| «Gespür für das Richtige» Biografie über Berthold Beitz Von Stephan Maurer, dpa |
|
|
|
| Montag, 20. Dezember 2010 um 06:43 Uhr | ||
Er rettete Hunderte Juden vor den Nazis, später wurde er einer der mächtigsten Industrielenker Deutschlands und Vorreiter der neuen Ostpolitik: Krupp-Manager Berthold Beitz. Eine neue Biografie widmet sich dem Leben des 97-Jährigen.
Berlin (dpa) - «Doch, einzelne Menschen können die Welt verändern. Jedenfalls ein Stück weit» - so beschließt Joachim Käppner sein gut 600 Seiten starkes Buch über Berthold Beitz. Entstanden aus Interviews und umfangreichem Einblick in die Archive, liegt damit nun eine große Biografie über einen der einflussreichsten deutschen Wirtschaftslenker vor: Mehr als ein halbes Jahrhundert lang prägte der heute 97-jährige Beitz an der Spitze des Krupp-Konzerns die deutsche Industriegeschichte mit.
Doch er war noch mehr: Als «Diplomat ohne staatlichen Auftrag», wie ihn Helmut Schmidt in seinem Vorwort charakterisiert, war Beitz auch ein Wegbereiter der Ostpolitik von Willy Brandt. Er spielte in der Olympischen Bewegung mit, und er ist auch ein großer Kunstförderer.
Das Buch ist mit einigen Bilderstrecken aufgelockert sie zeigen eindrucksvoll, über welchen Einfluss und welche Verbindungen Beitz verfügte: Beitz 1963 mit Chruschtschow im Kreml; Beitz 1973 mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Tschou En-lai; Beitz 1981 bei Papst Johannes Paul II; Beitz 1987 mit Erich Honecker. Besonders rührend ist ein Foto vom Mai 2010: Es zeigt Beitz mit Sabina Wolanski, einer Jüdin, die ihm ihr Leben verdankte.
In den 1940er Jahren hatte Beitz als Öl-Manager im galizischen Boryslaw Hunderte verfolgter Juden vor der Ermordung durch die Nazis gerettet die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrte ihn dafür als «Gerechten unter den Völkern».
Sein Aufstieg ganz nach oben begann, als Alfried Krupp von Bohlen und Halbach den damals 40-jährigen, von der Nazi-Vergangenheit unbelasteten Beitz 1953 zu seinem Generalbevollmächtigten berief. Krupp war von den Alliierten 1948 als Kriegsverbrecher verurteilt, drei Jahre später aber begnadigt worden. «Es gab nichts Schriftliches nur einen Handschlag zwischen zwei Männern», berichtet Beitz in dem Buch über den «Beginn einer Beziehung, die deutsche Industriegeschichte schreiben wird» (Käppner).
Warum stimmte Beitz, damals erfolgreicher Versicherungsmanager, zu, zum größten deutschen Industriekonzern nach Essen zu gehen? Es war, so schreibt Käppner, «wie so oft in seinem Leben, eine Frage der Intuition, das Gespür für das Richtige, die Entscheidung aus dem Bauch heraus (...)».
Detailliert und anekdotenreich beschreibt Käppner, wie sich Beitz im Dickicht des Krupp-Imperiums durchsetzt und dem Konzern ein neues Image verpasst. Früh spricht sich Beitz für Zwangsarbeiter- Entschädigungen aus. Doch als seine «wichtigste Tat für Krupp» bezeichnet er rückblickend, dass es ihm 1966 gelungen war, Arndt von Bohlen und Halbach, Alfried Krupps schillernden Alleinerben, vom Erbverzicht zu überzeugen: «Ohne seinen Verzicht gäbe es die Firma nicht mehr.» Als Krupp 1967 stirbt, ist der Konzern in eine Stiftung überführt, Beitz ist Testamentsvollstrecker und Sachwalter des Vermögens.
Die Schließung des Stahlwerks Rheinhausen, die Übernahme von Hoesch, die Fusion mit Thyssen detailliert schildert der Autor Station um Station im Leben des mächtigen Wirtschaftsführers Berthold Beitz. Für sein Buch konnte Käppner, Redakteur der «Süddeutschen Zeitung», mehrere Interviews mit Beitz führen. Außerdem hatte er, wie es in einer Verlagsmitteilung heißt, uneingeschränkten Zugang zum Archiv der Krupp-Stiftung und erstmals auch zum Privatarchiv der Familie Beitz.
Unübersehbar ist die Sympathie des Autors für den Porträtierten: Käppner sieht Beitz als einen, für den Eigentum auch Verpflichtung bedeutet und der, in Zeiten des Finanzkrise, der Heuschrecken und Millionen-Boni, wieder als Vorbild gelten kann für die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft. Entstanden ist so eine anschaulich und lebendig erzählte Biografie über eine Jahrhundert-Figur der deutschen Wirtschaftsgeschichte.
|
























































