| Künstler recyceln die Mediengesellschaft Von Thorsten Stegemann, dpa |
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| Dienstag, 20. April 2010 um 22:45 Uhr | ||
Osnabrück (dpa/lni) - Wer ahnungslos vor sich hintwittert, muss kaum damit rechnen, dass seine Kurznachrichten im Museum landen. Doch in Osnabrück führen die oft belanglosen Internetplaudereien derzeit ein künstlerisches Eigenleben. Jens Wunderlings Installation «default to public» veröffentlicht twitter-Nachrichten in Form von Aufklebern oder Videobotschaften, die eine neue Aufmerksamkeit beanspruchen. Seine Arbeit ist Teil einer Ausstellung des 23. European Media Art Festivals, die vom 21. April bis zum 24. Mai in der Kunsthalle Dominikanerkirche und an mehreren öffentlichen Plätzen zu sehen ist.
Das Festival steht mit seinen zahlreichen Veranstaltungen und Filmvorführungen 2010 unter dem Motto «Mash up», was eine Art Kollagen-Technik bezeichnet. Dieses gilt folgerichtig auch für die Arbeiten, die ein gutes Dutzend internationaler Medienkünstler in Osnabrück vorstellen. Restlos alles, was digital verfügbar ist, kann hier zum Ausgangspunkt einer neuen Betrachtung und Zusammenstellung werden. Schließlich ist das Recyceln der Abfall-(Produkte) unserer Mediengesellschaft, so die These der Ausstellungsmacher, längst ein «Grundprinzip der Kultur im digitalen Zeitalter».
Die Organisatoren nehmen damit erklärtermaßen Bezug auf den umstrittenen Roman «Axolotl Roadkill» von Helena Hegemann. Die 18-jährige Autorin hatte Passagen aus dem Buch «Strobo» des Berliner Bloggers Airen kopiert und ihr Vorgehen als «Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess» gerechtfertigt. Um Plagiatsvorwürfe und Urheberrechtsfragen geht es in der Dominikanerkirche allerdings nur am Rande. Die Experimentierfreude und ein selbstironischer Umgang mit den Auswüchsen der Mediengesellschaft stehen im Vordergrund.
So auch bei Jens Wunderling, der nur twitter-Nachrichten aus der näheren Umgebung veröffentlicht. Anschließend informiert er die Absender, dass ihre Mitteilungen nun als Aufkleber verbreitet werden oder auf einer Leinwand am Rathausplatz zu sehen sind. «Viele Menschen sind irritiert», erzählt der 1979 geborene Künstler. «Auch wenn sie sich im Internet ganz hemmungslos geben und alles Mögliche über sich verraten, ist es ihnen doch ein wenig unheimlich, plötzlich im öffentlichen Raum präsent zu sein.»
Der Kanadier Geoffrey Alan Rhodes hat die weltberühmte Duschszene aus Alfred Hitchcocks «Psycho» in ihre Einzelteile zerlegt und fordert die Besucher auf, das zerstückelte Material zu einem neuen Werk zusammenzusetzen. «The 52 Card Psycho» funktioniert wie eine Patience. Der Betrachter ordnet Karten auf einem Spieltisch und remixt so Hitchcocks Einstellungen zu einem eigenen Video, das auch das Original in ungewohntem Licht erscheinen lässt.
Ulu Braun und Roland Rauschmeier, die sich als Künstler-Duo «BitteBitteJaJa» nennen, spielen ganz anders mit den Bilderwelten der Film- und Fernsehindustrie. Ihre Collage «Cadavre Exquises Vivantes» fügt aus den Körperteilen diverser Leinwand- und Bildschirmhelden abstruse Figuren zusammen, die auf einem Video-Altar an Frankenstein & Co. erinnern.
Die Ausstellung nimmt sich allerdings auch der großen politischen Themen an. So wird die Installation «Starry, Starry Night» von den Umweltnachrichten der Welt beeinflusst. Fünf ballonartige, die Kontinente symbolisierende Objekte interagieren mit diversen Internet-Seiten. Sie verändern ihre Größe, wenn im Internet positive oder negative Umweltschlagzeilen gemeldet werden. Stefan Demming beschäftigt sich ebenfalls mit dem Thema Natur und Umwelt. In seinem «Greenhouse» wachsen die Bäume zwar in Sekundenschnelle in den Himmel, fallen aber postwendend wieder in sich zusammen.
Internet: www.emaf.de
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