| Haus am Stahlwerk: 2010-Projekt zeigt Wohnen im RevierVon Helge Toben, dpa(Mit Bild) |
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| Donnerstag, 25. Februar 2010 um 11:02 Uhr | ||
Dortmund (dpa) - Manchmal spricht Harry Lausch im Garten mit denLokführern der Rangierloks, die in Höhe seines Hauses in Dortmundhalten und dann wieder ins Stahlwerk zurückfahren. Der 52-jährigegelernte Stadtplaner hat sein Heim dort gebaut, wo andere eher ansWegziehen denken: Am Rand der Innenstadt neben ein Trainingszentrumfür Feuerwehrleute an einer viel befahrenen Bahnstrecke. In derNachbarschaft liegt ein großes Stahlwerk. Gegenüber immerhin einkleiner Park. Wohnen im Ruhrgebiet. Es lebe das Klischee.
Lauschs Haus und ein Nachbargebäude gehören als «TremoniaArchitektenhäuser» zur «Route der Wohnkultur», die anlässlich derKulturhauptstadt Ruhr.2010 begründet wurde. Insgesamt 58 markante undbedeutende Wohngebäude und Siedlungen aus den vergangenen 150 Jahrengehören dazu: Moderne Bauten wie das noch nicht ganz fertigeBackstein-Wohnhaus von Lausch ebenso wie die älteste ArbeitersiedlungEisenheim in Oberhausen von 1846, der «Mutter aller Siedlungen desRuhrgebiets», wie Projektleiter Thorsten Schauz vom DortmunderPlanungsbüro Stadtidee sagt.
Das ganze Jahr lang können Besucher herausragende Objekte in demStädtekonglomerat an Ruhr und Emscher bei Bustouren und geführtenSpaziergängen kennenlernen. Auch selbst geplante Touren sind mitHilfe von Internet und handlichen, kostenlosen Steckbriefen möglich.Höhepunkt ist der «Tag der Wohnkultur» am 19. September, wo dieGebäude auch innen besichtigt werden können.
Etwa in der an Gärten und alten Kastanien reichenBergarbeitersiedlung «Fürst Hardenberg» in Dortmund, gebaut in den1920er Jahren. Holger Rieck lebt dort seit 21 Jahren in einer 87Quadratmeter großen Doppelhaushälfte und ist sehr zufrieden. «DieGemeinschaft ist perfekt», sagt der 57-jährige ehemaligeZechenbeschäftigte. 400 Wohneinheiten zählt die Siedlung.
«Hier kennt jeder jeden. Es ist wie ein Dorf», erzählt PeterBeuchel (66). «Jede Wohnung hat einen Garten. Wenn was frei wird, istes schnell weg.» Aus einem ehemaligen Ledigenheim, das gern auch«Bullenkloster» genannt wurde, ist heute ein «Nachbarschaftshaus»geworden. Computer- und Integrationskurse werden angeboten. Demnächstauch wieder ein Klönabend mit DJ Andreas. «Da sitzen die Leute dannund trinken sich ihr Bierchen», sagt der frühere Schriftsetzer vollerSympathie.
Siedlungen bilden einen Themenschwerpunkt der Route derWohnkultur. Neben «Eisenheim» und «Fürst Hardenberg» wurden auch auchHochhausprojekte wie Bochum-Hustadt in die Route aufgenommen. Dortentstanden seit Ende der 1960er Jahre Blocks mit bis zu 13 Etagen.Ein anderes Thema ist die Mischung von historischer Bausubstanz mitmodernen Elementen: Wo früher etwa in der alten DinnendahlschenFabrik in Essen Dampfmaschinen gebaut wurden, sind heute angesagteLoft-Wohnungen mit bis zu 210 Quadratmetern Fläche entstanden. InBochum kaufte 1997 ein Architekt ein altes Zechen-Maschinenhaus von1890. Heute wird die schicke «Maschinenhalle Hasenwinkel» als Büround Wohnhaus genutzt.
Wohnen im Alter ist ein weiteres Thema. Exemplarisch ist etwa dieAlte Schule in Hamm von 1910 in die Route aufgenommen worden. In dasehemalige Schulgebäude wurden vor fünf Jahren zwölf seniorengerechteWohnungen gebaut. Schließlich geht es auch um Neubauprojekte aufzuvor anders genutzten Flächen. Paradebeispiel ist dasWohnungsprojekt «NF1» im Duisburger Innenhafen mit 68 Wohneinheiten,das der Londoner Architekt Lord Norman Foster entwickelte.
Zurück zu Harry Lausch. «Es musste Westen sein wegen deruntergehenden Sonne», sagt er, während in der Ferne Stahlteile hörbaraufeinanderschlagen. Das Grundstück sei einigermaßen preiswertgewesen. Trotzdem hätten ihn alle für verrückt erklärt, dort zubauen. «Es ist eine Idylle, aber mit Tücken.» Sorgen machen ihm dasStahlwerk, das jüngst sein Werksgelände vergrößerte, und derLastwagenverkehr vor dem Haus. Auch der Bahnverkehr ist nicht ohne:«Manchmal nervt es schon.» Seine Partnerin Cornelia Suhan,Architekturfotografin, lobt «die relative Freiheit - trotz einigerÄrgernisse» und bringt es auf den Punkt: «Ich komme aus demRuhrgebiet. Da kann das hier auch schon so sein wie es ist.»
Route der Wohnkultur: www.routederwohnkultur.de Baukunstführer für Ruhr.2010: www.baukunst-nrw.de/ruhr2010
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