| Abseits von Bauchtanz und Ali Baba - das Abendland im Orient Von Susanne Kupke, dpa |
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| Samstag, 14. August 2010 um 11:25 Uhr | ||
Von wegen Geschichten aus 1001 Nacht - in Karlsruhe begegnet der Orient dem Okzident. Diesmal aber in umgekehrter Blickrichtung. Eine Ausstellung dokumentiert die weniger bekannte Auseinandersetzung des Morgenlandes mit dem Abendland.
Karlsruhe (dpa/lsw) - Bauchtänzerinnen, Perserteppiche und Geschichten aus 1001 Nacht - vom Orient hat sich der Westen meist ganz bestimmte Vorstellungen gemacht. Doch wie kam und kommt eigentlich das Abendland in der arabisch-islamischen Welt an? Dieser Frage will eine Ausstellung in Karlsruhe auf den Grund gehen. Unter dem Titel «Das fremde Abendland? Orient begegnet Okzident von 1800 bis heute» präsentiert das Badische Landesmuseum rund 260 Exponate - von westlich beeinflusster Mode über Reisebeschreibungen und religiösen Bildern bis zu einem kompletten Wohnraum. Die Schau ist von diesem Samstag an bis zum 9. Januar 2011 zu sehen.
Um die Wechselbeziehung zwischen Abend- und Morgenland im 19. und 20. Jahrhundert zu demonstrieren, holt die Ausstellung den Besucher nach Angaben von Kuratorin Schoole Mostafawy dort ab, wo er sich auskennt. Gezeigt werden reich verzierte orientalische Vasen, Becher und Schalen aus dem 19. Jahrhundert. Romane wie «Ali Baba und die 40 Räuber» sind genauso vertreten wie die «Briefe eines Haremsmädchens». Und wenn man schon bei den Klischees ist, darf er natürlich nicht fehlen: der berühmte Sarotti-Mohr, der in den 1960er Jahren hierzulande durch Fernsehwerbespots für Schokolade populär wurde.
Doch bald folgt Doppelbödiges wie ein Plakat vom «Problem Moslem» aus den 1920er-Jahren, das eigentlich wie die «Flotten Türken» Werbung für Tabak war. Eine Koranhandschrift aus dem 19. Jahrhundert markiert schließlich den Übergang zum eigentlichen Fokus der Ausstellung, die sich von der Flut anderer Schauen zum Thema Orientalismus abgrenzen, und sich der weniger bekannten Rezeption der westlichen Kultur im Osten widmen will.
Denn während die Europäer sich schon vom 16. Jahrhundert an mit Entdeckungsreisen, Fernhandel und Eroberungen die Welt erschließen, hat der Orient zunächst nur begrenztes Interesse an Menschen aus dem Westen - gelten sie doch als Boten einer barbarischen Kultur. «Erst das 19. Jahrhundert bringt einen grundlegenden Wandel in der Begegnung von Orient und Okzident», erläutert Kurator und Vorderasienspezialist Jakob Möller. «Der Orient machte sich nun seinerseits auf, den Westen zu entdecken.»
So bildete sich im späten 18. Jahrhundert im Iran ein volkstümlicher Malstil unter europäischem Einfluss heraus. Die Ausstellung dokumentiert dies anhand von Ölgemälden, Wandtüchern oder Plakaten von Herrschern und Heiligen, Frauen oder Genreszenen aus dem Iran, der Türkei, Tunesien, Syrien oder Palästina. Zu sehen ist etwa eine riesige Stoffmalerei mit der Darstellung des Jüngsten Gerichts, die Möller zufolge zwar in den Details der islamischen Vorstellung folgt, sich jedoch ansonsten ausgiebig der christlichen Bildsprache bedient.
Ost meets West auch in einem Bücherpavillon mit authentischen Berichten und fiktiven Reisebeschreibungen westlicher wie orientalischer Autoren. Im Bereich Alltagsleben werden Kunsthandwerke oder Souvenirs gezeigt, die europäische Formen, Motive und Techniken übernehmen: von der Taschenuhr mit dem Porträt von Sultan Majid aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über böhmisches Glas oder den Schuhputzkasten aus der Türkei aus der Mitte des 20. Jahrhunderts bis zur modernen Verpackung der «Alhamraa»-Filterzigaretten, die das rot- weiße Design einer bekannten westlichen Zigarettenmarke quasi auf den Kopf stellt.
Französischen Chic einmal ganz anders dokumentiert das Foto einer Haremsdame, die auf Wunsch ihres Herrschers einen Rock trug, der an ein Tutu erinnert - und zugleich daran, wie sehr die kurzen Röckchen der Pariser Tänzerinnen ihrem Herrn gefallen hatten.
Die «türkische Stube» eines Schweizer Ehepaars spiegelt schließlich etwas von der kosmopolitischen Atmosphäre Istanbuls in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider. Sie zeigt zugleich, wie schön stilecht Orientalisches mit europäisch Angehauchtem zusammenpassen.
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