| Dichter, Priester, Revolutionär - Ernesto Cardenal wird 85 |
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| Donnerstag, 14. Januar 2010 um 05:51 Uhr | ||
Von Klaus Blume, dpa
Berlin (dpa) - Hätte es in Nicaragua die Revolution nicht gegeben, dann wäre Ernesto Cardenal wohl nie ein international so bekannter Autor geworden. Als 1979 die Sandinisten den Diktator Anastasio Somoza stürzten, wurde der Dichter und Priester Kulturminister seines mittelamerikanischen Heimatlandes. Wegen seines politischen Engagements kassierte der Befreiungstheologe eine Rüge von Papst Johannes Paul II., gewann aber die Herzen der Revolutionsromantiker in aller Welt. Am Mittwoch (20. Januar) wird Ernesto Cardenal, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, 85 Jahre alt.
Seine Markenzeichen sind noch immer die schwarze Baskenmütze, das weiße Bauernhemd, das über die Jeans hängt und die Ledersandalen. Bevor dieses Bild von ihm in den 1980er Jahren um die Welt ging, hatte Cardenal schon einen interessanten Lebenslauf hinter sich: Er hatte Philosophie und Literatur in Mexiko-Stadt und in New York studiert, anschließend Theologie in Mexiko und Kolumbien. Zwei Jahre verbrachte er in einem Kloster in den USA, 1965 wurde er zum Priester geweiht. Schon seit Schülerzeiten schrieb er Gedichte.
Auf einer der winzigen Solentiname-Inseln im großen Nicaraguasee gründete er vor mehr als vierzig Jahren eine Bauernkommune, ein erster Versuch, das Reich Gottes im irdischen Kommunismus zu verwirklichen. Das zweibändige «Evangelium der Bauern von Solentiname» (1975, dt. 1977) stammt aus jener Zeit. Damals reiste Cardenal auch nach Kuba und schrieb sein «Kubanisches Tagebuch» (1972; dt. 1980), eine naive Verklärung der Castro-Diktatur.
Mit dem Sieg der Sandinisten bekam der fromme Revolutionär die Chance, seine Ideen auch jenseits seines Eilands umzusetzen. Als Minister war er verantwortlich für die Alphabetisierungskampagne, als Heerscharen von Lehrern, Schülern und Studenten in die entlegensten Winkel Nicaraguas ausschwärmten, um Bauern das Lesen und Schreiben zu lehren. Sonst blieb er politisch einflusslos, sein Ministerium wurde 1988 abgeschafft. Unvergessen ist aus jener Zeit der Eklat beim Papstbesuch 1983 in Managua: Anhänger der Sandinisten schrien Johannes Paul II. während der Predigt nieder, Cardenal wurde vom römischen Kirchenoberhaupt öffentlich gemaßregelt. 1985 suspendierte ihn der Vatikan von der Ausübung des Priesteramtes.
Die Revolutionszeit in Nicaragua endete 1990, als die Sandinisten die Wahlen verloren und die Macht an eine bürgerliche Regierung abgaben - nicht ohne sich noch schnell hemmungslos zu bereichern. Cardenal brach mit ihnen 1994 - so wie auch all die anderen Dichter und Denker, die der Revolution einst ein Gesicht gegeben hatten, aber am autoritären Sandinistenchef Daniel Ortega verzweifelten.
Cardenal fand nun wieder mehr Zeit zum Schreiben, unter anderem den etwas verquasten Gedichtszyklus «Cántico Cósmico» (dt. «Gesänge des Universums», 1995). Richtig erfolgreich waren in deutscher Übersetzung nur seine früheren Werke «Psalmen» (1969, dt. 1979) und «Das Buch von der Liebe» (1985). In Erinnerung bleibt Cardenal vor allem als Ikone einer Revolution in einem tropischen Land, die einst europäische und nordamerikanische Linke in ihren Bann schlug.
Ortega ist seit 2007 wieder Präsident. Cardenal sitzt als zorniger alter Mann daheim im Schaukelstuhl und grantelt. Nicaragua habe sich unter Ortega in eine Diktatur verwandelt, schimpft er. Der PEN-Club beklagte Repressionen gegen den Autor, Ende November räumte die Polizei sein Kulturzentrum auf der Solentiname-Insel Mancarrón. «Es ist nichts geblieben von der Revolution», klagt Cardenal. Tags: cardenal
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