Max Scheler: Von Konrad A. bis Jackie O.
Fotografien aus Deutschland, China, USA
11.09.09 – 15.11.09
Haus der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg
Die Ausstellung „Max Scheler: Von Konrad A. bis Jackie O.“ zeigt mit rund 140 Exponaten vom 11. September bis zum 15. November im Haus der Photographie den ersten großen Querschnitt aus dem Werk des bedeutenden Fotojournalisten. Max Scheler war international bekannter Fotograf der Nachkriegszeit, Junior Mitglied der Agentur Magnum und ab 1959 einer der großen Bildermacher des “Sterns”. Mit Ende seines fotografischen Schaffens gründete er 1975 mit Rolf Gillhausen die Zeitschrift “Geo”.
Als Schüler von Herbert List beginnt Scheler sein Schaffen im Deutschland des Wirtschaftswunders der 1950er Jahre. Politische Reportagearbeit bringt ihn zur Qemoykrise nach China und Taiwan und in den 1960er Jahren zur Kulturrevolution Mao Zedongs. Die USA bereist Scheler in den 1950er und 1960er Jahren mehrfach und berichtet für die "Münchner Illustrierte" und "Stern" von Land, Leuten und politischem Leben.
Schelers Hauptthema ist der ‚human interest‘, die menschlichen Verhaltensweisen, Freude und Trauer, Begeisterung und Verzweiflung. Bei der Wahl seiner Themen zeigt er sein Bedürfnis, Chronist bedeutender Ereignisse zu sein. Menschen unterschiedlichster Kulturkreise beobachtet er im Alltag, bei Krisen- und Kriegszeiten, bei sozialen Problemen und Festlichkeiten. So entstehen Menschenbilder voller emotionaler Dichte, in ausführlichen Berichten, manchmal in mehreren Folgen.
Komisch und skurril, dann wieder ernst und dramatisch, mal dokumentierend und mal kommentierend, zeigen Schelers vielschichtige Bilder historische Ereignisse und Persönlichkeiten, aber auch alltägliche Momente der Welt, in der wir leben.
Unterteilen lassen sich die ausgestellten Werke in drei Schauplätze: Deutschland, China und USA. Während die Photografien aus Deutschland das Wirtschaftswunder, den politischen Aufbruch der Bundesrepublik und die Teilung Deutschlands kommentieren, berichten die Bilder aus China von Krise, ideologischem Umbruch und kultureller Fremde. Die USA begegnet uns in den Arbeiten von Max Scheler als vielschichtiges und widersprüchliches Phänomen: hoch entwickelt und dennoch provinziell; demokratisch-fortschrittlich und dennoch rassistisch und ungerecht. Bilder der Vereinigten Staaten, die auch über Zerrissenheit einer großen Nation berichten.
Ein begleitendes Buch erscheint im Schirmer Mosel Verlag, München, mit ca. 160 S. - 29,5 x 24,5 cm, gebunden. ISBN : 978-3-8296-0435-2. Preis: 39,80 Eur[D]
Die Ausstellung wird im Frühjahr 2010 im Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum zu sehen sein. Weitere Stat ionen sind in Planung.
Der Fotograf Max Scheler
(* 1928 in Köln, † 2003 in Hamburg)
Als Sohn des gleichnamigen Philosophen folgte Max Scheler zunächst dessen Spuren und studierte ebenfalls Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte in München und an der Sorbonne in Paris.
1941 lernte er den Fotografen Herbert List kennen, assistierte ihm während des Studiums und später auch auf den gemeinsamen Reisen nach Spanien, Italien und Griechenland. Die ersten Fotografien des erst Zwanzigjährigen wurden 1949 veröffentlicht.
1951 zog er nach Paris und wurde nach einer Begegnung mit Robert Capa “Junior- Associate“ der Agentur Magnum, der er bis 1956 angehörte. Als freier Bildjournalist war er im Anschluss in Europa, Nordafrika und dem Mittleren Osten unterwegs. Vornehmlich sind es jedoch intime Einblicke ins Nachkriegs-Deutschland und ins Wirtschaftswunder, welche die tiefgründigen Bildessays bestimmen: Aufnahmen vom Leben im zerstörten Berlin, der Arbeitslosigkeit im Saarland, oder der Knochenarbeit als Schornsteinfeger bezeugen sein Interesse am Menschen und seinen Lebensumständen.
Ende 1953 entschloss sich Scheler zum Umzug nach Rom, dem „Place To Be“ der fünfziger Jahre. In der ewigen Stadt nahm seine Karriere noch einmal an Elan zu: Zunächst führte er ganz nach Fellinis „Dolce Vita“ ein Fotografen-Leben zwischen Mode, Filmstars und dem Vatikan. Der smarte, attraktive Max Scheler war gern gesehen bei gesellschaftlichen Ereignissen. Allerdings nahm über die Zeit hinweg die politische Reportage und sein Interesse am homo socius den größeren Raum in seiner Arbeit ein. Regelmäßige Veröffentlichungen in Picture Post, Look, Life, Paris Match, Epoca und vor allem der Münchner Illustrierten zu den politischen und sozialen Ereignisse im Mittelmeerraum, ermöglichten den Spagat zwischen einer Arbeit im Smoking auf fürstlichen Festen und Feiern und einer Arbeit in Jeans und T-Shirt im nahen Osten während der Suez-Krise. Merkwürdigerweise ereignete sich gerade nach 1956 – mit Beendigung der Arbeit für die Agentur Magnum – eine konsequentere Wendung zum Politischen in den nun unabhängig entstanden Reportagen.
Scheler durchquerte 1956 in mehreren Monaten die USA und Mexiko, mit Freund und Fotograf Michael Friedel. Diese erste Reise in die USA war als touristische Erkundung ohne klare journalistische Verbindlichkeit geplant gewesen. Das Resultat allerdings war ein umfangreiches Portfolio seiner Fotografien in dem renommierten Jahrbuch U.S. Camera.
1958 entschloss sich Max Scheler seine Wohnung in Rom aufzugeben und nach München zu ziehen. Die Nähe zur Redaktion der Münchner Illustrierten mag hierbei weniger eine Rolle gespielt haben als die Tatsache, dass auch seine Mutter und Herbert List hier ihren Lebensmittelpunkt hatten. Aus „Unserem Mann in Rom“ wurde allerdings kein reisemüder Lokalreporter; im selben Jahr noch besuchte Scheler Israel, Jordanien, den Sudan, die Türkei und die USA, sowie den Fernen Osten. Zunächst stehen hier Hongkong und Peking auf dem Programm, doch politische Ereignisse bewegten Scheler die damals noch als Formosa bezeichnete Inselgruppe Taiwan zu besuchen. Seit 1949, dem letzten Jahr des Chinesischen Bürgerkriegs, war Taiwan der Ort an dem die Machtansprüche der Nationalisten der Volksrepublik China bezüglich des Festlandes ausgefochten worden waren. Die Insel Quemoy und Matsu, die während der Quemoy Krise von 1958 von der Volksrepublik bombardiert worden waren, wurden einer der Nebeschauplätze des sich global manifestierenden Kalten Krieges. Aus den Neubaugebieten und Slums der in den Fünfziger Jahren rapid industrialisierten Stadt Hongkong fuhr Scheler direkt in die Konfliktzone, um die Ankunft der 7.US-Flotte und die Teil-Evakuierung der Insel unmittelbar mitzuerleben.
1959 fasste Scheler den Entschluss dem Ruf nach Hamburg zu folgen und begann dort seine langjährige Exklusiv-Tätigkeit für den “Stern“. Zusammen mit Moses, Höpker und Lebeck prägte er unter der Obhut von Rolf Gillhausen das Erscheinungsbild des Magazins entscheidend. Schelers Hauptthema war nun klar der ´human interest´, die menschlichen Verhaltensweisen, Freude und Trauer, Euphorie und Verzweiflung. In seinen Bildern fokussierte er meist auf das Menschliche und mit der Wahl seiner Themen zeigte er sein Bedürfnis, Chronist bedeutender Ereignisse zu sein. Menschen unterschiedlichster Kulturkreise beobachtete er im Alltag; während Krisen- und Kriegszeiten, bei sozialen Problemen und Festlichkeiten. So entstanden Menschenbilder voller emotionaler Dichte und zum Teil auch ausführliche Berichte, manchmal in mehreren Folgen, über das Befinden von ganzen Ländern wie den USA, der DDR, China, Frankreich, England, Polen und vielen weiteren. Er tauchte ein ins Geschehen des Welttheaters und begleitete das Schicksal dieser Nationen, aber auch das ihrer führenden Zeitgenossen wie Adenauer und de Gaulle, Ben Gurion und Nasser, Kennedy und Chruschtschow, Nixon und Johnson, Indira Gandhi, der Königin Elizabeth von England, des Königs Hussein von Jordanien, des Schahs von Persien oder der Päpste Pius XII und Paul VI.
Andere Themen fand Scheler bei Berichten über bedeutende Unternehmer wie Helena Rubinstein und Gianni Agnelli, die ersten dramatischen Herzverpflanzungen von Cristian Barnard, Filmproduktionen mit Stars wie Gina Lollobrigida und Elizabeth Taylor, und schließlich die Beatles und deren ersten Film.
1975 beendete Scheler sein eigenes fotografisches Schaffen und begann eine zweite Karriere in Hamburg: mit Rolf Gillhausen zusammen gründete er das Magazin “Geo“ und betreute es bis 1980 als Bildchef, danach arbeitete er bis 1992 in gleicher Position bei “Merian“.
Bis zu seinem Tod im Jahre 2003 organisierte Scheler internationale Ausstellungen und veröffentlichte Bücher aus dem Nachlass seines Freundes Herbert List.
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