| Gerard Mortier: „Die wiederbelebende Kraft der Künste“, in: El Pais v. 10.2.2010 |
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| Mittwoch, 17. Februar 2010 um 18:48 Uhr | ||
Das Ruhrgebiet, europäische Kulturhauptstadt, hat eine Verwandlung durchgemacht. Von der industriellen Vergangenheit zu einer Gegenwart, die mit kulturellen Veranstaltungen gefüllt ist. Gerard Mortier, neuer künstlerischer Direktor des Teatro Real (Madrid), spielte als Leiter der Ruhrtriennale in diesem Prozess eine aktive Rolle.
Gerard Mortier: Die Rettung der Kreativität Die Kultur an der Ruhr, der wichtigsten Bergbauregion Deutschlands, die eine Fläche von mehr als 1.400 qkm umfasst, zeichnete sich, abgesehen von der Industriekultur, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor allem durch die Abwesenheit von Kultur aus. Die Krupp Familie, jene Feudalherren dieses enormen Imperiums, das sich zur Kriegsmaschinerie Hitlers entwickelte, hütete sich sehr davor ihren Arbeitern Ideen einzugeben, die ihnen die eigene Ausbeutung bewusst gemacht hätten. Ein Phänomen, das sich auch in den Silberminen von Potosí (Bolivien) beobachten ließ. Damals waren im Ruhrgebiet Theaterbesuche für die Arbeiter verboten und die erste Universität der Region wurde erst Ende der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Bochum gegründet, neben einem Theater, das zu einem der berühmtesten in Deutschland werden sollte. Einige Schauspieler und die besten Theaterregisseure des Landes gründeten nach dem 2. Weltkrieg in Recklinghausen ein Theaterfestival, bei dem Aufführungen im Tausch gegen Kohle angeboten wurden, die nach der Zerstörung des Landes Mangelware war. Wieder einmal rettete die Kunst eine ganze Bevölkerung vor der physischen und psychischen Zerstörung, so wie Euripides Athen nach dem Peloponnesischen Krieg rettete.
Als sich der Niedergang der Kohleförderung abzeichnete und die Schließung zahlreicher Zechen hunderttausende Bergarbeiter in die Arbeitslosigkeit trieb, entschied die traditionell sozialistische Regierung Nordrhein-Westfalens zum einen, die traditionellen Industrien an die neuen Energien anzupassen. Zum anderen wurde beschlossen, die „Orte der Erinnerung“ zu schützen, indem man zahlreiche Industriebrachen erhielt und restaurierte. Dieses außergewöhnliche Vorhaben, das 15 Jahre dauerte und 2000 seinen Abschluss fand, sollte durch die Umnutzung eben jener Orte weitergeführt werden. 2001 beauftragte mich die Regierung mit diesem Projekt. Nachdem ich diesen sowohl aus kultureller wie auch aus soziologischer Sicht faszinierenden Ort besucht hatte, hatte ich keinen Zweifel mehr daran, dass sich mein Schicksal, nach meiner Arbeit für das Festival für reiche Leute in Salzburg, mit dieser Region verbinden würde. Es war einer der fruchtbarsten, inspirierendsten und lohnenswertesten Momente meiner Karriere. Leider wird diese Etappe meiner beruflichen Laufbahn jedoch fast immer vergessen, von Konferenzorganisatoren und Direktoren, die mich einladen und von Journalisten, die glauben mich zu kennen.
Vom künstlerischen Standpunkt aus gesehen haben diese industriellen Orte mir die Möglichkeit gegeben, über das Erlebnis Theater tiefgehend nachzudenken: der Theaterraum braucht keine bürgerliche Architektur wie beispielsweise die des Burgtheaters in Wien; ein Theater kann im Zusammenspiel von Tageslicht und dem Licht der Sterne in der Nacht funktionieren; oftmals sagt ein ausgeschmücktes Bühnenbild weniger als der leere Raum eines Gebäudes; wenn Aufführungsorte und öffentliche Orte neu zusammengebracht werden, wird das Zuschauen und Zuhören dynamischer.
Auf sozialer Ebene kann man sagen, dass die Arbeiter und die Mittelklasse ihre alten Arbeitsstätten, die teilweise voller Erinnerungen an beschwerliche Zeiten sind, wiederentdeckt haben: als einen Ort, der seine Besucher mit offenen Armen empfängt, ein Ort großer existentieller Gefühle und mit großem Reiz für die Sinne. Aber vor allem haben sie festgestellt, dass die Künste ihnen ebenso gehören wie den Bewohnern der Villa Hügel.
Auf diese Art und Weise hat sich eine Region, in der man unter freiem Himmel kein Vanilleeis essen konnte, ohne dass sich Staub darauf ablegte und in der die Bewohner der Villen ihre weiße Kleidung nach einer Partie Tennis waschen mussten, in eine vollständig grüne Region verwandelt. Eine Region, in der man auf den alten Abraumhalden heute schon aus der Ferne die Kunstwerke eines Ibarrola und eines Serra erblicken kann. Man hätte keine bessere Wahl treffen können als das Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt Europas zu erklären, just in einem Moment der Krise, in der sich Europa gerade dank kreativer Ideen vor allem im kulturellen Bereich retten kann.
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