| Kulturhauptstadt mit Gegenwind auf der Zielgeraden |
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| Sonntag, 20. September 2009 um 17:55 Uhr | ||
Von Rolf Schraa, dpa
Essen (dpa) - Die Ruhrgebiets-Zeitungen zählen schon die Tage bis zur Eröffnung, das Essener Büro der Europäischen Kulturhauptstadt 2010 trommelt fast täglich: An diesem Mittwoch (23.9.) sind es nur noch 100 Tage, bis der Traum des einst grauen Ruhrgebiets beginnt, für ein ganzes Jahr zum glanzvollen kulturellen Mittelpunkt Europas zu werden. Doch das Riesenprojekt, erstmals eine ganze Region mit 53 Städten zum gemeinsamen Anziehungspunkt zu machen, stößt auf Probleme.
Sponsoren zeigen sich in der Wirtschaftskrise unerwartet zurückhaltend. Weil Teile des 65,5-Millionen-Etats bisher nicht finanziert sind, mussten zentrale Projekte abgesagt werden. Besonders schmerzlich war der Verzicht auf das Vorhaben, die stillgelegte Zeche Zollverein in Essen 1000 Meter unter der Erde für Besucher zugänglich zu machen.
Teile der freien Kunstszene fühlen sich nicht ausreichend berücksichtigt, Kritiker sehen Massenaktionen wie die geplante Sperrung einer Autobahn für Kleinkunstpräsentationen am Tapeziertisch mit erwarteten 1,5 Millionen Besuchern äußerst skeptisch. Auch das 65 000-Stimmen-Konzert zum Mitsingen im Schalker Stadion im Juni 2010 mit «Dont worry, be happy», «Glückauf, der Steiger kommt» und «Freude, schöner Götterfunken» stößt nicht nur auf Unterstützung. «Da sind mir zu viele Lieder dabei, die man schon als Handy-Klingelton kennt», sagt eine Essener Chorsängerin.
Die große gemeinsame Begeisterung nach der erfolgreichen Bewerbung von 2006 - gegen Städte wie Köln, Bremen oder Görlitz - ist jedenfalls erst einmal verflogen. Dass sie spätestens bei der offiziellen Eröffnung am 9. Januar wiederkehrt - davon ist Kulturhauptstadt-Chef Fritz Pleitgen fest überzeugt. «Wir haben ein buntes und begeisterndes Programm für das Jahr. Das gibt eine gigantische Mobilisierung», meint er. Es gehe darum, den Mythos Ruhr zu begreifen, sagt er immer wieder: Eine Region, der seit den späten 50er Jahren hunderttausende Jobs in Kohle und Stahl verloren gegangen sind, hat mit Strukturwandel, Spitzenkultur und Freizeitangeboten eine neue Zukunft gefunden. Das Motto der Kulturhauptstadt «Wandel durch Kultur» sei nicht nur ein flotter Spruch.
Die rund 300 geplanten Projekte in einer Industrieregion mit 5,3 Millionen Einwohnern unterscheiden sich dabei natürlich stark von der gegenwärtigen Kulturhauptstadt Linz, die 190 000 Einwohner hat und bewusst auf Kleineres, Unerwartetes setzt: Im Ruhrgebiet ist der Maßstab größer und das Industrieumfeld vielfach präsent - so zählt der Umbau der wichtigen Ruhr-Autobahn A 42 mit neu gestalteten Lärmschutzwänden und «Landschaftsfenstern», die Gestaltung einer Zechenhalde bei Hünxe am Niederrhein oder die Installation einer 25 Meter hohen Skulptur auf dem Förderturm von Zeche Nordstern in Gelsenkirchen zu den Projekten.
Zusammenarbeit in der ganzen Region war eine zentrale Anforderung. Die sechs Schauspielhäuser des Ruhrgebiets präsentieren sich unter dem Stichwort «Odyssee Europa» mit Homer-Produktionen, dem bedeutenden Komponisten Hans Werner Henze widmen die Opern- und Konzerthäuser der Region ein bisher einmaliges Schwerpunktprogramm, für das Henze eine eigene Oper komponiert.
Neben all der Kultur profitiert das Ruhrgebiet von einem Bauboom, den die Anerkennung als Kulturhauptstadt stets auslöst: Lange verschobene Strukturverbesserungen etwa an den Bahnhöfen der Region wurden endlich angepackt. Zweistellige Millionenbeträge werden für neue Museen oder deren Erweiterungen ausgegeben. Ebenfalls für Millionen Euro entstehen Besucherzentren, die auch nach dem Festjahr den bisher gelegentlich ratlosen Ruhrgebietsbesucher durch das Städteknäuel lotsen werden. Neu ist auch eine ruhrgebietsweite Buchungsmöglichkeit und ein Nahverkehrticket für die ganze Region. In den Katalogen der Tourismusunternehmen für 2010 ist das Ruhrgebiet längst seitenlang und auf Titeln präsent. Millionen Besucher werden erwartet und ein Großteil von ihnen wird - so hoffen die Fachleute - auch nach 2010 wiederkommen.
Hintergrund Kulturhaupstadt
Seit 1985 verleiht die Europäische Union jährlich mindestens einer Stadt den Titel Kulturhauptstadt. 2010 sind dies neben Essen und dem Ruhrgebiet das türkische Istanbul und Pécs in Ungarn. Das Ruhrgebiet präsentiert sich als Kulturhauptstadt mit 300 Projekten, darunter etwa 100 «Twin»-Projekte mit europäischen Partnerstädten. Im Mittelpunkt steht der besondere Charakter einer Industrieregion im Strukturwandel, bei dem Kultur eine zentrale Rolle spielt. Essen und das Ruhrgebiet kalkulieren mit einem Etat von rund 65,5 Millionen Euro. Über 100 Mitarbeiter - durch die Bank mit Zeitverträgen - und 1600 freiwillige Helfer setzen das Programm um.
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