bonn 2009; Bild 2: Stillleben mit Hut und Regenschirm, 1908/09 Öl auf Leinwand, 100 x 77 cm Staatliche Tretjakow Galerie, Moskau, © VG Bild-Kunst, Bonn 2009; Bild 3: Salzsäulen, 1909/10 Öl auf Leinwand, 80,5 x 95,5 cm Staatliche Tretjakow Galerie, Moskau. © VG Bild-Kunst, Bonn 2009 ; Bild4: Frauenakt (vor gelbem Hintergrund), 1909/10 Öl auf Leinwand, 118,5 x 97 cm Staatliche Tretjakow Galerie, Moskau. © VG Bild-Kunst, Bonn 2009; Bild 5: Frauenakt (vor blauem Hintergrund), 1909/10 Öl auf Leinwand, 111 x 87 cm Staatliche Tretjakow Galerie, Moskau. © VG Bild-Kunst, Bonn 2009 ; Bild 6: Raucher (Tablettmalerei), 1911 Öl auf Leinwand, 100 x 81 cm Staatliche Tretjakow Galerie, Moskau. © VG Bild-Kunst, Bonn 2009 ; Bild 7: Spanierin mit Fächer, um 1925 Öl auf Leinwand, 164 x 124 cm Staatliche Tretjakow Galerie, Moskau. © VG Bild-Kunst, Bonn 2009 ] |

























































Natalja Gontscharowa (1881-1962) zählt zu den schillerndsten Figuren der russischen Avantgarde. Obwohl sie mit ihren Arbeiten Künstler wie Kasimir Malewitsch und Wladimir Tatlin beeinflusste und ihre Bilder heute auf Auktionen hohe Preise erzielen, war noch nie eine monographische Retrospektive zu sehen, die ihr gesamtes künstlerisches Schaffen von 1905 bis 1960 widerspiegelt. Die Rüsselsheimer Opelvillen präsentieren nun vom 5. Oktober 2009 bis zum 24. Januar 2010 in Kooperation mit der Staatlichen Tretjakow Galerie, Moskau, 71 Werke einer breiten Öffentlichkeit. Gezeigt werden vor allem Arbeiten in Öl, darüber hinaus zählen fünf Aquarelle und drei Zeichnungen zu den ausgewählten Exponaten. „Wir konnten dieses ambitionierte Projekt nur mit der Unterstützung von starken Partnern wie der Ernst von Siemens Kunststiftung und dem Hatje Cantz Verlag realisieren“, sagt Dr. Beate Kemfert, Kuratorin und Vorstand der Stiftung Opelvillen.
Natalja Gontscharowa legte sich nie auf einen einzigen Stil fest und entwickelte ihre künstlerische Identität in den Kunstzentren Moskau und Paris. Geboren in der ländlichen Provinz Tula, besuchte sie in Russlands Hauptstadt die Akademie und nahm an radikalen Avantgarde-Ausstellungen teil. Aufgrund der Oktoberrevolution konnte die Avantgardistin nicht mehr nach Moskau zurückkehren und wählte Paris als Exilort.
Gontscharowa gelang es, mit westlichen Traditionen zu brechen und einen eigenen russischen Stil zu entwickeln. Ab 1917 lebte sie mit dem Maler Michail Larionow in Paris, wo sie unter anderem Kostüme und Bühnenbilder für Sergej Djaghilew „Ballets Russes“ entwarf. 1962 starb sie in ihrer Wahlheimatstadt an der Seine. Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Hatje Cantz Verlag.
Die in der Provinz Tula geborene Natalja Gontscharowa kehrt als Kunststudentin und als junge Künstlerin Moskau in den Sommermonaten immer wieder den Rücken, um in ihre Heimat, das ländliche Russland, zurückzukehren. Der bäuerlichen Gesellschaft und der Landschaft Zentralrusslands verleiht sie wie kaum ein anderer russischer Künstler ihrer Zeit Gestalt. Fischer, Bäuerinnen und Bauern beim Pflügen, Aussähen, Schneiden, Harken, Pflanzen, Kartoffelsetzen, Gontscharowa zeigt die Landbevölkerung bevorzugt bei Arbeiten, die im Frühjahr zu tätigen sind. Frühling, Apfelblüte und Regenbogen, erlebte oder imaginäre Begebenheiten führen die Malerin zu einer leuchtenden Farbigkeit in Blau, Grün, Gelb und Rosa. Unverkennbar ist dabei Gontscharowas Rezeption europäischer Malstile wie Postimpressionismus oder Fauvismus. Auch die Fauvisten wie Henri Matisse lehnen um 1905 bis 1909 die weichen, schimmernden Farbtöne der Impressionisten ab und bevorzugen die kräftige Farbgebung der Postimpressionisten Paul Gauguin und Vincent van Gogh. In Bildern wie Fischfang, 1908, wird Gontscharowas Bezug zu van Gogh und auch Gauguin deutlich. Gauguin, der »Wilde«, wird zu einem wichtigen Vorbild für die russische Primitivistin. Was Gauguin bei den Menschen in der Südsee suchte, findet Gontscharowa in der ihr seit Kindheit vertrauten russischen Landschaft und Lebensweise. So reflektiert Fischfang das Treiben an den Teichen, die sich auf dem Gelände von Polotnjanyi Sawod, dem Hauptgut der Familie Gontscharow, befinden. Auch die ländliche Umwelt in Kartoffel setzende Bauern, 1907/08, entspricht der spezifischen Landschaft. Der sich schlängelnde Fluss gleicht im Verlauf dem Suchodrew, der quer durch Polotnjanyi Sawod läuft.
Im vorrevolutionären Russland wird Natalja Gontscharowa mit einem Paukenschlag als avantgardistische Künstlerin bekannt, als 1910 aus einer Abendausstellung in Moskau einige ihrer Aktmalereien beschlagnahmt werden und sie vor Gericht gestellt wird. Ihre monumental wirkenden Akte sind die ersten von einer Künstlerin geschaffenen Bilder dieses Genres. Nicht lasziv liegend, sondern stehend stellt Gontscharowa den weiblichen Körper dar, den sie im Anschnitt nah an den Betrachter rückt. Voluminös und muskulös wirken ihre Frauen, die sie kubisch in unorthodoxer Farbigkeit aufbaut. Eine kubistische Formensprache wendet sie auch bei biblischen Themen an. Salzsäulen, 1909/10, geht auf die Geschichte von Lot zurück, allerdings erstarren bei Gontscharowa nicht nur Lots Frau, sondern alle Teilnehmer des Geschehens zu Salzsäulen. Ihre Modifikation des Kubismus sieht Gontscharowa nicht in der Verwandtschaft zu Picasso oder Braque, sondern nennt 1912 als Quelle der Inspiration skythische Steinstatuen und russische Volkskunst. Ihr Credo des freien Stilpluralismus unterstreicht sie mit Serien gleicher Sujets in verschiedenen Farben und Ausführungen. Gontscharowa ist enorm produktiv und wird zur führenden Avantgardistin. Sie verkörpert einen neuen Künstlerinnentypus, der sich über Erneuerungen definiert. Als eine der ersten russischen Künstler thematisiert sie die Maschine in futuristischer Dynamik. Ferner beschäftigt Gontscharowa sich mit der Visualisierung von reflektierten Lichtstrahlen in ihren rayonistischen Bildern. Auch wenn sie mit den Werken Leere, 1913, und Elektrisches Ornament, 1914, einen Schritt weiter in Richtung Gegenstandslosigkeit geht, ist die Abstraktion für Gontscharowa keine notwendige Konsequenz.
Auch in Paris arbeitet Natalja Gontscharowa weiter in Serien. Den Anfang bildet das Sujet der Spanierin, das sie über Jahrzehnte variiert. Den Impuls zu diesem Zyklus erhält Gontscharowa im Juli 1916, als sie dem Impresario Sergej Djagilew nach Spanien folgt. Die Exilantin nimmt begeistert die Eindrücke des Südens auf, beobachtet fasziniert Land und Leute und studiert die Besonderheiten der spanischen Architektur und Folklore. Fern ihrer russischen Wurzeln findet sie in der spanischen Volkskunst ein neues Thema. Ausschließlich Frauen, einzeln, paarweise oder als Gruppen aufgestellt, malt Gontscharowa in landestypischer Tracht. Ihrem Credo des Stilpluralismus treu bleibend realisiert sie in den kommenden Jahren verschiedene Darstellungen spanischer Tänzerinnen. Aus vereinfachten Formen und klarem Hell-dunkel-Kontrast entwickelt Gontscharowa ihre Komposition der Zwei Spanierinnen mit Hund, 1922– 1928. 