| Schatten des Krieges: Deutsche Multimedia-Ausstellung in New York Von Kira Semmler, dpa |
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| Montag, 13. Dezember 2010 um 06:49 Uhr | ||
Von stundenlangen Interviews bleiben nur wenige, prägnante Minuten. Das ist das Konzept einer Ausstellung in New York, die den Erinnerungen von Menschen, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder und junge Erwachsene in Deutschland erlebt haben, gewidmet ist.
New York (dpa) - Die Ausstellung zeigt 23 Porträts, doch es hängen 24 Bilder in den Räumen des Deutschen Hauses auf dem Campus der New York University. Lothar Scholz braucht zwei Bilderrahmen. Einmal sieht man ihn von vorne, mit Fellmütze, groben Handschuhen und dunkelgrüner Jacke. Einmal von hinten. «4-763» steht auf der Jacke. Lothar Scholz, Jahrgang 1934, ist erst 1954 aus russischer Gefangenschaft am Polarkreis zurückgekehrt. Er ist einer von 23 Deutschen, deren Kriegsschicksale in einer Ausstellung in New York thematisiert werden.
«Mir war es wichtig zu zeigen, dass es Leid während des Krieges auch bei der deutschen Bevölkerung gab. Diese Menschen waren zu der Zeit Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene. Ich will mit dieser Ausstellung nichts rechtfertigen oder beschönigen. Diese Geschichten sind nur einfach noch nicht erzählt worden», sagt Carsten Fleck. Der in New York lebende und arbeitende Fotograf hat die Porträts aufgenommen und mit den Dargestellten die zum Teil stundenlangen Gespräche geführt. Zu hören sind im Durchschnitt nur fünf Minuten, entweder im deutschen Original oder in englischer Übersetzung.
«Meine Mutter war im Widerstand, bei der Roten Kapelle. Sie wurde verhaftet und zu zehn Jahren verurteilt. Hitler hatte das Urteil aber noch einmal geprüft und im Januar 1943 wurde das Todesurteil vollstreckt», hört man die Stimme einer 73-Jährigen sagen. Saskia von Brockdorff hatte lange Zeit Wut auf ihre Mutter. «Einerseits wurde sie mir in der DDR immer als leuchtendes Beispiel genannt, andererseits war da immer das Gefühl der Verlassenheit.»
Da war die kindliche Wut, dass ihre Mutter sich einem höheren Ideal verschrieben hatte und sie zurückließ und in dem letzten Brief an ihren Mann die Tochter nicht erwähnt hatte. «Ich habe ihr dann einen Stolperstein in der Wilhelmshöher Straße gelegt, wo sie in unserer Wohnung verhaftet worden war. Damit ich einen anderen Ort zum Gedenken hatte als nur Plötzensee», sagt Saskia von Brockdorff. Erst die Gedenkstätte Deutscher Widerstand konnte sie mit ihrer Mutter versöhnen. Es gab nämlich doch noch einen Brief von Erika Gräfin von Brockdorff an ihre Tochter. «Es war eine große Erleichterung, dass meine Mutter noch an mich gedacht hat.»
Manche der Porträtierten schauen den Betrachter geradewegs an, mit festem Blick. Einige schauen auf einen Punkt ganz weit weg, als wenn auch sie selbst ganz weit weg wären. Einige haben ein Bild von sich in der Hand oder einen alten Ausweis. Sie sitzen oder stehen. Manche sind nur bis zur Schulter gezeigt, manche im Profil, einige leicht gedreht. So vielseitig die Fotografien sind, die Geschichten sind ebenso facettenreich. Es sind Alltagserlebnisse, Anekdoten und oft zu Tränen rührende, prägende Begebenheiten, erzählt von Menschen, die intime Erfahrungen preisgeben.
Seine Stimme verrät Wut und Aufregung. Und gleichzeitig erzählt Klaus Riemers ganz klar. Kindheit war der Zweite Weltkrieg in Deutschland. Den Einmarsch der Amerikaner in Österreich hat der damals 14-Jährige in Linz erlebt. Die Soldaten aus Texas hatten zuvor Dachau befreit. «Die Soldaten hatten selber auch Fotos gemacht, die sie mir zeigten. Da bin ich nochmal zum Bettnässer geworden, so sehr hat mich das mitgenommen», sagt Riemers.
Auch die Geschichte von Renate Timme kommt in der Ausstellung vor. «Ich kann mich daran erinnern, dass meine Mutter nur zweimal weinte. Einmal an ihrem Geburtstag 1941. Da begann der Krieg mit Russland. 1944 kam dann eine Nachbarin mit einem Teller zu uns und fragte, ob meiner Mutter das Dekor gefalle», sagt Timme, Jahrgang 1936.
«Die Nachbarin sagte, sie hätten in zwei Tagen Hochzeitstag und ihr Mann habe ihr im KaDeWe ein neues Service gekauft. Nun hätte sie keinen Platz mehr in der Vitrine.» Das Geschirr mit Goldrand und Blümchen wechselt den Haushalt. Zwei Tage später weint die Mutter wieder. Die Geschichte der Nachbarin war erfunden. Das Paar hatte abgeholt werden sollen und sich das Leben genommen. «Das Geschirr habe ich noch immer.»
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Dass Sie über diese Ausstellung so ausführlich berichtet haben, dafür gebührt Ihnen Lob und Dank, und das nicht etwa deshalb, weil ich zufällig auch unter den Interviewten und Porträtierten war. Ich selbst habe davon profitiert, in New York Schicksale von etwa Gleichaltrigen wenigstens in knappen Erlebnisberichten kennengelernt zu haben, dabei Gelegenheit zu erhalten, mich von Klischees und Verallgemeinerungen zu verabschieden. In Kriegen und Diktaturen kommt es besonders auf Charakterstärke an - und auf Verständnis für die Menschen, die dem Druck und den psychischen Belastungen nicht gewachsen waren. Es ist zu hoffen, dass der Besuch dieser Ausstellung auf möglichst viele ähnlich wirkt.
PS: Dass ich den Einmarsch der Amerikaner nicht in Linz, sondern in Weissenbach am Attersee erlebte, und mein Name am Ende kein "s" hat, ist daneben sicher nur für Insider von Belang.
Nochmals vielen Dank.