| Direktor Loyrette: Der Louvre hat eine universelle Bestimmung |
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| Montag, 11. Januar 2010 um 19:44 Uhr | ||
Paris (dpa) - Seit Henri Loyrette im Jahr 2001 die Leitung des Pariser Louvre übernommen hat, ist das 1793 gegründete Museum auf Modernisierungs- und Expansionskurs. So wird der Louvre in den kommenden Jahren zwei Filialen eröffnen: 2012 im nordfranzösischen Lens und 2013 im Scheichtum Abu Dhabi. Mit dem High Museum in Atlanta in den USA ging der Louvre bereits 2003 eine Partnerschaft ein, die ihm 13 Millionen Euro einbrachte. Doch mit seinem profitablen Management hat sich der 57-Jährige, der seit seiner Amtsübernahme die Besucherzahl des Louvre um mehr als zwei Drittel hat steigern können (2009 auf rund 8,5 Millionen), nicht nur Freunde gemacht. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa verteidigt der Louvre-Direktor seine Museumspolitik offensiv: Der Louvre habe «eine universelle Bestimmung».
Herr Loyrette, viele machen Ihnen zum Vorwurf, dass ihre Politik zu privatwirtschaftlich, zu gewinnorientiert sei. Sind Sie zu einem Museums-Manager geworden?
Loyrette: «All meinen Entscheidungen liegen Überlegungen und Zwänge der Verwaltung eines Museums zugrunde, das rund 2200 Mitarbeiter zählt und mehr als die Hälfte des Louvre-Budgets von rund 248 Millionen Euro selber erwirtschaften muss. Heutzutage können wir ein Museum nicht mehr so führen wie noch vor 20 Jahren. Wir müssen uns anpassen, wenn wir überleben wollen.»
In Frankreich wird Mäzenatentum seit 2003 besonders gefördert. Bis zu 90 Prozent der Gelder sind steuerlich absetzbar. Der Ölkonzern Total gehört mittlerweile zu den wichtigsten Sponsoren des Louvre. Besteht dabei nicht die Gefahr der Einflussnahme?
Loyrette: «Die Förderung durch Sponsoren spielt eine weniger bedeutende Rolle als in den USA. Das Louvre-Budget wird aus mehreren Quellen gespeist. Der Staat trägt 45 Prozent, den Rest erwirtschaften wir durch den Kartenverkauf. Der Publikumserfolg der Ausstellungen garantiert dem Louvre seine museumspolitische und finanzielle Unabhängigkeit.»
Die Louvre-Dependance in Abu Dhabi, die bis 2013 eröffnet werden soll, sorgt für heftige, teils polemische Kontroversen. Am Anfang standen auch Sie dem Projekt zögernd gegenüber. Bereuen Sie zwei Jahre später Ihre Entscheidung?
Loyrette: «Abu Dhabi ist eine Fortsetzung der Politik des Louvre. Das Museum hat eine universelle Bestimmung und spielte seit jeher eine wichtige Rolle in der kulturellen und diplomatischen Politik Frankreichs. Als Abu Dhabi mit der Idee an mich herangetreten ist, wollte ich ein solches Projekt nur nicht alleine tragen. Deshalb haben wir die "Agence France-Muséums" gegründet, einen Verbund von zwölf Pariser Museen und Kultureinrichtungen. Ich habe nie verstanden, weshalb um dieses Projekt immer nur polemisiert und nie richtig diskutiert wurde. Ich hätte mir eine offene Debatte sehr gewünscht, das hätte viele Missverständnisse vermieden.»
Welche zum Beispiel?
Loyrette: «Wir haben uns verpflichtet, solange das zukünftige Museum noch keine eigene umfassende Sammlung besitzt, jährlich bis zu 300 Werke auszuleihen. Man hat mir den Ausverkauf des Louvre vorgeworfen. Doch ersten handelt es sich um Werke, die aus den Kunst-und Kultureinrichtungen der "Agence France-Muséums" stammen. Zweitens sind 300 Leihgaben für so viele Museen nicht viel. Ich kenne die Zahl nicht ganz genau, aber die französischen Museen verleihen jährlich rund 20 000 Werke, davon stammen allein rund 2000 aus den Sammlungen des Louvre.»
Welche Aufgabe hat diese «Agence France-Muséums»?
Loyrette: «Sie besteht unter anderem aus den Museen Orsay, Guimet, Rodin, Versailles und Beaubourg. Sie kümmert sich um die Leihgaben, die Organisation der Wechselausstellungen und berät die Kommission, die mit dem Aufbau der Sammlung des Louvre-Abu Dhabi beauftragt ist. Die Kommission hat elf Mitglieder, drei Emiratis und acht Franzosen. Ich stehe ihr als Präsident des Wissenschaftsrats vor. In den letzten zwei Jahren haben wir 19 Werke erworben, die in Abu Dhabi im Mai 2009 zusammen mit zehn Leihgaben französischer Museen zu sehen waren.»
Dieses Management und den Namen Louvre lässt sich das Scheichtum einiges kosten. Man spricht von mehr als 800 Millionen Euro?
Loyrette: «Aus den Zahlen habe ich nie ein Geheimnis gemacht. Dafür, dass das Museum in Abu Dhabi bis 2038 den Namen Louvre tragen wird, zahlt uns das Emirat 400 Millionen Euro. Die restlichen, bereits erwähnten Dienstleistungen, die auf 15 bis 20 Jahre beschränkt sind, werden extra vergütet. Das scheint mir völlig normal. Dieses Geld wird den Einrichtungen, die in der "Agence France-Muséums" vereint sind, für neue Projekte zugute kommen.»
Welche Werke werden in dem zukünftigen Museum zu sehen sein?
Loyrette: «Die Wahl der Werke wird die Universalität des Louvre widerspiegeln und die multikulturelle Gesellschaft von Abu Dhabi. Rund 20 Prozent der Bevölkerung haben die emiratische Staatsangehörigkeit, 80 Prozent sind Ausländer. Der Louvre wird sowohl eine lokale als auch eine universelle Bestimmung haben.»
Der Louvre-Abu Dhabi wird also kein Museum für importierte Kunst des Westens sein?
Loyrette: «Auf keinen Fall. Hier geht es um die Förderung des Dialogs der Kulturen, um den Brückenschlag zwischen Okzident und Orient, dem Nahen und den Mittleren Osten und Asien. Abu Dhabi ist seit jeher ein wichtiger Knotenpunkt für Kultur und Handel, eine Begegnungsstätte der Zivilisationen. Der Louvre-Abu Dhabi wird diese kulturelle Vielfalt widerspiegeln. Er wird kein Export-Museum sein.»
Werden Sie in diesem arabischen Kulturraum auch Ausstellungen wie zum Beispiel die Darstellung Christi in der abendländischen Kunst oder Frauenakte zeigen können, zeigen dürfen?
Loyrette: «In den vergangenen zwei Jahren war ich sehr erstaunt über die Weltoffenheit der emiratischen Kollegen und Gesprächspartner. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wir haben im vergangenen Jahr im Rahmen der Ausstellung "Talking Art Louvre"eine Kreuzigungsszene präsentiert - ohne irgendwelche Einwände oder Probleme. Dieses Bild, es zeigt Christus mit offenen Wundmalen, wurde sogar für die Sammlung des Louvre-Abu Dhabi erworben.»
Abu Dhabi gehört zu den Reisezielen von Luxustouristen. An welches Publikum will sich das Museum wenden? An Touristen, die neben Sonnenbaden am Strand auch noch etwas Kultur wollen?
Loyrette: «In Abu Dhabi gibt es nicht nur Touristen. Die einheimische Bevölkerung und die dort lebenden Ausländer haben ein Recht auf Kunst und Kultur. Kulturtourismus gibt es seit Jahrzehnten. Fliegt man nicht auch nach New York oder Paris, um dort die Museen zu besichtigen?»
Interview: Sabine Glaubitz, dpa
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