| «Warten auf meinen Vater»: KZ-Überlebende verarbeiten Grauen Von Michael Evers, dpa |
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| Donnerstag, 15. April 2010 um 19:20 Uhr | ||
Bergen-Belsen (dpa/lni) - Erst vor eineinhalb Jahren ist Yaakov Barzilai zurückgekehrt nach Bergen-Belsen, an den Ort des Grauens, wo er Vater und Großvater verlor. Daraufhin schrieb er - fast ein ganzes Menschenleben nach der Trennung - den Band «Warten auf meinen Vater. Gedichte». Das Buch ist Teil der Ausstellung «Überlebenszeichen» mit Arbeiten von Überlebenden, die am Donnerstag 65 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers in der heutigen Gedenkstätte eröffnet wurde.
Zu sehen sind Gemälde von ehemaligen KZ-Inhaftierten, aber auch Gedichte und eine Postkartensammlung. Die Exponate zeigen, wie die Menschen ihre Zeit in Bergen-Belsen später verarbeitet haben. Rund 340 Überlebende sind in dieser Woche zum Gedenken an die Befreiung des Lagers nach Deutschland zurückgekehrt. Die Nazis inhaftierten in Bergen-Belsen rund 120 000 Menschen, mindestens 52 000 von ihnen starben, darunter auch Anne Frank, deren Schicksal durch ihre Tagebücher weltbekannt wurde.
Während die Gedenkstätte schon seit langem an das Konzentrationslager erinnert,thematisiert die Ausstellung erstmals die persönlichen Erinnerungen an Bergen-Belsen. Aus den über 1000 im Archiv der Gedenkstätte vorhandenen Objekte wurden 21 als Exponate ausgewählt.
Beispielsweise die handgefertigte französische Fahne des Widerstandkämpfers Aimé Blanc. Sie trägt die Aufschrift «Bergen-Belsen, die zum Tode Verurteilten» und wird von ihm wie eine Trophäe gehütet. Das Mosaik von Olly Ritterband ist ein Gebet der Erinnerung, ein Kaddisch. Es soll an die rund 70 Familienangehörigen erinnern, die sie in deutschen Konzentrationslagern verlor.
«Jeden Morgen, vor dem Spiegel, kneife ich mich in die Wange und vergewissere mich, dass ich lebe», sagt Yaakov Barzilai, der sich eigentlich geschworen hatte, nie nach Deutschland zurückzukehren. Mit Büchern und Vorträgen vor Schülern erinnert er in Israel und anderenorts an den Holocaust - zuletzt vor wenigen Tagen trug er eines seiner Gedichte in der Knesset, dem israelischen Parlament vor.
Wichtig ist ihm, die jungen Leute zu erreichen. «Sie müssen zwischen gut und schlecht unterscheiden können.» Den ermordeten Juden will er eine Identität geben. «Das ist nicht nur die Zahl von sechs Millionen, das waren Menschen, die hatten eine Familie, ein Gesicht, die lachten.» In Sorge ist Barzilai noch heute. «Viele Leute lernten nach dem Holocaust gar nichts», meint er. Antisemitismus und Angriffe gegen Israel dauerten an.
Ebenfalls aus Israel nach Bergen-Belsen zurückgekehrt ist Abraham Pukacz. Seinen Leidensweg durch Ghettos und Vernichtungslager hat der 85-Jährige noch so minuziös präsent, als wäre es gestern gewesen. In Auschwitz hätte der Lagerführer gesagt: «Juden und Zigeuner haben hier nur einen Monat zu leben», und habe dann auf den Schornstein des Krematoriums gezeigt.
Pukacz Weg führt dennoch weiter - nach einem Todesmarsch und einem 10-tägigen Bahntransport, den die Mehrzahl seiner Mitinhaftierten nicht überleben, landet er bei Nordhausen.
Dem alten Mann ist wichtig, sein erlittenes Grauen zu dokumentieren. Er krempelt den Arm hoch, um die eintätowierte Häftlingsnummer zu zeigen - aus der Jackentasche zieht er kopierte Aufnahmedokumente aus einem der Lager. Zu Fuß kommt er am 7. April 1945 in Bergen-Belsen an. «Das Lager war voll von Leichen», erinnert er sich. Acht Tage später erreichen britische Soldaten den Ort des Grauens: «In allen Sprachen hieß es aus Lautsprechern: "Ihr seid frei"».
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