| Tate Britain präsentiert den «ganzen» Henry Moore |
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| Mittwoch, 24. Februar 2010 um 19:03 Uhr | ||
Von Anna Tomforde, dpa
London (dpa) - Henry Moore nicht nur so, wie man ihn von seinen imposanten Plastiken auf öffentlichen Plätzen und Rasenflächen kennt: Den ganzen Künstler, seine vielfältigen Artformen und seine komplexe Persönlichkeit stellt die Tate Britain in London in einer neuen Ausstellung vor. Unter dem Titel «Henry Moore» präsentiert das Museum von diesem Mittwoch bis zum 8. August rund 150 Steinskulpturen, Holzschnitzereien, Bronzen und Zeichnungen, die eine «Neubewertung der Essenz» von Moore erlauben sollen. «Wer glaubt, Henry Moore nur über seine Skulpturen vor Regierungsgebäuden und in Parks zu kennen, liegt einfach falsch,» urteilte Kurator Chris Stephens.
Zweck der ersten großen Moore-Ausstellung seit 30 Jahren sei, den 1986 verstorbenen Künstler im «Kontext seiner Zeit» zu porträtieren. Sie versucht aufzuzeigen, dass Moores Einsatz als Soldat im Ersten Weltkrieg, die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, die Enthüllungen über den Holocaust und der Kalte Krieg ihn und sein Werk nachhaltig geprägt haben. Der «Schatten der Schützengräben» liege über den frühen Skulpturen, die zugleich maßgeblich von Moores Studium afrikanischer Kunst sowie der mittelamerikanischen Maya-Kultur beeinflusst wurden. Darin werde eine «dunkle und erotisch aufgeladene Dimension» des Künstlers erkennbar, die die bisherige Vertrautheit mit ihm und seinem Werk in Frage stelle. Eine «Fusion von Form und Leidenschaft» kennzeichne die frühen Werke aus den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, sagte Stephens.
Das bei Moore immer wiederkehrende Motiv von Mutter und Kind wird in der Ausstellung neu untersucht. So sieht Stephens in Moores zahlreichen Plastiken nicht nur die herkömmlich «nährende Verbundenheit» von Mutter und Kind, sondern erkennt auch Distanz durch abweisende Gesten und Blicke. Moores «elementare Besessenheit» mit dem Thema habe seine Wurzeln ebenso in der engen Beziehung zu seiner Mutter wie in der Tatsache, dass seine 1929 mit Irina Radetsky geschlossene Ehe bis 1946 kinderlos blieb.
Moores Entwicklung zum Modernismus und der abstrakten Form verbindet die Ausstellung mit enttäuschten pazifistischen Hoffnungen und dem Herannahmen einer neuen Kriegsgefahr. Die Entwicklung zum Faschismus in Europa sowie der Spanische Bürgerkrieg hätten eindeutig Einfluss auf die «klaustrophobische» Kunst der späten 30er Jahre gehabt. Als eindeutiges Beispiel dafür gilt laut Stephens die 1939 geschaffene Bronze «Der Helm», in der - zugleich bedrohend und schützend - politische Spannung und Angst eingefangen werden.
Als Höhepunkt der Ausstellung muss allerdings das vielleicht weniger bekannte nicht-bildhauerische Schaffen Moores während des Zweiten Weltkriegs gewertet werden. Nach der kriegsbedingten Aufgabe seines Studios in Kent zog der Brite nach London, wo er als offizieller staatlicher Kriegskünstler bemerkenswerte Zeichnungen und Mini-Aquarelle über die Folgen der deutschen Luftangriffe im sogenannten «Blitz» von 1940 schuf.
Seine Darstellungen schlafender, dicht aneinandergedrängter Gestalten in den zu Bombenbunkern umfunktionierten U-Bahnschächten der britischen Hauptstadt bezeugten keineswegs Gleichmut und Heldentum, sondern reflektierten das «Leid und Elend» einer «armen städtischen Unterschicht», sagte Stephens. Moore selbst nannte die Zustände «höllisch» und verglich sie mit denen auf einem Sklavenschiff. Seine Zeichnungen von Bergarbeitern - er selbst war Sohn eines Bergarbeiters - sind ebenso anrührend und dramatisch.
Auch die Kunst der unmittelbaren Nachkriegszeit, als Moore zu internationaler Berühmtheit gelangte, ist laut Stephens von den Nachwirkungen des Holocaust und der Gefahr einer neuen atomaren Bedrohung geprägt. Dies sei zum Beispiel in den «verrenkten, skelettartigen» Formen der Plastiken zu erkennen. Als abschließenden Höhepunkt präsentiert die Ausstellung vier der insgesamt sechs von Moore geschaffenen Riesenskulpturen aus Ulmenholz. Die großen, liegenden Figuren strahlen laut Stephens durch ihre Schönheit eine «Gemütsruhe» aus, die nicht in allen Werken des Künstlers erkennbar sei. «Baumstämme haben für mich eine Verbindung zum menschlichen Leben, sie sind sehr menschlich,» sagte Moore einmal.
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