| Ruhr-Herkules macht dem Kasseler Wahrzeichen Konkurrenz Von Rolf Schraa und Timo Lindemann, dpa |
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| Montag, 20. Dezember 2010 um 06:43 Uhr | ||
Wird der stolze Kasseler Herkules zum Zwerg? In Gelsenkirchen thront seit dieser Woche eine weit mächtigere Herkules-Skulptur: Doppelt so groß wie der Kasseler Barock-Herkules und mit blauen Haaren. Am Freitag wurde der Ruhr-Herkules offiziell enthüllt.
Gelsenkirchen/Kassel (dpa/lnw) - Soviel ist klar: Der Kasseler Herkules war zuerst da. Im Auftrag des Landgrafen Karl von Hessen Kassel hat ihn der italienische Künstler Giovanni Francesco Guerniero vor rund 300 Jahren entworfen. Die antiken Vorbildern nachempfundene, 9,20 Meter hohe Statue steht auf einer künstlichen Pyramide und die wiederum auf einem gewaltigen Oktogon. Der am Freitag offiziell eingeweihte Gelsenkirchener Herkules ziert - 18 Meter groß - dagegen den Turm einer stillgelegten Zeche, in der bis Anfang der 90er Jahre tausende Bergleute einfuhren.
Die Kasseler haben ihren Herkules, der so cool aufgestützt mit seiner Keule hoch über der Stadt thront, sofort ins Herz geschlossen. Auch in kilometerweiter Entfernung zahlen Wohnungssuchende in Kassel noch gutes Geld für den «Herkulesblick» - vergleichbar mit dem Domblick in Köln oder dem Alsterblick in Hamburg.
«Kassel liegt dem kraftvollen und erhabenen Herkules seit Jahrhunderten zu Füßen. Wir lieben ihn», schwärmt Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) vom Wahrzeichen seiner Stadt. Kasselerinnen schätzen besonders den knackigen Po der Skulptur. Und das Unterholz zu seinen Füßen war für die Jugend der Nordhessen- Metropole lange Zeit ein stadtbekannter Turteltreff. Auf Postkarten aus Kassel ist sowieso fast immer der Herkules abgebildet.
Und all das soll jetzt nur noch Zweitliga-tauglich sein, weil ein Düsseldorfer Kunstprofessor aus 244 Teilen einen weitaus gewaltigeren Helden zusammengeschweißt hat nach Gelsenkirchen gebracht hat? Nein, meinen die Kasseler. «Der wahre Herkules ist bei uns», sagen sie.
Die Gelsenkirchener, von denen viele nur zum Skifahren und zur Kasseler «documenta» nach Nordhessen kommen, sehen das naturgemäß ganz anders. Ihr moderner Herkules steht fest auf dem 80 Meter hohen Turm der stillgelegten Zeche Nordstern und eigens eingelassenen Stützpfeilern und nicht so wackelig wie das Kasseler Pendant auf seinem mürben Tuffsteinfundament. Die Kulturhauptstadt im Ruhrgebiet hat ihn möglich gemacht. Er soll das Motto «Wandel durch Kultur» für die einstige Industrieregion verkörpern.
Aber wie er aussieht! Mit blauen Haaren und blauem Bart, rot gefärbten Lippen und nur einem Arm. Mädchenherzen werden da auf Anhieb wohl nicht schwach, zumal Künstler Markus Lüpertz dem Helden tiefe Bartstoppeln verpasst hat, die aussehen wie schlecht verheilt Akne. «Das ist ein Herkules-Punk», sagt ein Betrachter im Schneetreiben von Gelsenkirchen.
Kulturhauptstadt-Chef Fritz Pleitgen findet den Kohlenpott-Kämpfer aber anziehend, genau so wie er ist. «Der Nordstern-Herkules steht für die neue Zeit», sagt Pleitgen. «Aber keine Sorge, Kassel! Er ist kein Rivale für den barocken Prachtkerl auf der Wilhelmshöhe.»
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