| GÖTTLICH GEMALT - ANDREA DEL SARTO |
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| Donnerstag, 01. Oktober 2009 um 07:53 Uhr | ||
Die Heilige Familie in München und ParisEröffnung: 30.09.2009, 19.00Ausstellungsdauer: 01.10.2009-06.01.2010
Ein Hauptwerk der italienischen Malerei in der Alten Pinakothek, Andrea del Sartos »Heilige Familie mit Johannes dem Täufer, Elisabeth und zwei Engeln«, ist nach nahezu zwanzig Jahren wieder der Öffentlichkeit zugänglich. Der problematische Erhaltungszustand des Gemäldes erforderte eine aufwendige und langwierige Restaurierung, die nun erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Mit dieser Ausstellung feiert das Museum die Rückkehr dieses Meisterwerkes in die Galerie.
Andrea del Sarto (1486-1530) war einer der bedeutendsten Maler der Florentiner Renaissance, der von Zeitgenossen als Raphael und Michelangelo ebenbürtig gefeiert wurde. Seine Gemälde seien gleichsam »göttlich gemalt, so dass man stets das Verlangen hat, sie wieder und wieder zu betrachten« (Francesco Bocchi 1567), seine Figuren »fehlerlos und von höchster Perfektion… seine Farben außerordentlich und wirklich göttlich« (Giorgio Vasari 1568). Das hymnische Lob Andrea del Sartos hielt bis ins frühe 19. Jahrhundert an, doch dann verblasste sein Ruhm, bedingt durch den veränderten Kunstgeschmack der Zeit.
Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Künstler wieder entdeckt und seiner besonderen entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung gemäß gewürdigt. Seine Werke, die bereits auf die Barockmalerei voraus weisen, zeichnen sich durch eine erlesene Farbigkeit und hohe Emotionalität aus – Elemente, die für die weitere Entwicklung der toskanischen Malerei entscheidend werden sollten. In seinen Werken widmete er sich immer wieder dem Thema der Maria mit Kind, dem er völlig neue künstlerische Dimensionen abgewann, wie das Münchner Bild exemplarisch belegt.
Die um 1514 entstandene »Heilige Familie« entstand in jener fruchtbaren Schaffenszeit, in der Andrea del Sarto auch sein berühmtestes Werk, die »Harpyien-Madonna«, heute in den Uffizien in Florenz aufbewahrt, schuf. Es gehörte einst zu den kostbarsten Schätzen der Sammlung Medici in Florenz und war – gemeinsam mit Raphaels »Familie aus dem Hause Canigiani« – in der Tribuna der Uffizien ausgestellt. Beide Bilder gelangten als Geschenk des Großherzogs Cosimo III. von Toskana an seinen Schwiegersohn, den Wittelsbacher Johann Wilhelm von der Pfalz, nach Düsseldorf. Im Zuge der Erbfolge kamen die Werke 1806 mit der Sammlung des Kürfürsten nach München.
Von der Komposition des Gemäldes existiert eine leicht variierte Version im Louvre in Paris, die ebenfalls von der Hand Andrea del Sartos stammt. Sie hat, wie das Münchner Werk, eine weit zurückverfolgbare Geschichte und ist seit 1609 in königlichfranzösischem Besitz nachweisbar.
Es kommt einer Sensation gleich, dass dank der Großzügigkeit des Musée du Louvre, dessen Kollegen das Vorhaben von Anbeginn an mit allen Mitteln unterstützten, das Pariser Werk eigens für die Ausstellung nach München kommt und die beiden Gemälde zum ersten Mal in direkter Gegenüberstellung befragt werden können. Denn bis heute ist die zeitliche Abfolge der beiden Fassungen und die Frage, ob sie eigenhändige Schöpfungen Andrea del Sartos seien, heftig umstritten. Die Mehrheit der Wissenschaftler beurteilte dabei die Pariser Fassung als das Original des Künstlers, die Münchner hingegen als qualitativ schwächer oder gar als Werkstattreplik. Die im Zusammenhang mit der Ausstellung vorgenommenen, detaillierten kunsttechnologischen Untersuchungen erbrachten jedoch, dass es sich anders verhält, als bisher angenommen: Das Münchner Werk geht zeitlich dem in Paris voran und darf als Vorbild für dieses gelten. Damit ist ein Hauptwerk Andrea del Sartos zurück gewonnen, das nun, nach der erfolgreichen Restaurierung, in neuem Licht erscheint.
Ergänzend zu den beiden Gemälden Andrea del Sartos veranschaulichen eine Reihe von ausgewählten Zeichnungen wie Kompositionsskizzen, Figuren- und Detailstudien die unterschiedlichen Stufen der künstlerischen Formfindung Andrea del Sartos.
Ein zweiter Teil der Ausstellung ist dem Themenkreis der kunsttechnologischen Forschung und Restaurierung gewidmet. Die neuen Erkenntnisse zum Verhältnis beider Versionen der »Heiligen Familie« beruhen vor allem auf den Ergebnissen der Infrarotreflektographie, einem zerstörungsfreien bildgebenden Untersuchungsverfahren zur Darstellung der verborgenen Unterzeichnung eines Gemäldes. In Zusammenarbeit zwischen dem Doerner Institut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München und dem Centre de Recherche et de Restauration des Musées de France (C2RMF) in Paris ist es gelungen, durch die Gegenüberstellung beider Infrarotaufnahmen die bislang ungeklärte Frage ihrer zeitlichen Abfolge zu beantworten.
Der Besucher erhält die Gelegenheit, die vorbereitende Unterzeichnung beider Fassungen der »Heiligen Familie« mit der endgültigen malerischen Ausführung zu vergleichen. Vor allem die zahlreichen Korrekturen in der Münchner Version, die Andrea del Sarto im Bemühen um eine Verbesserung der Komposition noch während des Malens vornahm, waren ein entscheidender Hinweis darauf, dass diese Version zeitlich vor dem Pariser Werk entstanden sein muss. In beiden Fällen verwendete del Sarto einen so genannten »Karton«, also eine maßstabsgetreue Kompositionszeichnung auf Papier, die auf die vorbereitete Bildtafel durchgepaust wurde. Zur Dokumentation dieser Technik wird von Il Sodoma, einem Zeitgenossen del Sartos, das seltene Beispiel eines erhaltenen Kartons, präsentiert. Weitere Einblicke in die für Andrea del Sarto typische Maltechnik und die von ihm verwendeten Materialien gewähren die Ergebnisse lichtmikroskopischer Untersuchungen, einer Röntgenaufnahme sowie detaillierter Pigment- und Bindemittelanalysen. Die aus Mineralien, Pflanzen oder auf synthetischem Wege gewonnenen, leuchtenden Farbmittel der Renaissance und der weit gespannte Handel mit diesen zum Teil sehr kostbaren Materialien wird ebenso vorgestellt wie die modernen Methoden, mit denen Chemiker heute die Bindemittel eines Gemäldes identifizieren können.
Nicht zuletzt werden anhand zahlreicher Fotos die komplexe Restaurierungsgeschichte der Münchner Tafel und die jüngsten Maßnahmen erläutert, die nach mehrjähriger Arbeit kürzlich abgeschlossen werden konnten und das Werk in seiner ursprünglichen Qualität wieder erfahrbar machen.
Das Konzept, die fachübergreifenden kunsthistorischen wie kunsttechnologisch-naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse über ein Gemälde oder eine Werkgruppe in einer Studio-Ausstellung zu präsentieren, hat sich mittlerweile als fester Bestandteil der Ausstellungstätigkeit der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen etabliert und erfreut sich bei dem interessierten Publikum wie auch bei Fachkollegen äußerst positiver Resonanz.
Hier sei nur an die vorangegangenen Ausstellungen in der Alten Pinakothek erinnert: »Tintoretto. Der Gonzaga-Zyklus« (2000); »Leonardo da Vinci. Die Madonna mit der Nelke« (2006) und zuletzt »Parmigianino. Die Madonna in der Alten Pinakothek« (2007). Das Zusammenwirken von Kunsthistorikern, Restauratoren und Naturwissenschaftlern unter einem Dach bietet in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen für solche Unternehmen bestmögliche Voraussetzungen.
Die »Heilige Familie« des Andrea del Sarto war in dieser Hinsicht ein idealer Kandidat. Denn hier ist exemplarisch zu belegen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse über die Genese eines Werkes heute kaum mehr ohne die modernen kunsttechnologischen Untersuchungsmethoden möglich sind.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog: »Göttlich gemalt – Andrea del Sarto. Die Heilige Familie in Paris und München« (248 Seiten mit 145 Abbildungen, Hirmer Verlag, München 2009, ca. 27 Euro im Museumsshop, 39,90 im Buchhandel)
Die Ausstellung und der Katalog konnten nur dank der großzügigen Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Schoof’schen Stiftung, des Pinakotheks-Vereins, der Kulturstiftung Stadtsparkasse München und der Theo Wormland Stiftung realisiert werden. |
























































