Shifted Room
Inside Outside
Petra Blaisse
mit Lucja Grodzicka, Kim Olde Loohuis und Marieke van den Heuvel. 2004 - 2007
Am 4. Oktober wurde in unserer Mittelhalle ein von Petra Blaisse gestaltetes System von Vorhängen angebracht. "Shifted Room" ist ein Geschenk unseres Freundeskreises, der Gesellschaft der Freunde Haus der Kunst e.V. Wir nehmen dies zum Anlass, die Mittelhalle in "Galerie der Freunde" umzubenennen.
Der Raum
Die Mittelhalle im Haus der Kunst war ursprünglich für Propagandazwecke gedacht. Dort hielt Hitler seine Reden zur Kunst- und Kulturpolitik. Nach dem Krieg sollten bauliche Änderungen, die als "architektonische Entnazifizierung" des Gebäudes galten, die Erinnerung an das unliebsame Erbe verdecken.
Vor vier Jahren initiierte Chris Dercon den Kritischen Rückbau: Die nachträglichen Einbauten wurden rückgängig gemacht, um den Blick auf die Ursprünge des ehemaligen nationalsozialistischen Kunsttempels freizulegen. Seit Beginn des Kritischen Rückbaus wird die Mittelhalle auch als Ausstellungsfläche genutzt; sie war Experimentierfeld für Nic Hess, Aernout Mik, Paul McCarthy, Konstantin Grcic, Yayoi Kusama und Christoph Schlingensief.
Für alle diese Künstler bedeutete die Auseinandersetzung mit diesem Raum und seiner Geschichte eine Mischung aus Reibung und Faszination. Gleichzeitig stand das Team der Kuratoren wiederholt vor der Frage, ob der von drei Seiten einsehbare Raum für das jeweilige Projekt abgegrenzt werden sollte und wenn ja, wie. Die Lösung fiel jedes Mal anders aus: von einer Absperrung durch Bretterzaun (Schlingensief) über hell angestrahlte weiße Regale als zum Teil durchlässige Wände (Grcic) bis zur uneingeschränkten Zugänglichkeit (Kusama).
Der Auftrag an Petra Blaisse
Petra Blaisse wurde eingeladen, eine dauerhafte Lösung zu erarbeiten, die den gewünschten Anforderungen hinsichtlich Absorption von Schall, Verdunklung, Vermeidung von Zugluft, Klima- und Brandschutz gerecht wird. Der realisierte Vorschlag ist ein System von hell blaugrauen Vorhängen. Das Material: PVC Projektionsfläche; Baumwollsamt; PVC Ultra Mesh; Trevira CS Voile; rostfreie Ringe aus Edelstahl; digital bedruckt. Wie alle Produkte von Petra Blaisse besitzen diese Vorhänge eine hohe ästhetische Qualität; doch dieses Mal sollten sie gleichzeitig einen neutralen Hintergrund für die unterschiedlichsten Festivitäten, Installationen und Projektionen bilden.
"Ein Vorhang kann schweigsam sein, zurückhaltend, laut, elegant, überwältigend, unverblümt oder zerbrechlich, aber er kann in jedem Augenblick sein Volumen verkleinern oder vergrößern, sich wellen oder dehnen, sich falten, fälteln, rollen oder verschieben; flattern oder sich bauschen; reflektieren, absorbieren, abstrahlen; und hierdurch im Vorübergehen die akustische, visuelle und geistige Atmosphäre eines Raumes ein für allemal verändern." Petra Blaisse 2007
Durch die enorme Höhe der Mittelhalle ergibt sich ein bestimmtes Stoffgewicht, das entsprechende Schienen zur Befestigung erforderlich macht; dennoch sind die Vorhänge leicht zu bedienen, und ihr Speichervolumen fügt sich harmonisch zu Pfeilern und Position der Wände. Charakteristisch für die Arbeiten von Petra Blaisse ist, dass sie den Vorhang nicht als im Raum befindlich behandelt, sondern das Vorhangmaterial selbst als Raum begreift.
Das Büro von Petra Blaisse
In den letzten acht Jahren hat sich Inside Outside, das Büro von Petra Blaisse, vom Einfrau-Unternehmen zu einem Atelier mit mehreren Mitarbeitern entwickelt. Bei vielen Aufträgen geht es um die Suche nach Antworten in zwei Bereichen: Innenarchitektur und Landschaftsarchitektur. In den vergangenen drei Jahren wurde Inside Outside als Landschaftsdesigner für neue Entwicklungsgebiete eingeladen in einem Maßstab, der völlig neue Stadtteile umfasst. Gemeinsam mit verschiedenen Architekten erarbeitet das Büro Pläne in Gebieten, die gerade ein gewaltiges wirtschaftliches und Bevölkerungswachstum erleben: Dubai, Ras al-Khaimah, Jebel al-Jais, Kuwait, Georgien, China und Lettland. Bei diesen Projekten formuliert Petra Blaisse strategische Landschaftsrezepte für vollständige Areale.
Seit es Vorhänge gibt, hatten sie der Bestimmung von privatem Raum, dem Schutz des Menschen vor Kräften der Natur zu dienen oder den gebauten Innenraum gegen Kälte, Licht und menschliche Blicke abzuschirmen. Inside Outside hat den Vorhang von seinen ursprünglichen Aufgaben befreit und völlig neue Rollen für ihn erschlossen. Ein wichtiges Werkzeug hierzu ist die Schiene. Die Schiene choreografiert die Bewegung wie ein Pfad und löst den Vorhang von der architektonischen Form. So wird er zur eigenständigen Persönlichkeit, die in den Raum eindringt, ihn bewohnt und verlässt, öffnet, teilt und vervielfacht.
Im zeitgenössischen Design allgemein ist wieder ein lebhaftes Interesse an Textilien zu spüren. Neben Petra Blaisse knüpfen auch Hella Jongerius, Patricia Urquiola und Konstantin Grcic an eine Tradition an, die nach dem Wirken von Lilly Reich etwa Ende der dreißiger Jahre abgebrochen war.
Vom 4.10.2007 bis 13.1.2008 wird in der Galerie der Freunde "Inside Outside, shifting position" gezeigt. Diese Präsentation wird unterstützt von Mondrian Stichting Amsterdam, der Botschaft des Königreichs der Niederlande, dem Generalkonsulat München des Königreichs der Niederlande sowie Océ Printing Systems.
"Inside Outside", hrsg. von Kayoko Ota und Petra Blaisse; mit Beiträgen von Sanford Kwinter, Cecil Balmond, Renz van Luxemburg, Gaston Bekkers, Chris Dercon u.a.; 42 Euro, zahlreiche Abbildungen, gebunden, 504 Seiten, 17 x 24 cm, ISBN 978-90-5662-453-8, NAi Publishers
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