| Naumann: Kulturkürzungen stellen die Sinnfrage in der Politik |
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| Samstag, 13. Februar 2010 um 08:37 Uhr | ||
Berlin (dpa) - Die sich abzeichnenden drastischen Kürzungen in manchen Kulturetats der Länder und Kommunen stellen nach Auffassung des früheren Kulturstaatsministers Michael Naumann (SPD) die Grundsatzfrage in einer Gesellschaft: «Für welchen Zweck macht man eigentlich Politik? Einzig und allein dafür, dass die Menschen in Sicherheit leben, nicht verhungern, oder macht man Politik dafür, dass die Menschen glücklich in Sicherheit leben, frei sind und nicht verhungern. Diese Definition was Glück und frei sein heißt, findet in letzter Instanz auch nicht an den Universitäten, sondern in den Künsten statt», sagte Naumann in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Der 68-jährige Publizist und frühere Verleger leitet seit Anfang Februar in Berlin die Redaktion des Magazins «Cicero».
Das bedeute auch, «wenn Politik ausgerechnet an diesem sowieso schon schwachen Feld kürzt, kürzt sie an ihrem eigenen inneren Sinn. Das müssen auch die jetzt in Not geratenen Kommunalpolitiker verstehen. Und jeder Kommunalpolitiker, der sich entscheidet, Bilder eines Museums zu verkaufen, weil sie ihn nicht interessieren, macht weitreichende Kulturpolitik, und zwar schlechte.» Und wenn wie in Wuppertal überlegt wird, ein Theater womöglich zu schließen, einen Ort, wo Pina Bausch Tanztheater-Weltgeschichte geschrieben hat, wenn man also ernsthaft daran denkt, diesem wahrhaft historischen Ort den Finanzhahn zuzudrehen, dann ist das einfach eine Schande, und ein völlig falsches Signal sowieso.»
Die Kulturausgaben seien keine Subventionen, meinte Naumann und argumentiert damit wie sein jetziger Nachfolger als Kulturstaatsminister, Bernd Neumann (CDU). «Kein Mensch sagt, die Bundeswehr wird subventioniert, aber die Kultur wird angeblich subventioniert. Das ist lächerlich. Das Volk der Dichter und Denker ist in Wirklichkeit noch immer befangen in einer Vorstellung von Politik als etwas Kulturfernem. Und Politiker sehen sich in diesem Land als Mäzene, die sich herabneigen und der Kultur etwas spenden aus dem Steuersäckel - niemals würden wir das vom Verteidigungsminister sagen. Deutschlands Freiheit wird in Wahrheit nicht am Hindukusch verteidigt, sondern in den Theatern, Konzertsälen, Opernhäusern, Museen und Buchläden und natürlich in den Schulen - dort wird unsere Freiheit in Wirklichkeit konstituiert und verteidigt.» Naumann räumt allerdings auch ein, dass Krisenzeiten auch Gelegenheit geben, so manche «lieb gewordenen und eingefahrenen» Zuschüsse in der Kulturszene zu überdenken. Ähnliches hatte kürzlich auch der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, zur Diskussion gestellt («Es muss nicht alles immer so bleiben wie es ist»).
«Das stimmt», meinte Naumann. «Ich kann mich zum Beispiel lebhaft an die Widerstände erinnern, als ich als Staatsminister die Zuwendungen für die Kulturarbeit der Vertriebenen gekürzt habe. Darunter waren viele unsinnige Ausgaben, die auch bei objektiver Betrachtung durch Gutachter als skandalös bezeichnet wurden, zum Beispiel für Kreuzstickkurse nach ostpreußischem Muster oder für ein Heimatmuseum mit nicht mehr als 1500 Besuchern im Jahr. Also man kann sich durchaus immer wieder fragen, ob manche staatlichen Kulturfinanzierungen noch sinnvoll und zeitgemäß sind. Aber die Grundhaltung der Kulturpolitik muss stimmen, die den Stellenwert der Kultur in Ländern und Kommunen mindestens als ebenbürtig und gleichwertig mit anderen Politikfeldern ansehen muss.»
Gespräch: Wilfried Mommert, dpa
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