| Brecht in Istanbul - Kunstbiennale öffnet |
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| Sonntag, 13. September 2009 um 06:38 Uhr | ||
Von Antje Stahl, dpa
Istanbul (dpa) - Der Gaunerchef Mackie Messer hat klare Vorstellungen, wenn es um die existenzielle Frage geht: «Denn wovon lebt der Mensch?» - «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral», lässt ihn Bertholt Brecht in der «Dreigroschenoper» sagen. Knapp 80 Jahre später wird die Frage auf der Kunstbiennale in Istanbul neu gestellt. Mit der mittlerweile 11. Kunstschau in der türkischen Metropole, die an diesem Samstag beginnt, wollen die Kuratoren aus Zagreb bis zum 11. November einerseits Brechts politisches Engagement wieder aufleben lassen. Andererseits zeigt die Biennale auch, dass sich Istanbul schon für den Status als europäische Kulturhauptstadt im kommenden Jahr rüstet.
Schon länger gilt die Stadt als Insidertipp für Szenegänger, einige Stadtteile erinnern an Viertel wie Berlin-Prenzlauer Berg. Und die Biennale kann es mittlerweile auch mit prominenteren Kunstausstellungen aufnehmen. «Istanbul wird immer internationaler. Es kommen mehr und mehr Leute aus dem Ausland», sagte Kübra Gürkan, die für die Biennale arbeitet. Und dass ausgerechnet ein Autor wie Brecht zum Motto der Ausstellung auserkoren wurde, spricht in Zeiten der Finanzkrise und antikapitalistischer Tendenzen für sich selbst.
Mehr als 140 Beiträge wurden zusammengetragen, um zu zeigen, worum es dem Kuratorenteam, das sich WHW (Who, How and for Whom?) nennt, geht: In der wirtschaftlichen Krise müssen dem Existenz- und Konkurrenzkampf politische Lösungen und Aktionen folgen. Der in Frankfurt lebende iranische Künstler Shahab Fotouhi entwirft dafür einen Schutzraum für den atomaren Gau. Auch wenn die Fluchtleiter aus dem aufgeblasenen Plastikpilzkopf geradewegs in einen Käfig führt - und damit wohl die politische Situation seines Heimatlandes gemeint ist - wird deutlich, dass die Einladung zur Biennale sich an solche Künstler richtete, die «Brechts politisches Engagement in der Kunst» teilen.
Auf dem Fußboden der Ausstellungsgebäude findet man sodann zusammengeknüllte rote Flugblätter. Die türkische Regierung wird darin aufgefordert, Gesetze zu verändern, die die Rechte von Frauen unterwandern. Die kroatische Künstlerin Sanja Ivekovic, die schon auf der Documenta 12 vertreten war, scheint das Ausstellungsprogramm mit der Flugblatt-Aktion wörtlich genommen zu haben: Anfang der 80er Jahre zeichnete sie noch ein junges Mädchen, das darauf wartet, dass sich ein Frosch in die Revolution verwandelt. Neben aktivistischen Gesten werden - für eine Biennale eher ungewöhnlich - auch ältere Arbeiten aus den 70er Jahren eingebunden. Alice Sharp, eine britische Kuratorin, sieht gerade in der Rückschau einen Ansatz für zukünftige Lösungen für die Rolle der Kunst.
Aber eine Frage bleibt auch auf der Biennale zu stellen. Wovon lebt der Mensch? Oder besser: Wovon lebt die Kunst? Der wirtschaftlichen Not eines Mackie Messers entrinnt die Biennale durch Sponsorengelder, die im Ausstellungskatalog feinsäuberlich aufgelistet werden. Die Kuratoren beweisen dadurch einerseits methodische Transparenz. Andererseits wird so aber auch ersichtlich, was gerne verschwiegen wird: Die Verquickung von Kultur, Wirtschaft und Politik.
Im kommenden Jahr wird Istanbul europäische Kulturhauptstadt. Auf der Biennale wird nicht versäumt, diesen Umstand durch Vertreter der Ministerien und Pressematerial publik zu machen. Eine Ausstellung, die sich um politische Denkanstöße bemüht und von der türkischen Regierung mitfinanziert wird, gerät so in einen Balanceakt, der schwer zu halten ist: In einem Land, in dem die Videoplattform Youtube seit über einem Jahr gesperrt ist, werden die Ausstellungshallen auch zu einem Goldenen Käfig - und der extrem politischen Kunst haftet somit etwas Exklusives an. Tags: f
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