| Kulturhauptstadt-Erfolg hängt nicht vom Geld ab |
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| Sonntag, 17. Januar 2010 um 09:43 Uhr | ||
Von Gerd Korinthenberg, dpa
Bochum/Essen (dpa/lnw) - Auch bei Kunst und Kultur ist ohne «Moos» nichts los. Aber über den Erfolg einer Kulturhauptstadt entscheidet längst nicht allein die Höhe des Etats. Bedeutsam für die langfristige internationale Anerkennung der jeweiligen «Kulturhauptstadt Europas» ist vielmehr, ob die Stadt oder Region im Hauptstadtjahr ein unverkennbares Profil gewinnen konnte. So lautet das Resümee eines achtköpfigen Autorenteams unter der Leitung von Jürgen Mittag vom «Institut für soziale Bewegungen» in Bochum.
Die Wissenschaftler haben die Kulturhauptstädte der vergangenen 25 Jahre von Athen bis Luxemburg und Sibiu in Rumänien analysiert und herausgefunden: «Es gibt nicht die Kulturhauptstadt-Formel», sagte Politikwissenschaftler Mittag der Deutschen Presse-Agentur dpa.
Auch angesichts des Etats von «nur» rund 62 Millionen für Essen und das Ruhrgebiet in diesem Kulturhauptstadt-Jahr braucht also kein Lokalpatriot vor dem stolzen 600-Millionen-Haushalt des Hauptstadt- Partners Istanbul zu zittern. Hier fließt der größte Teil in die Infrastruktur und in Bauprojekte der Bosporus-Metropole.
Wichtige «Bausteine» für eine hohe Anerkennung als Kulturhauptstadt seien mehr als das Geld ein deutlicher Städtewandel, ein Imagegewinn und die klare Darstellung des «europäischen Gedankens», meinen die Bochumer Experten. Angesichts der Neubauten von Bahnhöfen bis zu Museen zwischen Duisburg, Essen, Dortmund und Hagen und der Betonung des Wandels einer Industrieregion als paneuropäisches Thema habe das Revier gute Chancen. «Die Zeichen stehen nicht schlecht für den Erfolg der Ruhrgebiets- Kulturhauptstadt», prophezeit Mittag. Auch wenn die europäische Verankerung durch mehr Kooperation mit den 2010-Hauptstadtpartnern Pecs (Ungarn) und Istanbul noch verbessert werden könnte.
Die richtige Mischung aus ambitionierter Kultur und Stadterneuerung hat schon Glasgow (1990) oder Lille (2004) auf die Beine geholfen. Insider sprächen sogar von einem regelrechten «Glasgow-Effekt», berichtet der Bochumer Wissenschaftler. Mit dem damals gewaltigen Etat von 60 Millionen Euro habe sich die britische Problemstadt mit Stadtumbau und Kultur neu erfunden und ist so bis heute zum Hoffnungsträger aller nachfolgenden Kulturhauptstädte geworden. Allerdings: Der «europäische Dialog» als Ursprungsgedanke sei in diesen Jahren gegenüber der Image- und Tourismusförderung deutlich verblasst. In günstigen Fällen könnten die Hoteliers der Kulturhauptstädte über längere Zeit mit einem Übernachtungsplus von bis zu 20 Prozent jährlich rechnen.
Paris hatte 1989 gerade einmal mickrige 600 000 Euro locker gemacht und gilt ausgerechnet gemeinsam mit Florenz (1986, Etat 24,4 Millionen Euro) als peinliche Fehlzündung in der Kulturhauptstadt- Riege. Beide Städte hätten es als ohnehin weltbedeutende Kulturmetropolen nicht fertiggebracht, «noch eine Schippe draufzulegen», sagte Mittag.
Als im Jahr wegen der Entscheidungsschwäche der zuständigen Gremien gleich neun Städte zwischen Island und Spanien zu Kulturhauptstädten ernannt wurden, habe am Ende keiner der Orte profitiert, fand das Bochumer Autorenteam heraus. Deutsches Negativbeispiel sei Weimar (1999), das sich trotz seines 45- Millionen-Etats so übernommen habe, dass die verschuldete Stadt später Kultureinrichtungen habe schließen müssen.
Wie sehr die weite Welt ihren Blick auf die Kulturhauptstadt Europas wirft, haben die Bochumer am Beispiel von Graz (2003, Etat 59,2 Millionen Euro) akribisch ermittelt. In 37 Ländern sind 9000 Presseartikel über die Landeshauptstadt der Steiermark erschienen, rund 100 internationale TV-Sender berichteten.
Beim Kulturprogramm als dem Herzstück des Geschehens dürfe keine «Beliebigkeit» einreißen, dürfe aber auch nicht allein die Hochkultur gepflegt werden, rät Mittag: «Es muss allen Ansprüchen genügen, aber trotzdem einen "Roten Faden" vermitteln.» Bei dem Ruhrgebiets- Programm, das mit 2500 Veranstaltungen in den 53 Städten vom 9. Januar an über die Bühnen gehen soll, vermisst er diesen «Roten Faden» gegenwärtig noch: «Es hat sonst eher erschlagenden als profilierenden Charakter.»
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