| Museumsbesetzung in der Provinz - Atomino Art Festival Von Tino Moritz, dpa |
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| Mittwoch, 18. August 2010 um 06:53 Uhr | ||
Die Organisatoren nennen ihr «Atomino Art Festival» eine Attacke auf den Kunstmarkt. Geld spielt keine Rolle, wenn 50 Kreative aus aller Welt für drei Tage ein Museum entern - ausgerechnet in Crimmitschau.
Crimmitschau (dpa) - In den beiden vergangenen Jahrhunderten war Crimmitschau richtig in Mode. Als «sächsisches Manchester» wurde die Textilhochburg an der Landesgrenze zu Thüringen sogar europaweit bekannt. Die Maschinen des früheren VEB Volltuchwerke Crimmitschau rattern inzwischen nur noch für Besuchergruppen des Westsächsischen Textilmuseums, das in dem denkmalgeschützten Fabrikbau angesiedelt ist. «Eine Traumkulisse für experimentelle Kunst», findet Tina Pagel.
Die Kunstlehrerin und Malerin ist in Crimmitschau aufgewachsen. Mit Freunden hat die 29-Jährige über das Internet Künstler aus aller Welt dorthin eingeladen - zum «Atomino Art Festival». Vom 27. bis 29. August sollen Maler, Fotografen, Musiker, Filmemacher, Designer und Kleinkunst-Performer das Museum zum Hort der Avantgarde machen. «In Berlin wäre so ein Festival keine Kunst», sagt Pagel. Es ist die Provinz, die sie herausfordert - und das Spektakel zum «riskanten Experiment» macht.
Geld spielt keine Rolle. Weder dürfen die Künstler es nehmen noch werden sie es bekommen. «Wir können keine Honorare zahlen, der Eintritt wird kostenlos sein», sagt Pagel. «Die Besucher sollen nicht bezahlen, sondern denken.» Auch Geldspenden werden nicht akzeptiert. «Wenn jemand uns beim Abwaschen helfen will, kann er das aber natürlich gern machen.»
Mit dem Prinzip der Künstler-Gleichbehandlung und des freien Eintritts «attackieren wir direkt den Kunstmarkt», heißt es im Festival-Manifest. Dort wird die Behandlung von Kunst als Konsumgut beklagt. Nur die wenigsten Absolventen von Kunsthochschulen könnten später auch von ihrer Kunst leben. Jene drei Prozent seien aber nicht die besten Künstler. «Meistens haben sie den besten Businessapparat, bestehend aus Galeristen und Managern, die den Markt kennen und den Marktwert ihres Künstlers zu steigern wissen», heißt es.
Gegen diese Konkurrenz-Mechanismen wenden sich die Festivalmacher. Bei Sichtung der Bewerbungen ging es ihnen deshalb nicht nur um die Experimentalität der Künstler. «Es kam auch auf ihre Bereitschaft an, miteinander zu agieren», sagt Diego Gálvez. Der Mathematiker und Multimediakünstler erzählt, dass nun etwa eine Pianistin in einem Aufzug gemeinsam mit einem Performer auftreten wird. «Bei uns können die Leute machen, was sie wollen», sagt der 38-Jährige.
Das Konzept von Atomino hat nicht nur Freunde in der Szene. Das Team sieht sich der Kritik ausgesetzt, durch Honorarverzicht die Entwertung der Kunst voranzutreiben und Künstler auszubeuten, sagt Pagel. Tatsächlich gehe es Atomino um eine neue Wahrnehmung von Kunst - frei von kommerziellen Zwängen. Das Budget von rund 10 000 Euro - etwa die Hälfte stammt von der EU - hätte entweder für das Honorar einiger weniger Künstler oder für Anreise und Verpflegung vieler gereicht. Das Atomino-Team entschied sich für letzteres.
Für Oberbürgermeister Holm Günther ist Atomino «eine echte Bereicherung». Er hofft auf positive Effekte für das Textilmuseum, das sich im «Dornröschenschlaf» befinde. Das mit Produktionshallen und Maschinenpark europaweit einmalige Areal gleiche derzeit «eher einem Industrie-Denkmal als einem funktionierenden Museum», sagt Günther. Er glaubt: «Die Atomino-Künstler bringen frische Ideen mit, die sich nachhaltig für das Museum nutzen lassen.»
Zum Auftakt soll es eine Demonstration geben, auf der die Künstler einen ausrangierten Trabi vom Stadtzentrum auf das Festivalgelände tragen. Die Kreativen werden auch im Museum übernachten, laut Pagel auf Feldbetten in einem fensterlosen Raum. Essen gibt es aus der Gulaschkanone, geduscht werden kann auch im Freibad um die Ecke. Erklärtes Ziel der Organisatoren ist, Atomino bis 2016 zum größten Festival für experimentelle Kunst in Europa zu machen. Allerdings werden Pagel und Gálvez Crimmitschau im Herbst verlassen und nach Leipzig umziehen.
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