| Das Essener Folkwang-Wunder begann am Strand von Sylt |
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| Mittwoch, 27. Januar 2010 um 21:00 Uhr | ||
Von Rolf Schraa, dpa
Essen (dpa/lnw) - Von einem «Wunder von Essen» schwärmte Folkwang-Museumsdirektor Hartwig Fischer am Mittwoch in der Pressekonferenz. Das Wunder begann 2006 am Strand von Sylt. Der langjährige Krupp-Chef und Kuratoriumsvorsitzende der Krupp-Stiftung, Berthold Beitz, spazierte damals durch den Sand, schaute in den Himmel und dachte an das kräftige Blau der von ihm geliebten Bilder der Folkwang-Sammlung etwa Emil Noldes.
Dass in der Essener Heimat um das Museum und vor allem seinen ungeliebten 80er-Jahre-Anbau ständig Zank und Streit herrschten, wollte der Industrielle einfach nicht mehr mitansehen. «Warum machen wir das eigentlich nicht selbst», fragte er sich nach Fischers Schilderung - und legte mit seiner Stiftung kurz danach in einer bundesweit wohl einmaligen Einzelspende 55 Millionen Euro für ein komplett neues Museum auf den Tisch. Einzige Bedingung: Die Stadt muss den dauerhaften Unterhalt einschließlich Rücklagen für künftige Renovierungen tragen.
So entstand der nicht spektakuläre, aber von der Kunstwelt hochgelobte Bau des Star-Architekten David Chipperfield, der für Essen und das ganze Ruhrgebiet zu einem wichtigen Aushängeschild werden soll. Erwartete Besucherzahlen wollte Fischer nicht nennen, aber es wäre schon eine große Überraschung, wenn die erste Großausstellung im Rahmen der Kulturhauptstadt «Das schönste Museum der Welt» Ende März mit von den Nationalsozialisten beschlagnahmten und verkauften Folkwang-Bildern nicht wieder mehrere hunderttausend Besucher anziehen würde.
Das Museum ist auf den ersten Blick unspektakulär - sechs Würfel unterschiedlicher Größe, Stahl, grünlich schimmerndes Glas. Aber schon die große einladende Freitreppe am Eingang lockt den Besucher. In den Räumen wird die Kunst luftig mit viel Platz und vor allem mit viel Tageslicht präsentiert. Chipperfield bedankte sich am Mittwoch ausdrücklich beim Museumsdirektor, dass er ihm so viel natürliches Licht erlaubt hat. Konservatoren hassen meist das Tageslicht, weil es die Bilder angreift. Hier kann der Besucher den Wechsel des Lichts im Tageslauf auf den Kunstwerken verfolgen - natürlich ohne dass die Kunst Schaden nimmt, wie Fischer betont.
Wer je in einem Altbau tapeziert hat, kennt den Wärmestau ganz oben auf der Leiter - von all dem im neuen Haus keine Spur: Eine moderne Klimaanlage sorgt für gleichbleibende Temperaturen auch ganz oben in den bis zu sechs Meter hohen Ausstellungsräumen. Und die Besucher können sich nicht nur an der Kunst ergötzen, sie bekommen - anders als in vielen deutschen Museen - auch auf gutem Niveau etwas zu essen und zu trinken. Das neu eröffnete Restaurant ist auch nach den Öffnungszeiten des Museums weiter zugänglich - ein Beitrag zur Öffnung für die Stadt. Der Restaurantname «Vincent und Paul» dürfte durchaus mit den Van Goghs, Cézannes und Gauguins an den Wänden zu tun haben.
So spricht eigentlich vieles dafür, dass das neue Folkwang-Museum wieder zum «schönsten Museum der Welt» wird, wie der US-Museumsdirektor Paul J. Sachs das alte Folkwang-Haus 1932 genannt hatte - wenn nicht der Düsseldorfer Regierungspräsident den Museumsleuten einen Strich durch die Rechnung macht: Erhaltung, Heizung, Museumsaufsicht und Baurücklagen für das Haus addieren sich nämlich auf jährlich rund zehn Millionen Euro, wie eine Insiderin schätzt. Die Stadt Essen steht aber kurz vor dem Nothaushalt. Wenn die Finanzaufsicht ihr den Geldhahn zudreht, könnte schon bald wieder die Suche nach privaten oder öffentlichen Geldgebern beginnen.
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